Ballschule Heidelberg

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Das neue (geschützte) Logo der Ballschule Heidelberg. Eingetragene Marke Nr. 30 2014 024 387

Das Konzept der Ballschule Heidelberg wurde 1996 von Klaus Roth erstellt. Im Jahr 1998 startete er die ersten Ballschulprogramme für Grundschulkinder. Die Angebote werden stetig wissenschaftlich begleitet, aktualisiert und ausdifferenziert. Die Ballschule Heidelberg ist ein „Kindersportprogramm für Alle“. Sie trägt zur Förderung der motorischen Entwicklung der Heranwachsenden bei, von Kindern mit motorischen Defiziten bis hin zu Kindern mit erkennbarem Talent im Bereich der Sportspiele und wurde als ausgewählter Ort im Innovationswettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ (2009) und mit dem Gütesiegel der Plattform für Ernährung und Bewegung (peb) ausgezeichnet (2003). Die Ballschule Heidelberg wird durch die Dietmar-Hopp-Stiftung gefördert.

Konzept – Ziele, Inhalte, Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ballschule Heidelberg ist eine gemeinnützige Institution, die das Ziel verfolgt, dem zunehmenden Bewegungsmangel in der Kindheit entgegen zu wirken. Die Kinder werden nicht zu Spezialisten in einer einzelnen Sportart, sondern zu motorischen Allroundern ausgebildet. Im Vordergrund stehen das Spielen mit Bällen sowie die soziale Einbindung in Sportspielgruppen – Erfahrungen, die die Kinder früher beiläufig und unangeleitet auf den Straßen, Bolzplätzen und Wiesen gesammelt haben[1][2]. Mit dem Motto „vom Allgemeinen zum Spezifischen“ verfolgt die Ballschule die Grundphilosophie der Integrativen Sportspielvermittlung[3][4]. Die Spiele werden als Mitglieder einer Familie angesehen, die einander ähnlich sind. Diese Verwandtschaftsmerkmale (Bausteine) werden herausgegriffen und übergreifend geschult. Angestrebt wird ein breites Fundament an generalisierbaren Basiskompetenzen, das ein schnelles und effektives Lernen in allen Sportspielen garantiert.

Ballschule für Kindergartenkinder: Die Mini Ballschule[5]
Motorische Basiskompetenzen (A) Technisch-taktische Basiskompetenzen (B) Koordinative Basiskompetenzen (C)
Fangen Flugbahn des Balles erkennen Zeitdruck
Stoppen Laufweg zum Ball bestimmen Präzisionsdruck
Prellen Spielpunkt des Balles bestimmen Komplexitätsdruck
Dribbeln Anbieten & Orientieren Organisationsdruck
Werfen Ballbesitz kooperativ sichern Variabilitätsdruck
Schlagen Lücke erkennen
Ballschule für Grundschulkinder: Das ABC des Spielens[6]
Taktische Basiskompetenzen (A) Koordinative Basiskompetenzen (B) Technische Basiskompetenzen (C)
Anbieten & Orientieren Ballgefühl Flugbahn des Balles erkennen
Ballbesitz individuell sichern Zeitdruck Positionen & Bewegungen der Mitspieler erkennen
Ballbesitz kooperativ sichern Präzisionsdruck Positionen & Bewegungen der Gegenspieler erkennen
Überzahl individuell herausspielen Komplexitätsdruck Laufweg zum Ball bestimmen
Überzahl kooperativ herausspielen Organisationsdruck Spielpunkt des Balles bestimmen
Lücke erkennen Variabilitätsdruck Ballbesitz kontrollieren
Abschlussmöglichkeit nutzen Belastungsdruck Ballabgabe kontrollieren

Die Kinder spielen mit dem Fuß, der Hand und mit Schlägern und erwerben dabei die Fähigkeiten z. B. Lücken zu erkennen, Laufwege zum Ball festzulegen, den Spielpunkt von Bällen zu bestimmen oder Ballabgaben zu kontrollieren. Die Lehrpläne der Ballschulprogramme basieren auf den vier wichtigsten Leitsätzen für Kindersportprogramme: den Prinzipien der Entwicklungsgemäßheit, der Vielseitigkeit (Ziele), der Freudbetont (Inhalte) und des spielerisch-impliziten Lernens (Methoden)[6][7]

Programme – Aufbau und Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ballschule Heidelberg wendet sich an Kinder von 18 Monaten bis zum Ende des Grundschulalters. Mit dieser großen Altersspanne geht einher, dass die Ziele, Inhalte und Methoden den verschiedenen Könnensstufen der Ballschulkinder anzupassen sind. Insgesamt ergeben sich vier Phasen von den allerersten Anfängen bis hin zum gut „vorgebildeten“ jungen Gesundheits-/Fitnesssportler oder zum Volleyball-, Tennis-, Fußball-, Hockey-, Handball-, Basketballkind usw.

