Bellingcat

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Eliot Higgins bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2015

Bellingcat (Schreibweise auch bell¿ngcat) ist ein internationales[1] investigatives Recherchenetzwerk um den britischen Netzaktivisten Eliot Higgins, das sich auf den Faktencheck und Open Source Intelligence (OSINT) spezialisiert, insbesondere im Bereich Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Finanzkriminalität.

Nach der Gründung im Juli 2014 begann Bellingcat den Einsatz von Waffen im Bürgerkrieg in Syrien zu untersuchen. Aufsehen erregte die Analyse, die nahelegt, dass russische Satellitenbilder vom Absturz der Passagiermaschine MH-17 im Krieg in der Ostukraine mit falschen Angaben versehen wurden, sowie Recherchen zur Identifizierung der Täter im Fall Skripal.

Im Jahr 2019 hatte Bellingcat neben Higgins 16[2] Angestellte und 60 freie Mitarbeiter,[3] im März 2021 waren es ca. 20 bezahlte Vollzeitstellen.[4] „Sehr wichtig“ ist eine große Zahl „Freiwilliger, die sich zum Teil regelmäßig und zum Teil sporadisch einbringen“. Der Hauptsitz befindet sich in der englischen Stadt Leicester.[3]

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name leitet sich von der englischen Redewendung belling the cat (der Katze eine Schelle umhängen) ab. Diese geht auf eine mittelalterliche Fabel zurück. In dieser beraten die Mäuse, wie sie die Katze ungefährlich machen können. Eine schlägt vor, dieser eine Glocke um den Hals zu hängen, aber es findet sich keine Maus, die dies auch tut.[5] In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 2021 betonte Higgins:

„Wir Menschen werden immer gegen das Schlechte und gegen Desinformation ankämpfen.[...] Es wird aber auch immer eine Gegenöffentlichkeit geben, die glaubt, dass die Realität nicht real ist.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eliot Higgins begann im März 2012 den Brown Moses Blog, dessen Namen er einem Frank-Zappa-Song entlehnte.[6] Seine Recherchen stützten sich auf Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg.[7] Er sah sich Hunderte dieser kurzen, im Internet verbreiteten Clips an, lokalisierte sie und untersuchte Details zu den eingesetzten Waffen. So konnte er bestätigen, dass der Vorwurf der Kriegsgegner stimmt, dass das Baath-Regime Streubomben und chemische Waffen einsetzt.

Am 15. Juli 2014 rief der Blogger mit Hilfe privater Spenden über Kickstarter.com die Plattform Bellingcat ins Leben.[8] Das Team wertet Fotos und Videos aus, die im Internet öffentlich zugänglich sind. Bellingcat finanziert sich nach eigenen Aussagen mittels Crowdfunding.

Kristyan Benedict, ein Kampagnen-Manager von Amnesty International, äußerte 2013 gegenüber dem New Yorker, dass viele Organisationen Analysten hätten, jedoch sei Higgins schneller als viele etablierte Rechercheteams.[9][10]

Krieg in der Ostukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Dezember 2016 wurde ein Bericht von Bellingcat veröffentlicht, der den Einsatz von Artillerie der russischen Streitkräfte gegen ukrainische Ortschaften im Sommer 2014 analysiert.[11]

MH 17[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Higgins, Alina Polyakova (Atlantic Council Associate Director) und Andrij Melnyk (Botschafter der Ukraine in Deutschland) präsentieren ihre Studie Hiding in Plain Sight bei der Konferenz "Russische Desinformation im 21. Jahrhundert" des Atlantic Council, des European Council on Foreign Relations und der Heinrich-Böll-Stiftung, 2015 Berlin.[12][13]

Bellingcat sorgte mehrfach mit Recherchen zum Absturz des Passagierflugzeuges MH17 über der Ostukraine für Aufsehen. Die Gruppe hatte lange vor der gleichen Schlussfolgerung durch die offiziellen Untersuchung[14] nachgewiesen, dass ein Buk-Raketensystem einen Tag vor dem Absturz durch Russland und von Rebellen kontrollierte Gebiete und am Tag nach dem Absturz zurück nach Russland gefahren war.

Im Mai 2015 veröffentlichte die Gruppe zudem einen Bericht,[15] der belegen sollte, dass die von Russland vorgelegten Luftbilder mit ukrainischen Waffensystemen verändert worden seien und die Datierung nicht stimme.[16][17][18] Viele Medien übernahmen die Darstellung von Bellingcat.[19]

Auf Kritik des Bildforensikers Jens Kriese im Spiegel vom 3. Juni 2015[20] und von der Analyseseite fotoforensics.com, die von Bellingcat verwendet worden war, reagierte Bellingcat mit dem Kauf von zusätzlichen Satellitenfotos der betreffenden Tage bei DigitalGlobe und gab an, beim Vergleich mit den MOD-Bildern Diskrepanzen gefunden zu haben, die belegen, dass die russischen Satellitenfotos nicht vom behaupteten Datum stammen können.[21][22]

