Balint-Gruppe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Balint-Gruppen sind im klassischen Verständnis Arbeitsgruppen von etwa acht bis zwölf Ärztinnen bzw. Ärzten, die sich unter der Leitung eines erfahrenen Psychotherapeuten regelmäßig treffen, um über „Problempatienten“ aus ihrer Praxis zu sprechen. Das Ziel ist eine verbesserte Arzt-Patient-Beziehung, die schließlich zu einem verbesserten Verständnis und einer verbesserten Behandlung des Patienten führen soll.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Methode wurde nach Michael Balint (1896–1970), einem Psychiater und Psychoanalytiker ungarischer Herkunft, benannt. Balint hatte nach dem Zweiten Weltkrieg an der Londoner Tavistock Clinic zunächst Fallkonferenzen mit Sozialarbeitern durchgeführt. In ihnen konnten die Teilnehmenden lernen, die unbewussten Prozesse in der Arbeit mit ihren Klienten auf dem Hintergrund psychoanalytischer Theorien besser wahrzunehmen. Ab 1950 führte er ähnliche Fallkonferenzen mit niedergelassenen Hausärzten durch und bezeichnete sie als Diskussionsseminare über psychische Probleme in der ärztlichen Praxis. 1954 berichtete er im British Medical Journal über seine neue Methode der ärztlichen Weiterbildung. 1957 erschien sein Klassiker „The doctor, his patient and the illness“.

Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das wichtigste methodische Element der Balint-Gruppen-Arbeit ist der freie Bericht über ein Fallbeispiel. In der Regel schildert ein Gruppenteilnehmer eine Begegnung mit einem Patienten. Die Gruppe untersucht dann gemeinsam im freien kollegialen Gespräch, in freier Assoziation und Fantasie die daraus erkennbare Arzt-Patient-Beziehung. „Unser Hauptziel war die möglichst gründliche Untersuchung der ständig wechselnden Arzt-Patient-Beziehung, das heißt das Studium der Pharmakologie der Droge 'Arzt' “, erklärte Balint. Er verglich also die Wirksamkeit des Arztes mit einem Arzneimittel, das erwünschte und unerwünschte Wirkungen haben kann.

Dem Konzept liegt das psychodynamische Krankheitsverständnis der Psychoanalyse zugrunde. Danach wird die Aufmerksamkeit besonders auf die Phänomene der Übertragung, Gegenübertragung, Regression, Agieren, Verschieben, Abspalten, Kontraphobische Abwehr oder Reaktionsbildung gerichtet. Zentrale Fragen sind also: Was macht der Arzt mit dem Patienten? Was macht der Patient mit dem Arzt? Welche Gefühle löst er in ihm (und in den übrigen Gruppenteilnehmern) aus?[1][2][3][4][5][6][7][8]

Regredieren
Beim Regredieren wird eine schwer erträgliche Situation zu überwinden versucht, indem durch eine passive oder frühkindliche Verhaltensweise andere Menschen zu einer übermäßigen Umsorgung des Regredierenden gebracht werden.
Agieren
Beim Agieren führt eine schwer erträgliche Situation zu einem Verhalten, das in der Umgebung so viel Aufmerksamkeit erzeugt, dass darunter die eigentlichen Probleme aus dem Blick geraten.
Kontraphobisches Handeln
Beim kontraphobischen Handeln wird Angst durch Überaktivität – oft auch durch objektiv nutzlose Handlungen – verdeckt.
Flucht nach vorne
Bei der Flucht nach vorne wird Angst erträglich zu machen versucht, indem gerade die angstmachende Situation direkt herbeigeführt wird.
Verschieben
Beim Verschieben wird einem schwer zu ertragenden Problem ein anderes – geringer belastendes – vorgeschoben und durch die Beschäftigung damit das schwerer zu ertragende Problem in den Hintergrund gedrängt.
Abspalten
Beim Abspalten können in emotional schwer zu bewältigenden Situationen gegensätzliche Gefühle einander gleichwertig zur Seite gestellt werden, wobei zu einem Zeitpunkt lediglich der eine, zu einem anderen Zeitpunkt nur der andere Gefühlszustand dem Bewusstsein zugänglich ist.
Reaktionsbildung
Bei der Reaktionsbildung wird ein bei sich selber schwer zu akzeptierender Gefühlszustand im Verhalten ins Gegenteil verwandelt.

