Bernard Lewis

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Bernard Lewis (2012)

Bernard Lewis (* 31. Mai 1916 im früheren Borough of Stoke Newington in London; † 19. Mai 2018 in Voorhees Township, New Jersey) war ein britisch-amerikanischer Publizist und Historiker mit dem Schwerpunkt Orientalistik und Islamgeschichte. Er war ebenfalls als Politikberater tätig, zuletzt für den ehemaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lewis war Kind einer jüdischen Familie aus der Mittelschicht. Er schloss sein Studium der Geschichte mit dem Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten an der University of London 1936 ab. Dann ging er nach Paris an die Sorbonne und kehrte 1938 wieder zur University of London zurück, an der er assistant lecturer für Islamische Geschichte wurde. Im Zweiten Weltkrieg diente er zuerst in der Armee, heiratete die damals 18-jährige spätere Kryptoanalytikerin Regene Lewis, mit der er aber nur kurz zusammen blieb,[1] und arbeitete für den Rest des Krieges in einer Außenstelle von Bletchley Park für das britische Außenministerium in London.

Nach dem Krieg kehrte er wieder an die Universität London zurück, an der er bis 1974 den Lehrstuhl für Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens innehatte. Von 1974 bis 1986 lehrte er als Professor of Near Eastern Studies[2] an der Princeton University in den USA, an der er auch dem Institute for Advanced Study angehörte, und wurde 1973 Mitglied der American Philosophical Society[3] und 1983 der American Academy of Arts and Sciences. Seit 1994 war er auswärtiges korrespondierendes Mitglied der Académie des inscriptions et belles-lettres.[4]

Lewis war Verfasser zahlreicher Bücher und Untersuchungen zur arabischen Welt. Er galt bei vielen als einer der besten Kenner des Nahen Ostens. Seine Thesen werden aber auch sehr kontrovers diskutiert, zuletzt wurde unter anderem Lewis’ Befürwortung des Irak-Krieges 2003 kritisiert.[5] Einer der Hauptkritiker Lewis' war der Literaturtheoretiker Edward Said.[6]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Lewis warnte über längere Zeit vor den Gefahren des rückwärtsgewandten antidemokratischen Islamismus für die westlichen Gesellschaften. Er sah einem am 26. März 2007 in New Perspectives Quarterly veröffentlichten Artikel[7] zufolge eine „dritte muslimische Angriffswelle“ auf Europa zurollen (nach der ersten Eroberung Arabiens und Nordafrikas durch die Araber und der zweiten durch die Osmanen zu Beginn der Neuzeit):

„Die Kombination von natürlicher Vermehrung und Einwanderung, die enorme Umschichtungen in der Bevölkerungsstruktur hervorbringt, könnte in absehbarer Zukunft zu signifikanten Bevölkerungsmehrheiten in wenigstens einigen europäischen Städten, vielleicht sogar Ländern führen […] Aber die westlichen Demokratien haben auch ein paar Vorteile – die wichtigsten davon sind Wissen und Freiheit. Die Anziehungskraft modernen Wissens auf eine Gesellschaft, die in der ferneren Vergangenheit über eine echte Tradition von gelehrten Errungenschaften verfügt, liegt auf der Hand. Die Muslime sind sich klar und schmerzhaft der Tatsache bewusst, dass sie im Verhältnis zu uns zurückgeblieben sind, und sie heißen die Chance willkommen, das zu korrigieren.[8]