Stufen der Ballschule

Aktivitätsphase (Stufe 4) Spezialisierungsphase (Stufe 4)
Spielen:
  • mit Fitnessorientierung
  • mit Gesundheitsorientierung
  • mit wenig zielorientiertem Training
  • ohne Wettkampfdruck
Tennis                Badminton

Volleyball           Faustball

Basketball          Handball

Fußball              Hockey

Golf …

Orientierungsphase (Stufe 3): 9- bis 11-jährige Kinder
Ballschule Rückschlagspiele Einzel & Mannschaft

Ballschule Wurfspiele Ballschule Torschussspiele

Integrationsphase (Stufe 2): 6- bis 9-jährige Kinder
Ballschule – ABC für Spielanfänger
Einführungsphase (Stufe 1): 3- bis 6-jährige Kinder
Mini-Ballschule

Neben den „Breitensportprogrammen“ für Klein-, Vorschul- und Grundschulkinder gibt es Angebote für Kinder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)[8], für übergewichtige (Ballschule – leicht gemacht),[9][10] für körperbehinderte (Ballschule – umspiel dein Handicap)[11] und für ballbegabte Kinder[12]. In der Erprobungsphase befindet sich die Ballschule inklusiv (spielend auf Leben), in der gesunde und chronisch kranke Kinder zusammen spielen und üben.

Wissenschaftliche Begleitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Begleitung der Ballschule Heidelberg stehen zwei Formen der Evaluation. Im Rahmen der so genannten Input-Evaluationen werden die beteiligten Akteure (Kinder, Eltern, Übungsleiter, Schulleiter, Abteilungsleiter usw.) befragt, u. a. nach den:

  • Programmressourcen (Ballschule: Bekanntheit, Qualität, Effekte usw.)
  • Umsetzungsressourcen/Personen (Übungsleiter: Qualität, Akzeptanz, Beliebtheit usw.)
  • Umsetzungsressourcen/Sportstätten und Spielmaterial
  • Teilnehmerressourcen (Kinder: Leistungsstand, Motivation, Lernerfolge usw.)

An einer schriftlichen Befragung zur Mini-Ballschule haben z. B. 516 pädagogische Fachkräfte teilgenommen[12]: Die Rückmeldungen der Erzieherinnen verdeutlichen, dass die Mini-Ballschule als ein qualitativ hochwertiges und gut in den Kindergartenalltag zu integrierendes Konzept angesehen wird (Schulnote = 1.5). Die Output-Evaluationen erfassen alle unmittelbaren Resultate/Effekte der Ballschule (Prä-/ Posttest-Differenzen), z. B.:

  • die Leistungsfortschritte der Kinder im Bereich des Spielens (Taktik, Koordination, Technik)
  • die Häufigkeiten von Vereinseintritten
  • das außerschulische Sporttreiben der Kinder usw.

Die Wirkungen der Mini-Ballschule sind in einem kontrollierten Design evaluiert worden. 370 Kinder wurden im Alter von 4, 5 und 6 Jahren längsschnittlichen untersucht. Die Mini-Ballschulkinder erreichten signifikant größere motorische Leistungsfortschritte als die Heranwachsenden aus der Kontrollgruppe. Dabei profitierten vor allem die schwachen Kinder von dem Angebot. Die Kinder des unteren Quartils hatten als Vierjährige einen verhaltensauffälligen, altersbezogenen Motorikquotienten von 87.7 (Normalwert MQ = 100) und verbesserten sich durch die Programmteilnahme auf einen überdurchschnittlichen Wert (MQ = 106) im Alter von 6 und 12 Jahren.

Weitere Output-Evaluationen wurden u. a. zur Entwicklung der Spielintelligenz und der spielerischen Kreativität von Ballschulkindern im Grundschulalter durchgeführt[13] sowie zu den Programmen für Kinder mit ADHS[8], für übergewichtige[14] und für körperbehinderte Kinder[11].

Kooperationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ballschule Heidelberg arbeitet mit Kindergärten, Schulen, Vereinen, Verbänden, nationalen und internationalen Zentren sowie mit kommerziellen Sportanbietern zusammen. In Deutschland gibt es ein dichtes Netzwerk mit kooperierenden Kitas, Grundschulen und mehr als 300 Partnervereinen/-verbänden. Zu ihnen zählen kleinere Mehr- oder Einspartenvereine und bekannte Clubs wie die TSG Hoffenheim, die Rhein-Neckar-Löwen, die Adler Mannheim, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, der SC Freiburg, der THW Kiel, der VfL Gummersbach und die Brose Baskets Bamberg. Unterstützt wird die nationale Erweiterung durch Zentren in München, Bamberg, Köln, Halle, Hamburg und Kiel. Diese werden von fachkundigen Ballschulexperten geleitet und sind ebenfalls berechtigt in ihrer (vertraglich festgelegten) Region Kooperationen abzuschließen und Ballschulleiter-Ausbildungen durchzuführen.

Lehrpläne der Ballschule Heidelberg in unterschiedlichen Sprachen.

Der ABC-Grundlehrplan ist in die portugiesische, spanische, ungarische, russische, chinesische, japanische und englische Sprache (USA) übersetzt worden und bildet dort die Grundlage für die Aktivitäten von internationalen Ballschul-Zentren.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ausbildungssystem der Ballschule Heidelberg

Ein zentraler Aspekt der Verbreitung der Ballschule Heidelberg ist ein System von Aus- und Fortbildungen. Die Ausbildungen beziehen sich auf das Ballschul ABC (Grundschulkinder) und die Mini-Ballschule. Die Fortbildungen thematisieren spezielle Zusatzprogramme (Fortbildung Wurfspiele, Fortbildung Adipositas usw.). Voraussetzungen für die Teilnahme an den Ballschul-Ausbildungen sind die C-Trainerlizenz eines Sportspielverbandes und ein Mindestalter von 16 Jahren. Die Trainerlizenz kann durch den Nachweis vergleichbarer Wissens- und Könnensbestände ersetzt werden, z. B. durch Ausbildungen, die noch nicht abgeschlossen sein müssen (Sport- und Gymnastiklehrer usw., Sportstudium), oder durch Berufserfahrungen (Erzieherinnen, Grundschullehrer, langjährige Trainertätigkeit usw.).

Geschichte und Institutionelle Einbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ballschule Heidelberg wurde 1998 erstmals an Grundschulen in Heidelberg in Kooperation mit der FT Kirchheim angeboten. Im Jahr 2002 ist der Förderverein Ballschule e. V. gegründet worden. Zwischen 2005 und 2014 haben sich die Aktivitäten der Ballschule in den Bereichen der Kooperation und Ausbildung vervielfacht. Am 1. Januar 2015 wurde die Vereinsstruktur in eine gGmbH umgewandelt. Die neue gemeinnützige Einrichtung trägt den Namen „Vision BewegungsKinder“. Ihre Satzung wurde so abgefasst, dass sie weitere innovative Programme zur Förderung der motorischen Kompetenzen von Kindern zulässt.

