Barbarastollen

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Barbarastollen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Der Eingang des Barbarastollens (2009)
Lageplan Oberried Barbarastollen, Skizze des BBK
Schutzzeichen für Kulturgut unter Sonderschutz

Der Barbarastollen, auch als Oberriedstollen oder Oberrieder Stollen bezeichnet, ist ein stillgelegter Versorgungsstollen – Abräumstollen für Silber und Erze – des ehemaligen Silberbergwerks im Hörnergrund am Fuße des Schauinsland bei Oberried in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Er ist der Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland zur Lagerung von fotografisch – in schwarz-weiß auf 35-Millimeter-Polyester-Dünnfilm und seit 2010 auch auf Farbfilm – archivierten Dokumenten mit hoher national- oder kulturhistorischer Bedeutung. In Europa ist er das größte Archiv zur Langzeitarchivierung. Der Stollen ist nach der heiligen Barbara von Nikomedien benannt, der Schutzpatronin der Bergleute.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Barbarastollen wurde 1903 aufgefahren, aber nie wie geplant als Transportstollen genutzt. Die letzte Befahrung des Stollens fand im Oktober 1954 statt. Von 1972 bis 1974 fanden nach und nach Umbauten statt. 1975 wurden die ersten Filme eingelagert, zuvor wurden die Archivfilme bei den einzelnen Verfilmungsstellen gelagert.[1] Der Barbarastollen unterliegt seit dem 22. April 1978 als einziges Objekt in Deutschland[2] dem Sonderschutz nach den Regeln der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Dies wird durch das dreifach angeordnete blauweiße Kulturgutschutzzeichen am Stolleneingang kenntlich gemacht. Die Lage und die Funktion des Bunkers wurden erst nach der Ost-West-Entspannung offiziell bekanntgegeben. Seit dem 22. April 1978 ist der Bergungsort auch in das Internationale Register der Objekte unter Sonderschutz bei der UNESCO in Paris eingetragen.[3] In diese Schutzstufe sind weltweit nur noch der Vatikan und das Reichsmuseum in Amsterdam eingetragen.[4]

Ursprünglich zuständig war das 2001 aufgelöste Bundesamt für Zivilschutz – Referat Kulturgutschutz. Es nutzte den Stollen als sicheren Aufbewahrungsort für die auf Filmrollen kopierten Archivalien Deutschlands. Seit seiner Gründung im Jahr 2004 ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) unter anderem für die Maßnahmen zur Sicherung von Kulturgut zuständig.[5]

Technisches[Bearbeiten]

Der Hauptstollen ist 680 m lang, das Archivgut wird aber nicht direkt dort, sondern in zwei Lagerstollen archiviert. Diese beiden Lagerstollen sind bei 340 m und 390 m ab Mundloch und haben im Lagerbereich eine Mindestüberdeckung von 200 m Gestein über den Stollen. Die Stollenanlage befindet sich komplett in Granit und Gneis.[6] Die Lagerstollen sind jeweils 50 m lang, 3 m hoch und 3,40 m breit. Sie sind in den Berg gehauen, mit Schalbeton ausgekleidet und mit Standarddrucktüren gesichert. In den Türen sind hochwertiges mechanische Tresorschlösser, so dass sie auch ohne Strom geöffnet und geschlossen werden können. Die Räume sind nicht klimatisiert, haben aber auf Grund ihrer Lage eine Temperatur von 10° C und eine relative Luftfeuchte von 75 %. Kurz nach dem Zugang zum zweiten Lagerstollen ist der Hauptstollen vergittert. Die Strecke dahinter ist im Originalzustand, nach 350 m ist der Altbergbau mit einem Betonpfropfen versiegelt.

In den Lagerstollen befinden sich mehr als 1.400 luftdicht verschlossene Edelstahlbehälter (V2A) (Stand Januar 2015), die in doppelstöckigen Regalen gelagert werden.

