Berliner Zimmer

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Grundrisse mit Berliner Zimmern (als „BZ“ markiert)

Als Berliner Zimmer bezeichnet man einen Wohnraum, der das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes bzw. den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbindet. Es ist ein großer Raum, der trotz seiner Größe nur über ein einziges Eck-Fenster verfügt, das zum Hof hinausgeht und daher, vor allem in den unteren Stockwerken, wenig Licht spendet.

Das Berliner Zimmer ist eine Besonderheit des Berliner Mietshauses im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Durchgangszimmer war als Empfangs- und Aufenthaltsraum gedacht. „Es diente in vornehmeren Familien als Esszimmer, als Musik- oder Bibliothekszimmer. Waren die Wohnverhältnisse enger …, bildete es zuweilen Wohn- und Arbeitszimmer von Heimwerkern in einem.“[1] In den hinteren Räumen befand sich in der Regel der lange Korridor mit dem Entréekasten, auf dem angezeigt wurde, ob an der Vorder- oder Lieferantentür geklingelt wurde oder von der „Herrschaft“ aus den Wohnräumen im Vorderbereich. Neben dem Flur waren die Küche, die Toilette (soweit nicht separat im hinteren Treppenhaus) und die Dienstbotenkammern.

Der später Berliner Zimmer genannte Raum entstammt angeblich der Feder von Karl Friedrich Schinkel, der ihn der Nutzung der zur Verfügung stehenden Wohnfläche zuliebe begünstigte. Durch diesen Raum konnte man die Fläche zwischen Vorderhaus und Seitenflügel besser ausnutzen, was aber nicht auf Zuneigung der Berliner traf. Eine Zeitschrift schrieb:[2] An den Häusern der Bürger practiret er sein Ingenium wenig [wie vorher in Klein-Glienicke und Charlottenhof, d. B.], daß Schinkel an nichts sonst als die Façaden achtet, versündigt schwer gegen jene Unglücklichen, welche in solchen Häusern dann Wohnung nehmen.

Den massenhaften Einsatz des Berliner Zimmers im Mietskasernenbau verursachten angeblich ebenfalls der Berliner Polizeipräsident, sein Bauassesor James Hobrecht und die Grundstücksspekulanten. Die Baupolizeiordnung von 1853 gab den Bau von Vorder- und Hinterhaus im Rahmen großer Blöcke vor, statt innerer Flure entstanden so viele Hinterhöfe und Seitenflügel und somit viele Ecken.

Friedrich Engels, der 1893 den Arbeiterführer Wilhelm Liebknecht in der Kantstraße besucht hatte, schrieb in einem Brief: „Hier in Berlin hat man das ‚Berliner Zimmer‘ erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit. Nach vorn hinaus gehen das Eßzimmer (die gute Stube, die nur bei großen Anlässen benutzt wird) und der Salon (noch vornehmer und noch seltener benutzt), die Schlafzimmer nach dem Hof.“ Das Berliner Zimmer missfiel Engels sehr: „… diese in der ganzen anderen übrigen Welt unmögliche Herberge der Finsternis, der stickigen Luft, & des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philistertums. Dank schönstens!“[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Erman: Weltgeschichte auf berlinisch – Historien, Episoden, Anekdoten. Verlag für Internationalen Kulturaustausch, Berlin (West) 1960.
  • Walter Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. Verlag Biederstein, München 1958, S. 82 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Markus Ackeret: Schmuddelecke und Herz der Berliner Altbauwohnung. In: Neue Zürcher Zeitung vom 13. August 2016, S. 8.
  2. Zitiert nach Erman (1960), S. 216.
  3. Maritta Tkalec: Schrank, Esstisch, Anrichte Das steckt hinter dem legendären „Berliner Zimmer“. Berliner Zeitung am 18. April 2017, abgerufen am 19. April 2017.