Reifen

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Traktorreifen
Zweckoptimierter Reifen für besondere Umgebungsbedingungen (Lunar Roving Vehicle)

Ein Reifen ist der Teil des Rades, auf dem es abrollt. Er sitzt am Umfang des Rades und überträgt die Kräfte zwischen Rad und Fahrbahn. Den Teil des Reifens, der Kontakt zum Boden hat, nennt man Reifenaufstandsfläche, die Lauffläche erstreckt sich um den Reifen herum. Der Reifen trägt die Radlast; bei Kurvenfahrten überträgt er auch die Seitenführungskraft, bei Änderungen der Geschwindigkeit auch Längskräfte (Beschleunigungskraft, wenn entgegengesetzt zur Fahrrichtung auch Bremskraft genannt). Um die Haftung auf der Fahrbahn zu erhöhen, haben Reifen nicht schienengebundener Fahrzeuge zumeist an der Kontaktstelle zwischen dem Rad und der Oberfläche Fahrbahn eine Lauffläche aus Gummi oder anderem elastischen Material. Bei schienengebundenen Fahrzeugen trägt der Reifen zur Seitenführung einen Spurkranz, beim Beschleunigen und vor allem beim Bremsen wird die Reibung durch Sand streuen erhöht.

Bauarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eisenreifen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wagner
Jost Amman, Hans Sachs: Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden. 1568

Eisenreifen aus Stahl sind die ältesten Reifen. Sie schützten die traditionellen Holzräder vor Verschleiß und halten den hölzernen Radkranz, die Speichen und die Nabe zusammen. Zur Montage wird der Reifen bis zu Rotglut erhitzt, wobei sich der Durchmesser durch die Wärmedehnung vergrößert und nach dem Aufziehen mit Wasser abgekühlt. Löst man den Reifen, so lassen sich gebrochene Teile leicht auswechseln. Eine ähnliche Technik verwendet noch der Küfer, der bei der Fassherstellung Fassreifen aufzieht. Sie halten die Fassdauben zusammen und bestehen aus Metall; früher fertigte der Reifschneider hölzerne Fassreifen. Die Technik ist seit der Antike bekannt. Reifenpannen waren früher häufig; auch der Eisenreifen verschleißt. Entlang der Verkehrswege gab es eine Reparatur-Infrastruktur; in jedem größeren Dorf gab es Hufschmiede und Wagner oder Stellmacher (weshalb Schmidt und Wagner häufige Familiennamen sind).

Auch die Radreifen der Eisenbahnräder sind aus Stahl.

Vollgummireifen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vollgummireifen waren vor der Verbreitung der Luftreifen die komfortabelste Bereifung und wurden auch danach noch verwendet, zum Beispiel bei Lastwagen. Sie finden sich noch an Rädern, die auf relativ glattem Untergrund laufen (Teewagen, Gabelstapler). Elastikreifen werden nicht nur aus Gummi, sondern auch aus anderen elastischen Kunststoffen oder seit den 2000er Jahren als Tweel (Kombination von Rad und Reifen) hergestellt.

Luftreifen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luftreifen (auch Pneus genannt), bestehen aus einem Gewebe oder Gelege aus Fasern, der Karkasse, das mit Gummi verklebt und ummantelt ist und die unter Druck stehende Luft oder andere Gase enthält, die die Fahrbahnstöße abmildern (Reifenfederung). Die Luft wird in einem Schlauch gehalten oder bei schlauchlosen Reifen zwischen Reifen und Felge eingeschlossen. Je nach Bauart der Karkasse unterscheidet man Diagonal- von Radialreifen.

Reifen werden nach ihrer Bestimmung für verschiedene Transportmittel benannt. Es gibt beispielsweise Autoreifen, Nutzfahrzeugreifen, Motorradreifen, Landwirtschaftsreifen, EM-Reifen (Erdbewegungsreifen), Gabelstapler-Reifen, Forstreifen, Industriereifen, Fahrradreifen und Flugzeugreifen.

Einige Reifen werden gesondert für Lenkachsen oder Antriebsachsen (siehe Autoreifen) ausgelegt.

