Baron Gottfried Schmiedel

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Postmeister Schmiedel, J. J. Kaendler, 1739 Porzellan Meißen

„Baron“ Gottfried Schmiedel (vermutlich Johann Gottfried Graf; * 1700 in Schlesien; † vor dem 14. Juli 1756 in Dresden) war ein Hoftaschenspieler (Hofnarr) am sächsischen und polnischen Hof.

„Baron“ Schmiedel erlangte im sächsischen augusteischen Zeitalter an der Seite von Joseph Fröhlich als „zweiter“ Hoftaschenspieler einige Berühmtheit. Dazu geben eine stattliche Anzahl figürlicher Darstellungen, Abbildungen und Bildhauerarbeiten sowie die von J. J. Kaendler im Jahr 1739 als Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. meisterhaft geschaffene lebensgroße Büste des „Postmeisters Schmiedel“ aus Meißner Porzellan Zeugnis.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der wahrscheinlich als Johann Gottfried Graf geborene spätere „Baron“ wurde im Jahr 1700 in Schlesien als uneheliches Kind einer der schwarzen Magie verdächtigten „Tierheilerin“ geboren. Ein Freiherr nahm sich seiner an und schickte ihn zum Studium zusammen mit seinem leiblichen Sohn nach Breslau. Statt eifrig zu studieren, ergab er sich dem Trunke und Billardspiel. Als von ihm einmal Rechenschaft über die „Studienergebnisse“ verlangt wurde, verlor er die Gunst seines Protegès und durfte ihm nicht mehr unter die Augen treten.

In der Mitte der 1720er Jahre verschlug es ihn in die Residenzstadt Dresden, wo er sich als Diener verschiedener Adliger meist nur kurzzeitig durchschlug.

Als Kellner im Speisehaus im „Friesengäßgen“, in dem Hofchargen verkehrten, fiel er dem Jugendfreund des Sohnes und Nachfolgers Augusts des Starken dadurch auf, dass er ohne Instrument mit den Lippen Trompete blasen konnte. Graf Aleksander Józef Sulkowski nahm ihn in seinen Dienst und führte ihn am Hof des Kurfürstentums Sachsen ein. Da er noch andere Eigenschaften aufwies, die die gelangweilte Hofgesellschaft belustigen konnten, wurde er um 1727 dem „ersten“ Hoftaschenspieler Joseph Fröhlich zugeordnet. Beide bildeten fortan ein drolliges, weithin berühmtes Paar bis zu seinem Tod im Jahre 1756. In diesem Hoftaschenspielerduo übernahm „Baron“ Schmiedel die melancholische Rolle und die Mitwirkung bei Zaubertricks.

Wirken am Hof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im „Königl. pohlnischen und Churfürstl. sächsischen Hof- und Staatskalender“ wird er in der Ausgabe auf 1732 erstmals als „Cammer-Courier Mr. Schmiedel“ erwähnt und in den folgenden Ausgaben stets nach Joseph Fröhlich meist als Hoftaschenspieler aufgeführt. Es werden, wie in der damaligen barocken Zeit üblich, verschiedene Namen und „Titel“ verwandt. So tritt er neben dem Namen Johann Gottfried Graf auch als Gottfried Tuchscherer und Gottfried Junge in Erscheinung, jedoch ständig mit den Namen „genannt Baron (von) Schmiedel“ oder „der kleine Schmiedel“ und „der kleine Baron Schmiedel“ verbunden. In der Porzellansammlung des Dresdner Zwingers ist die vorstehend erwähnte Kaendler-Büste am Sockel mit „Hofnarr Gottfried Schmiedel“ beschriftet.

Büsten der Hofnarren Fröhlich und Schmiedel im virtuellen Rundgang „Porzellansammlung im Dresdener Zwinger“ - Ernst-Zimmermann-Saal

Der Name Schmiedel stammt sehr wahrscheinlich von einem seiner Dienstherren – ein altes Adelsgeschlecht mit diesem Namen stand im Militärdienst des Hofes und seiner Dependancen. Für ihn gibt es eine Reihe urkundlich erwähnter „Funktionsbezeichnungen“: „Jagd-, Post-, Reise- und Cammercurir“, sowie „Baron sans repos“ (frz. „Baron Unruhe“ – Dresdner Adressbuch 1740). Insbesondere als „Tisch Rath“ hatte er die Aufgabe, für Späße und derbe Belustigungen bei den Gelagen der Hofgesellschaft zu sorgen. In der von August dem Starken gegründeten „Sociéte des antisobres“ (dtsch. etwa: Gesellschaft von Nüchternheitsgegnern) führte er mit Fröhlich das große Wort.