In seinem Buch The Emergence of Modern Turkey von 1961 gab Lewis zur „Armenierfrage“ an, dass die armenische Unabhängigkeitsbewegung die ernsteste aller Bedrohungen für das Osmanische Reich gewesen sei. Während die Türken widerwillig auf die eroberten Länder der Serben, Bulgaren, Albaner und der Griechen verzichten konnten, da sie letztendlich ferne Provinzen aufgaben und die Grenzen des Reiches „näher nach Hause“ rückten, hätten die Armenier über das Herzstück des türkischen Heimatlandes verteilt gesiedelt. Diese Länder aufzugeben, hätte keine Verkleinerung des türkischen Staates, sondern seine Auflösung bedeutet. Es hätte der „verzweifelte Kampf zwischen zwei Völkern“ um dasselbe Heimatland begonnen, der mit dem furchtbaren Holocaust von 1915 an 1,5 Millionen Armeniern geendet habe.[9] Später änderte Lewis seine Ansicht. 1993 gab Lewis bei einem Interview der französischen Zeitung Le Monde zwar erneut an, dass es sich um einen Kampf zwischen zwei Völkern um dasselbe Heimatland gehandelt hätte, fügte aber nunmehr hinzu, es sei zweifelhaft, dass es sich um einen Genozid an den Armeniern handelte, weil es keinen Plan zur Ausrottung der Armenier gegeben habe. Türkische Dokumente würden die Absicht zur Vertreibung beweisen, nicht die Absicht zur Ausrottung. Am 1. Januar 1994 wiederholte er in einem Brief an Le Monde seinen Standpunkt, es gebe keinen seriösen Nachweis, dass die osmanische Regierung die Ausrottung des armenischen Volkes beabsichtigt habe. In der dritten Auflage seines Buches The Emergence of Modern Turkey von 2002 änderte Lewis seine Aussage über den „furchtbaren Holocaust“ und seine Angaben zu Opferzahlen. Der Satz spricht nunmehr von „Metzeleien“ (slaughter) anstelle von „Holocaust“, Schätzungen von mehr als einer Million armenischen Toten (anstelle von 1,5 Millionen Toten) und einer unbekannten Zahl von türkischen Toten.[10]

Kritik an Lewis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der politischen Ebene wird, neben seiner Befürwortung des Irakkrieges, Lewis auch eine zu große Nähe zur offiziellen türkischen Politik vorgeworfen. In einem Interview[11] wies der britische Historiker Donald Bloxham auf die Finanzierung des Atatürk-Lehrstuhls für Turkologie in Princeton, dessen Inhaber Lewis war, und des Instituts für Türkische Studien in Washington D.C. durch den türkischen Staat und die US-Rüstungsindustrie hin. Die Nähe zum türkischen Staat und die Angst, keinen Zugang zu türkischen Archiven zu erhalten, hätten nach seiner Ansicht Lewis in seinen Publikationen beeinflusst. Lewis bestreitet, dass es sich bei den von Türken begangenen Massakern an Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917 um einen Völkermord gehandelt habe (siehe Leugnung des Völkermords an den Armeniern).[12] Neben Bloxham haben weitere bekannte Historiker und Sozialwissenschaftler scharfe Kritik an Lewis’ Darstellung der türkischen Geschichte geübt. Zu diesen Kritikern gehören unter anderem Pierre Vidal-Naquet, Albert Memmi und Alain Finkielkraut.[13]