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. J. Hossner, K. Roth (2002). Sportspiele vermitteln. In K. Ferger, N., Gissel, J. Schwier (Hrsg.): Sportspiele erleben, vermitteln, trainieren (S. 111–124). Hamburg: Czwalina.
  • K. Roth (1999): Das ABC des Spielens: Technik- und Taktiktraining im Anfängerbereich. In J. Wiemeyer (Hrsg.): Techniktraining im Sport (S. 11–30). Darmstadt: IfS.
  • K. Roth (2000): Die Heidelberger Ballschule: Praxiskonsequenzen des Modells der inzidentellen Inkubation. In W. Schmidt, A. Knollenberg (Hrsg.): Sport – Spiel – Forschung: Gestern. Heute. Morgen (S. 175–179). Hamburg: Czwalina.
  • K. Roth (2003). Ballschule Rückschlagspiele: Theoretische Grundlagen. In A. Woll (Hrsg.): Miteinander lernen, forschen, spielen – Zukunftsperspektiven für Tennis (S. 41–58). Hamburg: Czwalina.
  • K. Roth (2006). Ballschule Heidelberg: Vom Talentförderprojekt zum erfolgreichen „Kindersportangebot für Alle“. In F. Bockrath (Hrsg.): Trends in der Sportvermittlung (S. 13–40). Darmstadt: TU.
  • K. Roth (2014): Motorik ABC. In I. Hunger, R. Zimmer (Hrsg.): Inklusion bewegt: Herausforderungen für die frühkindliche Bildung (S. 147–163). Schorndorf: Hofmann.
  • K. Roth, T. Damm, M. Pieper, C. Roth (2014). Ballschule in der Primarstufe. Sportstunde Grundschule Band 1. Schorndorf: Hofmann.
  • K. Roth, C. Kröger (2011). Ballschule – ein ABC für Spielanfänger (4. Aufl.) Schorndorf: Hofmann.
  • K. Roth, C. Kröger, D. Memmert (2002). Ballschule Rückschlagspiele. Schorndorf: Hofmann.
  • K. Roth, D. Memmert, R. Schubert (2006). Ballschule Wurfspiele. Schorndorf: Hofmann.
  • K. Roth, M. Raab (1999). Taktische Regelbildungen: „Mühsam, konzentriert, intentional oder mühelos, nebensächlich, inzidentell?“ In M. Wegner, A. Wilhelm, J.-P. Janssen (Hrsg.): Empirische Forschung im Sportspiel – Methodologie, Fakten und Reflexionen (S. 73–84). Kiel: IfSS.
  • K. Roth, C. Roth, U. Hegar (2014). Mini-Ballschule: Das ABC des Spielens für Klein- und Vorschulkinder. Schorndorf: Hofmann.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roth, K. (2000). Die Straßenspielhypothese oder das Modell der inzidentellen Inkubation – ein Erklärungsansatz für die Kreativitätsentwicklung im Sportspiel. In W. Schmidt & A. Knollenberg (Hrsg.), Sport – Spiel – Forschung: Gestern. Heute. Morgen (S. 159–163). Hamburg: Czwalina.
  2. Roth, K. (1997). Vom Straßenfußballer zum Spielmacher – Zur Effektivität inzidenteller taktischer Regellernprozesse. In G. Konzag (Hrsg.), Psychologie im Sportspiel (S. 63–79). Köln: bps.
  3. Roth, K. (2005). Sportspiel-Vermittlung. In A. Hohmann, M. Kolb & K. Roth (Hrsg.), Handbuch Sportspiel (S. 290–308). Schorndorf: Hofmann.
  4. Roth, K. & Hahn, C. (2007). Integrative Anfängerausbildung in den Sportspielen. In D. Schmidt-Volkmar & J. Spägele (Hrsg.), Ganztagesschule – Herausforderung für die Ballspiele (S. 26–39). Karlsruhe: BBW.
  5. Roth, K., Roth, C. & Hegar, U. (2014).
  6. a b Roth, K. & Kröger, C. (2011).
  7. Roth, K., Roth, C. & Hegar, U. (2014).
  8. a b Hahn, C. & Roth, K. (2004). Die Ballschule als Integrationskonzept – das ABC des Spielenlernens für hyperaktive Kinder. Sportunterricht, 53 (12), 367-372.
  9. Hegar, U. (2012). Ballschule – leicht gemacht Auswirkungen eines Ernährungs- und Bewegungsprogramms auf entwicklungsrelevante Parameter bei übergewichtigen und adipösen Kindern. Hamburg: Kovač.
  10. Hegar, U. & Roth, K. (2011). Auswirkungen von Ernährungsberatung und Bewegungsförderung auf verschiedene entwicklungsrelevante Parameter bei übergewichtigen und adipösen Kindern. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 62 (6), 168.
  11. a b Essig, K. (2014). „Ballschule – umspiel dein Handicap“ : Entwicklungsförderung körperbehinderter Kinder : Auswirkungen eines ressourcenorientierten, sportspielübergreifenden Bewegungsprogramms auf motorische und psychosoziale Parameter. Dissertation, Universität Heidelberg. urn:nbn:de:bsz:16-heidok-170753
  12. a b Roth, K. & Hegar, U. (2015). Abschlussbericht zum Projekt Mini-Ballschule (Motorik ABC) an 147 Kindergärten in der Metropolregion Rhein-Neckar. Heidelberg: ISSW.
  13. Memmert, D. & Roth, K. (2007). The effects of non-specific and specific concepts on tactical creativity in team ball sports. Journal of Sports Sciences, 25 (12), 1423-1432.
  14. Hegar, U. & Roth, K. (2011). Auswirkungen von Ernährungsberatung und Bewegungsförderung auf verschiedene entwicklungsrelevante Parameter bei übergewichtigen und adipösen Kindern. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 62 (6), 168.