Die offizielle Bestallung am Hof nahm der Sohn und Thronfolger Augusts des Starken (Kurfürst Friedrich August II., der als August III. König von Polen war) 1733/1734 vor. Dem ging 1733 nach dem Tod Augusts des Starken ein wahrscheinlich sehr kurzes Dienstverhältnis als Postmeister in (Bad) Lauchstädt voraus mit der Namensbezeichnung Gottfried Junge. Aus dieser Episode rührt die Gestaltung der eingangs erwähnten Kaendler-Büste im damals üblichen Postmeisterhabit her.

In den Kalendern auf die Jahre 1748 bis 1751 fehlt für ihn der Eintrag an der üblichen Stelle; eine Erklärung dafür konnte nicht gefunden werden. Ab 1752 erscheinen Fröhlich mit der neuen Bezeichnung „Mühlen=Commissarius“ und Schmiedel als „Jagd=Commisssarius“.

„Baron“ Schmiedel wird in der Literaturhistorie ein Gedicht aus dem Jahre 1746 zugeschrieben, in dem er Glückwünsche für eine Hochzeit im sächsischen Adelsstand ausspricht: „Den allerbesten Vogelfang ….“ (siehe 4. Werke von „Baron“ Schmiedel).

Im Jahr 1742 erschien von einem anonymen Autor und ohne Angaben zur Druckerei ein zur damaligen Zeit übliches Ruhm- und Spottgedicht auf ihn. Aus diesem werden die meisten Fakten zu seinem bisherigen Leben, jedoch ohne Zeitangaben und nicht chronologisch geordnet (so Rückert), beschrieben: „Da uns Der Erste Tag im Monath vom April … .“ (siehe 5. Quellen und Publikationen). Fast zum gleichen Zeitpunkt erschien, ebenfalls anonym bezüglich Autor und Druckerei, ein analoges Gedicht zu Fröhlich: „Da der Geburths= und Nahmens=Tag des Joseph Fröhlichs ist erschienen ….“[Anm 1]

Neue Erkenntnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über „Johann Gottfried Graf genannt Baron (von) Schmiedel“ gab es bis Juli 2014 keine zusammenfassende biografische Darstellung. Er wird in zeitgenössischen und historisch-wissenschaftlichen Veröffentlichungen vielfach sekundär im Kontext zu Fröhlich erwähnt. Es ist eine Vielzahl von Erzählungen und Sagen im Umlauf, die zum Teil als „Dichtung und Wahrheit“ differenziert betrachtet werden müssen. Amüsant zu lesen ist eine romanhafte Veröffentlichung von Carl Willnau (Pseudonym von Carl Naumann)[Anm 2] „Hofnarr Fröhlich – die ergötzliche Geschichte seines Lebens.“ Rückert bezieht sich mehrfach bei der Beschreibung der figürlichen und bildlichen Darstellungen der Hoftaschenspieler auf diesen Roman mit dem Vorbehalt, dass sichere Belege für die einzelnen Episoden nicht gefunden wurden.

Sandsteinsculptur vom Hoftaschenspieler Schmiedel am Amtshaus in Moritzburg bei Dresden

Die bisherigen Auffassungen zum Lebensweg des „Baron“ Schmiedel gingen davon aus, dass er nach 1747 aus der sächsischen Geschichte „verschwand“.[Anm 3] Ursache könnte nicht erschlossenes Archivmaterial gewesen sein. Zum Beispiel die erwähnten Eintragungen in die Hofkalender auf die Jahre 1752–1754.