Nach der Nutzung werden Reifen zu Altreifen. Altreifen mit unbeschädigter Karkasse können runderneuert und wieder eingesetzt werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alte Reifenstauchmaschine
Reifen als Teil eines Spielplatzes in einem Kindergarten (1974)

Der Reifen in der heutigen Form wurde durch mehrere Erfindungen möglich:

Die daraus entstandenen Reifenhersteller Goodyear, Dunlop, Continental und Michelin entwickelten sich zu heute weltbekannten Marken. Die Erfindung des Luftreifens hatte zur Folge, dass die Hochräder innerhalb weniger Jahre vom Markt verschwanden.[2]

Zögerlicher als bei Fahrrädern setzte sich der Luftreifen bei Automobilen durch. Frühe Luftreifen neigten bei höheren Geschwindigkeiten zum platzen, was regelmäßig schwere Unfälle verursachte und deren Verbreitung hemmte.[3] Anfang der 1920er Jahre kamen erstmals Ballonreifen für mittlere Drücke von 2 bis 2,5 Bar (vorher: Hochdruckreifen 3,9–6,9 Bar), dem bis heute üblichen Längsrippenprofil, Kordgewebe und Drahtreifen auf. Dadurch verbesserten sich Haltbarkeit und Belastbarkeit der Reifen grundlegend, was Voraussetzung für das sichere Fahren mit höheren Geschwindigkeiten war. Ab 1937 trat eine weitere Verbesserung durch Verwendung von Kunstseidefasern (bisher Baumwollfasern) für das Kordgewebe ein, wodurch Dauergeschwindigkeiten von mehr als 100 km/h, ein Reifeninnendruck von 1,2 bis 1,8 Bar (Niederdruckreifen) und eine Laufleistung von mehr als 30 000 km möglich wurden.[3]

Die ersten Luftreifen besaßen hingegen eine ungenügende Haltbarkeit: Michelin stellte 1895 den ersten Luftreifen für den Pkw L’Eclair her und 1898 erschienen erste Luftreifen für Serienautomobile, deren Haltbarkeit jedoch mit 500 km stark begrenzt war.[4] 1902 betrug die durchschnittliche Haltbarkeit von Luftreifen 2200 Meilen.[5] Mit der Einführung des Cordgewebes (1920) nahm die Lebensdauer des Luftreifens auf mehr als 20.000 km zu.[6] Mit dem Ballonreifen (1924) führte dies zum Ende des Vollgummireifens bei Pkw.

Lärmgrenzwerte und Rollwiderstandsbeiwerte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grenzwerte für Abrollgeräusche und Rollwiderstandsbeiwerte nach EU-Verordnung Nr. 661/2009:

Klasse Reifenbreite in mm Lärmgrenzwert in dB(A) Rollwiderstandsbeiwert (max.) in kg/t
C1a (Pkw) bis 185 70 10,5
C1b (Pkw) 185–215 71 10,5
C1C (Pkw) 215–245 71 10,5
C1d (Pkw) 245–275 72 10,5
C1e (Pkw) >275 74 10,5
C2 (leichte NFZ) 72* (73) 9,0
C3 (schwere NFZ) 73* (75) 6,5
  • Normalreifen, Traktionsreifen ()[7]

Verordnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe der Geschichte gab es verschiedene nationale und internationale Vorschriften, die die Qualität und die Herstellung der verschiedenen Reifentypen regeln sollten. Die neueste davon ist die Verordnung (EU) 2020/740 des Europäischen Parlaments und des Rates.[8] Es enthält einige neue Funktionen, wie z. B. einige Änderungen in der Energiekennzeichnung des Reifens, in der Skala der Kategorisierung von Kraftstoffverbrauch und Rollwiderstand oder den Zugang zu Informationen über die Produktion mittels eines QR-Codes.[9]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Reifen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Reifen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grace's Guide: Robert William Thomson. (abgerufen am 19. August 2017)
  2. Geschichte der Hochräder
  3. a b Zur Geschichte des Luftreifens. In: Kraftfahrzeugtechnik 4/1968, S. 122–123.
  4. Klaus P. Backfisch, Dieter S. Heinz: Das Reifenbuch. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01433-5, S. 26.
  5. L. J. K. Setright: The Guinness Book of Motorcycling. Facts and Feats, 1982, ISBN 0-85112-255-8, S. 38, 257.
  6. Olaf von Fersen: Ein Jahrhundert Automobiltechnik. Personenwagen. VDI-Verlag, Düsseldorf 1986, ISBN 3-18-400620-4, S. 436.
  7. VERORDNUNG (EG) Nr. 661/2009 (PDF)
  8. Verordnung (EU) 2020/740 des europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Mai 2020 über die Kennzeichnung von Reifen in Bezug auf die Kraftstoffeffizienz und andere Parameter, zur Änderung der Verordnung (EU) 2017/1369 und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 1222/2009 (Text von Bedeutung für den EWR). 32020R0740, 5. Juni 2020 (europa.eu [abgerufen am 14. Mai 2021]).
  9. www.confortauto.de: Verordnung 2020/740 über die Kennzeichnung von Reifen. Abgerufen am 14. Mai 2021 (deutsch).