Bahnhof Canfranc

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Bahnhof Canfranc (2015), spanische Gleisseite

Der Bahnhof von Canfranc (Estación Internacional de Canfranc) ist ein ehemaliger Grenzbahnhof zwischen Spanien und Frankreich im gleichnamigen Ort. Nach der Stilllegung der Bahnstrecke in Frankreich dient er als Regionalbahnhof und wirkt seit diesem Funktionswechsel stark überdimensioniert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der auf einer Höhe von 1195 m liegende Bahnhof wurde als Inselbahnhof konzipiert und stellte zur Zeit der Inbetriebnahme den Knotenpunkt der hier endenden Bahnstrecken von Pau (in europäischer Normalspur) und Saragossa (in iberischer Breitspur) dar.

Die Bahnstrecken zwischen Pau und Saragossa wurden zwischen 1902 und 1927 gebaut. Die französische Strecke wurde von Anfang an bis in den Bahnhof von Canfranc mit 1500 Volt Gleichstrom elektrifiziert. 1918 wurde nach zehnjähriger Bauzeit der acht Kilometer lange Eisenbahntunnel unter der spanisch-französischen Grenze am Somport fertiggestellt. Weil auf der Nordseite des Tunnels, wo der Bau ursprünglich vorgesehen war, der Platz für die Anlage eines großen Grenzbahnhofs nicht ausreichte, wurde er südlich des Pyrenäenhauptkammes auf einem großen Plateau einige Kilometer nördlich der Ortschaft Canfranc (Pueblo) errichtet. Mit dem Bahnhof entstand auch das neue Canfranc, zur Unterscheidung Canfranc Estación genannt.[1]

Auf der französischen Seite sind die Gleise abgebaut

Am 18. Juli 1928 wurde die Strecke in Anwesenheit des spanischen Königs Alfons XIII. und des französischen Staatspräsidenten Gaston Doumergue eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof mit einer Länge des Hauptgebäudes von 241 m der größte Bahnhof in Spanien und der zweitgrößte in Europa.[2] Ab dem 18. Juli 1928 gab es durchgehenden Verkehr zwischen Pau und Saragossa. Die erwartete große Zahl von Reisenden blieb aber aus verschiedenen Gründen aus: Durch Steil- und Kurvenstrecken (auf französischer Seite mit Steigungen bis zu 43) blieb die Bahnstrecke zu langsam, um sich als Alternative im internationalen Reiseverkehr durchsetzen zu können. Hinzu kam, dass der Verkehr mehrfach ganz unterbrochen wurde: 1936–1940 infolge des Spanischen Bürgerkriegs, 1944–1948 infolge des Gegensatzes zwischen dem Franco-Spanien und Frankreich und seit 1970 endgültig, als auf französischer Seite bei einem Eisenbahnunfall die Brücke von l’Estanguet einstürzte, nicht mehr aufgebaut und der Verkehr eingestellt wurde. Der Bahnhof war während des Zweiten Weltkrieges Hauptumschlagort für Nazigold an Portugal und Spanien, das für kriegswichtige Rohstoffe wie Wolfram bezahlt wurde.[3]

Nach 1948 gab es auf der Strecke keinen Fernverkehr mehr. Geplant als zentraler Grenzbahnhof zwischen Paris und Madrid wurde spätestens nach Zusammenbruch des internationalen Bahnverkehrs die Fehlkalkulation der Planer offensichtlich: Einem schnell gewachsenem Ort von heute knapp 700 Einwohnern stand Infrastruktur für mehrere tausend Reisende pro Tag gegenüber.[4]

Heute ist der Bahnhof Canfranc Endpunkt zweier täglich verkehrender Regionalzugpaare aus Saragossa und der vier (von Juli bis September sechs[5]) Fahrten des Schienenersatzverkehrs von Bedous mit Anschluss von Pau.[6]

Bahnanlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Technische Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Bahnhof wurden sowohl die normalspurigen Gleise aus Frankreich als auch die Breitspur aus Spanien eingeführt. Passagiere mussten hier aber nicht nur wegen der wechselnden Spurweite in einen anderen Zug umsteigen, es fanden auch die Zoll- und Grenzkontrollen statt. Güter mussten umgeladen werden. Für all das gab es Abfertigungsanlagen: Lange überdachte Bahnsteige von insgesamt 1,2 km Länge (Bahnsteigüberdachungen im Umfang von 20.000 m²) und Bahnsteigunterführungen. Für den Güterverkehr gab es Lagerhallen, und nur die Gleise zwischen diesen konnten von beiden Seiten aus angefahren werden.[7] Für die Behandlung der Fahrzeuge waren Bahnbetriebswerke angegliedert, es gab einen spanischen Ringlokschuppen und eine französische E-Lok-Halle. Die Gleisanlagen wiesen eine Gesamtlänge von 27 km auf. Canfranc soll der zweitgrößte Bahnhof Europas gewesen sein (nach dem Leipziger Hauptbahnhof).[8]

Empfangsgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnhofsvorplatz

Das Empfangsgebäude wurde 1921 bis 1925 von dem spanischen Architekten Fernando Ramírez de Dampierre in Stahlbeton errichtet, der es für den Verkehr an einer international bedeutenden Hauptstrecke dimensioniert hatte. Es ist nahezu 250 Meter lang, weist auf jeder Seite 75 Türen auf und ist einem späten eklektizistischen Historismus verpflichtet. Die Gebäudemitte und die seitlich abschließenden Pavillons werden durch Kuppeln betont. Das Empfangsgebäude liegt parallel zu den Gleisen, zwischen der Breit- und der Normalspur. Reisende sollten aussteigen, die Grenzformalitäten im Empfangsgebäude erledigen und auf der anderen Seite sofort wieder in den anschließenden Zug einsteigen können. Im Gebäude gab es außerdem ein Hotel, Restaurants sowie Büroeinheiten für die jeweiligen spanischen und französischen Abteilungen der Bahn, der Grenzpolizei und des Zolls.

Spanische Regionalzüge der RENFE-Baureihe 592 in Canfranc, 1985

Erhaltungszustand bis 2018[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Aufgabe des grenzüberschreitenden Verkehrs verfielen Bahnhof und Bahnanlagen zusehends, Ausstattungsgegenstände wurden geplündert.

Im Gleisfeld stehen einige alte Waggons, die zwar für Museumszwecke hier zusammengezogen wurden, aber größtenteils verrotten. Auch andere Eisenbahnanlagen haben sich erhalten, ein Kran zum Umladen von Gütern, die Oberleitungsmasten über den französischen Gleisanlagen, der Ringlokschuppen und anderes. Die zwei verbleibenden Personenzüge enden an einem kleinen neu geschaffenen Bahnsteig zur Straßenseite hin, während das prächtige – und fast völlig leerstehende – Empfangsgebäude eine Attraktion für Eisenbahnfans, Fotografen und Historiker geblieben ist.

Der Güterverkehr blieb erhalten, indem südfranzösischer Mais über die Silos vor Ort jetzt vom Lkw auf die Schiene verladen wird.

Seit den 1990er Jahren mehren sich die Stimmen, die die Wiedereröffnung des Eisenbahntunnels und die Wiederaufnahme des Zugverkehrs mit Frankreich fordern. Die Chancen dafür werden unterschiedlich beurteilt.[9]

Inzwischen ist die Wiederaufnahme einer durchgängigen Bahnstrecke von Pau bis Canfranc geplant. Der Abschnitt Pau–Oloron war immer in Betrieb und wurde 2011 nach Renovierung wiedereröffnet, im Juni 2016 erfolgte die offizielle Wiederinbetriebnahme zwischen Oloron und Bedous.[10]

Städtebauliche Umgestaltung unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2013 hat die Region Aragón das Hauptgebäude gekauft, eingezäunt und zunächst das Dach neu eindecken lassen, danach erfolgte die Renovierung der Bahnhofshalle unter der Kuppel in der Mitte.

