Hier kurz meine Erfahrungen zu Konflikten in (Freiwilligen)Organisationen
- Gründe für das Mitmachen
- Idealismus: man/frau will Gutes tun, sich engagieren
- soziale Anerkennung: das Tun hebt die soziale Anerkennung, den Status in der Gemeinschaft, in der man lebt
- soziale Kontakte: weil man allein lebt, oder einer anstrengenden Partnerschaft/Ehe/Situation entfliehen will
- Interesse, Wissen: auf dem Gebiet kennt man sich aus, oder will (mehr) Wissen erwerben
- Hobby, Ausgleich: um den Stress im Job, Partnerschaft, was immer auszugleichen, sucht man/frau eine ganz anders geartete Tätigkeit
- viel Freizeit: weil in Pension, arbeitslos, „nur“ Hausfrau (ohne Kinder) …
- Spass an… der Sache, der Uniform, die man dann tragen kann, (viele weitere individuelle Gründe)
- finanzielle Aspekte: die Vergünstigungen, die dabei AUCH abfallen (Trinkgeld, kleine Beträge für Dienste…) werden benötigt
- Zusammensetzung von solchen Gruppen, Organisationen
In der Regel braucht JEDE Organisation ein ZIEL (und sei es nur sich selbst zu erhalten ;-) Die soziale Struktur ist meist unterschiedlich, dh Menschen aus mehreren Schichten, (politischen) Ansichten, Haltungen MÜSSEN/SOLLEN zusammenarbeiten. Selbst in sehr ähnlich strukturierten Gruppen (nur Männer, die XYZ betreiben - Sportclub, Männergesangsverein…) gibt es persönliche Interessen, Meinungsunterschiede, Eifersüchteleien, Richtungsstreit, Machtkämpfe… Gruppenbildung ist meist die Regel, wobei es wechselnde Zusammensetzungen geben kann (auch Leute, die gern auf der Siegerseite sind ;-) Langfristig MUSS sich eine Gruppe/Meinung durchsetzen (man kann nicht zwei völlig unterschiedliche Ziele/Strategien vertreten). Dies führt zu (Ab)Spaltung(en) - die Entwicklung der christlichen Kirchen ist da ein gutes Beispiel. Rom setzt auf Einheit (und starre Machtstrukturen), die meisten „Abspaltungen“ sind mehr oder weniger demokratisch strukturiert und/oder Folgen Führerfiguren. (In der Apostelgeschichte wird (einer) der ersten Konflikte zwischen Judenchristen und nichtjüdischen Christen beschrieben). Die Geschichte des Sozialismus/Kommunismus verläuft ähnlich.
Spannend ist auch das Thema REFORM in solchen Gruppen. Schön zu verfolgen bei den christlichen Orden (da weiß ich ein bisschen was - im Islam oder anderen Religionen ist das sicher ähnlich). Aus einem Impuls (einer Krise, einer charismatischen Person) entsteht eine Bewegung, zuerst voll Idealismus und Feuer (Hl. Franziscus) aber auch Konsequenz und Härte (gegen sich oder andere), chaotisch, unausgegoren, elitär (= kleine Gruppe). Dann bilden sich Strukturen (rechtliche, organisatorische), man wirtschaftet so dahin (ist erfolgreich, häuft Güter an), die Bewegung wird breit (jetzt sind es viele), das Feuer der Pioniere vergeht, es kommen die Pragmatiker und Machtstrategen (wieso denk ich jetzt an die GRÜNEN ;-). Man wird FETT, selbstgenügsam, schafft Erleichterungen - die Ideale des Gründers/der Geist der Pioniere schwindet. Jetzt kommen die Reformer, die an die Ideale der ersten Zeit erinnern und einen STRENGEN Kurs verlangen (Benediktiner → Zisterzienser → Trappisten). Es gibt Abspaltungen, mit verschiedener Auslegung derselben Grundidee!