Fall Skripal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bellingcat nahm seit September 2018 eine bedeutende Rolle bei der Identitätsfindung der beiden mutmaßlichen russischen Hauptverdächtigen ein, denen die Durchführung des Giftanschlags auf Sergei Skripal und dessen Tochter zur Last gelegt wird. Zusammen mit der russischen Internetzeitung The Insider recherchierte sie unter anderem, dass die Pässe der Tatverdächtigen im Jahr 2009 ausgestellt wurden, die zuvor in keiner Passdatenbank zu finden waren.[23] Schließlich identifizierte Bellingcat beide Personen als Mitglieder des militärischen Geheimdienstes GRU.[24]

Fall Nawalny[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch im Fall des im August 2020 mit dem Nowitschok-Nervengift vergifteten Alexei Nawalny soll mit Hilfe von Bellingcat die Beteiligung von Mitarbeitern des russischen Geheimdiensts FSB nachgewiesen worden sein.[25][26] Die Recherchen sollen außerdem belegen, dass der Anschlag Teil einer staatlichen, russischen Mordserie gegen Oppositionelle ist.[4][27]

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bellingcat startete als Graswurzelbewegung; ein Drittel seiner jährlichen Einnahmen von etwa 500.000 Euro (Stand 2021) erwirtschaftet es durch Seminare, zwei Drittel sind Spenden.[28] Im Verlaufe seiner Tätigkeit wurde Bellingcat von verschiedenen Organisationen unterstützt, so von Stiftungen, welche sich für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen wie Porticus Amsterdam oder Adessium (beide NL) sowie Auxilium (Schweiz), oder der Stiftung von Sigrid Rausing, welche sich für Menschenrechte einsetzt, sowie von der Open Society Foundations[29] und vom National Endowment for Democracy (NED).[30]

Glaubwürdigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Glaubwürdigkeit Bellingcats wird von Gegnern oder Betroffenen in Zweifel gezogen. Der Organisation wurde vorgeworfen, auf der Seite westlicher Regierungen gegen die Regierung von Syrien und Russland zu recherchieren. Im Fall eines Giftgasangriffs auf die Stadt Douma in Syrien gab es Vorwürfe der Falschinformation. Gründer Eliot Higgins gibt an, dass Glaubwürdigkeit entscheidend für die Organisation sei. Auf Bellingcats Website werden die Finanziers offengelegt, zu denen zum Beispiel nicht der US-Thinktank Atlantic Council gehöre, wie Higgins in einem Tweet erklärte, auch wenn er mit dem Atlantic Council kooperierte und dort Senior Fellow war.[31]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 erschien der Dokumentarfilm von Hans Pool Bellingcat: Truth in a Post-Truth World, der sich mit dem Fall Skripal und dem Absturz des Malaysia-Airlines-Flug 17 beschäftigt.[32][33][34] Der Film gewann 2019 den International Emmy Award im Bereich Dokumentarfilm.[35][36]

Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 erhielten Higgins und Bellingcat den Sonderpreis[37] des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises.

2017 erhielt Mitarbeiter Christiaan Triebert den European Press Prize Innovation Award für die detaillierte Rekonstruktion des Umsturzversuchs in der Türkei 2016 im Beitrag The Turkish Coup through the Eyes of its Plotters auf Bellingcat.[38]

2019 erhielt Bellingcat gemeinsam mit der russischen Internetpublikation The Insider den Investigative Reporting Award des European Press Prize für die Identifikation der beiden Agenten des russischen Geheimdienstes, die verdächtigt werden, Julija und Sergei Skripal vergiftet zu haben.[39] Mithilfe des Preisgeldes in Höhe von 500.000 € eröffnete Bellingcat ein neues Büro in Den Haag.[40]

Ebenfalls 2019 erhielten Bellingcat und das US-amerikanische Nachrichtennetzwerk Newsy den Scripps Howard Award für Innovationen im investigativen Journalismus im Bereich internationaler Konflikte.[41]

