Belgische Streitkräfte in Deutschland

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Wappen der Belgischen Streitkräfte in Deutschland
Sektor der Belgischen Streitkräfte in Deutschland

Belgische Streitkräfte waren in Deutschland bis 2004 stationiert. Eine Armée Belge d´Occupation gab es bereits von 1918 bis 1929 im Rahmen der Alliierten Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg marschierte am 15. Mai 1945 als erste die Brigade Piron als Hilfskräfte im Auftrag der britischen Besatzungsarmee in Deutschland ein.[1] Die Belgischen Streitkräfte in Deutschland (nl. Belgische Strijdkrachten in Duitsland BSD, frz. Forces Belges en Allemagne FBA) wurden am südlichen Rand der Britischen Besatzungszone auf einem Gebiet Nordrhein-Westfalens und Hessens zwischen Aachen und Kassel, stationiert. Der Belgische Korridor umfasste auch nördliche Teile von Hessen (Raum Kassel) und somit hinein in die ehemalige amerikanische Besatzungszone, die 1947 mit der englischen Besatzungszone zur Bi-Zone zusammengeschlossen wurde. Das Hauptquartier wurde am 25. Oktober 1946 in Lüdenscheid aufgestellt,[2] zog aber im Oktober 1948 nach Bonn (Hauptquartier im Palais Schaumburg, weitere Quartiere in Troilokaserne und Schloss Deichmannsaue) um, bevor es diese Stadt aufgrund der Ausweisung als besatzungsfreie Zone bis zum 31. Oktober 1949 wieder räumen musste[3] und Bonn zum vorläufigen Regierungssitz bestimmt wurde. Es verlegte seinen Sitz im November 1949 in die Kaserne Haelen, ehemalige Etzelkaserne der Wehrmacht, in Köln-Junkersdorf.[4] Garnisonen gab es unter anderem auch in Aachen, Bad Arolsen (Antoine-Kaserne), Büren, Düren (Panzerkaserne), Eschweiler, Euskirchen, Rheinbach (Tomburg-Kaserne), Kassel, Köln, Lüdenscheid, Siegen, Soest, Werl, Arnsberg (Jägerkaserne), Neheim und Troisdorf-Spich. Kommandant der BSD war ab Dezember 1946 General Jean-Baptiste Piron, nach welchem auch die 1. Infanteriebrigade Brigade Piron genannt wurde.

Dieser Status als Besatzungsarmee endete mit der Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato.

Zwischen Belgien und Deutschland wurde vertraglich die weitere Stationierung vereinbart. Das belgische Militär wurde in die militärischen Pläne der NATO eingebunden. Die belgischen Streitkräfte in Deutschland umfassten 1988 noch 26.900 Soldaten, die in 165 deutschen Standorten stationiert waren und über drei Flugplätze und zwei Krankenhäuser verfügten. Zeitweilig lebten auch ca. 25.000 belgische Frauen und Kinder in Deutschland. 1996 wurde das Kommando des 1. Belgischen Armeekorps, dem auch die BSD unterstanden, dem Kommando der Belgischen Interventionsstreitkräfte in Saive bei Lüttich unterstellt. 1998 war die Zahl der belgischen Soldaten in Deutschland auf ca. 2200 reduziert worden. Die Garnison von Köln war zeitweise die größte belgische Garnison im Ausland. Sie existierte bis Ende 2003.

Der Stützpunkt Camp Astrid bei Eschweiler wurde 1995 geräumt, nachdem schon der Aachener Standort, Camp Gabrielle Petit in Aachen Hitfeld, 1992 aufgegeben wurde. Der ab 1950 von der belgischen Armee verwaltete und seit 1956 auch von anderen NATO-Truppen genutzte Camp- und Truppenübungsplatz Vogelsang in der Nordeifel wurde 2005 geräumt und einer zivilen Nutzung zugeführt. Bereits 2004 wurde das Camp Altenrath in Troisdorf geräumt, welches zunächst, analog zum ebenfalls geräumten Camp Spich, einer gewerblichen Nachnutzung zugeführt werden sollte. Dieses scheiterte jedoch letztlich, so dass neuesten Planungen zufolge das inmitten der Wahner Heide gelegene Kasernengelände bis 2015 komplett renaturiert werden soll. Das im gleichen Zeitraum geräumte Camp Spich wurde in ein Gewerbegebiet umgewandelt.