Mitte 2018 wurde der Grundstein für die Neugestaltung des Geländes gelegt, bei der alle bisherigen Gebäude neu genutzt werden und die Fläche für die Bahn auf das betrieblich Notwendige begrenzt wird. Folgendes ist geplant:[11]

  • Das restliche Hauptgebäude wird zu einem Luxushotel umgebaut, wobei die Bahnhofshalle öffentlich zugänglich bleibt, auch für Veranstaltungen. Auf beiden Seiten verschwinden die Gleise.
  • Der neue Personenbahnhof entsteht, jetzt wirklich als Durchgangsbahnhof mit nur noch drei Gleisen, in der bergseitigen ehemaligen Güterumladehalle. Die zweite dieser Hallen wird für Reisezentrum, Touristeninformation usw. hergerichtet, zwei weitere Gleise auf der Bergseite verbleiben für den Güterverkehr.[12]
  • Der frühere französische (Elektro-)Lokschuppen wird zum Zentrum für Pilger auf diesem Abschnitt des Jakobsweges, in den anderen Gebäuden entstehen Wohnungen.
  • Im ehemaligen spanischen Bahnbetriebswerk entsteht ein Standort des Eisenbahnmuseums der Region. Die Waggons hierfür warten auf ihre Aufarbeitung im alten Ringlokschuppen und in einer zweiten, immer nur als Abstellgleis genutzten Tunnelröhre auf der spanischen Seite. Bei einer Umspurung der spanischen Strecke wären die Fahrzeuge aber vom Rest ihres Netzes isoliert.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Internet ist das Gerücht weitverbreitet, dass der Bahnhof Canfranc als Drehort für Doktor Schiwago fungiert haben soll. Die Dreharbeiten fanden auch hauptsächlich in Spanien statt, doch es gibt keine Belege für den Bahnhof Canfranc als Drehort des Films.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Hamblock: Tristesse in den Pyrenäen. In: Eisenbahngeschichte 40 (2010), S. 60–67.
  • Alexander Kierdorf: „Es gibt keine Pyrenäen mehr“ – Der Palastbahnhof im spanischen Canfranc. In: industrie-kultur 50 (Heft 1/2010), S. 14f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bahnhof Canfranc – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Eisenbahnersiedlung Canfranc Estación war bald nach Eröffnung des Bahnhofs größer als das Dorf Canfranc, das zudem 1944 durch ein Großfeuer zerstört wurde. Canfranc-Estación entwickelte sich später zu einem Höhenkur- und Skiort.
  2. Cordula Rabe: Spanischer Jakobsweg- 3. Auflage 2007, S. 27.
  3. Gudrun Eussner: El Oro de Canfranc – Portugal, Spanien und die Schweiz im Schein des Nazigoldes. In: Eussner.net. 21. März 2011, archiviert vom Original am 22. März 2011; abgerufen am 25. August 2019.
  4. Größe und Gleiszahl entsprechen dem Bahnhof einer Stadt von 100.000 Einwohnern.
    Endstation Tristesse. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Oktober 2017, Seite R4.
  5. SNCF: Fahrplan Pau–Bedous–Canfranc Juli bis September 2019. (Nicht mehr online verfügbar.) In: sncf.com. Ehemals im Original; abgerufen am 15. Juli 2019 (französisch).@1@2Vorlage:Toter Link/cdn.ter.sncf.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  6. SNCF: Horaires du 30 Septembre 2019 au 14 Décembre 2019 Pau > Bedous. (pdf, 140 kB) In: sncf.com. 25. Juni 2019, abgerufen am 15. Juli 2019 (französisch).
  7. José Maria Ruiz: El Canfranc. In: tripod.com. 2001, abgerufen am 15. Juli 2019.
  8. Kierdorf, S. 14.
  9. Eher optimistisch: Hamblock; eher pessimistisch: Kierdorf.
  10. Oloron–Bedous Le train revient! bei ter.sncf.com, abgerufen am 3. Januar 2017
  11. Laura Zamborain: Canfranc coloca la primera piedra de su futuro en un día histórico. In: Pirinews. 27. Juni 2018, abgerufen am 15. Juli 2019 (spanisch).
    Presentación proyecto de la Estación Internacional de Canfranc. In: zaragozabuenasnoticias.com. 5. Mai 2016, abgerufen am 15. Juli 2019 (spanisch).
  12. Nueva Estación Canfranc. AMO 3D Visual, abgerufen am 25. August 2019 (englisch, spanisch, Bilder und Modelle des neuen Empfangsgebäudes auf der Seite des Architekturbüros).
  13. Pedro Zapater Zaragoza: Un Escenario de Película: ¿Se rodó ‘Doctor Zhivago’ en la estación de Canfranc? In: Heraldo de Aragón. 30. Juni 2012, archiviert vom Original am 18. Dezember 2018; abgerufen am 17. Dezember 2018 (spanisch).

Koordinaten: 42° 45′ 5″ N, 0° 30′ 53″ W