Einstellung (Psychosomatik)

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Die Begriffe Einstellung, Bereitschaft und Bereitstellung werden in den verschiedensten Neuro- und Psychofächern aber auch in der Physiologie verwendet. Sie bedeuten so z. B.:

  • Neurophysiologisch eine Prädisposition sensorischer oder motorischer Zentren für eine bestimmte Erregung oder einen beständigen Impuls. Diese Definition wurde von Oswald Külpe (1862–1915) formuliert.[1]
  • Psychologisch eine seelische Bereitschaft, in einer gewissen Richtung zu agieren oder zu reagieren, die als Übungserscheinung (oder auch als Lernprozess) aufgefasst werden kann. Diese Definition wurde von Hermann Ebbinghaus (1850–1909) aufgestellt.[2] Heute wird unter Einstellung das Ergebnis einer unspezifischen Orientierungsreaktion oder kurz eine Bereitstellung des Organismus verstanden im Hinblick auf bestimmte Wahrnehmungen, Objekte oder Klassen von Objekten.[3]

Genannte Begriffe sind jeweils in der Physiologie, Neurophysiologie und in der Psychologie von synonymer Bedeutung. Die Begriffe „Bereitstellung“ und „Bereitschaft“ sind aus der sozialen Wirklichkeit der Bereitschaftsdienste entlehnt.[4] Sie eignen sich aufgrund ihrer fächerübergreifenden begrifflichen Geltung für Modellvorstellungen in der Psychosomatischen Medizin bzw. zu Abgrenzungsfragen körperlicher und psychischer Art (Psychophysiologie). Sie stehen in enger Beziehung zu dem eher neurophysiologischen Begriff der Bahnung.

Metaphorische Begriffserklärung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wecker als metaphorisches Beispiel eines Vorgangs der Einstellung

Der physiologische oder psychologische Vorgang der Einstellung ist einer mechanischen Einrichtung vergleichbar, bei der eine ganz bestimmte Justierung vorgenommen werden kann, wie etwa beim „Einstellen“ eines Weckers. Bei einer solchen Uhr kann eine ganz bestimmte Uhrzeit „vorgegeben“ werden, die einen Menschen aus dem Schlaf wecken oder an einen bestimmten Termin erinnern soll.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Müller und Schumann gebrauchten diesen Begriff.[5] Der von Ebbinghaus gegebenen Definition schließt sich auch Carl Gustav Jung (1875–1961) an.[6]

Bereitschaft in der Physiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Physiologie wird von Bereitschaftsreaktionen gesprochen.[7] Diese werden auch als „Adaptationen“ oder „Umstellungsreaktionen des Organismus“ bezeichnet. Darunter wird die „Fähigkeit zu einer bestimmten Arbeitsleistung“ seitens des vegetativen Nervensystems verstanden. Die Bezeichnung Bereitschaftsreaktion stammt von Ernst Wilhelm von Brücke (1819–1892).[8] Hans Selye (1907–1982) hat das Modell des allgemeinen Anpassungssyndroms entwickelt, welches Bedeutung in der Psychophysiologie erhalten hat. Es werden u. a. folgende gegensätzliche Bereitstellungsreaktionen unterschieden:

  • ergotrope Bereitschaftsreaktion (Ergotropie oder Sympathikotonie) verfolgt das Ziel der „animalen Energieentfaltung“ nach Walter Rudolf Hess (1881–1973), d. h. zum „Vollzug von Leistungen, deren Ergebnis im Lebensraum des Organismus als Ganzem zur Auswirkung gelangt“.
  • trophotrope Bereitschaftsreaktion (Trophotropie oder Vagotonie) oder histotrope Bereitschaftsreaktion[9]

In der Neurophysiologie ist der Begriff des Bereitschaftspotentials eingeführt. Man versteht darunter ein über der gesamten Konvexität des Schädels ableitbares Hirnpotential im EEG, das bei bestimmten Versuchsanordnungen bei einem Probanden entsteht, wenn er aufgefordert wird, eine ganz bestimmte Bewegung in unregelmäßigen Abständen zu wiederholen. Das Bereitschaftspotential kann daher als neuronales Korrelat eines willkürlichen Bewegungsentwurfs angesehen werden.[10] Auch der Berger-Effekt wird in der Neurophysiologie als Bereitschaftsreaktion angesehen. Er steht in Zusammenhang mit emotionellen Erregungen, Erweckung der Aufmerksamkeit, etwa Zunahme der Vigilanz oder der Ergotropie. Selbst das Intendieren einer Bewegung oder das Vorstellen einer Wahrnehmung steigern den kortikalen Tonus und lösen eine unspezifische Bereitschaftsreaktion aus.[11][12]

Einstellung in der komplexen Psychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einstellung ist ein von C.G. Jung viel gebrauchter Begriff, der sich nach seiner Auffassung für die komplexe Psychologie deshalb am besten eignet, weil er sowohl auf bewusste als auch auf unbewusste Zielrichtungen anwendbar sei.

