Bernd Ulrich

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Bernd Ulrich, 2015

Bernd Ulrich (* 17. Oktober 1960 in Essen[1]) ist ein deutscher Journalist. Er ist seit 2003 stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit.

Leben und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bernd Ulrich ist Sohn einer Schildermalerin und eines Landschaftsgärtners.[2] Nach dem Abitur am Essener Carl-Humann-Gymnasium verweigerte er den Kriegsdienst und betätigte sich in der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Ulrich studierte Politikwissenschaft und Philosophie in Marburg[3] sowie Neue deutsche Literatur und Soziologie an der Universität Essen. Er schloss sein Studium als M.A. und Diplom-Politologe ab. Von 1984 bis 1988 schrieb Ulrich Artikel für die Zeitschrift Graswurzelrevolution.[4] Von 1988 bis 1990 war er Büroleiter beim Fraktionsvorstand der Grünen im Deutschen Bundestag.

Er arbeitete ab 1991 zunächst als freier Journalist unter anderem für die Frankfurter Rundschau, Die Tageszeitung und die FAZ. Von 1993 bis 1996 war er Parlamentskorrespondent der Wochenpost, ab 1997 arbeitete er für den Berliner Tagesspiegel, zuletzt als Leitender Redakteur. Am 1. April 2003 wurde er Leiter des Hauptstadtbüros der Zeit und gleichzeitig stellvertretender Chefredakteur. Vom 1. August 2007 bis zum 30. Juni 2019 war er Leiter des Politikressorts.[5]

Für seinen Essay Wer sind wir heute? über das Bild der Deutschen im Ausland erhielt Ulrich den Henri-Nannen-Preis des Jahres 2013.[6]

Ulrich ernährt sich seit 2017 vegan.[7] Im Gesprächsbuch mit Luisa Neubauer bekannte Ulrich, er habe zwischen den Jahren 2000 und 2015 „für eine ganze Weile irgendwie den ökologischen Faden verloren“ und den eigenen sozialen Aufstieg „mit ziemlich viel Konsum ausstaffiert“. Er erwähnte diesbezüglich Auto, Kleidung, Fleischkonsum und Flugreisen. Danach habe „eine Art Renaissance“ seiner frühen persönlichen Ökologie eingesetzt, in der er diesbezüglich achtsamer geworden sei.[8]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sagt uns die Wahrheit! Was die Politiker verschweigen und warum (2015)

Ausgangspunkt sind Ulrichs Beobachtungen aus vielen Hintergrundgesprächen, dass Politiker vieles ungesagt lassen oder nicht thematisieren wollen. Das „neue Lebensgefühl der Politiker“ sei von Umsturz, Unübersichtlichkeit und Bedrohung gekennzeichnet. Die Krisen seien zur Normalität geworden und ließen sich nicht mehr verdrängen oder beschönigen. Der „Strategie des Beschweigens“ der Politiker, der Versuch ihre eigene Verunsicherung für sich zu behalten, um die Bevölkerung nicht aus ihrer Wohlstandsruhe aufzuschrecken, sei zum Scheitern verurteilt. Die multipolare und anarchistische Medienlandschaft mit ihrer Schwarmintelligenz verhindere zudem die frühere „paternalistische“ Orientierung der Öffentlichkeit. Angesichts dieser Situation plädiert Ulrich für eine neue Kultur der Offenheit und eines furchtlosen Dialogs mit der Bevölkerung auf Augenhöhe.

Ulrich vermutet ein „journalistisches Eingebettetsein“ von Journalisten in eine „amerikanische Denkart der Außenpolitik“ durch die Mitwirkung in amerikanischen Thinktanks als Grund für an angebliche „Einseitigkeit und Gleichförmigkeit der Leitmedien“.

„Durch dieses journalistische Eingebettetsein hat die außenpolitische Debatte hierzulande zuweilen einen merkwürdigen amerikanischen Akzent, oft gewinnt man beim Lesen den Eindruck, als würde einem in Leitartikeln etwas beigebogen, als gäbe es Argumente hinter den Argumenten, fast glaubt man, eine Souffleur-Stimme zu hören. Das spüren auch jene, die von der Atlantik-Brücke gar nichts wissen, und das macht sie misstrauisch. Insofern sind auch die Journalisten in der Bringschuld, wenn es um einen neuen realistischen und ehrlichen Diskurs in der Außenpolitik geht und darum, Leservertrauen zurückzugewinnen: Sie müssen sich aus diesen Institutionen verabschieden.“[9]
Noch haben wir die Wahl – Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen – mit Luisa Neubauer (2021)[10]

