Begegnung zwischen Franz Stigler und Charles Brown

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Die Begegnung zwischen Franz Stigler und Charles Brown fand während des Zweiten Weltkriegs am Himmel über Deutschland statt. Am 20. Dezember 1943 trafen die Messerschmitt Bf 109 des deutschen Jagdfliegers Franz Stigler (* 1915 in Regensburg; † 22. März 2008 bei Vancouver)[1] und die B-17 Flying Fortress des amerikanischen Bomberpiloten Charles „Charlie“ L. Brown (* 1922; † 24. November 2008 in Miami)[2] aufeinander. Da die B-17 bereits durch gegnerisches Feuer schwer beschädigt und ein Großteil der Besatzung tot oder verwundet war, schoss Stigler sie nicht ab, sondern geleitete sie befehlswidrig über den Flakgürtel hinweg bis über die Nordsee. Er handelte dabei nach eigener Aussage aus humanitären Gründen.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die B-17 mit dem Spitznamen Ye Olde Pub gehörte zur 379th Bomb Group und war auf einem englischen Flugfeld stationiert. Am 20. Dezember 1943 sollte die Maschine als Teil eines Verbandes eine Rüstungsfabrik bei Bremen angreifen. Es war 2nd Lt. Browns erster Einsatz als Bomberkommandant der Gruppe. Der Angriff gelang zwar, allerdings wurde die Maschine durch Flugabwehrfeuer beschädigt. Ein Motor fiel aus, ein weiterer wurde beschädigt, so dass sie ihre Geschwindigkeit nicht halten konnte und hinter die übrigen Flugzeuge der Formation zurückfiel. Dies machte sie zu einem leichten Ziel für weitere Angriffe von deutschen Jagdflugzeugen, die die B-17 schwer beschädigten, den Heckschützen töteten und fast alle übrigen Besatzungsmitglieder verwundeten. Brown war an der Schulter verletzt und wurde wegen der beschädigten Sauerstoffversorgung zeitweise bewusstlos.[3]

Franz Stigler bemerkte die sehr tief fliegende Maschine, als seine Bf 109 auf dem Flugfeld Jever (nahe Oldenburg) aufgetankt und aufmunitioniert wurde. Stigler stieg sofort auf und folgte ihr. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 22 Luftsiege errungen, ein weiterer fehlte ihm noch zur Verleihung des Ritterkreuzes.[4] Stigler näherte sich von hinten zum Angriff und wunderte sich über das Ausbleiben von Abwehrfeuer. Er erkannte die Beschädigungen, den Toten, die Verwundeten und die wehrlose Situation der gegnerischen Crew. Er griff nach dem Rosenkranz in seiner Fliegerjacke und entschied sich, die Maschine nicht anzugreifen.[5] Er gab später an, die Lage der Amerikaner mit der von mit Fallschirmen abgesprungenen Besatzungsmitgliedern gleichgesetzt zu haben. Deren Tötung wurde von seinem Vorgesetzten Gustav Rödel als zutiefst unehrenhaft und unmenschlich bewertet. Stattdessen flog er nahe neben der feindlichen Maschine und nahm Blickkontakt mit Brown auf. Da Stigler sich bewusst war, dass sein Verhalten als Verrat mit dem Tod bestraft werden könnte, versuchte er, die Amerikaner mit Gesten und Handzeichen zur Landung zu bewegen, was aber vom Kommandanten Brown nicht verstanden oder abgelehnt wurde.[4] Auch seine Vorstellung, der Bomber könnte im neutralen Schweden landen, konnte er nicht vermitteln.[3]

Durch den Formationsflug mit einer deutschen Maschine war die B-17 vor Flugabwehrfeuer geschützt. Da die Luftwaffe auch erbeutete Flugzeuge einsetzte, war ein solcher gemeinsamer Flug einer Bf 109 mit einer B-17 zwar sehr ungewöhnlich, aber nicht völlig abwegig.[6] Zwischenzeitlich ließ Brown, der der Situation gegenüber immer noch misstrauisch war, ein Maschinengewehr auf Stiglers Bf 109 ausrichten. Als die B-17 die Nordsee erreichte, salutierte Stigler zu Brown, drehte ab und landete zu einer Reparatur auf dem Flughafen Bremen.[7]

