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Beate Uhse

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Beate Uhse (1971)

Beate Uhse (* 25. Oktober 1919 als Beate Köstlin in Wargenau bei Cranz, Ostpreußen; † 16. Juli 2001 in St. Gallen, Schweiz; eigentlich Beate Rotermund-Uhse) war eine deutsche Pilotin und Unternehmerin. Die Kunstflug-Pilotin gründete nach dem Zweiten Weltkrieg in Flensburg den ersten Sexshop der Welt. Die börsennotierte Beate Uhse AG ist ein Marktteilnehmer im erotischen Zubehörhandel. Nach ihr wurde der Erotikkanal Beate-Uhse.TV von Sky benannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der damalige Firmensitz von Beate Uhse in Flensburg in der Gutenbergstraße 12 im Jahr 2004

Sie war das jüngste von drei Kindern des aus Treherz in Württemberg stammenden Landwirts Otto Köstlin (1871–1945) und der Ärztin Margarete Köstlin-Räntsch (1880–1945), die eine der ersten Ärztinnen in Deutschland war. Die Eltern klärten ihre Kinder früh auf, sprachen mit ihnen offen über die Sexualität und die dabei nötige Sexualhygiene.

Sie erhielt ihre Schulbildung in reformpädagogischen Landerziehungsheimen, zunächst von 1931 bis 1934 an der musisch und sportlich orientierten Schule am Meer von Martin Luserke auf der Nordseeinsel Juist.[1] Dort zählte das Segeln zum schulsportlichen Angebot. Sie fuhr mehrfach auf Luserkes Blazer Krake ZK 14 mit und hielt auch später mit ihm Kontakt. Nach der Schulschließung vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Gleichschaltung im Frühjahr 1934 wechselte sie auf Luserkes Empfehlung zur Odenwaldschule nach Ober-Hambach, wo sie später ihre Reifeprüfung ablegte. Mit 15 Jahren wurde Beate hessische Meisterin im Speerwerfen. Mit 16 Jahren ging sie für ein Jahr nach England, um als Au-pair Englisch zu lernen. Danach kehrte sie auf das elterliche Gut zurück und absolvierte auf Wunsch ihrer Eltern eine Ausbildung in Hauswirtschaft.

Am 28. September 1939 heiratete sie im Rahmen einer Kriegstrauung ihren Fluglehrer Hans-Jürgen Uhse, den Bruder des Schriftstellers Bodo Uhse.[2] 1943 wurde ihr Sohn Klaus geboren, im Mai 1944 verunglückte ihr Mann bei einer Flugzeugkollision tödlich. Im April 1945 wurde Uhse von britischen Truppen gefangengenommen. Nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ließ sie sich mit ihrem Sohn in Flensburg nieder. 1949 heiratete sie den Kaufmann Ernst-Walter Rotermund († 1989), der seinen Sohn Dirk mit in die Ehe einbrachte. Mit Rotermund bekam sie einen weiteren Sohn, Ulrich. Die Ehe wurde 1972 geschieden.

Uhse war praktizierende Naturistin und wurde 1960 Mitglied des Deutschen Verbandes für Freikörperkultur. 1983 wurde bei ihr Magenkrebs diagnostiziert, der geheilt werden konnte. Mit 75 Jahren machte sie ihren Tauchschein. Beate Uhse starb am 16. Juli 2001 in einer Schweizer Klinik an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie wurde auf dem Glücksburger Friedhof beigesetzt.[3] 2011 verfilmte das ZDF unter dem Titel Beate Uhse – Das Recht auf Liebe Uhses Biographie mit Franka Potente in der Hauptrolle.

Karriere als Pilotin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. August 1937 nahm sie in der Fliegerschule Rangsdorf bei Berlin in einer Heinkel He 72 mit dem Fluglehrer Tobaschefski ihre erste Flugstunde. Drei Wochen später folgte der erste Alleinflug. Von Fluglehrer Haak wurde sie auf die Muster Klemm Kl 25 und Focke-Wulf Fw 44 umgeschult und flog zum ersten Mal auf der Bücker Bü 131 Jungmann. Mit einem Solo-Überlandflug Rangsdorf–Magdeburg–Halle-Leipzig–Rangsdorf am 11. und 12. Oktober schloss sie ihre Ausbildung ab und erhielt an ihrem 18. Geburtstag ihren Flugzeugführerschein A2.

