Bellersheim

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Dieser Artikel behandelt den Stadtteil Bellersheim, für das gleichnamige Adelsgeschlecht siehe Bellersheim (Adelsgeschlecht).
Bellersheim
Stadt Hungen
Wappen von Bellersheim
Koordinaten: 50° 27′ 12″ N, 8° 50′ 26″ O
Höhe: 161 (148–179) m ü. NHN
Fläche: 8,89 km²[1]
Einwohner: 1075 (31. Dez. 2014)[2]
Bevölkerungsdichte: 121 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1977
Postleitzahl: 35410
Vorwahl: 06402

Bellersheim ist ein Stadtteil von Hungen im Landkreis Gießen in Hessen.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Münzenberger Straße

Bellersheim liegt in der nördlichen Wetterau am Westrand einer Niederung, die mit geringer Neigung nach Osten zur fünf Kilometer entfernten Horloff entwässert. Am östlichen Ortsrand liegt der Sachsensee. Hierbei handelt es sich um einen rekultivierten Braunkohletagebau. Die Gemarkungsfläche beträgt 889 ha, davon sind auf den Höhen westlich bis nördlich der Ortslage 190 Hektar bewaldet. Die höchste Erhebung erreicht hier 220 Meter.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute noch vorhandene Grabhügel aus der Bronzezeit weisen die vorherige Nutzung des Siedlungsplatzes nach. Die Lage im Altsiedelland, im nördlichen Randbereich der fruchtbaren Wetterau, berechtigt zu der Annahme, dass der Platz seit der Jungsteinzeit genutzt wurde. Aus römischer Zeit gibt es noch die Reste einer villa rustica im Markwald Bellersheim, Distrikt „Streuben.“ Hier wurden auch Fliesen aus dem 13. Jahrhundert gefunden.[1]

Ersterwähnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals wurde im Jahre 769 die „Baltratisheimer marca“ im Lorscher Codex erwähnt.[3] Weitere Erwähnungen Bellersheims in dieser Handschrift sind die villa Baldradesheim (774) und Baldrisheim marca, in (780).[4] Aus der gleichen Zeit stammen die Ersterwähnungen der Nachbarorte Wohnbach und Obbornhofen. Das Kloster Lorsch erhielt zwischen 769 und 774 insgesamt zwölf private Schenkungen in Bellersheim.

Weitere historisch Formen des Ortsnamens waren:

  • Beldersheim, de (1220)[5]
  • Beldirshein, von (1341)[6]
  • Bellersheim, von (1361).[7]

Im Mittelalter gab es drei Burgsitze, die Bellersheimer Burgen, im Norden und Westen des historischen Dorfes. Die später in mehrere Linien verzweigte niederadelige Familie der Herren von Bellersheim hatte vermutlich dort ihren Stammsitz.

Im Spätmittelalter ging der Ort Rehborn, welcher in der heutigen Bellersheimer Gemarkung lag, wüst.

Im Osten, am Rande des historischen Dorfkerns steht die im 13. Jahrhundert erbaute Evangelische Kirche (Bellersheim).

Amt Hungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf Wilhelm Moritz von Greifenstein, der sich später wieder nach der Braunfelser Linie nannte, hatte seit 1693 die Herrschaft über das ganze Amt Hungen. Um 1700 umfasste das Amt Hungen die Dörfer Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Muschenheim, Nonnenroth, Röthges und Villingen, welche alle dienstpflichtig waren außer Langsdorf. In der Zeit von 1705 bis 1719 beteiligten sich die Einwohner des Ortes mit den übrigen Dörfern des Amtes Hungen an einer Rebellion gegen die Solms-Braunfelser Obrigkeit.[8]