2020 erhielt Bellingcat den Machiavelli-Preis für Qualitätsjournalismus der niederländischen Machiavelli-Stiftung.[42]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. contributors/Mitwirkende, about
  2. Muhammad Idrees Ahmad: Bellingcat and How Open Source Reinvented Investigative Journalism. In: New York Review of Books. 10. Juni 2019. Abgerufen am 10. Juni 2019.
  3. a b Robin Millard: UK site leads the way in Skripal case with online savvy. In: AFP. 29. September 2018. Abgerufen am 30. September 2018.
  4. a b c Interview mit Eliot Higgins: Wir werden immer gegen das Schlechte ankämpfen auf sueddeutsche.de vom 1. März 2021.
  5. Belling the Cat Fabel englisch und deutsch
  6. Eliot Higgins: Digitale Jäger. Ein Insiderbericht aus dem Recherchenetzwerk bell¿ngcat. 1. Auflage. Quadriga, Köln 2021, ISBN 978-3-86995-106-5, S. 29.
  7. Brown Moses Blog. Abgerufen am 3. Juni 2015 (englisch).
  8. Bellingcat, for and by citizen investigative journalists. Abgerufen am 2. Juni 2015 (englisch).
  9. Patrick Radden Keefe: Rocket Man: How an unemployed blogger confirmed that Syria had used chemical weapons. The New Yorker, 25. November 2013, abgerufen am 2. Juni 2015 (englisch).
  10. Ralf Sotscheck: Krieg ist sein Hobby. In: die tageszeitung. 13. August 2014, abgerufen am 3. Juni 2015.
  11. Putin's Undeclared War Summer 2014 Russian Artillery Strikes against Ukraine (en)
  12. Conference: Exposing Russian Disinformation in the Twenty-First Century. Berlin, Germany. 30. Juni 2015. Abgerufen im 3 March 2021.
  13. Exposing Russian Disinformation in the 21st. Century - Hiding in Plain Sight: Putin’s War in Ukraine and Boris Nemtsov’s Putin.War. Heinrich-Böll-Stiftung auf YouTube. 3. Juli 2015. Abgerufen im 3 March 2021.
  14. Update in criminal investigation MH17 disaster vom 24. Mai 2018 (Memento vom 24. Mai 2018 im Internet Archive)
  15. Forensische Analyse von Satellitenbildern des russischen Verteidigungsministeriums. (PDF) Bellingcat, abgerufen am 3. Juni 2015 (englisch).
  16. Blogger strafen Moskau Lügen. In: Süddeutsche Zeitung. 1. Juni 2015, abgerufen am 5. August 2019.
  17. Katja Tichimirowa: Kreml soll Satellitenfotos zum MH17-Absturz gefälscht haben. Berliner Zeitung, 1. Juni 2015, abgerufen am 3. Juni 2015., vgl. auch Katja Tichomirowa: Das Blaue vom Himmel. Wie Russland Satellitenbilder fälschte, um eine ukrainische Schuld am Absturz von MH17 zu belegen. Berliner Zeitung (Printausgabe), 2. Juni 2015, S. 6
  18. Bericht über MH17-Absturz Russland soll Fotos gefälscht haben. tagesschau.de, 1. Juni 2015, abgerufen am 3. Juni 2015.
  19. Der Spiegel, Nr. 3/2015, S. 58–68
  20. Benjamin Bidder: "Bellingcat betreibt Kaffeesatzleserei" In: Spiegel Online, 3. Juni 2015 (Interview mit Jens Kriese).
  21. New July 17th Satellite Imagery Confirms Russia Produced Fake MH17 Evidence
  22. Who to Trust, Google or the Russian MoD? A Guide to Verifying Google Earth Satellite Image Dates
  23. Verdächtige reisten mit verdächtigen Pässen. In: Die Zeit, 16. September 2018.
  24. Posts Tagged: Skripal. Bellingcat Investigation Team, abgerufen am 12. Oktober 2018 (englisch).
  25. Roman Dobrokhotov, Matthias Gebauer, Christo Grozev et al.: Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten. In: Der Spiegel. 14. Dezember 2020, abgerufen am 18. Dezember 2020.
  26. Theresa Crysmann, Geheimdienst soll hinter Giftanschlag auf Nawalny stecken auf sueddeutsche.de vom 14. Dezember 2020.
  27. Navalny Poison Squad Implicated in Murders of Three Russian Activists auf bellingcat.com vom 27. Januar 2021, abgerufen am 5. März 2021
  28. Markus Wehner: Der Zeuge G. und seine Quellen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Februar 2021, Seite 3
  29. How a college drop out became a champion of investigative journalism, The Guardian, 30. September 2018
  30. „Über uns“ auf der Webseite von Bellingcat (Memento vom 22. Dezember 2020 im Internet Archive)
  31. Silvia Stöber: Ein Geheimdienst für das Volk?, 16. Februar 2021, Tagesschau
  32. Bellingcat: Truth in a Post-Truth World – Seite zum Film
  33. Bellingcat – Truth in a Post-Truth World. Abgerufen am 1. Dezember 2019.
  34. Bellingcat – Truth in a Post-Truth World. Abgerufen am 1. Dezember 2019.
  35. Bellingcat – Truth in a Post-Truth World wins the RTBF Award at the festival des Liberétes 2019. 31. Oktober 2019. Abgerufen am 1. Dezember 2019. 
  36. Two Dutch documentaries win International Emmy awards. 26. November 2019. Abgerufen am 1. Dezember 2019. 
  37. Pressemitteilung der Hanns-Joachim-Friedrichs-Vereins
  38. https://www.europeanpressprize.com/laureate/christiaan-triebert/
  39. Investigative Reporting Award 2019 Winner - Unmasking the Salisbury Poisoning Suspects: A Four-Part Investigation. 2019. Abgerufen am 24. Mai 2019.
  40. Bellingcat to establish new office in The Hague after €500,000 funding win through Dutch postcode lottery
  41. Scripps Howard Awards announce winners, March 3, 2020
  42. Bellingcat krijgt Machiavelliprijs voor 'kwaliteitsimpuls' journalistiek. 7. Januar 2020. Abgerufen am 12. Februar 2020.