Vom 1. November 1937 bis 30. April 1938 arbeitete sie als Praktikantin bei Bücker Flugzeugbau in Rangsdorf und durchlief alle Bereiche der Firma. Während dieser Zeit konnte sie auf Gotha Go 145 und Arado Ar 66 bis zur Klasse B1 weiterschulen und mit der Kunstflugschulung beginnen. Ihr Fluglehrer war nun Hans-Jürgen Uhse, ihr späterer Ehemann. Die Kunstflugprüfung K1 legte sie am 19. August 1938 ab. Bereits einen Monat vorher war sie beim 1. Zuverlässigkeitsflug für Sportfliegerinnen unter 13 Teilnehmerinnen mit einer Klemm Kl 25 hinter Melitta Schiller Zweite geworden. Drei Wochen später wurde sie mit einer Bücker Bü 131 A beim Luftrennen in Kortrijk/Belgien in ihrer Klasse Erste und in der Gesamtwertung Dritte. Am 16. Mai 1939 legte sie ihre Kunstflugprüfung K2 ab. Drei Monate später wurde sie beim zweiten Zuverlässigkeitsflug der Sportfliegerinnen hinter Liesel Bach (Bücker Bü 180) und Luise Harden (Siebel Si 202) auf einer Bü 180 Dritte. Am 20. August wurde sie vom Werk aus mit einer Bücker Bü 133 Jungmeister nach Thurö in Dänemark geschickt, um das Flugzeug dort vorzuführen.

Sie wurde von Bücker als Pilotin eingestellt und flog neue oder reparierte Flugzeuge ein und überführte sie auch, wie zum Beispiel öfter nach Ungarn. Eine Filmfirma fragte bei Bücker wegen Piloten als Doubles an, die ein Flugzeug am Boden rollen und es fliegen können, während die Filmhelden im hinteren Sitz den kühnen Flieger markieren. Die Firma schlug Beate Uhse vor, die klein genug war, um sich im vorderen Sitz verstecken zu können. Im Film Achtung! Feind hört mit! flog sie für René Deltgen mit einer Bücker Bü 180 Student. Auch im Film D III 88 wirkt sie in einer mit Kokarden verzierten Bü 131 mit.

Zum 1. April 1942 wechselte Uhse von Bücker zu dem neu gegründeten Flugzeugreparaturwerk von Alfred Friedrich in Strausberg. Ab April 1944 wurde sie häufig zu Überführungsflügen herangezogen, meist von Junkers Ju 87, die aus der Weser-Fertigung in Tempelhof kamen und zu den Luftparks gebracht werden mussten. Bei der Luftwaffe flog sie die Jäger Messerschmitt Bf 109 und Focke-Wulf Fw 190 sowie Ju 87 und Messerschmitt Bf 110. Dabei kam es zu Begegnungen und Beschuss durch alliierte Jäger, die sie unbeschadet überstand.[4]

Ab dem 1. Oktober 1944 wurde sie im Rang eines Hauptmanns vom Überführungsgeschwader 1, Gruppe Mitte mit Sitz in Staaken übernommen. Kurz vor Kriegsende im April 1945 bekam sie dort eine Einweisung auf den Strahljäger Messerschmitt Me 262.[5] Beim Einmarsch der Roten Armee konnte sie am 22. April 1945 von Gatow aus mit Sohn, Kindermädchen und weiteren vier Personen mit einer Siebel Fh 104 zunächst nach Barth und von dort am 30. April 1945 über Travemünde nach Leck und schließlich nach Flensburg flüchten.[6]

Karriere als Geschäftsfrau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beate-Uhse-Laden in Hamburg

