Bergkirche Niedergründau

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Bergkirche Niedergründau
Ansicht von Südosten

Die Bergkirche Niedergründau ist eine evangelische Kirche auf dem Schieferberg bei Niedergründau im südhessischen Main-Kinzig-Kreis. Der wuchtige Westturm geht im Kern auf das 12. Jahrhundert zurück und wurde 1566 erneuert. Die Saalkirche wurde 1840 im Stil des Klassizismus errichtet. Sie gehört der evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“ und ist die zentrale Kirche für die Bevölkerung der Gründauer Ortsteile und des Gelnhäuser Stadtteils Roth.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dem heiligen Petrus geweihte Kirche wurde erstmals am 15. August 1217 urkundlich erwähnt und war wohl schon vorher im Besitz des Klosters Selbold, von dem aus die Geistlichen die Seelsorge in den umliegenden Dörfern wahrnahmen.[1] Kirchlich gehörte Niedergründau im späten Mittelalter im Dekanat Roßdorf zum Archidiakonat St. Mariengreden im Bistum Mainz.[2]

Der heutige Turm wurde 1556/1557 im Stil der Gotik erneuert[3] und am 15. Oktober 1557 eingeweiht.

Mit Einführung der Reformation wechselte die Kirchengemeinde unter Pfarrer Nikolaus Molitor (Müller) vor 1549 zum evangelischen Bekenntnis.[1]

Zwei Glocken aus den Jahren 1779 und 1853 wurden 1917, zwei Glocken aus dem Jahr 1933 wurden 1942 zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Am 30. August 1954 wurden drei neue Glocken geweiht.

Das heutige Kirchenschiff wurde ab dem 5. März 1838 im klassizistischen Stil neu gebaut und am 8. November 1840 eingeweiht.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Südportal

Der geostete Saalbau ist in prominenter Lage auf dem Schieferberg inmitten eines ehemals befestigten Kirchhofs aus rotem Bruchsteinmauerwerk auf rechteckigem Grundriss am nordöstlichen Ortsrand errichtet. Das Schiff misst 35,50 m × 19,30 m. Es hat einen Sockel und Eckquaderung aus rotem Sandstein und wird von einem flachem Walmdach abgeschlossen. An den Langseiten befinden sich axial die beiden Portale in einer vorkragenden hochrechteckigen Umrahmung aus Sandsteinquadern. Unter dem Gesims ist als Inschrift eingelassen: „DEM EWIGEN“. Über dem Gesims ist ein Rundbogen mit einem Fenster angebracht. Der Innenraum wird an den Langseiten durch je sechs hohe Rundbogenfenster belichtet. Das östliche Südfenster ist ebenso vermauert wie die beiden Ostfenster.

Der wuchtige gotische Westturm aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung wird durch umlaufende Gesimse in unterschiedlich hohe Geschosse gegliedert. Er misst bis zur Dachspitze 32,20 Meter, mit Kirchturmhahn 35,00 Meter. Das Westportal mit stumpfem Spitzbogen und schlichtem Sandsteingewände dient heute als Haupteingang und führt in die Turmhalle mit Kreuzrippengewölbe.[3] Über dem Portal ist eine Halbrosette eingelassen. Der Turm hat nur wenige kleine Fenster. Das Obergeschoss dient als Glockenstube und beherbergt ein Vierergeläut. Die Glocke „Osanna“ ist die älteste und wurde im Jahr 1509 gegossen. Die drei anderen Glocken (Betglocke, Friedensglocke, Taufglocke) datieren von 1954. Der massiv aufgemauerte Turm wird durch ein Rundbogenfries abgeschlossen, das auf einen ehemaligen Wehrgang hinweist. Darüber erhebt sich der oktogonale Spitzturm, der von Turmknauf, Kreuz und Wetterhahn bekrönt wird. An der West- und Südseite sind oberhalb der Traufe Dachgauben mit den Zifferblättern der Turmuhr aufgesetzt.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kanzelaltar
Innenraum Richtung Osten

Der flachgedeckte Innenraum ist schlicht ausgestattet. Er wird von schlanken Holzsäulen und Wandstützen in hellbrauner Fassung beherrscht, die durch Stahlstreben stabilisiert sind. Die runden Kopfbänder, die oberhalb der Emporen einen Spitzbogen bilden, vermitteln den Eindruck einer dreischiffigen Hallenkirche. Die freistehenden Säulen beziehen die dreiseitig umlaufende Empore ein. In der Brüstung sind einige der hellen hochrechteckigen Füllungen mit christlichen Motiven bemalt. Die Westempore dient als Aufstellungsort der Orgel.

Der Orgel entspricht auf der Ostseite der Kanzelaltar, beide heben sich durch ihre rote Fassung von der übrigen Kirchenausstattung ab. Der fünfseitige Kanzelkorb wird von zwei Pilastern mit Architrav und flachem Dreiecksgiebel gerahmt. Eine Reihe von stilisierten Lilien bekrönt den polygonalen Schalldeckel. Die Altarmensa wird von einer Metallbrüstung mit neogotischem Maßwerk umgeben. Das vergoldete Altarkreuz von Bernd Wilfer ziert seit dem 1. Advent 2007 den Altar. In diesem Zusammenhang wurde der gesamte Altarschmuck neu gestaltet.