Dem Literaturtheoretiker Edward Said zufolge ist Lewis’ Darstellung des Orients geprägt von willkürlichen Zuschreibungen und Setzungen.[14] Andere Wissenschaftler, wie etwa S. M. Stern, kritisieren, dass Lewis die gleichen Thesen über Jahre in verschiedenen Publikationen immer wieder veröffentliche, ohne die wissenschaftliche Debatte ausreichend zu berücksichtigen.[15]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Islam von den Anfängen bis zur Eroberung von Konstantinopel. Band I: Die politischen Ereignisse und die Kriegsführung. Artemis, Zürich und München 1981. ISBN 3-7608-4523-1
  • The New Anti-Semitism. First religion, then race, then what? In The American Scholar (Magazin), 1. Dezember 2005 online
  • Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2004 ISBN 978-3-406-51074-8 (Erstfass. 1987)
  • Die Wut der arabischen Welt. Warum der Jahrhunderte lange Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen weiter eskaliert. Campus, Frankfurt 2003
  • Der Untergang des Morgenlandes: warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor. Lübbe, Bergisch Gladbach 2002
  • Die Araber. Deutscher Taschenbuchverlag dtv, München 2002
  • Kultur und Modernisierung im Nahen Osten. Passagen, Wien 2001
  • Stern, Kreuz und Halbmond: 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens. Piper, München 1997
  • Kaiser und Kalifen: Christentum und Islam im Ringen um Macht und Vorherrschaft. Europa, Wien 1996
  • Der Atem Allahs: die islamische Welt und der Westen: Kampf der Kulturen? Europa, Wien 1994
  • Die Assassinen: zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam., Frankfurt am Main : Eichborn 1989, Reihe Die Andere Bibliothek, auch Piper, München 1993
  • Die politische Sprache des Islam. Rotbuch, Berlin 1991; wieder Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002
  • „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus. Ullstein, Frankfurt 1989
  • Die Welt der Ungläubigen. Wie der Islam Europa entdeckte. Ullstein, Frankfurt 1987
  • The Muslim Discovery of Europe Weidenfeld & Nicolson, 1982; wieder Phoenix, London 2000
  • Christians and Jews in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society. Holmes & Meier, New York 1982 ISBN 0-8419-0519-3 (Bd. 1), ISBN 0-8419-0520-7 (Bd. 2) Metasuche - loginpflichtige Suche
  • Welt des Islam. Geschichte und Kultur im Zeichen des Propheten. Westermann, Braunschweig 1976
  • Zur UNO-Resolution gegen den Zionismus, engl. in Foreign Affairs, Oct. 1976 (online auf der Verlagsseite); Deutsch in John Bunzl (Hrsg.): Der Nahostkonflikt. Analysen und Dokumente,[16] Braumüller, Wien 1981 3700302738 und Campus, Frankfurt 1981 ISBN 3593329093 S. 48–59
  • The Emergence of Modern Turkey. Oxford University Press, London 1961
  • The Origins of Ismāʿīlism: a study of the historical background of the Fāṭimid Caliphate. Heffer, Cambridge 1940

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bernard Lewis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roll of Honour Mrs Regene “Jean” Lewis (Nissan) (englisch), abgerufen am 13. Juni 2019.
  2. https://nes.princeton.edu/search/site/Bernard%20Lewis
  3. Member History: Bernard Lewis. American Philosophical Society, abgerufen am 5. Januar 2019 (mit biographischen Anmerkungen).
  4. Mitglieder: Lewis, Bernard. Académie des Inscritions et Belles-Lettres, abgerufen am 5. Januar 2019 (französisch).
  5. Michael Hirsh: Bernard Lewis revisited. In: Washington Monthly. November 2004, archiviert vom Original am 8. Januar 2014; abgerufen am 20. Mai 2018 (englisch).
  6. Edward W. Said: Orientalism. New York 1979, S. 314–320.
  7. Bernard Lewis: For Fanatical Muslims, Migration is Part of ‘third Wave’ Attack on Europe. digitalnpq.org, 26. März 2007, abgerufen am 5. Juni 2012 (englisch).
  8. Die Welt: Angriff auf Europa (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive) 17. April 2007; Direktlink: [1]
  9. Bernard Lewis The Emergence of Modern Turkey, New York 1966, S. 350
  10. Bernard Lewis The Emergence of Modern Turkey, 3. Edition, New York 2002
  11. Urs Bruderer: Aussortiert und umgebracht. Der Völkermord an den Armeniern und seine Leugnung. Interview von mit Donald Bloxham im Magazin (Beilage zum Tages-Anzeiger, Basler Zeitung), Nr. 43, 28. Oktober 2006, Seiten 16–27.
  12. Condamnation judiciaire de Bernard Lewis
  13. Vgl. Ya'ir Oron: The banality of denial. Israel and the Armenian genocide. New Brunswick u. a. 2003, S. 235.
    Vgl. Leslie A Davis, Yves Ternon: La province de la mort. Archives américaines concernant le génocide des Arméniens. Brüssel 1994, S. 9.
  14. E. Said: Orientalism, New York 1979, S. 314–320.
  15. S.M. Stern: Introduction. In: I. Goldziher: Muslim Studies. New Brunswick 2006, S. 7.
  16. Falschschreibung „Bernhard“ statt Bernard