Beißhemmung

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Ohne Beißhemmung wären schwere Verletzungen in solchen Situationen die Regel.

Als Beißhemmung wird heute vor allem die Fähigkeit zur Kontrolle der Beißintensität bei Raubtieren aus der Familie der Hundeartigen bezeichnet. Diese Fähigkeit wird von den Welpen dieser Arten allmählich durch Spielverhalten erlernt.

Die ursprünglichen Annahme eines angeborenen Schutzmechanismus,[1] wie sie von Vertretern der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung vertreten wurde, gilt heute als Fehlinterpretation von beobachtbarem Ausdrucksverhalten.[2]

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung zufolge bezeichnete Beißhemmung einen angeblich bei vielen Tierarten vorhandenen, angeborenen Schutzmechanismus, der dazu führe, dass ein im Kampf unterlegenes Individuum vom siegreichen Artgenossen nicht ernstlich verletzt werde, sofern das unterlegene Tier seine Niederlage durch eine „Demutsgeste“ kenntlich mache. Dieses Konzept der Beißhemmung wurde im deutschen Sprachraum vor allem durch das Buch Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen von Konrad Lorenz bekannt, das 1949 erstmals publiziert wurde.

In diesem Buch beschrieb und interpretierte Lorenz eine Zufallsbeobachtung im Whipsnade Zoo von London: den anfangs wilden Kampf zweier Wölfe. Lorenz hatte beobachtet, dass beide Tiere danach plötzlich still standen, und der jüngere (und angeblich unterlegene) der beiden Wölfe habe seinen Kopf zur Seite gedreht, auf diese Weise dem älteren (und angeblich überlegenen) seine ungeschützte Kehle darbietend. Der ältere Wolf habe sein Maul ganz dicht dem Hals des zweiten angenähert, ohne aber zuzubeißen. Konrad Lorenz deutete diese Situation so, als ob der unterlegene Wolf dem anderen seine empfindlichste Körperstelle absichtlich derart ungeschützt präsentiert habe. Lorenz wörtlich: „Und es sieht nicht nur so aus, sondern es ist erstaunlicherweise tatsächlich so.“

Diese Beobachtung wurde später von Lorenz und anderen Autoren verallgemeinert; auch das Ende des Kampfverhaltens von Tieren anderer Arten wurde in gleicher Weise gedeutet. Zudem hatte Konrad Lorenz' anekdotischer Bericht aus dem Londoner Zoo zwar die größte Wirkung, er stand aber nicht allein. Schon 1943 hatte Lorenz so genannte Demutsgesten bei Mensch und Tier beschrieben, aufgrund derer beim überlegenen Gegner angeblich angeborene Hemmungsmechanismen aktiviert würden. Solche hemmenden Schlüsselreize hätten sich im Verlauf der Stammesgeschichte entwickelt, um weitere beschädigende Handlungen zu unterbinden, wenn das Ergebnis der Auseinandersetzung bereits eindeutig ist.[3] Auch der Zoologe Werner Fischel hatte in seinem 1947 erschienenen Buch Die kämpferischen Auseinandersetzungen in der Tierwelt drei Phasen jedes Kampfes zwischen Tieren unterschieden: Drohen, Kämpfen, Unterwerfen.

In seinem 1988 erschienenen Buch Der Hund antwortete der Kynologe und Lorenz-Schüler Erik Zimen nach jahrelangen Studien auf Lorenz' anekdotischen Bericht so: „Was Lorenz sah, war kein wirklich ernsthafter Kampf.“[4] Außerdem habe Lorenz den unterlegenen Wolf mit dem überlegenen verwechselt.

Gegen Lorenz' Deutung des Verhaltens hatte sich vor Erik Zimen bereits 1967 der Basler Ethologe Rudolf Schenkel gewandt. Wie Zimen wies er darauf hin, dass sowohl Lorenz als auch Fischel so gut wie alles, was beim Hundekampf zu beobachten sei, missverstanden hätten. Obwohl auch Bernhard Hassenstein die „soziale Beißhemmung“ auf die Jagd- und Kampfspiele junger Tiere beschränkte,[5] wurde das Konzept einer angeborenen Beißhemmung bei Hunden und anderen Beutegreifern auch danach von der populärwissenschaftlichen wie auch der kynologischen Literatur aufgegriffen. Hierzu mag beigetragen haben, dass auch erwachsene Hunde bei aggressiv erscheinenden, aber gleichwohl spielerischen Kämpfen die von Lorenz beschriebenen Verhaltensweisen gelegentlich durchaus zeigen.

Dorit Urd Feddersen-Petersen erläuterte die Verhaltensweisen wie folgt:

„Früher wurde der Wolf als typisches Beispiel dafür beschrieben, dass Tiere mit besonders gefährlichen Waffen über besonders wirksame Hemm-Mechanismen zur Verhinderung ernster Verletzungen verfügen. Konrad Lorenz missdeutete das von Fischel gezeichnete Halsdarbieten eines Hundes als Demutsgeste und schrieb ihm beißhemmende Wirkung zu, die den Abbruch des Kampfes bedingt und zur Sicherung der Arterhaltung beiträgt. Das ist sicherlich falsch. (...) Das Halsdarbieten entsteht, wenn der überlegene Hund betont wegsieht, ist also ein Imponierausdruck.“[6]

Zur Deutung der Vorgänge beim Kampf zweier Hunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Drohverhalten, Imponieren und auf den ungeübten Beobachter aggressiv wirkende Aktionen folgen laut Erik Zimen beim Hund „nur in ganz seltenen Ausnahmefällen“ wirklich ernsthafte Beschädigungskämpfe. Solche Kämpfe gebe es zwar, aber lautlos, ohne Ausdrucksverhalten und gleichsam hemmungslos, und sie würden „außerdem niemals durch demutsvolle Unterwerfung beendet werden“.