Es werden zwei Typen von Behältern genutzt: Die kleineren sind geschweißt, haben eine Höhe von 65 cm, einem Durchmesser von 28 cm ein Leergewicht von 25 kg und befüllt ein Gewicht von 70 kg. In diesen Behältern haben je 15 Rollen mit 760 m pro Rolle, somit 11,4 km Filmmaterial Platz; auf einem Meter Film sind 36 Aufnahmen. Der Deckel ist mit 16 Schrauben und einer Kupferdichtung verschlossen. Da sich inzwischen schon an ein paar der geschweißten Behältern leichter Rost gebildet hat, werden diese in die moderneren umgelagert.[5] Diese Behälter sind tiefgezogen und ohne Schweißnähte. Sie haben eine Höhe von 78 cm, einem Durchmesser von 43 cm, ein Leergewicht von 42 kg und befüllt ein Gewicht von 122 kg. Hier haben 24,3 km Filmmaterial Platz, die auf 16 Rollen aufgespult sind; pro Rolle sind das 1520 m. Auch hier ist der Deckel mit 16 Schrauben und einer Kupferdichtung verschlossen. Zum Befüllen werden die Behälter vier Wochen lang bei 10° C und 35 % Luftfeuchte gelagert, bevor sie verschlossen werden.

Durch dieses Verfahren wird von einer Haltbarkeit des Filmmaterials von mindestens 500 Jahren ohne Informationsverlust ausgegangen. Durch umfangreiche sich gegenseitig überwachende Alarmanalagen sowie mehrfache Personal-Zugangskontrollen wird der Stollen vor unbefugtem Zutritt gesichert.

Die Einlagerungen in den Stollen finden mehrmals im Jahr statt. Sollte das aktuelle Einlagerungsvolumen beibehalten werden, sollten alle ausgebauten Lager 2015 gefüllt sein.[7] Eine Erweiterung durch die Anlage weiterer Lagerstollen ist möglich, wird aber pro Erweiterung ca. 5 bis 7 Jahre dauern.[8]

Als Folge des Brandes in der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurde am Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik in Freiburg im Rahmen des InnoNet-Programms ARCHE eine neue Archivierungs-Technologie namens "ArchiveLaser" entwickelt, mit der in Zukunft auch Farbfilme eingelagert werden können. Dazu wird mit einem Laser der langzeitstabile Microfilm ILFOCHROME® MICROGRAPIC belichtet.[9] Dieser Film ist 250mal unempfindlicher als normale Fotofilme und hat eine Auflösung, so dass sich 25 DIN A4 Seiten auf einem Bild von 45x32 mm belichten lassen, die Pixelgröße beträgt 3 micrometer; somit ist die Anzahl der Bildpunkte 10000 x 15000. Dieser Film besteht im Gegensatz zum Diafilm aus reinen Azofarbstoffen ohne Silber und hat wie die schwarz-weiß Archivfilme einen Polyestertäger.[10] Seit 2010 finden auch Einlagerungen von diesen Farbfilmen statt.[11]

Einlagerungsgut[Bearbeiten]

Sowohl von den handschriftlichen Werken der großen deutschen Komponisten und Schriftsteller als auch von historischen Urkunden und Verträgen werden Kopien im Barbarastollen gelagert.[3] Zu den im Barbarastollen verwahrten Dokumenten gehören beispielsweise

Im Jahr 2003 wurde zusätzlich mit der Verfilmung von Bibliotheksbeständen begonnen. Auch etwa 8,2 Millionen Meter Mikrofilm-Archivgut (rund 900 Millionen Aufnahmen) der Dringlichkeitsstufe I der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aus einem vergleichbaren Projekt in Ferch südwestlich von Berlin wurden auf Polyester-Mikrofilm umkopiert und im Stollen eingelagert.[13]

Aus dem eingestürzten Historischen Archiv der Stadt Köln lagern 6.396 Filme mit mehr als 10 Millionen Aufnahmen im Stollen.[14] Allerdings war die Verfilmung im Kölner Archiv erst bis ins 19. Jahrhundert vorgedrungen, somit können jüngere Daten wie zum Beispiel das Privatarchiv Heinrich Bölls nur aus den Trümmern rekonstruiert werden.[1]

