Benjamin Ortmeyer

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Benjamin Ortmeyer (* 13. April 1952 in Kiel) ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler. Er lehrt als außerplanmäßiger Professor im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ortmeyer beschäftigt sich hauptsächlich mit der Pädagogik in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit seiner Habilitationsschrift Mythos und Pathos statt Logos und Ethos löste Ortmeyer eine Diskussion über die Verstrickung des Pädagogen Peter Petersen in die NS-Rassenideologie und über die mögliche Umbenennung von Schulen und Straßen aus, die nach ihm benannt sind. Ortmeyers Untersuchungen veranlassten verschiedene Schulen in Deutschland, sich umzubenennen.[1]

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1975 bis 2003 unterrichtete Ortmeyer die Fächer Mathematik, Sozialkunde und Musik. 1996 erhielt er den Heinz-Galinski-Preis der Jüdischen Gemeinde Berlin. 1998 wurde er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg mit einer Arbeit über die Schicksale jüdischer Schüler in der Zeit des Nationalsozialismus promoviert.[2] 1999 wurde er vom Staatlichen Schulamt für die Stadt Frankfurt am Main zwangsweise versetzt. Die Mehrheit der Elternvertretung sprach sich gegen die Zwangsversetzung aus. Er erhielt dabei Unterstützung von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), deren Frankfurter Bezirksvorstand er bis 2008 angehörte. 2003 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. 2008 habilitierte er sich mit der Schrift Mythos und Pathos statt Logos und Ethos - Zu den Publikationen führender Erziehungswissenschaftler zur NS-Zeit: Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen. Ortmeyer lehrt seit 2009 als Privatdozent und seit dem 26. Januar 2011 als außerplanmäßiger Professor an der Goethe-Universität. Seit 2012 leitet Ortmeyer dort zusammen mit Micha Brumlik eine Forschungsstelle NS-Pädagogik.[3]

Auseinandersetzung um die Nationalhymne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortmeyer veröffentlichte 1991 die Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied. Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation“. Er kritisiert unter anderem, dass das Lied für die Verfolgten des NS-Regimes emotional mit den Verbrechen dieses Systems verbunden sei und dass sein Verfasser Hoffmann von Fallersleben antisemitisch und militaristisch, keinesfalls jedoch demokratisch eingestellt gewesen sei. Zudem gebe es kein Gesetz, das dieses Lied als Nationalhymne bezeichne.

Die Broschüre führte zu heftigen Diskussionen in den Massenmedien, nachdem der hessische Landesverband der GEW sie während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als pädagogisches Hilfsmittel neu aufgelegt hatte. Das Vorwort zur Neuauflage hatten der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne und der hessische Landesvorsitzende Jochen Nagel verfasst. Gegen die Broschüre titelte die Boulevardzeitung Bild: „Lehrer-Gewerkschaft macht unsere Nationalhymne mies – Die Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will uns das Singen der deutschen Nationalhymne vermiesen!“[4] Auch andere Tageszeitungen übten heftige Kritik. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, bezeichnete die Broschüre als skandalös: „Wir freuen uns in ganz Deutschland über den Beginn der Normalität, nur diese Leute bekommen das nicht mit.“[5] Weitere Kritik kam von Politikern der CDU und FDP und aus Teilen der Wissenschaft. Hans Ottomeyer, der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin, bezeichnete die Argumente der Broschüre als Unfug. Daraufhin zog Ulrich Thöne die Broschüre zurück: „Diese Broschüre kommt aus dem Museum und ist nicht unser aktueller Debattenbeitrag zum Thema Nationalbewusstsein.“[6] Walter Jens erklärte dagegen: „Wenn ich an unserem Land etwas auszusetzen habe, dann ist es diese unsägliche Nationalhymne mit dem teilweise unverständlichen Text. Wer weiß denn schon, was, des Glückes Unterpfand’ ist.“[7] Mit den heftigen Reaktionen auf die Schrift Ortmeyers befasst sich die Publikation Irrsinn der Normalität. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus.[8]

