Babylotse

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Babylotse ist ein bundesweit in Geburtskliniken und Arztpraxen verbreitetes Präventionsprogramm zum vorbeugenden Kinderschutz und zur frühen Gesundheitsförderung von Kindern.[1] Initiator ist die Stiftung Familienorientierte Nachsorge Hamburg SeeYou.[2]

Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung von Familien wächst stetig.[3] Dabei gilt der Zeitraum von Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit als psychosozial besonders kritische Lebenslage.[4] Mit den Frühen Hilfen haben sich seit 2012 lokale und regionale Unterstützungssysteme für Eltern mit Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren herausgebildet.[5] Trotz überzeugender Forschungsergebnisse zur Effektivität und Effizienz von Frühen Hilfen[6] gelingen Früherkennung und Intervention in der Praxis noch nicht hinreichend. Das Programm Babylotse verfolgt eine Systematisierung der Überleitung von Familien aus dem Gesundheitssystem heraus in das Netz der Frühen Hilfen und andere soziale Sicherungssysteme. Kern ist die Lotsenfunktion zum Finden und Nutzen der passenden Einrichtungen.[7][8]

Ziele und Zielgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel des Programms Babylotse ist die Förderung einer gesunden Kindesentwicklung, unabhängig von der psychosozialen Belastungssituation in der Familie. Das Programm richtet sich an junge Familien im Zeitraum Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit. Speziell qualifizierte Babylotsen beraten Familien in Frauenarztpraxen und Geburtskliniken, um frühzeitig psychosoziale Belastungen zu erkennen und eine erfolgreiche Vermittlung an geeignete Hilfen zu ermöglichen. Das Angebot ist für die Familien freiwillig und kostenlos.

Die Stiftung unterstützt in ganz Deutschland Geburtskliniken, Arztpraxen, Jugendhilfeträger und Kommunen bei der Einführung des Programms Babylotse. Dazu bietet die Stiftung ein umfangreiches Entwicklungs- und Qualifizierungsangebot.[9] Die von SeeYou mitinitiierte Bundesarbeitsgemeinschaft BAG Gesundheit & Frühe Hilfen[10] hilft politischen Entscheidungsträgern, die Notwendigkeit von Lotsensystemen aus dem Gesundheitssystem in andere soziale Sicherungssysteme zu verstehen und befördert so die deutschlandweite Verbreitung und Regelfinanzierung.

Leistungen und Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Babylotsen führen Aufgaben und Leistungen des Gesundheitssystems, der Sozialhilfe sowie der Kinder- und Jugendhilfe im Sinne eines Case Managements zusammen. Sie vermeiden so unklare Strukturen und Dopplungen im Hilfesystem, die regelhaft zu einer noch größeren Verunsicherung der Familien führen und unnötige Kosten verursachen.

Babylotsen sind typischerweise Sozialpädagoginnen, in Einzelfällen auch Hebammen, Familienhebammen, Kinderkrankenschwestern oder Vertreterinnen vergleichbarer Berufsgruppen mit Zusatzqualifikation. Sie unterstützen Familien in hochsensiblen und gleichzeitig hochriskanten Lebensphasen effektiv und effizient bei der Bewältigung von Alltagsproblemen sowie bei Erziehungsaufgaben und bei der Lösung von Konflikten und Krisen. Das Spektrum reicht dabei von der Klärung formaler Fragen wie Geburtsanmeldung oder Beantragung von Elterngeld über Sorgen und Ängste rund um die Geburt und das Leben mit einem Neugeborenen bis hin zu existenziellen Problemen wie ungeklärtem Aufenthaltsstatus, Wohnungslosigkeit oder Gewalt in der Partnerschaft. Sie verfügen über Expertenwissen bezüglich des örtlichen Netzwerkes und können Familien somit effektiv in geeignete, wohnortnahe Unterstützungsangebote überleiten.