Beate Uhse war eine der einflussreichsten deutschen Frauen. Sie gilt als eine der Wegbereiterinnen zu einer offeneren und freieren Gesellschaft. Da die Besatzungsmächte jede fliegerische Tätigkeit verboten hatten, konnte sie nicht mehr als Pilotin arbeiten. Sie schlug sich mit Schwarzmarktgeschäften durch und erfuhr in Gesprächen mit anderen Frauen von deren Dilemma: einerseits ihrem Bedürfnis nach Sexualität, andererseits dem Wunsch, wegen Wohnungslosigkeit und Zukunftsängsten aktuell keine Kinder bekommen zu wollen. Beate Uhse brachte dazu eine Broschüre über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode heraus. Bis 1947 verkaufte sich die Schrift X etwa 32.000-mal zum Preis von 50 Pfennig und verschaffte Beate Uhse Startkapital, um ihren „Betu-Versand“ auch auf größere Städte wie Hamburg und Bremen auszudehnen. Sie galt als „Mutter Courage des Tabubruchs“ und wurde als Ratgeberin zur Sexualität und Erotik gefragt. Bald verkaufte sie auch Kondome und „Ehebücher“.

1951 gründete sie mit vier Angestellten das „Versandhaus Beate Uhse“, das Kondome und Bücher zum Thema „Ehehygiene“ anbot. Bereits zwei Jahre später hatte die kleine Firma 14 Angestellte. Anfang der 1960er Jahre hatte die Firma bereits fünf Millionen Kunden. 1962 eröffnete sie in Flensburg ihr „Fachgeschäft für Ehehygiene“, den ersten Sexshop der Welt. Auf Anraten ihres Anwaltes eröffnete sie das Geschäft zu Weihnachten, da zur Weihnachtszeit keine Übergriffe empörter Bürger zu befürchten seien und sich die Empörung danach abgekühlt haben würde. In ihrem Geschäft und im Katalog bot sie immer mehr „Artikel für die Ehehygiene“ an. Auf Anzeigen des Volkswartbundes und weiterer Bürger wurden die Artikel polizeilich verfolgt, die „der unnatürlichen, gegen Zucht und Sitte verstoßenden Aufpeitschung und Befriedigung geschlechtlicher Reize“ dienten.[7] Über 2000 Anzeigen wurden bis 1992 gegen ihr Geschäft eingereicht. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verweigerte ihrem Stephenson Verlag den Eintritt „wegen sittlicher Bedenken“, und der Flensburger Tennisclub wollte sie wegen „allgemeiner Bedenken“ nicht als Mitglied akzeptieren. Daraufhin ließ sie sich einen eigenen Tennisplatz bauen. Aufgrund ihres geschäftlichen Erfolges konnte sie sich als erstes eigenes Flugzeug eine Cessna 172 kaufen.

1970 war Beate Uhse Sponsorin des letzten Konzerts von Jimi Hendrix, des Love-and-Peace-Festivals am 6. September 1970 auf der schleswig-holsteinischen Ostseeinsel Fehmarn. 1996 eröffnete sie in Berlin das Beate Uhse Erotik-Museum.[8] 1999 ging die Beate Uhse AG an die Börse. Die Aktie war 64-fach überzeichnet, verlor allerdings bisweilen über 95 Prozent ihres Wertes. Begehrt sind wegen der Abbildung zweier fast nackter Frauen auch die effektiven Stücke der Aktien.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1989 wurde Beate Uhse das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen,[9] und 1999 durfte sie sich zu ihrem 80. Geburtstag in das Goldene Buch der Stadt Flensburg eintragen. Die Ehrenbürgerwürde der Stadt Flensburg erhielt sie damit aber nicht.[10][11][12] 1998 wurde ihr die „Ehrenvenus“ des Berufsverbandes (International Erotic Award) verliehen. 2000 wurde ihr als größte europäische Auszeichnung der „Hot d’Or d‘Honneur“ in Cannes verliehen.