Habilitationsschrift[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Habilitationsschrift „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ beschäftigte sich Ortmeyer mit den Pädagogen Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen in der NS-Zeit.[9] Darin schildert er u.a. Petersens gedankliche Nähe zum Nationalsozialismus. In einem Artikel über „rassische Hochwertigkeit“ bekämpfte Petersen das liberale „Wahnideal von der Gleichheit der Völker“ und erklärte es zur „Pflicht hochwertiger Völker und Rassen, ihr Erbgut rein zu halten“.[10] In einer Buchrezension aus dem Jahr 1933 für die Zeitschrift Blut und Boden schrieb er: „Weil es dem Juden unmöglich wird, unsre Art innerlich mitzuleben, so wirkt er in allem, das er angreift, für uns zersetzend, verflachend, ja vergiftend und tritt alles in den Dienst seines Machtstrebens.“[11] Ortmeyer bewertet deshalb Petersens Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus kritisch:

„Petersens Unterstützung des NS-Staats, sein ausgewiesener Rassismus, seine klare Ausrichtung auf Militarismus und deutschen Nationalismus stehen nicht allein. Petersens manipulative schulpädagogische Technik der ‚Führungslehre‘ wird als Vorbereitung auf Befehl und Gehorsam und Führerauslese eingepasst in die nazistische Vorstellung von Führertum.“

Benjamin Ortmeyer[12]

Infolge der durch Ortmeyers Habilitationsschrift ausgelösten Diskussion änderten mehrere nach Petersen benannte Schulen ihre Namen. Die Peter-Petersen-Schule in Weiterstadt benannte sich in Anna-Freud-Schule um. Die Schulkonferenz der Peter-Petersen-Schule in Hamburg distanzierte sich am 30. November 2009 einstimmig von Petersen[13] und benannte die Schule nach Irena Sendler.[14] Es folgten weitere Umbenennungen von Peter-Petersen-Schulen: In Bergheim heißt sie nun „Schule am Römerturm“ [15], in Köln „Rosenmaarschule“[16] und in Frankfurt am Main „IGS Eschersheim“. [17] Das Mannheimer Peter-Petersen-Gymnasium benannte sich 2014 in Johanna-Geissmar-Gymnasium um.[18]