Eine wesentlich Ursache für diese Konflikte war die schlechte ökonomische Situation der weitgehend bäuerlichen Bevölkerung. Trotz guter Ackerböden in den südlich gelegenen Orten des Amtes waren die Menschen arm und zu Nebengewerbe gezwungen. Noch 1826 lebten von den 92 Haushalten in Bellersheim 20 zusätzlich von der Leinenweberei. Diese Situation war auch im 18. Jahrhundert nicht wesentlich anders. Die durchschnittliche landwirtschaftliche Betriebsgröße z. Zt. des Aufstands betrug in Bellersheim 2,57 ha. Innerhalb eines Zeitraums von mehr als 100 Jahren (1710–1825) wuchs die Zahl der Haushalte im Dorf lediglich um zwei.[9]

Diese Situation wurde dadurch verschärft, dass der Graf Wilhelm Moritz „eine aufwändige Hofhaltung“ pflegte. Um diese zu finanzieren, wurden die in Geld zu leistenden Abgaben, besonders das Dienstgeld, deutlich erhöht. Der Anführer der Bellersheimer, Johann Heinrich Kempf, gehörte der dritten Steuerklasse an und musste 16 fl jährlich zahlen, die sein Hof aber nicht abwarf.[10]

Bellersheim stieß Anfang 1715 zu den Orten, die beim Reichshofrat in Wien Klage einreichten. Mit Druckmitteln wie Zwangsrekrutierungen der Schöffen und Ausschluss vom Abendmahl verschärfte die Obrigkeit die Situation. Nachdem der Graf Wilhelm Moritz durch einen Beschluss des Reichshofrats gestärkt worden war, versuchte er Zwangspfändungen durch Soldaten vorzunehmen, Diese scheiterten aber am Widerstand der Bevölkerung in Bellersheim und anderen Orten. Da sich die Hungener Landmiliz langsam auflöste, setzte man die Landmiliz des Amtes Wölfersheim ein, die aber am 26. November 1716 bei Nieder-Bessingen in die Flucht geschlagen wurde, Daraufhin wurde diese mit Braunfelser Soldaten verstärkt, aber vier Tage später von allen Bauern des Amtes Hungen bei Birklar und Muschenheim aus dem Amt gejagt.

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An Heiligabend 1944 gegen 15 Uhr wurde das Dorf von Bombern der US Air Force angegriffen. Zwei Staffeln mit 26 Maschinen warfen insgesamt 41,8 Tonnen Bomben ab. 13 Menschen starben bei diesem Angriff.[11] Der Angriff dieser beiden Staffeln sollte eigentlich dem Flugplatz Harb bei Nidda gelten.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde am 1. Januar 1977 per Gesetz die bis dahin selbstständige Gemeinde Bellersheim in die Kleinstadt Hungen eingegliedert.[12]

Religionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Mitte des 16. Jahrhunderts konnte sich die Reformation durchsetzen. Erster evangelischer Pfarrer war Philipp Landvogt (1565)-1570. Danach ließen sich nur vereinzelt römisch-katholische Christen im Dorf nieder. Die konfessionelle Zusammensetzung der Einwohner änderte sich entscheidend nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Vertriebene und Flüchtlinge hier eine neue Heimat fanden.

Bis zu ihrer Vernichtung im Holocaust lebten in Bellersheim Juden. Zusammen mit den Juden in Wohnbach und Obbornhofen bildete man eine israelitische Gemeinde mit einer gemeinsamen Synagoge in Obbornofen. Dort ist auch heute noch der jüdische Friedhof erhalten. Im 19. Jahrhundert unterhielt die Gemeinde eine jüdische Schule in Wohnbach. [13]

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Bellersheim unterstand im Überblick:[1][14]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen bis 1967 sind:[1]

  • 1830: 546 evangelische, 3 römisch-katholische Einwohner, 22 Juden
  • 1885: 580 Einwohner
  • 1895: 577 evangelisch,6 römisch-katholisch Einwohner, 14 Juden
  • 1925: 639 Einwohner
  • 1939: 624 Einwohner
  • 1950: 995 Einwohner
  • 1961: 896 (729 evangelische, 161 römisch-katholisch) Einwohner. Erwerbspersonen: 191 Land- und Forstwirtsch., 176 Prod. Gewerbe, 42 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 45 Dienstleistungen und Sonstige
Bellersheim: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1967
Jahr     Einwohner
1834
  