Das Programm führt nachweislich zu einer früheren und stabileren Inanspruchnahme Früher Hilfen. Ein positiver Effekt auf die Eltern-Kind-Beziehung und letztlich auf die kindliche Entwicklung wird postuliert. Untersuchungen belegen zudem eine signifikante Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung der Mütter.[11][12]

Seit 2015 trägt das Programm Babylotse das Gütesiegel „WIRKT!“ von Phineo.[13]

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Programm wurde in Hamburg auf Initiative der Kinderarztes Sönke Siefert am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift entwickelt. Als erste Geburtsklinik hat 2007 das Katholische Marienkrankenhaus Hamburg das Programm eingeführt. Durch Standardisierung von Arbeitsprozessen mit Hilfe eines Qualitätsmanagementsystems nach DIN ISO sowie Beratungs- und Fortbildungsleistungen gelang eine Übertragung auf Standorte in ganz Deutschland. Zur Qualitätssicherung und -entwicklung dient ein bundesweiter Qualitätsverbund.

Babylotsen sind an 40 Kliniken und an vier ambulanten Standorten in sieben Bundesländern aktiv (Stand: 3. Januar 2019):[14]

Wissenschaftliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die konzeptionelle Entwicklung des Programms beruht auf den Erkenntnissen von Studien, die sich mit den Ursachen von Kindesvernachlässigung auseinandergesetzt haben.[15] Die Betrachtung der Vernachlässigungsfälle der Vergangenheit konzentriert sich zunehmend auf die Bedeutung der familiären Lebensumstände und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Weiter bezieht sich die Idee des Programms auf Erkenntnisse der Mannheimer Längsschnittstudie[16] sowie des Düsseldorfer Programms „Zukunft für Kinder“[17]. Die dort erkannten Risiko- und Schutzfaktoren wurden im Programm beachtet und evaluiert.

Gesetzliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Präventionsgesetz sieht eine Weiterentwicklung der Kindervorsorgeuntersuchungen zu präventionsorientierten Gesundheitsuntersuchungen einschließlich einer präventionsorientierten Beratung vor.[18] Mit Hinweisen auf örtliche und regionale Unterstützungs- und Beratungsangebote für Familien und Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf sollen ab der Früherkennungsuntersuchung U2 frühzeitig passgenaue Angebote zur Prävention im medizinischen und sozialen Bereich vermittelt werden. Basis hierfür ist eine umfassende Belastungsanamnese, die seit der Neustrukturierung der Kinder-Richtlinie[19] durch den Gemeinsamen Bundesausschuss 2016 ein regelhaftes Element der Früherkennungsuntersuchungen darstellt. Das Gesetz sieht außerdem eine Beratung zu regionalen Unterstützungsangebotenen bereits im Rahmen der Schwangerenvorsorge vor.[20] Mit der Implementierung des Programms Babylotse in der Geburtsklinik und in Frauenarztpraxen wird diesem Vermittlungsauftrag Rechnung getragen. Neben dem Bundeskinderschutzgesetz haben einzelne Bundesländer (Rheinland-Pfalz, Hamburg) in ihren Landeskrankenhausgesetzen entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen für die Akteure im Gesundheitswesen geschaffen.[21]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Programm ist mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem KKVD Sozialpreis (2015)[22], dem Charity Award des Springer Medizin Fachverlags (2015)[23] und dem Preis für Gesundheitsnetzwerker (2016)[24]. Im Dezember 2018 wurden die Babylotsen Hamburg mit dem Yagmur Erinnerungspreis "Zivilcourage im Kinderschutz" ausgezeichnet.[25]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cremer, Georg: Armut in Deutschland – Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?, Verlag C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69922-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Programm Babylotse. Stiftung SeeYou online, abgerufen am 24. April 2017.
  2. http://www.seeyou-hamburg.de/seeyou-hilft/die-stiftung/
  3. Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe. Statistisches Bundesamt online, abgerufen am 29. März 2017.
  4. The Touchpoints™ Model of Development. Brazelton Touchpoints online, abgerufen am 29. März 2017.
  5. Was sind Frühe Hilfen? Nationales Zentrum Frühe Hilfen online, abgerufen am 21. März 2017.
  6. Kosten und Nutzen Früher Hilfen. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung online, abgerufen am 21. März 2017.
  7. http://www.seeyou-hamburg.de/seeyou-hilft/babylotse/das-programm-babylotse/
  8. http://www.gesund-aufwachsen.ruhr/neues-programm-babylotse-fuer-werdende-muetter/
  9. Aus der Praxis für die Praxis – Fortbildungen für Fachpersonal. Stiftung SeeYou online, abgerufen am 24. April 2017.
  10. Über die Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit & Frühe Hilfen. BAG Gesundheit & Frühe Hilfen online, abgerufen am 29. März 2017.
  11. Pawils, S., Schwinn, A., Koch, U., Metzner, F., Reiß, F. (2010). Babylotse Hamburg – modellhafte Evaluation der Wirksamkeit eines Sozialen Frühwarnsystems. Endbericht. Auszüge in: Datenblatt Babylotse stationär in der Geburtsklinik. Stiftung SeeYou online, abgerufen am 29. März 2017.
  12. Pawils, S., Wendt, C., Metzner, F., Härter, M. (2013). Ambulanter Babylotse Hamburg – modellhafte Evaluation der Wirksamkeit eines Sozialen Frühwarnsystems im ambulanten Setting. Endbericht. Auszüge in: Datenblatt Babylotse Hamburg ambulant in Frauenarztpraxen. Stiftung SeeYou online, abgerufen am 29. März 2017.
  13. Projektporträt Babylotse. Phineo online, abgerufen am 29. März 2017.
  14. http://www.seeyou-hamburg.de/seeyou-hilft/babylotse/unsere-partner-kliniken-in-deutschland/
  15. Laucht, M.; Schmidt, M. H. u. a. (2000). Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In: Frühförderung Interdisziplinär 19/2000. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag. S. 97–108.
  16. Laucht, M.; Schmidt, M. H. u. a. (2000): Längsschnittforschung zur Entwicklungsepidemiologie psychischer Störungen: Zielsetzung, Konzeption und zentrale Befunde der Mannheimer Risikokinderstudie. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 29/2000 Nr. 4. Göttingen: Hogrefe-Verlag. S. 246–262.
  17. Projekt KinderZUKUNFT NRW. Forum Kinderzukunft online, abgerufen am 29. März 2017.
  18. § 26 SGB V Gesundheitsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche. Sozialgesetzbuch online, abgerufen am 29. März 2017.
  19. Kinder-Richtlinie des G-BA. Gemeinsamer Bundesausschuss online, abgerufen am 29. März 2017.
  20. § 24d SGB V Ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe. Sozialgesetzbuch online, abgerufen am 29. März 2017.
  21. § 6c Absatz 6 Hamburgisches Krankenhausgesetz. Landesrecht Hamburg online, abgerufen am 23. April 2017.
  22. Babylotse - psychosoziale Unterstützung in Geburtskliniken. (Nicht mehr online verfügbar.) KKVD Sozialpreis online, archiviert vom Original am 20. März 2017; abgerufen am 23. April 2017.
  23. Die Verleihung 2015 – Platz 2: SeeYou – Babylotse. Springer Medizin online, abgerufen am 23. April 2017.
  24. Preisträger 2016 – Babylotse. (Nicht mehr online verfügbar.) Gesundheitsnetzwerker online, archiviert vom Original am 18. Juni 2017; abgerufen am 23. April 2017.
  25. Michael Lezius: Yagmur Erinnerungspreis 2018 geht an Programm Babylotse der Stiftung SeeYou. Yagmur Gedächtnisstiftung, 21. Dezember 2018, abgerufen am 24. Februar 2019.