Das schlichte Kirchengestühl lässt einen Mittelgang frei. Die seitlich des Altars errichteten Pfarr- und Presbyterstände weisen Pilastergliederung auf.[3]

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ratzmann-Orgel von 1839
Spieltisch der Orgel

Die Hauptorgel auf der Empore wurde in den Jahren 1838/1839 unter Mitwirkung von Georg Franz Ratzmann und seinem Sohn Wilhelm August Ratzmann aus Ohrdruf erbaut. Im 19. Jahrhundert wurde ein Register ausgetauscht und im Ersten Weltkrieg wurden die metallenen Prospektpfeifen abgeliefert. Die Firma Förster & Nicolaus führte 1981 eine Teilrestaurierung durch, rekonstruierte die verlorenen Prospektpfeifen und stellte die um 1900 umgehängte Traktur wieder her. Von 2006 bis 2008 restaurierte Orgelbau Waltershausen die Orgel umfassend und sanierte Windladen, Klaviaturen und Mechanik. Ermöglicht wurde dies durch einen Orgel-Förderverein.[4] Das weitgehend erhaltene Schleifladen-Instrument verfügt über 31 Register auf zwei Manualen und Pedal in einem Gehäuse in roter und rosa Fassung.

Die Orgel weist entsprechend thüringischer Orgelbautradition einen hohen Anteil an Holzregistern auf. Ungewöhnlich ist, dass der seitenspielige Spieltisch hinter einem Rundbogen im Untergehäuse eingebaut ist, sodass der Organist inmitten seines Instruments sitzt. Die Pfeifen des Registers Untersatz 32′ sind aus Holz gefertigt und stehen teilweise im Prospekt in den seitlichen, rundbogigen Pfeifenfeldern zwischen Pilastern. Um sie den übrigen Prospektpfeifen anzugleichen, wurden sie vorne gerundet und mit Metallfarbe bestrichen.[5] Die mittleren, zweigeschossigen Rundbogenfelder werden durch vier mächtige Halbsäulen mit vergoldeten korinthischen Kapitellen gegliedert. Die drei unteren, größeren Pfeifenfelder weisen filigranes Schleierwerk auf. Die grauen Säulen stehen auf einer profilierten Konsole, die von sechs kleineren Halbsäulen getragen wird. Gestimmt ist das Instrument einen Ganzton über der normalen Tonhöhe.[6]

I Hauptwerk C–f3
Bourdon 16′
Prinzipal 8′
Hohlflöte 8′
Gamba 8′
Bourdon 8′
Oktave 4′
Spitzflöte 4′
Hohlflöte 4′
Oktave 2′ + 1′
Mixtur IV
Cymbel III 12
Trompete 8′
II Oberwerk C–f3
Quintade 16′
Prinzipal 8′
Flöte travers 8′
Harmonica 8′
Stillgedackt 8′
Salizional 8′
Waldflöte 4′
Flauto travers 4′
Oktave 4′
Oktave 2′ + 1′
Mixtur IV
Vox cael. 8′
Pedalwerk C–d1
Untersatz 32′
Prinzipal 16′
Subbass 16′
Violon 16′
Oktavbass 8′
Viola da Gamba 8′
Posaune 16′

Die Truhenorgel von Förster & Nicolaus aus dem Jahr 1992 steht im Altarraum. Das opus 685 verfügt über fünf Register.

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einmal jährlich im Frühjahr findet der Motorrad-Gottesdienst in der Bergkirche statt. Von dort aus erfolgt auch die Ausfahrt, die am Festplatz in Gelnhausen als Treffpunkt endet. Das Treffen gilt als eines der größten Motorradtreffen in Deutschland.[7]

Lage am Pilgerweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche liegt am Pilgerweg Fulda–Frankfurt, der Bonifatius-Route. Dieser Pilgerweg ist mit einer Jakobsmuschel markiert.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bergkirche (Niedergründau) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Niedergründau. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde (HLGL), abgerufen am 8. Dezember 2019.
  2. Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 41.
  3. a b c Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. 2008, S. 617.
  4. Förderverein Ratzmann-Orgel in der Bergkirche Niedergründau: Geschichte der Ratzmann-Orgel, abgerufen am 8. Dezember 2019.
  5. Ratzmann-Orgel Bergkirche Niedergründau. hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“ und dem Förderverein Ratzmann-Orgel, 2017.
  6. Umfassende Informationen: Die Ratzmann-Orgel in der Bergkirche Gründau (Niedergründau). Abgerufen am 8. Dezember 2019.
  7. hessenschau.de, Frankfurt, Germany: Tausende Motorradfahrer eröffnen die Saison | hessenschau.de | Panorama. In: hessenschau.de. 23. April 2017 (hessenschau.de [abgerufen am 8. Dezember 2019]).

Koordinaten: 50° 12′ 47,5″ N, 9° 6′ 43,9″ O