Aus dieser Beziehungsdiagnose werden Rückschlüsse auf unbewusste Konflikte gezogen, die Patient und Arzt „mitbringen“. Insbesondere die Bewusstmachung der Gegenübertragungsgefühle (z. B. Abneigung, Ärger, Desinteresse, verstärktes Interesse, Mitleid, Hilflosigkeit usw.) gibt wertvolle diagnostische Hinweise, die hilfreich in die weiteren Kontakte mit dem Patienten einfließen können.

Aus- und Weiterbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Balint-Gruppen sind heute allgemein als ein Element in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten und auch als Supervisionsmethode in anderen Bereichen des Gesundheits-, Sozial- und Erziehungswesens anerkannt. In modifizierter Form finden sie Anwendung bei Führungskräften durch erfahrene Leiter in diesem Bereich. An einigen Universitäten werden Balint-Gruppen auch für Studenten angeboten, öfters jedoch in Form der thematisch verwandten Anamnesegruppen. In Deutschland wird bei Ärzten, welche die Zusatzbezeichnung „Psychotherapeut“ erlangen wollen, und Kassenärzten, die an der psychosomatischen Grundversorgung teilnehmen, der Nachweis von Balint-Gruppen-Erfahrung verlangt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Balint: Training general practitioners in psychotherapy. British Medical Journal 1954; 1: 115–120 (englisch).
  • Michael Balint: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. 10. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2001.
  • Enid Balint, J. S. Norell (Hrsg.): Fünf Minuten pro Patient. Eine Studie über die Interaktionen in der ärztlichen Allgemeinpraxis. Suhrkamp, Frankfurt 1977.
  • Eva Christine Foitzik: Epidemiologische Untersuchung zur Entwicklung der Balintarbeit in Deutschland (von 1970 bis 2000) (Dissertation, Technischen Hochschule, Aachen 2007 / 151 Seiten).
  • S. Häfner (Hrsg.): Die Balintgruppe. Praktische Anleitung für Teilnehmer. Im Auftrag der Deutschen Balint-Gesellschaft. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2006. ISBN 978-3-7691-0500-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A. Drees: Balint-Gruppen mit Krankenschwestern auf einer psychosomatischen Station. Therapiewoche 27/1977, S. 7041–7048.
  2. Ruedi Honegger: Frech denken, vorsichtig handeln. Schweiz. Ärztezeitung, 1998, 79, Nr. 6, S. 202–205.
  3. Boris Luban-Plozza: Balint-Seminare für Krankenpflegepersonal, Brücken für den psychologischen Zugang zum Patienten. Hospitalis Nr. 6/83, 53. Jahrgang.
  4. Boris Luban-Plozza: Balints Brückenschlag zur Praxis. Hospitalis, Nr. 4/92, S. 119–127.
  5. Boris Luban-Plozza: Kommunikation und Balint-Gruppen. Schweiz. Ärztezeitung 1996. 7-7, S. 2092–2093.
  6. Ernst Petzold: Balint-Arbeit und Monte-Veritä-Gruppen als Teil des Ascona-Modells., Klinikarzt 1993, Nr. 11/22, S. 485–489.
  7. Arthur Trenkel: Balint-Gruppenarbeit. Schweizerische Ärztezeitung. Band 65, Heft 36, 1984, 5, S. 1685–1694:
  8. Arthur Trenkel: Das Phänomen der Beziehung in der therapeutischen und pflegerischen Praxis. Gruppentherapie und Gruppendynamik 1997, 33, S. 243–258.