599
1840
  
590
1846
  
590
1852
  
613
1858
  
642
1864
  
600
1871
  
613
1875
  
604
1885
  
580
1895
  
574
1905
  
635
1910
  
621
1925
  
639
1939
  
624
1946
  
952
1950
  
995
1956
  
901
1961
  
896
1967
  
896
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 23. Juni 1965 wurde der Gemeinde Bellersheim im damaligen Landkreis Gießen ein Wappen mit folgender Blasonierung verliehen: Unter rotem Schildhaupt in von Schwarz und Gold gespaltenem Schild vorne ein von rechts nach links über einen goldenen Steigbügel laufender silberner Gürtel mit goldener Schnalle und Spitze, beseitet von 7 goldenen Schindeln.[17]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Bellersheim wird das karnevalistischen Brauchtums durch den Carneval-Club-Bellersheim (CCB) und seine Mitglieder außerordentlich gepflegt und gefördert.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ort treffen sich die Landesstraßen 3131 und 3354. Im Südosten befindet sich der ehemalige Bahnhof Bellersheim-Obbornofen der Bahnstrecke Friedberg–Mücke, der „Horlofftalbahn.“ Er wurde 1897 erbaut. Nach der Streckenverlegung infolge des Braunkohletagebaus war er ohne Nutzung. Ein Haltepunkt wurde in einiger Entfernung vom Ort in nordöstlicher Richtung errichtet, der bis zur Stilllegung der Bahnstrecke benutzt wurde. Der Güterverkehr wurde am 31. Dezember 1997 beendet, der Personenverkehr am 4. April 2003. Seitdem wird die Strecke ab dem Bahnhof Wölfersheim-Södel mehr befahren.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bellersheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Bellersheim, Landkreis Gießen. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 12. Dezember 2016)
  2. Einwohnerzahlen im Internetauftritt der Stadt Hungen, abgerufen im Juli 2016.
  3. Karl Glöckner, Codex Laureshamensis 3, Darmstadt 1929–1936, Nachdruck 1963. Nr. 3738b.
  4. Cod. Laur. Nr. 3359, 1154.
  5. Ludwig Baur, Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau (AUB) Heft 3. Darmstadt 1851. Nr. 9.
  6. Wyss, Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 2, Nr. 701.
  7. Ludwig Baur, AUB, Heft 3, Nr. 884:
  8. Werner Troßbach, Bauernbewegungen im Wetterau-Vogelsberg-Gebiet 1648-1806. Fallstudien zum bäuerlichen Widerstand im Alten Reich. = Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte. Bd. 52, Darmstadt und Marburg 1985, S. 48–104.
  9. Werner Troßbach, Bäuerlicher Widerstand, S. 48–52.
  10. Werner Troßbach, Bäuerlicher Widerstand, S. 53.
  11. Gießener Allgemeine Zeitung vom 27. November 2009.
  12. Gesetz zur Neugliederung des Dillkreises, der Landkreise Gießen und Wetzlar und der Stadt Gießen vom 13. Mai 1974. In: GVBl. I S. 237
  13. Hanno Müller, Dieter Bertram, Friedrich Damrath: Judenfamilien in Hungen und in Inheiden, Utphe, Villingen, Obbornhofen, Bellersheim und Wohnbach. Hungen 2009.
  14. Verwaltungsgeschichte Land Hessen bei M. Rademacher, Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990
  15. Wilhelm von der Nahmer: Handbuch des Rheinischen Particular-Rechts: Entwickelung der Territorial- und Verfassungsverhältnisse der deutschen Staaten an beiden Ufern des Rheins : vom ersten Beginnen der französischen Revolution bis in die neueste Zeit. Band 3. Sauerländer, Frankfurt am Main 1832, S. 438 (online bei Google Books).
  16. Neuste Länder und Völkerkunde. Band 22. Weimar 1821, S. 424 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  17. Genehmigung eines Wappens durch den Hessischen Minister des Innern vom 23. Juni 1965 (StAnz. S. 799) Seite 3 der tif-Datei 3,2 MB