Die Kirchengemeinde St. Marien, in der Beate Uhse von 1946 bis 1961 lebte, enthüllte eine Ehrentafel. Zudem wurde nach ihrem Tod im neuen Wohngebiet Hochfeld bei Flensburg-Tarup eine Stichstraße nach ihr Beate-Rotermund-Straße benannt (Lage). 2015 wurde zudem erwogen, die Flensburger Fachhochschule nach der Unternehmerin zu benennen. Der Vorschlag konnte sich jedoch nicht durchsetzen, nach Angaben des FH-Präsidenten Holger Watter auf Grund mangelnden Mutes.[13]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Ulrich Pramann: Mit Lust und Liebe. Mein Leben. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1989, ISBN 3-550-06429-2.
  • mit Ulrich Pramann: Ich will Freiheit für die Liebe – Beate Uhse. Die Autobiographie. Ullstein, München 2001, ISBN 3-548-60049-2.
  • Sex sells. Die Erfolgsstory von Europas größtem Erotik-Konzern. Knaur, München 2002, ISBN 3-426-77599-9.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elizabeth D. Heineman: Der Mythos Beate Uhse. Respektabilität, Geschichte und autobiographisches Marketing in der frühen Bundesrepublik. In: Werkstatt Geschichte. 40, 2006 (online PDF; 4,98 MB).
  • Elizabeth D. Heineman: Before Porn Was Legal: The Erotica Empire of Beate Uhse. Chicago 2011, ISBN 978-0-226-32521-7.
  • Jürgen Hobrecht: Beate Uhse. Chronik eines Lebens. Beate Uhse Holding, Flensburg 2003, ISBN 3-00-010643-X.
  • Uta van Steen: Liebesperlen – Beate Uhse. Eine deutsche Karriere. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2003, ISBN 3-434-50548-2.
  • Sybille Steinbacher: Wie der Sex nach Deutschland kam. Siedler, München 2011, ISBN 978-3-88680-977-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Beate Uhse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beate Uhse: Mit Lust und Liebe – Mein Leben. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1989. ISBN 3-550-06429-2, S. 53–55. – In ihrer Autobiographie beschreibt sie, dass ihr die Schule auf Juist „sehr gut gefallen“ habe. Der Schulgründer Martin Luserke, ihr „Lieblingslehrer“, sei „großzügig und geistreich“ sowie „verständnisvoll“ gewesen.
  2. Carl Freytag: Erinnern und Erzählen: der Spanische Bürgerkrieg in der deutschen und spanischen Literatur und in den Bildmedien. Gunter Narr Verlag, 2005, ISBN 978-3-8233-6168-8, S. 360, Anm. 33 (google.de [abgerufen am 11. Juni 2017]).
  3. knerger.de: Das Grab von Beate Uhse
  4. Interview im Sonntagsblatt (Memento vom 30. September 2000 im Internet Archive)
  5. Norbert Rohde: Historische Militärobjekte der Region Oberhavel. Band 1: Das Heinkel-Flugzeugwerk Oranienburg. Velten, Leegebruch 2006, ISBN 3-9811401-0-9, S. 78.
  6. aus: Air Venture Wußten Sie schon...
  7. Zur Rolle des Volkswartbundes siehe u. a. Sybille Steinbacher: Wie der Sex nach Deutschland kam. München 2011, ISBN 978-3-88680-977-6, Kapitel 1 und 3.
  8. Beate Uhse Erotik-Museum
  9. RPonline zum 85. Geburtstag. Abgerufen am 21. Februar 2016.
  10. Beate Uhse – eine Ehrenbürgerin, die keine ist, vom: 15. Februar 2015, abgerufen am: 15. Februar 2015
  11. Die entstandene Urbane Legende der Ehrenbürgerschaft schaffte es unter anderem sogar ins Lexikon der Stadt. Vgl. Andreas Oeding, Broder Schwensen, Michael Sturm: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg!. Flensburg 2009, Artikel: Beate Uhse
  12. Berliner Zeitung: Sonnenblumen und Aktien, vom: 4. August 2001; abgerufen am 15. Februar 2015
  13. FH wird Hochschule Flensburg: „Für Beate Uhse fehlte uns der Mut“, vom: 11. Mai 2016; abgerufen am: 12. Mai 2016