Bahnung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Bahnung ist ein Begriff aus der Neurophysiologie. Er beschreibt das Phänomen, dass eine wiederholte Erregung bestimmter Nervenbahnen den Wirkungsgrad von Reizen gleicher Stärke erhöht oder eine Erregung dieser Nervenbahn schon auf Grund schwächerer Reize ermöglicht wird (siehe auch: Summation und Langzeit-Potenzierung).

Der Begriff geht auf Sigmund Freud zurück, der ihn folgendermaßen einführt: "Es gibt also durchlässige (keinen Widerstand leistende und nichts retenierende) Neurone, die der Wahrnehmung dienen, und undurchlässige (mit Widerstand behaftete [...]) Neurone, die Träger des Gedächtnisses, wahrscheinlich also der psychischen Vorgänge überhaupt sind. [...] [Gedächtnisneurone] werden durch den Erregungsablauf dauernd verändert [...] [,] ihre Kontaktschranken geraten in einen dauernd veränderten Zustand. [...] [Diese] Veränderung [...] muß darin bestehen, daß die Kontaktschranken leitungsfähiger, minder undurchlässig werden, also denen des [Wahrnehmungssystems] [...] ähnlicher. Diesen Zustand der Kontaktschranken wollen wir als Grad der Bahnung bezeichnen".[1]

Räumliche und zeitliche Bahnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Betrachtung einer einzelnen Nervenzelle wird zwischen räumlicher und zeitlicher Bahnung unterschieden. Unter räumlicher Bahnung wird die gleichzeitige Reizung einer Synapse an räumlich voneinander unterschiedlichen Afferenzen, also verschiedener Synapsen einer Nervenzelle definiert. Unter zeitlicher Bahnung versteht man eine relativ rasche Aufeinanderfolge im Abstand von ca. 4 ms von sog. repetitiven Einzelreizen an ein und derselben Afferenz einer Synapse. Diese Reize erfolgen somit innerhalb des Abklingens der erregenden postsynaptischen Potentials (EPSP). Im Falle einer resultierenden Bahnung wird eine entsprechende Nervenzelle depolarisiert. Dies ist aufgrund der Modellvorstellung einer Summation von jeweils für sich allein genommen unterschwelligen Einzelreizen verständlich. Unterschwellige Einzelreize bewirken keine Depolarisation der Nervenzelle.[2]

Komplexere Anwendungen des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnung findet als neurophysiologisches Konzept auch Anwendung in der Betrachtung komplexer Phänomene aus der Hirnforschung, Psychophysik, Verhaltensphysiologie und der Sozialpsychologie.

Langzeit-Potenzierung (Neuroanatomie und Neurophysiologie)
Die Langzeit-Potenzierung (LTP = Longterm-Potentiation) ist eine zeitliche Bahnung unter Annahme von Lerneffekten einer Nervenzelle. Dieser Lerneffekt kommt jedoch nur durch eine vorher erfolgte räumliche Bahnung unter Beteiligung mehrerer Input-Axone bzw. mehrerer Afferenzen zustande. Hierdurch kommt es u. U. zu einer Änderung der Synapsengewichte.[3]
Priming (Psychologie)
Ein Reiz kann die Verarbeitung eines nachfolgenden Reizes positiv oder negativ beeinflussen, wenn der erste Reiz gewisse Gedächtnisinhalte aktiviert.
Bahnung (Lerntheorie)
Durch häufige Wiederholung findet eine Bahnung für bestimmte Gedächtnisinhalte statt, d.h. neuronale Korrelate mentaler Repräsentationen werden durch häufige gleichzeitige Aktivierung miteinander verbunden (assoziiert). Bahnungseffekte können als neurophysiologischer Vorläufer etwa eines Gedankens oder einer Erinnerung betrachtet werden. Der Begriff wird dem österreichischen Physiologen Sigmund Exner zugeschrieben.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sigmund Freud, „Entwurf einer Psychologie“, in: Gesammelte Werke, Nachtragsband, Texte aus den Jahren 1885 bis 1938, Frankfurt/M., 1987, S. 375-486, hier S. 392.
  2. Schmidt, Robert F. (Hrsg.): Grundriß der Neurophysiologie. Springer, Berlin 31979, ISBN 3-540-07827-4, Seite 110-113
  3. Spitzer, Manfred: Geist im Netz, Modelle für Lernen, Denken und Handeln. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 1996, ISBN 3-8274-0109-7. Seite 44 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]