Zum 50. Jahrestag der Haager Konvention wurden am 21. Juli 2004 50 gespendete Kunstwerke von 50 Künstlern zum deutschen Kulturgut erklärt und im Stollen eingelagert. Diese wurden extra dafür geschaffen und sind vor der Einlagerung niemandem gezeigt worden.[4] Der Kurator dieser Aktion Subduktive Maßnahmen ZBO - SdM 052004[15] war der Aktionskünstler Adalbert Hoesle[16], unter den Künstlern waren Andreas Gursky, Jörg Immendorff, Jonathan Meese, Karin Sander und Christoph Schlingensief. Die verschlossenen Fässer wurden vor der Einlagerung in der Bonner Kunsthalle gezeigt. Die Fässer dürfen erst im Jahre 3504 geöffnet werden.[17] Dies sind die einzigen Einlagerungsobjekte, die keine Mikrofilme sind.

Im Mai 2009 zum 55. Jahrestag der Haager Konvention fand eine Einlagerung statt, es wurden weitere 50 Behälter eingelagert. Das Gesamtvolumen sind somit circa 29.400 Kilometer Mikrofilme mit über 900.000.000 Aufnahmen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Standorte der einzelnen Behälter neu dokumentiert und mit einem neuen System alphanumerisch katalogisiert, das zum einen erweiterbar ist und auch die Information zum jeweiligen Lagerstollen enthält. Damit ist ein schnelleres Auffinden speziell der Prüfbehälter möglich, die regelmäßigen Überprüfungen unterzogen werden.[2]

Die Einlagerungen in den Stollen finden vier mal im Jahr statt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Gigantisches Archiv im Stollen: Bombensicheres Gedächtnis, Birger Menke, Spiegel Online Unispiegel, 13. März 2009, abgerufen 19. Januar 2015
  2. a b Neue Ordnung im Barbarastollen. Meldung auf der Website des BBK; 20. Juli 2009. Abgerufen am 6. September 2012.
  3. a b Der Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland. Website des BBK. Abgerufen am 6. September 2012.
  4. a b Geschichte, reif fürs Fass, Bernd Dörries, Süddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010, abgerufen 18. Januar 2015
  5. a b Kulturgutschutz und Bergungsorte in Deutschland Ost & West, Michael Grube, geschichtsspuren.de, abgerufen 19. Januar 2015
  6. Der Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland Webseite des BBK. abgerufen am 18. Januar 2015
  7. Hoffnung für Köln: Barbarastollen hütet Kopien zerstörter Dokumente, Stimme.de, abgerufen 19. Januar 2015
  8. http://www.badische-zeitung.de/oberried/der-schatz-im-schauinsland--36293822.html
  9. ArchiveLaser® - Langzeitarchivierung auf Farbmikrofilm, Wolfgang J. Riedel, Andreas Hofmann, Auskunft: Zeitschrift für Bibliothek, Archiv und Information in Norddeutschland, 27 (1) 2007, Seite 115-120 und präsentiert auf dem 3. Norddeutschen Archivtag, 20.-21. Juni 2006 in Lüneburg, abgerufen 19. Januar 2015
  10. Revisionssichere Langzeitarchivierung mit „WORM-Filmen“, Bernd Schöne, Nico Litzel, Storage Insider, 4. August 2007, abgerufen 19. Januar 2015
  11. Flyer des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, September 2010, abgerufen 28. März 2015
  12. Bildergalerie Bild Nr. 15,Sebastian Pantel , Südkurier, 1. August 2010, abgerufen 20. Januar 2015
  13. Kulturgutschutz – Was ist das? Silberbergwerk bewahrt das kulturelle Erbe Deutschlands. Website des BBK. Abgerufen am 16. April 2013.
  14. Rund 10 Millionen Aufnahmen des Kölner Stadtarchivs gesichert. Pressemitteilung des BBK; 8. April 2009. Abgerufen am 6. September 2012.
  15. Subduktive Maßnahmen Webseite der Aktion www.verschluckung.de, abgerufen 18. Januar 2015
  16. Index ZBO-SdM052004 Subduktive Maßnahmen Stiftung Preußischer Kulturbesitz
  17. Lesespaß nach dem Atomschlag, Wolfgang Höbel, Spiegel Online, 16. Dezember 2009, abgerufen 18. Januar 2015

47.9229666666677.9359166666667Koordinaten: 47° 55′ 23″ N, 7° 56′ 9″ O