Die Ye Olde Pub landete sicher in Norfolk; Brown meldete den Vorfall sofort seinem Vorgesetzten und wurde zu Stillschweigen verpflichtet. Er setzte alles daran, bald wieder mit seiner Crew einen Einsatz zu fliegen.[8]

Stigler erzählte zunächst niemandem außer seiner Frau von den Ereignissen.[3][4] Erst im Sommer 1990 erzählte er Adolf Galland davon.[9]

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brown setzte sich nach weiteren Einsätzen im Welt- und im Vietnamkrieg in Miami zur Ruhe, Stigler diente bis Kriegsende weiter und wanderte 1953 nach Vancouver, Kanada aus. Brown versuchte zeitlebens die Motive des deutschen Piloten zu ergründen, Stigler fragte sich dagegen, ob es die B-17 nach England geschafft hatte. 1987 begann Brown vor allem in Archiven zu suchen. Dank der Unterstützung von Adolf Galland veröffentlichte das Jägerblatt, die Zeitschrift der Gemeinschaft der deutschen Jagdflieger, einen Suchbrief von ihm. Daraufhin nahm Stigler 1990 Verbindung mit ihm auf.[10] Die Männer und ihre Frauen verband fortan eine enge Freundschaft.[3][6]

Die Ereignisse wurden in einem 2013 erschienenen Buch (A higher call) thematisiert. Das Buch erschien 2017 in deutscher Übersetzung.[11]

Das Lied No Bullets Fly der schwedischen Metalband Sabaton ist der Begegnung zwischen Franz Stigler und Charles Brown gewidmet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adam Makos, Larry Alexander: A Higher Call. An Incredible True Story of Combat and Chivalry in the War-Torn Skies of World War II. Penguin, New York 2012, ISBN 978-1-101-61895-0 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
    • Adam Makos. Mit Larry Alexander: Eine höhere Pflicht : wie ein deutscher Pilot seinem amerikanischen Feind im Zweiten Weltkrieg das Leben schenkte. Übers.: Helmut Reuter. Riva 2014, ISBN 978-3-86883-397-3

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christian Eckl: Regensburgs vergessener Held ist in Übersee eine echte Ikone. In: wochenblatt.de. 8. Dezember 2011, abgerufen am 8. Januar 2015.
  2. Nachruf auf Charles L. Brown im Miami Herald vom 7. Dezember 2008, online auf www.legacy.com.
  3. a b c d Honour in the skies: The day a chivalrous German flying ace saluted a crippled US bomber and let them fly to safety instead of shooting them down. In: MailOnline. Associated Newspapers Ltd., 9. Dezember 2012, abgerufen am 8. Januar 2015 (englisch).
  4. a b c Maureen Callahan: Amazing tale of a desperate WWII pilot’s encounter with a German flying ace. In: New York Post. NYP Holdings, Inc., 9. Dezember 2012, abgerufen am 8. Januar 2015 (englisch).
  5. Martin Eich: Ein Gentleman in der Messerschmitt. In: FAZ vom 19. Dezember 2017, S. 7.
  6. a b John Blake: Two enemies discover a 'higher call' in battle. In: CNN International. 9. März 2013, abgerufen am 8. Januar 2015 (englisch).
  7. Interviews (englisch). Abgerufen am 21. September 2017.
  8. Adam Makos. Mit Larry Alexander: Eine höhere Pflicht ..., S. 198f
  9. Adam Makos. Mit Larry Alexander: Eine höhere Pflicht ..., S. 344
  10. Adam Makos. Mit Larry Alexander: Eine höhere Pflicht ..., S. 338
  11. siehe #Literatur