Im Kapitel zur Rolle der Medien speziell in der Klimakrise stimmte Ulrich der Sicht Neubauers, die eine diesbezüglich unzureichende Berichterstattung beklagte, im Kern zu, bot dafür aber auch Erklärungen an. So wies er darauf hin, dass die deutschen Medien, anders als zum Teil in den USA, den Ansätzen der Klimawandelleugnung mangels Bedeutung hierzulande wenig Platz eingeräumt hätten. Andererseits wies Ulrich darauf hin, dass das „vielleicht größte Ereignis der Menschheitsgeschichte, die Klimakrise, kein Ereignis ist, sondern ein Prozess“, erdgeschichtlich rasant verlaufend, für das menschliche Auge jedoch „extrem langsam“. Menschen hätten aber eine Gier nach starken Ereignissen; das gehöre zum Kern des Politischen. Die Klimakrise ins Zentrum zu hieven, sei eine gewaltige Aufgabe. „Daran haben auch viele Journalist:innen jahrzehntelang gearbeitet.“ Ökologische Themen seien aber vom Publikum kaum nachgefragt worden. „Die Befürchtung, dass Ökologie Kassengift sein könnte, hielt sich faktenbasierend recht lange.“ (S. 62–66)

Bei seinen älteren Berufskollegen käme noch „etwas Tieferes“ hinzu, indem man es als vordringlichste Aufgabe oder Ideal angesehen habe, „die großen Schrecken des 20. Jahrhunderts nicht wieder zu erleben.“ Unter diesem Blickwinkel seien etwa der Nahostkonflikt, das Verhältnis zu den USA, die Geopolitik und die freie Marktwirtschaft besonders relevant. „Jetzt kommt mit der Klimakrise auf einmal eine neue Grammatik, die überhaupt nicht zu der des 20. Jahrhunderts passt und die uns ganz etwas anderes abverlangt.“ Das sei im Aufwand nicht vergleichbar etwa mit einer kurzen Einarbeitung in die Gesundheitspolitik – zwar auch kompliziert, aber den bekannten Logiken unterliegend. (S. 66 f.) Das letztlich größte Problem des Journalismus mit der Ökologie- und Klimakrise ist für Ulrich die Wiederholung. Die ersten Berichte über die Verlangsamung des Golfstroms habe er vor gut zwei Jahrzehnten gelesen; aber das passiere nur allmählich. Für den Journalismus, der auch eine Unterhaltungsbranche sei, bestehe folglich ein Problem und eine herausfordernde Aufgabe darin, das ökologische Thema im Wochen- oder Tagesrhythmus interessant zu halten. (S. 73)

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss: Eine Streitschrift schreibt Andreas Fanizadeh für Die Tageszeitung: „Doch vor allem die westliche Friedensbewegung vertrat einen prinzipiellen Pazifismus, da sie eine aktive deutsche Militärpolitik mit einer Wiederkehr des deutschen Faschismus gleichsetzte. Zeit-Redakteur Bernd Ulrich versucht nun in (...) Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss diese bis heute wirkenden Debatten zu skizzieren.“[11]

Dieter Rulff rezensierte in der FAZ die Fischer-Biografie von Bernd Ulrich und Matthias Geis[12] und befand, dass diese Biografie Fischer besser gerecht werde als die vorangegangenen. Die beiden Autoren hätten die „Konstruktionsweise“ dieses Kunstwerks auf „kluge“ und „reiche“ Art beleuchtet. Nico Fried hob in seiner Rezension in der SZ die analytische Klarheit hervor, mit der Geis und Ulrich die Entwicklungslinien von Fischers erstaunlicher Karriere nachzeichneten.[13]

Seinem Buch Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie (2019) bescheinigte die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung, „eher eine Anregung zur Gesellschafts- und Selbstreflexion als eine Sammlung konkreter Erkenntnisse“ zu sein.[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie. 2019, S. 11.
  2. Bern Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie. 2019, S. 11.
  3. Reporter-Workshop ’19: Vita (Memento des Originals vom 8. Mai 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/reporter-forum.de.
  4. Lutz Hachmeister: Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik, Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2007, ISBN 978-3-42104228-6, S. 245.
  5. Aus zwei wird eins: Zeit fusioniert Politik-Ressort und Hauptstadtbüro, Bernd Ulrich gibt Leitung ab meedia.de, 6. Mai 2019
  6. Die Preisträger des Henri Nannen Preises 2013.
  7. Bernd Ulrich: Veganismus. Verschärfte Welt. In: Zeit Online. 27. Juli 2022, abgerufen am 1. November 2022.
  8. Luisa Neubauer, Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl – Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen. Tropen Verlag, Stuttgart 2021, S. 16.
  9. Sagt uns die Wahrheit! Was die Politiker verschweigen und warum. Köln 2015, ISBN 978-3-462-04857-5, S. 48.
  10. Luisa Neubauer, Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl – Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen. Stuttgart 2021.
  11. Andreas Fanizadeh: Was sagen, Mr. Minister? Die Tageszeitung, 19. Oktober 2011, abgerufen am 28. März 2014.
  12. Matthias Geis, Bernd Ulrich: Der Unvollendete. Das Leben des Joschka Fischer, Alexander Fest Verlag, Berlin 2002.
  13. Rezensionsnotiz bei Perlentaucher.
  14. Ende der Illusionen sz.de, 14. Oktober 2019.
  15. Spiegel.de: Theodor-Wolff-Preis: Autoren von „Zeit“, „FAS“ und „SZ-Magazin“ geehrt (abgerufen am 12. Mai 2015).