Hier ein paar Gedankensplitter:
- außer den hier (Kritik an Wikipedia) besprochenen Dingen, ist mMn das Ungleichgewicht der Informationen bedingt durch die freie Wahl der Mitarbeitenden ein Negativpunkt. In einem redaktionell geführten Medium (Enzyklopädie) würde man eine Liste von Inhalten erstellen, die wichtig(er) sind als andere und daher unbedingt enthalten sein sollten. In wp gibt es weitgehend keine lenkenden Kräfte, die diese Steuerungsfunktion erfüllen. Es gibt das Instrument des Löschantrages, dass irrelevante Dinge entfernt werden; es gibt Fehllisten auf Projektseiten (Redaktionen, Themenportale), wo sinnvolle noch nicht angelegte Seiten aufgelistet werden. Mir persönlich ist dieses Ungleichgewicht bei Adelsgeschlechtern aufgefallen: hochadelige, wichtige und alte Geschlechter (zB aus Österreich) haben keine Artikel, dagegen gibt es einige briefadelige (≈ sehr spät geadelte) Familien, wo jedes Mitglied einen Artikel hat.
- Wikipedia ist nicht (explizit) demokratisch sondern „neutral“. Kann man gegenüber „dem Bösen“ neutral sein? Chamberlain war mit seiner Appeasement-Politik mMn grenzenlos naiv gegenüber einem aggressiven Diktator. Ok, im Nachhinein ist man immer klüger, aber seit 1926 konnte man nachlesen, was der Gröfaz so alles vor hatte. Ist eine Wikipedia, deren Hauptleserschicht in einem nicht-demokratischen Staat lebt, daher weniger demokratisch als eine wp, die in einer Demokratie angesiedelt ist? Neutral = der allgemeine Grundkonsens in der jeweiligen Sprachversion.
(neu, ab August 2025)
ein paar Stichworte:
- „Überalterung“ der Mitarbeiter: viele sehr aktive Mitarbeiter werden immer älter (in der Regel wird der Mensch da sturer/starsinniger, beharrt an bewährten Abläufen, wehrt sich gegen Änderungen). Andererseits kommen Jüngere nach. Dies dürfte insgesamt keine Rolle spielen.
- gesellschaftlicher Wandel: die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen nimmt eher ab. Die radikalen Ränder nehmen zu, besonders am rechten politischen Rand wird das stärker wahrgenommen (Trump`s MAGA, Zunahme rechter Parteien in Europa). Diese Konflikte machen eine Konsensfindung in einigen Bereichen schwieriger.
- die Zahl der Artikel steigt immer stärker an, dh der zu bearbeitende Inhalt wächst viel stärker als die Anzahl der (hoch)aktiven Mitarbeiter. Die ist mMn ein großes Problem, weil in Summe die Qualität sinkt.
- die produktive Arbeit im ANR nimmt ab, die wenig produktive Beteiligung im Hintergrund nimmt zu (ich bin so einer, der im ANR fast nichts mehr macht).
- …
- die physische Präsenz (oder zumindest Videokonferenzen) bei vielen Dingen (Arbeitsgruppen, Redaktionen) würde dem Projekt gut tun. Ok, ein paar Dinge gibt´s eh (wiki-Treffen, Wikimania …). Aber bei bestimmten Projekten/Themen müssten ALLE, die an gewissen mitarbeiten/mitbestimmen wollen, verpflichtend anwesend sein (kann man natürlich von Freiwilligen nicht verlangen). Daran scheitert vieles hier. Die Unverbindlichkeit (keiner muss, jeder kann) ist mMn ein großer Nachteil, weil da entsteht keine (oder schwerer) eine Gruppendynamik, die Dinge voranbringt. Das führt eigentlich zu der Folgerung
- reine Freiwilligkeit reicht ab einer gewissen Größe eines Projektes eben nicht aus, bzw. wird der Verwaltungs-/ Abstimmungsaufwand zu hoch. Mit effizienten Strukturen würde die Arbeitszeit der Freiwilligen viel besser genützt werden können. Die Führungsebene kann ja weiterhin gewählt werden (und auch für ihre Tätigkeit entlohnt werden), die Funktionsperiode müsste auf 3-5 Jahre beschränkt sein. Dann MUSS es zu einem Wechsel kommen. So verhindert man dann die „Hausmeister“, die ganze Themenbereiche dominieren.