Zu den Aufgaben der belgischen Armee zählt auch die Bewachen von Nuklearwaffen, unter anderem an den Standorten Sondermunitionslager Wahner Heide in Köln und Sondermunitionslager Stilleking in Lüdenscheid.

Territorialorganisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standorte der belgischen Streitkräfte in Deutschland 1990 (In Klammern: Schließung vor 1990)

Der Stationierungsraum der belgischen Streitkräfte in Deutschland erstreckte sich über den südlichen Rand der ehemaligen Britischen Besatzungszone. Im Laufe der Jahre wurden viele belgische Soldaten und ihre Familien in den Garnisonen heimisch und bezeichneten die belgischen Standorte pauschal gern als "10. Provinz" in Anspielung an die (damals) neun Provinzen des Königreichs Belgien. Unter dem Stab Etat-major Territorial FBA/Territoriale Staf BSD bestanden zwei "Sektoren" (Ost und West) mit je drei "Untersektoren", in die die einzelnen "Plätze" und "Garnisonen" zusammengefasst waren. Gliederung 1983:

  • Secteur Est/Sector Oost Neheim
    • Sous-Secteur/Ondersector Arolsen
      • Place/Plaats Arolsen, Brakel, Essentho
      • Garnison/Garnizoen Korbach
    • Sous-Secteur/Ondersector Siegen
      • Place/Plaats Lüdenscheid, Siegen (1980 noch Attendorn)
    • Sous-Secteur/Ondersector Soest
      • Place/Plaats Arnsberg, Büren, Neheim, Soest, Werl
  • Secteur Ouest/Sector West Köln
    • Sous-Secteur/Ondersector Düren-Grefrath (1980 Grefrath)
      • Place/Plaats Blankenheim, Düren, Goch, Grefrath, Mönchengladbach, Xanten (1980 noch Erle, Euskirchen, Grevenbroich)
      • Garnison/Garnizoen 1980 noch Kaster
    • Sous-Secteur/Ondersector Köln-Aachen (1980 Köln)
      • Place/Plaats Aachen, Köln, Vogelsang, Weiden
      • Garnison/Garnizoen Probsteierwald
    • Sous-Secteur/Ondersector Westhoven (1980 Spich)
      • Place/Plaats Dellbrück, Spich, Westhoven
      • Garnison/Garnizoen Altenrath

Der Kommandeur der 16e Div war zugleich Kommandant des Sektors Ost. Die Kommandeure der 4. und 17. Brigaden waren die Kommandanten der Untersektoren Soest und Siegen; Arolsen wurde vom Kommandeur ComRecce geführt. Der Sektor West unterstand direkt dem Kommandierenden General der FBA/BSD; der Untersektor Düren-Grefrath umfasste die Garnisonen mit Flugabwehrraketen Nike der belgischen Luftstreitkräfte (Force Aérienne/Luchtmacht). Der Sitz der Verwaltung befand sich in Spich. 1990 bestanden noch 23 Standorte, 1995 nur noch drei Standorte (Spich, Altenrath, Vogelsang), außerdem 1800 Wohnungen zwischen Siegburg, Köln und Aachen, dazu 8 Schulen und 6 Sanitätseinrichtungen.

Das Leben der Familien in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belgien erlaubte bereits kurz nach Kriegsende den Nachzug der Familien der Besatzungssoldaten in das zerstörte Deutschland. Eine Broschüre des Ministeriums für Nationale Verteidigung von 1946 gibt eine Vorstellung, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen konfrontiert waren. Die Armee sah sich genötigt, alle wesentlichen Aufgaben bei der Installation der Familien zu übernehmen. Sie regelte die Reise, Wohnung, Miete, Heizung, Strom und Versorgung mit Lebensmitteln. Dem Soldaten wurde je nach Dienstgrad und Familienstand eine Wohnung zugewiesen. Die Pioniere führten notwendige Instandsetzungen durch. Rationen für Brennholz und Kohle zum Heizen sowie für Lebensmittel wurden zur Verfügung gestellt. Die Armee richtete Clubs ein, stattete Läden und Kantinen aus, stellte die medizinische Versorgung sicher und übernahm die Aufgaben eines Reisebüros. Auch kümmerte sie sich um das soziale und kulturelle Leben. Die Militärgeistlichen betreuten auch die Familien, Schulen für die Grundversorgung wurden gegründet, ebenso kulturelle Vereinigungen. Theateraufführungen und Filmvorführungen, organisiert von der Organisation „Welfare“, machten das Leben angenehmer. Die Unterrichtung älterer Schüler in Sekundarschulen begann 1947 in Bad Honnef; 1950 wurde im Schloss Venauen als Gymnasium das Athénée Royal Rösrath (RAR) gegründet. Nach der administrativen Sprachentrennung in Belgien wurde als eigenständiges Gymnasium in niederländischer Sprache 1965 im Schloss Bensberg das Koninklijk Atheneum Bensberg (KAB) ausgegliedert.