Es gab jedoch auch Stimmen, die Petersen verteidigten: Jürgen John, emeritierter Professor für Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Petersens langjähriger Wirkungsstätte) wirft Ortmeyer vor,[19] er unterstelle Petersen fälschlich eine reaktionäre Grundausrichtung und einen antidemokratisch-autoritären Erziehungsstil. Hartmut Draeger, Vizepräsident der Gesellschaft für Jenaplan-Pädagogik (ein von Petersen entwickeltes Schulkonzept), hält diesen trotz der von Ortmeyer zitierten Äußerungen für einen Reformpädagogen, der selbst unter der Diktatur versucht habe, sein humanistisches Schulkonzept aufrechtzuerhalten.[20]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Argumente gegen das Deutschlandlied, 1991
  • Berichte gegen Vergessen und Verdrängen - Der Weg zur Schule war eine tägliche Qual, 1994
  • Schulzeit unterm Hitlerbild, 1996
  • Jiddische Lieder gegen die Nazis, 1996
  • Die GEW und die Nazi-Zeit, 1999
  • Dokumentation ad fontes, 2008
    • Dokumentation ad fontes I: Eduard Sprangers Schriften und Artikel in der NS-Zeit. Dokumente 1933-1945
    • Dokumentation ad fontes II: Hermann Nohls Schriften und Artikel in der NS-Zeit. Dokumente 1933-1945
    • Dokumentation ad fontes III: Erich Wenigers Schriften und Artikel in der NS-Zeit. Dokumente 1933-1945
    • Dokumentation ad fontes IV: Peter Petersens Schriften und Artikel in der NS-Zeit. Dokumente 1933-1945
  • Forschungsberichte über die Dokumentation ad fontes, 2008
    • Eduard Spranger und die NS-Zeit. Forschungsbericht, Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft 7.1. Frankfurt am Main, 2008
    • Herman Nohl und die NS-Zeit. Forschungsbericht, Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft 7.2. Frankfurt am Main, 2008
    • Erich Weniger und die NS-Zeit. Forschungsbericht, Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft 7.3. Frankfurt am Main, 2008
    • Peter Petersen und die NS-Zeit. Forschungsbericht, Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft 7.4. Frankfurt am Main, 2008
  • Mythos und Pathos statt Logos und Ethos. Zu den Publikationen führender Erziehungswissenschaftler in der NS-Zeit: Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen, 2009
  • (zusammen mit Katharina Rhein) Indoktrination. Rassismus und Antisemitismus in der Nazi-Schülerzeitschrift "Hilf mit!" (1933-1944). Beltz Juventa, Weinheim 2013. ISBN 978-3-7799-2889-8
  • Jenseits des Hippokratischen Eids. Josef Mengele und die Goethe-Universität. Protagoras Academicus, Frankfurt 2014, ISBN 978-3-9430-5913-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. taz am 6. November 2010. "Zivilcourage macht Schule"
  2. Benjamin Ortmeyer, Schicksale jüdischer Schülerinnen und Schüler in der NS-Zeit - Leerstellen deutscher Erziehungswissenschaft? Bundesrepublikanische Erziehungswissenschaften (1945/49 - 1995) und die Erforschung der nazistischen Schule, Diss. Heidelberg 1998
  3. Astrid Ludwig: Professionelle Indoktrination. In: Frankfurter Rundschau. 24. Januar 2012, abgerufen am 10. Mai 2015.
  4. Bild-Zeitung am 15. Juni 2006
  5. Süddeutsche Zeitung vom 15. Juni 2006
  6. Frankfurter Rundschau vom 22. Juni 2006
  7. Süddeutsche Zeitung vom 15. Juni 2006
  8. Rhein, Katharina: Jetzt kommen die Miesmacher. Zur Bedeutung der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2006 für die Reartikulation nationaler Identität in Deutschland am Beispiel der Debatte um die Deutschlandliedbroschüre. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hrsg.): Irrsinn der Normalität. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. Münster, 2009, S. 128-145
  9. Benjamin Ortmeyer: Mythos und Pathos statt Logos und Ethos. Zu den Publikationen führender Erziehungswissenschaftler in der NS-Zeit: Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen. Beltz, Weinheim 2009, ISBN 3-407-85798-5.
  10. Peter Petersen, Es gibt rassische Hochwertigkeit. Sie verpflichtet!, in: Heimat und Arbeit. Monatshefte für pädagogische Politik, 14. Jg. (1941), Heft 2, S. 38 ff.
  11. Peter Petersen, Rezension von Karl Beyer: Jüdischer Intellekt und deutscher Glaube (Leipzig 1933), in: Blut und Boden. Monatsschrift für wurzelstarkes Bauerntum, deutsche Wesensart und nationale Freiheit, 5. Jg. (1933), Heft 6, S. 285 ff.
  12. Benjamin Ortmeyer, Mythos und Pathos statt Logos und Ethos, 2009, S. 312
  13. http://irena-sendler-schule.hamburg.de/index.php/article/detail/4022
  14. Die Welt am 8. November 2010: "Der Engel von Warschau"
  15. http://www.peter-petersen-schule-bergheim.de
  16. http://www.jenapolis.de/tag/petersenplatz/
  17. http://frankfurter-blog.de/2012/10/peter-petersen-schule-wird-umbenannt/
  18. PPG wird zu Johanna-Geissmar-Gymnasium. Stadt Mannheim, 5. Februar 2014, abgerufen am 10. Mai 2015.
  19. Anlass war eine Podiumsdiskussion in Jena am 5. und am 26. Oktober 2009, bei der die Umbenennung des Petersenplatzes in Jena erörtert wurde.
  20. Frankfurter Rundschau, fr-online vom 5. Dezember 2009