Die schwere Verletzungen vermeidende Zurückhaltung bei so genannten Schaukämpfen deutet Zimen als ein erlerntes Verhalten: „Die Angst der Tiere scheint hier eine ganz besonders wichtige Rolle zu spielen. Sie verhindert in der Regel, dass fest zugebissen wird, denn darauf reagiert der Gegner ebenfalls mit festem Beißen.“[7]

Wer je das Aufwachsen gut sozialisierter, größerer Hunde miterlebt hat, wird dieser Beobachtung zustimmen können: Wenn Herrchen oder Frauchen dem Jungtier spielerisch die Faust ins Maul stecken, kaut es zunächst vorsichtig, zunehmend aber kräftiger auf ihr herum, oft gefährlich knurrend und mit arg gerunzelter Nase, ohne dass man sich vor dem jungen Hund ernsthaft fürchten müsste. Man muss ihm aber dennoch deutlich zeigen, ab welcher Bissstärke es zu schmerzhaft für den menschlichen Widerpart wird: „Ist der Mensch von Tieren als Spielgefährte anerkannt, so kann er sich unbedingt auf ihre 'soziale Beißhemmung' verlassen.“[5]

Erik Zimen weist nach seinen jahrelangen Studien an Wölfen und Hunden darauf hin, dass die Welpen erst die Grenzen des spielerischen Kämpfens lernen müssen: „Die Beißhemmung beim Spiel der Welpen wie auch bei den meisten Formen aggressiver Auseinandersetzung unter den älteren Wölfen wäre demnach ein durch Lernprozess bedingter und auf der Angst vor Schmerz beruhender Mechanismus, der Verletzungen im Rudel weitgehend verhindert.“

Eine angeborene Form der Beißhemmung erkennen Zimen und andere Forscher daher nur im zurückhaltenden Verhalten ausgewachsener Tiere gegenüber Jungtieren (vergleiche Kindchenschema). Außerdem kann man aus diesen Studien ableiten, dass schlecht sozialisierte oder gar in ihrer Jugend misshandelte Hunde, die nicht lernen konnten, dass eigene Zurückhaltung auch den gegnerischen Hund (oder Mensch!) zur Zurückhaltung beim Schmerzzufügen veranlasst, hinsichtlich ihrer Aggressivität unberechenbar gemacht werden können.

Besonders kurios an der sich bis heute haltenden, völlig falschen Deutung der Ausdrucksbewegungen von Hunden und Wölfen ist, dass Erik Zimen seinen Lehrer Konrad Lorenz davon überzeugen konnte, dass dieser einer Fehldeutung aufgesessen war. Erik Zimen (1988): „Um so mehr erstaunt es mich, wenn ich heute noch bei manch einem unserer Hundeexperten tiefschürfende Erörterungen über Halsdarbietung und Beißhemmung lese, und wie der Sieger seinen Kontrahenten einfach nicht töten kann. Und dies noch oft mit einem moralischen Unterton, wie zweckdienlich die Natur doch sei und wie schrecklich der Mensch…“[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Fischel: Die kämpferischen Auseinandersetzungen in der Tierwelt. Leipzig 1947
  • Konrad Lorenz: Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen. dtv, München 1998, ISBN 3423202254 (die Erstausgabe erschien bereits 1949, das Buch wurde in diversen Neu- und Sonderausgaben aufgelegt)
  • Erik Zimen: Der Hund. Abstammung – Verhalten – Mensch und Hund. C. Bertelsmann Verlag, München 1988, ISBN 3-570-00507-0 (erschien auch aus Taschenbuch bei Goldmann)
  • Erik Zimen: Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos. Goldmann Verlag, München 1993, ISBN 3-442-12336-4 (= Taschenbuchausgabe. Die Hardcoverausgabe erschien bereits 1990 bei Knesebeck & Schuler)
  • Patricia B. McConnell: Das andere Ende der Leine. Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt. Kynos Verlag, 2004, ISBN 3-933228-93-X (Anhand überlegt ausgesuchter Beispiele wird unterhaltsam geschildert, wie Kommunikation zwischen Mensch und Hund scheitern bzw. gelingen kann.)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • bio.vobs.at Textauszug über „Moral und Waffen“ aus Konrad Lorenz, Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fische (mit der Beobachtung zur Beißhemmung)
  • Linda Hornisberger: Die Beisshemmung. (PDF; 869 kB). Informationsmaterial der Schweizerischen Tierärztlichen Vereinigung für Verhaltensmedizin zur Beißhemmung bei Hunden, zu den Gründen, warum Hunde beißen und zum Training der Beißhemmung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dorit Urd Feddersen-Petersen: Hundepsychologie. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-440-09780-9, S. 269.
  2. Desmond Morris: Dogwatching. Die Körpersprache des Hundes. Wilhelm Heyne Verlag, München 1999, S. 80–81, ISBN 3-453-16503-9
  3. Erik Zimen: Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos. Goldmann Verlag, München 1993, S. 76
  4. Erik Zimen: Der Hund. Abstammung – Verhalten – Mensch und Hund. C. Bertelsmann Verlag, München 1988, S. 236
  5. a b Bernhard Hassenstein: Lern- und Spielverhalten. Kapitel 22 in: Klaus Immelmann: Grzimeks Tierleben, Sonderband Verhaltensforschung. Kindler Verlag, Zürich 1974, S. 317
  6. Dorit Urd Feddersen-Petersen: Gefährliche Hunde, S. 10, Volltext, PDF
  7. Erik Zimen: Der Wolf
  8. Erik Zimen: Der Hund – Abstammung, Verhalten, Mensch und Hund. Goldmann, 1992, ISBN 3-442-12397-6. S. 335