Berner Münster

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Berner Münster
Berner Muenster2.jpg
Basisdaten
Ort: Bern
Kanton: Bern
Staat: Schweiz
Höhenlage: 535 m
Verwendung: Kirche
Zugänglichkeit: Aussichtsturm öffentlich zugänglich
Turmdaten
Bauzeit: 1893
Baustoff: Sandstein
Gesamthöhe: 100,6 m
Höhen der Aussichtsplattformen: 64 m, 46 m
Positionskarte
Berner Münster (Kanton Bern)
Berner Münster
Berner Münster
Koordinaten: 46° 56′ 50″ N, 7° 27′ 4″ O; CH1903: 600950 / 199570

Das reformierte Berner Münster war im Spätmittelalter dem Hl. Vinzenz von Saragossa geweiht und ist die grösste und wichtigste spätmittelalterliche Kirche der Schweiz. Es wurde im Stil der Gotik erbaut und gehört zu jenen gotischen Kirchen, die erst im 19. Jahrhundert nach Aufkommen des Historismus vollendet werden konnten. Der Chor des Münsters birgt einen aus dem 15. Jahrhundert stammenden Glasmalereizyklus welcher gemeinsam mit jenem der ehemaligen Klosterkirche Königsfelden als bedeutendster der Schweiz gilt. Südlich der Kirche, zur Aare hin, liegt die Parkanlage der Münsterplattform.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Berner Münster um 1800

Der Grundstein zu dem unter dem Patrozinium des Vinzenz von Saragossa stehenden Münster wurde 1421 gelegt. Zuvor hatte dort schon die Leutkirche gestanden, eine bei der zähringischen Stadtgründung um 1190 errichtete und 1276 neu erbaute romanische Kapelle. Das Münster wurde im Uhrzeigersinn um die alte Leutkirche herumgebaut. Das Münster wurde bis auf den oberen Teil des Turms aus Berner Sandstein erbaut.

Bauherren des Münsters waren die Stadt Bern und der Deutsche Orden. Die Kapellen und die Chorfenster wurden durch wohlhabende Berner Familien, Gesellschaften und Bruderschaften finanziert.[1][2]

Der erste Werkmeister beim Bau des neuen Münsters war Matthäus Ensinger. Nach süddeutschem Brauch begann er nur einen Westturm in der Breite des ganzen Schiffs. Während seine Vorbilder (Ulmer Münster, Freiburger Münster und Kathedrale Sankt Nikolaus in Freiburg i.Üe.) bloss das eine Mitteltor betonen, fasste Ensinger alle drei Westportale zu einem dreiteiligen, reich geschmückten Vorbau zusammen. Zwischen 1460 und 1480 schuf der Steinmetz Erhart Küng die Figuren der Hauptvorhalle sowie das weltbekannte Münsterportal. 1517 wurde das gotische Chorgewölbe unter Leitung vom Werkmeister der Jahre 1505-1520, Peter Pfister, vollendet. Es besitzt 86 figürliche Schlusssteine, ausgemalt von Niklaus Manuel und seiner Werkstatt.[3][4] 1521 wurde der Turmbau auf der Höhe des unteren Achtecks wegen schwacher Fundamente unterbrochen. Erst 1893 erreichte der Turm seine volle Höhe von 100,6 Meter.

1529 wurden im Zuge der Reformation alle Altäre und Heiligenbilder entfernt sowie Nebenbauten abgetragen.

Rudolf von Bern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in der Leutkirche wurde das Grab des Knaben Rudolf von Bern verehrt. Dieser soll am 17. April 1294 angeblich Opfer eines jüdischen Ritualmordes gewesen sein. Seine Gebeine wurden in den Kreuzaltar des neuen Münsters übertragen, beim Bildersturm im Jahre 1529 jedoch wieder aus dem Münster entfernt und ausserhalb der Kirche begraben.

Die Institution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Gründung Berns um 1190 gehörte die Stadt kirchlich zur Pfarrei Köniz, einer Kommende des Deutschen Ordens. 1276 wurde Bern zu einer eigenen Kommende des Deutschen Ordens. Dieser wählte den Stadtpfarrer an der dem heiligen Vinzenz geweihten Stadtkirche und regelte den Gottesdienst nach der Ordensliturgie. Im aufstrebenden Stadtstaat Bern des 15. Jahrhunderts, während dem Münsterbau und nach den Siegen über Burgund, drängte der Rat zur Ablösung vom Deutschen Orden und betrieb die Errichtung eines Chorherrenstifts am Münster, wo er seinen Einfluss auf die Wahl der Chorherren, deren Gottesdienstgestaltung und die Verwaltung geltend machen konnte. Die Loslösung vom Deutschen Orden gelang im Winter 1484/1485.[5]

Initiale "V" ("Vincentem mundum adoremus ...") mit der Miniatur des heiligen Vinzenz in einem gotischen Gebäude mit Berner Wappen; Buchmalerei des Meisters des Breviers des Jost von Silenen, im Antiphonale Winterteil ehemals des Berner Münsters, Band 1, S. 557, heute in Estavayer-le-Lac, Pfarrei Saint-Laurent.

