Bellifortis

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Der Autor des Bellifortis Konrad Kyeser (Göttingen, 2° Cod. Ms. philos. 63)
Ein gepanzerter, mit Klingen bewehrter und Kanonen bestückter Kampfwagen (München, Clm 30150)
Alexander der Große mit raketenähnlichem Gegenstand mit obskurer Beschriftung MEUFATON

Bellifortis (lateinisch für Der Kampfstarke) ist ein durchgehend illustriertes militärtechnisches Handbuch des Eichstätters Konrad Kyeser. Es wurde nach 1402 in lateinischer Sprache verfasst und fand im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts eine weite Verbreitung. Heute ist das Werk in etwa 45 Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert überliefert.[1]

Geschichte des Werkes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Kyeser verfasste das Werk zwischen 1402 und 1405 am Hofe König Wenzels in Prag, nachdem er 1394 an den Kreuzzügen König Sigismunds von Ungarn gegen die Osmanen teilnahm, für deren Scheitern er Sigismund in seinem Bellifortis verantwortlich machte. Von Sigismund auf die Burg Žebrák verbannt, begann er die Niederschrift seines Bellifortis, den er 1405 mit Malern des königlichen Hofs zu einer reich bebilderten Prachthandschrift erweiterte.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bellifortis fasst handbuchartig Maschinen und Geräte vor allem zu Kriegszwecken zusammen, die dem Autor aus antiken Texten oder eigenen Erfahrungen bekannt waren. Als Vorläufer des Bellifortis gelten Werke wie Flavius Vegetius Renatus Werk De Re Militari aus dem 5. Jahrhundert oder Sextus Iulius Frontinus Werk Strategemata aus dem 1. Jahrhundert. Die Geräte sind technisch nicht immer korrekt wiedergegeben, bei Geräten die ihm aus eigener Anschauung bekannt waren, erreichte Kyeser allerdings zum Teil einen außerordentlichen Detailreichtum. Einige der Geräte sind in Kyesers Handschrift erstmals bildlich dargestellt. Dazu gehört die erste eindeutige mittelalterliche Abbildung einer Archimedischen Schraube und die älteste bekannte Zeichnung eines Keuschheitsgürtels. Zum Teil beschreibt er unpraktikable Vorschläge oder bildet fantastisch erscheinende Gerätschaften ab, die dem Reich der Utopie zuzurechnen sind. Entsprechend dem humanistischen Verständnis von Naturwissenschaft des Spätmittelalters, mit denen Kyeser als Arzt vertraut war, nahm er auch alchemistische und astrologische Themen in seinen Bellifortis auf. Insbesondere setzte Kyeser astrologische Bildinhalten wie Planetenbilder des Sol, Mars, Jupiters oder Venus, oder allegorischen Darstellungen der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde ein um die Universalität seines Werkes zu unterstreichen.[1] Eine Besondere Verehrung lässt Kyeser in seinem Bellifortis für Alexander den Großen erkennen, dem in den Bellifortis-Editionen sagenhafte Kräfte zugeschrieben werden und der häufig zu Pferde oder mit einem raketenähnlichen Gegenstand mit der obskuren Aufschrift: MEUFATON oder MAUFAGON abgebildet wird.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Kyesers Bellifortis gilt als die früheste technische Enzyklopädie des deutschen Sprachraums.[2] Das Werk gelangte in weiten Umlauf und wurde, auch im Manufakturbetrieb, in mehreren verschiedenen Redaktionen verbreitet. Inzwischen sind 45 erhaltene Handschriften bekannt, die in Umfang, Text und Bild mitunter stark vom Original abweichen. In den Druck gelangten im 16. Jahrhundert lediglich Abbildungen aus den Handschriften. Kyesers Bellifortis diesen vielen nachfolgenden Autoren als Vorlage und Inspiration, so finden sich seine Ideen auch in Leonardo da Vincis Werken wieder. Das 1405 Ruprecht von der Pfalz gewidmete Autograph Kyesers befindet sich im Bestand der Universitätsbibliothek Göttingen.

Handschriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frankfurt a. M., Universitätsbibliothek, Ms. germ. qu. 15 (früher Stadtbibliothek, o. N., Digitalisat)
  • Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2° Cod. Ms. philos. 63
  • Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2° Cod. Ms. philos. 64
  • Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 4° Cod. Ms. philos. 64a
  • Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 787 (Digitalisat)
  • Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 11 (Digitalisat)
  • Köln, Historisches Archiv der Stadt, Best. 7020 [W*] 232
  • München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30150 (Digitalisat)
  • New York, Public Library, Spencer Collection, Ms. 58 (Auszüge)
  • New York, Public Library, Spencer Collection, Ms. 104 (früher Schloß Hollwinkel bei Lübbecke), Freiherr von der Horst, (Auszüge)
  • Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1888
  • Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1889
  • Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1986

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auswahl an Abbildungen aus verschiedenen Bellifortis-Editionen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Leng: Konrad Kyeser, Bellifortis (einschließlich Hartlieb und Bellifortis-Bearbeitungen). In: Feuerwerks- und Kriegsbücher (= Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters). Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften / C. H. Beck, München 2009, S. 203–504.
  • Kulturstiftung der Länder, Bayerischen Staatsbibliothek (Hrsg.): Konrad Kyeser, Bellifortis: Clm 30150 / Bayerische Staatsbibliothek (= Kulturstiftung der Länder - Pairimonia 137). 2000, ISSN 0941-7036.
  • Regina Cermann: Der ‚Bellifortis’ des Konrad Kyeser (= Codices Manuscripti & Impressi, Supplementum. Nr. 8). Hollinek, 2013, ISSN 0379-3621.
  • Regina Cermann: Astantes stolidos sic immutabo stultos - Von nachlässigen Schreibern und verständigen Buchmalern. Zum Zusammenspiel von Text und Bild in Konrad Kyesers Bellifortis. In: Christine Beier, Evelyn Theresia Kubina (Hrsg.): Wege zum illuminierten Buch. Herstellungsbedingungen für Buchmalerei in Mittelalter und früher Neuzeit. Böhlau, Wien 2014, ISBN 978-3-205-79491-2, S. 148–176 (PDF [abgerufen am 2. November 2017]).
  • Theresia Berg, Udo Friedrich: Wissenstradierung in spätmittelalterlichen Schriften zur Kriegskunst: Der "Bellifortis" des Konrad Kyeser und das anonyme "Feuerwerksbuch". In: Jan-Dirk Müller (Hrsg.): Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftlichungsprozess am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert. Fink, München 1994, ISBN 3-7705-2880-8, S. 169–232.

Faksimile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Blosen, Rikke Agnete Olsen (Hrsg.): Kriegskunst und Kanonen. Das Büchsenmeisterbuch des Johannes Bengedans. Aarhus University Press, Aarhus 2006, ISBN 978-87-7934-162-3 (Faksimile-Band mit Umschrift und Übersetzung in dänisch und deutsch).
  • Georg-Agricola-Gesellschaft zur Förderung der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik (Hrsg.): Bellifortis. VDI-Verlag, Düsseldorf 1967 (Faksimile-Band und separater Band Umschrift und Übersetzung von Götz Quarg).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bellifortis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Christoph Graf zu Waldenburg Wolfegg: Der Münchner >Bellifortis< und sein Autor. In: Kulturstiftung der Länder, Bayerischen Staatsbibliothek (Hrsg.): Konrad Kyeser, Bellifortis: Clm 30150 / Bayerische Staatsbibliothek (= Kulturstiftung der Länder - Pairimonia 137). 2000, ISSN 0941-7036, S. 21–54.
  2. Ernst Berninger: Die technischen Handschriften des 15. Jahrhunderts in der Bayerischen Staatsbibliothek München. In: Konrad Kyeser, Bellifortis: Clm 30150 / Bayerische Staatsbibliothek (= Kulturstiftung der Länder - Pairimonia 137). 2000, ISSN 0941-7036, S. 61–87.