Ein im Internet digitalisiert vorliegendes Gedicht aus dem Jahre 1754 über die „…Orttenburg zu Budißin …“ (heute: Ortenburg in Bautzen/Sachsen) weist markante Bezugspunkte bei den Verfasserangaben und im Stil zu „Baron“ Schmiedel auf – als Autor wird einer seiner Namen und die Bezeichnungen „Schloß-Inspector“ sowie „… bestallter Ober-Jagd-Commisarius …“ genannt. Dies gab Anlass für aufwändige Recherchen nach Personenidentitäten. Tatsächlich ist „Baron“ Schmiedel im Hofkalender auf das Jahr 1754 zusätzlich als „Adjunktus“ (Stellvertreter) des Bettmeisters der „Orttenburg“ und 1755 bis 1756 als „Schloßinspector“ eingetragen. Eine aufgefundene Archivakte im Hauptstaatsarchiv Dresden belegt die Bestallung für 285 Taler jährlich[Anm 4](Unterschrift Graf von Brühl-Premierminister). Dieses Archivgut belegt auch die Nachfolgeregelung nach dem Tod im Juli 1756 in Dresden (dieser Zeitpunkt wird durch eine andere historische Veröffentlichung, allerdings ohne Bezug auf die Identität mit „Baron“ Schmiedel bestätigt). Eine, ebenfalls im Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrte „Acta Commissionis“ des Amtsgerichts Dresden, gibt Auskunft über die Überführung des Nachlasses durch die Mutter Lucia „Graffin“ (damalige Schreibweise für Frauen) nach Sommerfeld in Schlesien (heute Lubsko in Polen) und die Befreiung von der (heutiger Ausdruck:) Erbschaftssteuer nach „allerhöchster Anordnung.“ Die akribische Aufrechnung der Einnahmen (für Verkäufe von Bekleidung, Möbeln, Gebrauchsgegenständen etc.) und Ausgaben ergab (gerundet) für Einnahmen 2212 Taler und Ausgaben 1648 Taler, somit einen Überschuss von 563 Talern (in etwa zwei Jahresgehälter als „Schloßinspector“). Der Todestag im Juli 1756 muss anhand des ersten Datums für die Ausgaben vor dem 14. des Monats angesetzt werden.

"Orttenburg" im Stadtplan von "Budissin", Johann George Schreiber um 1700

Eine ausführliche zusammenfassende historisch-wissenschaftliche Monografie mit Belegen wurde 2015 fertiggestellt. Diese Arbeit fasst die bis zu diesem Zeitpunkt recherchierten verstreut publizierten und archivierten Daten und Dokumente zusammen. Das nachfolgende Quellenverzeichnis soll aufgrund des erheblichen Umfangs der aufgefundenen Dokumente nicht vollständig wiedergegeben werden – es sind deshalb nur die Wesentlichsten aufgeführt.

Hoftaschenspieler Fröhlich und Schmiedel (rechts) mit der Mausefalle, J. J. Kaendler, wahrscheinlich 1741, Porzellan Meißen

„Baron“ Schmiedel als Motiv in der bildenden Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Baron“ Schmiedel tritt in der zeitgenössischen bildenden Kunst in verschiedenen Kategorien recht häufig als Motiv in Erscheinung. Von J. J. Kaendler wurden neben der oben erwähnten lebensgroßen Büste weitere figürliche Darstellungen in Meißner Porzellan im Kontext mit Joseph Fröhlich geschaffen (siehe ein Bildnachweis zu den Hoftaschenspielern).[1] Rückert, der sich im angegebenen Werk (siehe 5. Quellen und Publikationen) insbesondere mit den verschiedensten künstlerischen zeitgenössischen Darstellung der Hoftaschenspieler Fröhlich und Schmiedel beschäftigt, führt auf Seite 104 ein Riesengemälde aus dem Jahr 1732 von Johann Samuel Mock über die Heerschau, genannt das „Lustlager bei Czerniakow“ (Polen im Jahr 1732) an, auf dem beide Hofnarren an zentraler Stelle mit August dem Starken dargestellt sind. Das Bild wurde 1978 nach Warschau übergeben, wo es im Saal 23 des Parlamentstraktes zu besichtigen sei.

Von J. J. Kaendler stammt ebenfalls eine figürliche Darstellung beider Hoftaschenspieler: „Die Schlittenfahrt“. Sie zeigt den als Frau verkleideten Schmiedel und Fröhlich, der „der Dame einen Kuss rauben will.“ Noch existierende Exemplare sind selten. Eine misslungene Restauration aus dem 20. Jahrhundert[2] wird als vermisstes Kulturgut gesucht.