Ende August 1946 lebten 170 belgische Soldatenfamilien in Deutschland, 1965 belief sich ihre Zahl auf über 9000. Zur Unterbringung wurden weitere 2300 Wohnungen gebaut, deren Verwaltung der belgischen Organisation KTG in Köln-Weiden (mit KSR West in Köln-Ossendorf und KSR Ost in Soest) oblag. Grund und Boden blieben im Besitz der Bundesrepublik Deutschland. An den beiden Gymnasien in Rösrath und Bensberg sowie den 23 Schulen im belgischen Stationierungsgebiet wurden 1965 elftausend Schüler unterrichtet. Für die medizinische Versorgung bestanden drei Militärkrankenhäuser in Aachen, Soest und Köln-Ehrenfeld. Die Organisation Cantine Militaire Centrale (CMC) war für den Betrieb der Läden in den belgischen Wohnsiedlungen verantwortlich. Auch eine eigene Postverwaltung für die FBA/BSD mit Sitz in Lüttich bestand mit regionalen Bureaux Postales Secondaires (BPS) in den einzelnen Garnisonen.

Standort Feldpostamt Personalstärke Schule Militärkaufhaus
Arolsen BPS 37 1600 1951–1995 Arolsen-Waldeck
Brakel 1400 1966–1994
Essentho 1500 1968–1995 (1970 auch Mittelschule)
Siegen BPS 3 4650 1946–1995 (1975 auch Lycée) Hindenburgstraße
Lüdenscheid BPS 10 3850 1946–1995 (Neubau 1975) Heerscheider Landstraße
Soest BPS 1 5850 1947–1995 (Neubau 1965, 1970 auch Atheneum) Bruderstraße
Arnsberg 1200 1946–1994 (1970 auch Mittelschule) Gartenstraße
Büren 400 1963–1992 (Belgisch-amerikanische Garnisonsschule)
Neheim BPS 6 1000 1946–1995 (Neubau 1955)
Werl 2500 1947–1995 Walpurgisstraße
Düren BPS 12 1952–1991 (1970 auch Athénée) Eberhard-Hoesch-Straße
Grefrath BPS 41 Kempen 1966–1991
Blankenheim 1968–1989
Euskirchen BPS 11 1946–1983 Neustraße
Goch 1961–1995
Mönchengladbach 1953–1995
Xanten BPS 36 1966–1989
Köln BPS 5 Ossendorf 1951–1995 Eupener Straße, Äußere Kanalstraße, Ebertplatz
Aachen BPS 9 1946–1994 Freunder Weg, Großkölner Straße
Vogelsang BPS 13 1952–2002
Weiden BPS 7 1947–1996 (Neubau 1955) Bahnstraße, Eichenstraße
Westhoven BPS 4 1962–1995 Urbach Siemensstraße
Dellbrück 1948–1994 (Neubau 1950) Bergisch-Gladbacher Straße
Spich BPS 14 Troisdorf 1965–2003 Zentralverwaltung Troisdorf
Bensberg BPS 8 Koninklijk Atheneum 1965–1997
Rösrath Athénée Royal 1950–2003 Friedensstraße

Der Abzug der belgischen Streitkräfte aus Deutschland wurde am 7. Juni 2002 mit einer feierlichen Zeremonie in Spich in Anwesenheit von König Albert II. und Bundespräsident Johannes Rau besiegelt. Am Abend fand ein Großer Zapfenstreich, gegeben von Verteidigungsminister Rudolf Scharping für den belgischen Verteidigungsminister André Flahaut, statt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. History of the 1st Belgian Group 1940-1945, Brigade Piron, Veldtochen, Duitsland
  2. Googlebooks: Hans-Peter Schwarz: Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland.
  3. Reiner Pommerin: Von Berlin nach Bonn. Die Alliierten, die Deutschen und die Hauptstadtfrage nach 1945, Böhlau Verlag, Köln 1989, ISBN 3-412-12188-6, S. 159–168.
  4. Walther Rotsaert: De belgische Bezetting in Duitsland, S. 59