Eingestellt sein heißt: für etwas Bestimmtes bereit sein, auch wenn dieses Bestimmte unbewußt ist, denn Eingestelltsein ist gleichbedeutend mit apriorischer Richtung auf Bestimmtes, gleichviel ob dieses Bestimmte vorgestellt ist oder nicht.[6]

Jung verwendet zur Erläuterung seines Konzepts der Einstellung auch die Begriffe Bereitschaft und Bereitstellung. - Einstellung ist nach Jung das Ergebnis rationaler Funktionen. Denken und Fühlen sind solche rationalen Funktionen, die unser Handeln nach objektiven Werten ausrichten. Diese Werte sind aufgrund durchschnittlicher Erfahrungen gewonnen und beruhen sowohl auf äußeren wie auf inneren Tatsachen. Damit diese inneren Tatsachen als „objektiver Wert“ angesehen werden, ist es erforderlich, dass sie als solche zunächst durch das Subjekt bewertet werden. Dies ist primär eine gefühlsmäßige Aufgabe, danach auch eine Aufgabe des Denkens.[6] Einstellung ist nach Jung insbesondere von Bedeutung für das Verständnis folgender weiterer Konzepte:

  • Apperzeption“: Dieser schon von Leibniz verwendete Begriff kann heute im Sinne von Kognition oder Hermeneutik aufgefasst werden. Jung sagt: „Ohne Einstellung keine Apperzeption“.
  • Neurose“: Nach Jung bestehen in der Neurose zwei verschiedene Einstellungen. Dies wird allgemein als die Situation des neurotischen Konflikts bezeichnet, siehe auch → Neurotizismus.
  • Kompensation“: Bewusste und unbewusste Einstellung üben aufeinander eine gegenseitig kompensierende Funktion aus. Die bewusste Apperzeption hemmt die Wahrnehmung neuen Materials, indem sie die Aufnahme von Bekanntem begünstigt, die von Unbekanntem hemmt.
  • Aufmerksamkeit“: Die Offenheit gegenüber neuen Bewusstseinsinhalten wird durch Einstellungen begünstigt, die eine grundsätzliche Haltung zu Fragen des Lustprinzips (Lust-Unlust) zum Gegenstand haben.
  • „Differenzierung“: Kollektive und individuelle Einstellungen sind für die Typologie in der Psychologie von Bedeutung. Hier ist auch der Gegensatz von Animus und Anima sowie von Persona und „Seele“ (nach Jung) zu nennen.
  • Individuationsprozess“: Selbstwahrnehmung des eigenen Einstellungstypus, d. h. der eigenen superioren Funktionen, und der minderwertigen Funktionen, siehe → Schattenproblem. Dieser Prozess umfasst auch die Auseinandersetzung mit der → Persona und der „Seele“ (nach Jung → Animus und Anima). Während Differenzierungsvorgänge in der ersten Lebenshälfte zur Anpassung an die Umwelt wichtig sind, ist die Auseinandersetzung mit dem Schatten in der zweiten Lebenshälfte von Bedeutung.[13]

Bereitstellung in der Psychosomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thure von Uexküll (1908–2004) nennt die Bereitstellung als einen der Grundbegriffe der Psychosomatik.[4] Dieses Modell gehe auf Walter B. Cannon zurück.[4] Es sei vergleichbar mit den bereits genannten physiologischen Einstellungen wie der ergotropen Reaktion, der histotropen Reaktion, der Nausea und der Notfallzustände (Cannon). Thure von Uexküll verwendete den Begriff der Bereitstellung nicht nur für normale und extreme physiologische Reaktionen, sondern auch zur Beschreibung psychosomatischer Störungen wie der Bereitstellungskrankheiten. Der Begriff Bereitstellung wird heute auch für funktionelle Störungen verwendet, wie z. B. der Erectio praecox.[14] Einstellungen sind z. T. sehr früh in der Kindheit erlernte Gefühlsreaktionen. Heute wird versucht, zwischen sich schon früh manifestierenden Grundgefühlen wie Freude, Trauer, Ärger, Angst, Überraschung und erst später erlernten sozialen Gefühlen wie Neid, Ekel, Scham, Schuld, Eifersucht und Stolz zu unterscheiden, die erst aufgrund von mitmenschlichen Erfahrungen entstehen.[15] Diese erlernten Gefühlsqualitäten kann man auch als individuell verfügbares Repertoire von Stimmungen bezeichnen.[4]

Sprachforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oppositionsworte sind ein altsprachlicher Forschungsgegenstand. Diese Worte besitzen einen in sich gegensätzlichen Bedeutungsgehalt. Jürgen Habermas weist auf den vermutlichen Zusammenhang mit Ursituationen der Verhaltens- und Einstellungsambivalenz hin. Parallelen ergeben sich hier auch bei ontogenetischen Betrachtungen über primärprozesshafte Entwicklungsstufen.[16][17][18][19] Einstellungsambivalenzen ergeben sich aus der grundsätzlichen Notwendigkeit der Hemmung oder Förderung physiologischer Leistungen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Külpe, Oswald: Grundriß der Psychologie. Seite 44
  2. Ebbinghaus, Hermann: Grundzüge der Psychologie. Seite 681 f.
  3. Arnold, Wilhelm et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8; Spalte 436 ff.
  4. a b c d Uexküll, Thure von: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, (a) zu Stw. „Abgeleitete Begriffe aus soziologischen Phänomenen“: Seite 225; (b) zu Stw. „Bereitstellung (Übersicht)“: Seiten 170 ff., 184 ff., 190 f., 194 ff., 201 ff., 222, 225, 235; (c) zu Stw. „Cannon-Modell als Notfall-Einstellung (emergency-state)“: Seite 170, 172, 222; (d) zu Stw. „Stimmung“: Seiten 171 ff., 194 f., 244, 267, 270
  5. Müller und Schumann: Pflügers Archiv 45 Seite 37
  6. a b c Jung, Carl Gustav: Definitionen. In: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, Band 6, Psychologische Typen, ISBN 3-530-40081-5; (a) zu Stw. „Übersicht zum Konzept der Einstellung“: Seite 452 f., §§ 706-710; (b) zu Stw. „Gültigkeit des Konzepts auch für Unbewusstes“: Seite 453, § 706; (c) zu Stw.„Einstellung als Ergebnis rationaler Funktionen“: Seite 494, § 795.
  7. Wilmanns, Juliane & Günther Schmitt: Medizin und ihre Sprache. Leitfaden und Atlas der medizinischen Fachsprache nach Organsystemen. ecomed Medizin, Landsberg 2002, 432 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-609-64390-8; Seite 110
  8. Rein, Hermann und Max Schneider: Einführung in die Physiologie des Menschen. Springer, Berlin, 15 1964, Seiten 405, 543
  9. Hess, Walter Rudolf: Funktionsgesetze des vegetativen Nervensystems. In: Klinische Wochenschrift, 5. Jahrgang Ausgabe vom 23. Juli 1926, Seite 1 ff.
  10. Schmidt, Robert F. (Hrsg.): Grundriß der Neurophysiologie. Springer, Berlin 31979, ISBN 3-540-07827-4; Seite 207 f.
  11. Kugler, Johann: Elektroenzephalographie in Klinik und Praxis. Eine Einführung. Thieme, Stuttgart 31981 ISBN 3-13-367903-1, zu Stw. „Bereitschaftsreaktion“: Seite 53
  12. Christian, Walter: Klinische Elektroenzephalographie. Lehrbuch und Atlas. Georg Thieme, Stuttgart 21977, ISBN 3-13-440202-5; zu Stw. „Bereitschaftsreaktion“: Seiten 15, 23 f. , 119 f.
  13. Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Mit einem Geleitwort von C.G. Jung. Fischer Taschenbuch, Frankfurt März 1987, ISBN 3-596-26365-4; zu Stw. „Diffenrenzierung und Individuationsprozess“: Seite 110
  14. Förstl, Hans, Martin Hautzinger, Gerhard Roth: Neurobiologie psychischer Störungen. Springer, Heidelberg 2006, 873 Seiten, ISBN 978-3-540-25694-6, ISBN 3-540-25694-6; zu Stw. „Bereitschaftsreaktion“: Seite 787 online
  15. HR2-Funkkolleg vom 8. November 2008 9:25 Uhr – Wie wir fühlen (Memento vom 12. Februar 2009 im Internet Archive)
  16. Habermas, Jürgen: Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik (1970). In: Zur Logik der Sozialwissenschaften, Suhrkamp Taschenbuch, Wissenschaft 517, Frankfurt 51982, Seite 352
  17. Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur. Frankfurt 1964
  18. Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. [1900] Gesammelte Werke, Band II/III, S. Fischer Verlag, Frankfurt / M, Stellenhinweise: Taschenbuchausgabe der Fischer-Bücherei, Aug. 1966, VI. Die Traumarbeit, Abs. C. Die Darstellungsmittel des Traumes. Seite 265 f.
  19. Abel, K.: Der Gegensinn der Urworte. 1884

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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