Zu erwähnen sind die Sandsteinskulpturen am Amtshaus in Moritzburg bei Dresden, die auf einer kolportierten Geschichte beruhen.[3]

Offen gebliebene Details[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dunkel bleibt:

  • der zeitweilige Aufenthalt als Postmeister in (Bad) Lauchstädt
  • eine mögliche Ehe und Nachkommen (im Ruhm- und Spottgedicht wird nur unklar darüber berichtet: die „Braut“ stamme aus „Töplitz“ – d. i. Teplitz/damals in Böhmen).
  • der Begräbnisort
  • die Einkünfte, Besoldung oder andere finanzielle Quellen vor der Bestallung als „Schloßinspector“
  • und die Frage nach Besitztum (Fröhlich bekam bekanntlich von August dem Starken das Grundstück in Dresden geschenkt, wo er das berühmte „Narrenhäusel“ gegenüber der Residenz auf der Neustädter Elbseite bauen ließ und vom Sohn August’s eine Mühle in Marienmont bei Warschau/Polen).

Werke von „Baron“ Schmiedel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen und Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruhm- und Spottgedicht über „Baron“ Schmiedel vom 1. April 1742, (Rückert charakterisiert dieses als umfangreichste Quelle zur Biografie.) öffentlich zugängliches Digitalisat der SLUB Dresden
  • Rainer Rückert[Anm 5]: Der Hofnarr Joseph Fröhlich 1694–1757 – Taschenspieler und Spaßmacher am Hofe August des Starken. Edition Volker Huber, Offenbach 1998, ISBN 3-921785-72-3 Edition
  • Königl. Polnischer und Churfürstl Sächsischer Hoff- und Staatskalender, :deren Ausgaben in den Jahren ab 1728 bis 1787 (außer 1730 und 1734) erschienen sind. Digitalisierte Ausgabe auf CD: SLUB Dresden: RSN: 13659460 // Barcode: 30852849
  • Ein historisches „privates“ Adressbuch: Das jetztlebende königliche Dresden 1740, öffentlich zugängliches Digitalisat der SLUB Dresden – Seite 120 des Digitalisates
  • Carl Willnau (Pseudonym für Carl W. Naumann): Hofnarr Fröhlich – die ergötzliche Chronik seines Lebens, Greifenverlag, Rudolstadt 1954, (Nachdruck einer Ausgabe von 1943) Lizenz-Nummer 384-220/29/57
  • Eine Heimatseite aus Moritzburg bei Dresden

Funde im sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Cammer Acta“ mit dem Titel: „Den Bettmeister Dienst auf dem Schloss Orttenburg zu Budißin betr: Anno 1754“ Originaldokumente zur Bestallung und vom Tod von Johann Gottfried als Schlossinspektor der „Orttenburg“ Signatur: 10036 Finanzarchiv Loc. 32866 Rep. LII Gen. Nr. 1325
  • und dazu erweiternd 10036 Finanzarchiv – (Allerhöchste) Spezialrescripte (1542–1831) Band 1754 Unter der (Blatt)Nummer 68: 1 Originalhandschrift vom 16. Febr. 1754 Im Geheimen Cabinett
  • Bestand 10047 Amtsgericht Dresden – Nummer 2724 „Acta Commissionis“ Ergangen 1756 Bestandsbeschreibung des Staatshauptarchivs: Nachlass des in Dresden verstorbenen Jagdkommissars Johann Gottfried Graf (Kommissionsakte)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bildnachweis zu den Hoftaschenspielern auf: baron-schmiedel.beryllweb.de (PDF).
  2. genannt: „Schlittenfahrt mit der Katze“ auf: lostart.de
  3. Heimatseite Moritzburg und Fotografien dieser Sandsteinskulpturen von Andreas Großmann auf: Eine Heimatseite aus Moritzburg bei Dresden

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. siehe Rückert: Der Hofnarr Joseph Fröhlich 1694–1757 – Taschenspieler und Spaßmacher am Hofe August des Starken. S. 189–190: über personelle Zusammenhänge bezüglich der Autorenschaft könne nur spekuliert werden.
  2. W. publizierte in den 1940er/1950er Jahren über künstlerische Themen und Personen der sächsischen Geschichte. Seine Quellen dazu konnten nicht ermittelt werden.
  3. siehe Rückert: Der Hofnarr Joseph Fröhlich 1694–1757 – Taschenspieler und Spaßmacher am Hofe August des Starken. S. 188.
  4. dies ist im Vergleich zu anderen Hofchargen und in Bezug auf die derzeitigen Lebenshaltungskosten ein sehr geringes Einkommen – es muss noch andere Einkünfte gegeben haben.
  5. Rainer Rückert war langjähriger Landeskonservator am Bayrischen Nationalmuseum