Das Chorherrenstift des Berner Münsters, 1485–1528[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. März 1485 schloss Bern einen Vertrag mit den ersten Chorherren. Da Bern links der Aare auf dem Territorium des ehemaligen Bistums Lausanne lag (das rechte Aareufer gehörte damals zum Bistum Konstanz), wurde die Liturgie des Bistums Lausanne eingeführt. Die neuen Chorherren mussten sich vor dem Rat verpflichten, die Stundengebete genau zu halten und die nötigen liturgischen Bücher, die Messkelche, Kerzenständer und Kirchengewänder zu beschaffen. Dagegen behielt der Rat die Aufsicht über den fortschreitenden Münsterbau in eigenen Händen.[6]

Anfangs scheint man Leihgaben an liturgischen Büchern benützt zu haben, auch wenn bereits gedruckte Liturgica käuflich waren. Darauf wurde ein reich geschmücktes Antiphonar in sechs Bänden bestellt, das von Schreibern und berühmten Buchmalern in den nächsten Jahren als Pergamenthandschrift angelegt wurde (siehe unten Abschnitt "Die Antiphonare des Berner Münsters").

Als sich Bern 1528 zur Reformation bekannte, wurden die liturgischen Bücher nicht mehr gebraucht. Vom Berner Antiphonar wurden vier Bände an die Stiftskirche Saint-Laurent in Estavayer-le-Lac verkauft, zwei Bände gelangten auf bisher unbekannten Wegen nach Vevey, wo sie erst 1982/1989 von einem Handschriftenspezialisten der Universitätsbibliothek Freiburg im Üechtland entdeckt und identifiziert wurden. Der Entdecker Joseph Leisibach nennt sie „die repräsentativsten Zeugnisse der Buchmalerei des Spätmittelalters in der Schweiz“.

Bekannte Münsterpfarrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannte Münsterbaumeister[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beschreibung und Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Münsterportal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptportal

Die 234 fein gearbeiteten Sandsteinfiguren des Münsterportals stellen das Jüngste Gericht dar und sind weltberühmt. Wegen der Luftverschmutzung im 20. Jahrhundert mussten die 47 lebensgrossen Figuren durch Kopien ersetzt werden. Die Originalfiguren sind im Bernischen Historischen Museum ausgestellt. Es führt ein Engel, als Diakon gekleidet, die klugen Jungfrauen an, deren bräutlicher Prunk an niederländische Kunst erinnert; seine Schriftrolle enthält die Worte:

Vorsichtig, keusch und wis (weise), wyl Ihr gewesen sind, gehnd herin, Freunde süss, zu Eurem Brütigam, Mariens Kind.

Rechts antworten die Törichten, händeringend, in fremdartiger Tracht:

Ach und Weh, dass wir nicht Ochle (Öl) hand (haben), Gehnd uns zu kauffen, dass wir mit Euch ine gahnd.

Innenausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zehntausend-Ritter-Fenster (nicht vollständig erhalten).
Langhaus in Richtung Chor

Chorfenster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Chor des Münsters enthält sechs grosse, vierbahnige, spätgotische Masswerkfenster mit Glasmalereien. Die bedeutendsten stammen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und sind Stiftungen bernischer Adels- und Notabelngeschlechter des späten Mittelalters. Entstanden sind sie zwischen 1441 und 1451. Drei Fenster, genauer gesagt das Hostienmühlenfenster, das Dreikönigsfenster und das Wurzel-Jesse-Fenster sind nahezu original erhalten geblieben. Zwei Fenster, das Passions- und das Zehntausend Ritter-Fenster, verloren mehr als die Hälfte ihrer ursprünglichen Scheiben. Diese erhaltenen Reste wurden später im Mittelfenster vereinigt und durch weitere Scheiben ergänzt. Hauptsächlich verantwortlich für diese Schäden sind zwei schwere Hagelstürme, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts Bern heimsuchten, wobei die Scheiben auf der Südseite deutlich mehr beschädigt wurden als auf der Nordseite. Ein weiteres Fenster, eine Stiftung der Familie von Scharnachtal, wurde bereits beim ersten schweren Hagelsturm komplett zerstört. 1868 ergänzte man das Ensemble durch zwei neue Fenster auf der Südseite. Die Scheiben des 19. Jahrhunderts ahmen die Komposition der älteren Fenster zwar nach, heben sich aber mit ihren kräftigen Farben und dem hohen Realismus der dargestellten Figuren deutlich von den mittelalterlichen ab.

Chorgestühl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Chorgestühl wurde zwischen 1522 und 1525 von Jacob Ruess und Heini Seewagen angefertigt. Das Bildprogramm zeigt an den Rückwänden Brustbilder der Apostel (Nordseite) sowie der Propheten (Südseite). Auf den Aussenwangen des Chorgestühls werden biblische Szenen dargestellt, während die Figuren, welche die Sitze schmücken, Menschen aus dem täglichen Leben zeigen.

Kapellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur Reformation waren die privat oder bruderschaftlich finanzierten Kapellen mit Schranken von den Seitenschiffen abgetrennt. Die Stifterfamilien, Gesellschaften und Bruderschaften hielten in ihren Kapellen private Messen und Gottesdienste ab. Die Kapellen waren mit Altären, Wappen, Glasmalereien und Kunstwerken ausgestattet.[7]

Die zwölf Kapellen des Berner Münsters:

  1. Gerwern-Kapelle (seit 1999 Haupteingang und Infostelle)
  2. Schopfer-Kapelle (auch Michel-Kapelle)
  3. Bulzinger-Kapelle (später Metzgern-Kapelle)
  4. Krauchthal-Kapelle (später von-Erlach-Kapelle)
  5. Bubenberg-Kapelle (heute auch Steiger-Kapelle)
  6. Matter-Kapelle (auch von Roll-Kapelle)
  7. Brüggler-Kapelle
  8. Lombach-Kapelle (vor 1473 Portalhalle, bis 1500 Kapelle der Bruderschaft Unser Frauen Empfängnis)
  9. Diesbach-Kapelle
  10. Ringoltingen-Kapelle (auch Bonstetten-Kapelle)
  11. Schütz-Kapelle (auch Obere-Kirchtür-Kapelle)
  12. Erlach-Ligerz-Kapelle

Der ehemalige Allerseelenaltar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1505 stiftete der Stadtschreiber Thüring Fricker (ca. 1429 bis 1519) im Münster einen Allerseelenaltar für die Armen Seelen der Stadt mit dem Bild einer Geistermesse, das heute im Kunstmuseum Bern steht.

Die Antiphonare des Berner Münsters[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Zeit des Chorherrenstifts 1484 bis 1528 wurden prachtvolle, großformatige Chorbücher nach dem Brauch der Kathedrale Lausanne hergestellt und für die tägliche Liturgie gebraucht. Es lassen sich zwei Schreiber mit Namen nachweisen, Meister Michel und Konrad Blochinger, sowie zwei namenlose Buchmaler, deren einer mit dem Notnamen Meister des Breviers des Jost von Silenen bezeichnet wird.[8] Diese Antiphonare sind nach der Reformation nach Estavayer (4 Bände) und Vevey (2 Bände) verbracht worden und sind heute dort aufbewahrt.[9] Der Fund der zwei Bände in Vevey und der Nachweis ihrer Zugehörigkeit zu den Bänden in Estavayer gelang erst 1989,[10] ebenso die Identifizierung des Schreibers und Buchmalers Konrad Blochinger.[11]

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grosse Orgel, Orgellettner

Bis zur Reformation gab es im Berner Münster zwei große und drei kleine Orgeln. Die beiden großen Orgeln waren Schwalbennestorgeln. Sie hingen an der Nordwand des Mittelschiffs und des Chors. Ihre Standorte lassen sich heute noch anhand vermauerter Öffnungen in den Wänden erahnen. Im Zuge der Reformationen wurden die Orgeln aus dem Münster entfernt. Nach der Anschauung von Zwingli hatten sie im Gottesdienst nichts zu suchen: „Die Orgel ist des Teufels Dudelsack, womit er den Ernst der Betrachtungen in Schlummer wiegt“.[12]

Heute gibt es im Berner Münster vier Orgeln: Die große Münster-Orgel auf der Westempore, die Schwalbennestorgel an der Südwand des Chores, sowie zwei kleine Forschungsorgeln.[13][14]

Münsterorgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die grosse Münsterorgel wurde 1729 von Gottlieb Leuw aus Bremgarten erbaut. Das Instrument hatte ursprünglich 38 Register. Im Laufe der Zeit wurde die sogenannte Grosse Orgel mehrfach umgebaut und erweitert, so bereits in den Jahren 1748 bis 1752 durch den Orgelbauer Victor Ferdinand Bossart auf 43 Register und in den Jahren 1845 bis 1849 durch Friedrich Haas auf 55 Register.[15] Der geschnitzte Orgelprospekt stammt von Johann Jakob Langhans (Orgelfront) und Michael Langhans (Bekrönung um 1730) sowie von Johann August Nahl dem Älteren (Zierwerk, um 1750).

Seit dem letzten Umbau in den Jahren 1998 bis 2000 durch Orgelbau Kuhn verfügt die Orgel 71 klingende Register (über 5.400 Pfeifen) auf vier Manualwerken und Pedal.[16]

I Brustwerk C–a3
1. Principal 8′
2. Rohrflöte 8′
3. Viola di Gamba 8′
4. Octave 4′
5. Rohrflöte 4′
6. Octave 2′
7. Waldflöte 2′
8. Larigot 113
9. Mixtur IV 113
10. Sesquialtera II 223
11. Krummhorn 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–a3
12. Principal 16′
13. Bourdon 16′
14. Octave 8′
15. Coppel 8′
16. Gambe 8′
17. Flute harmonique 8′
18. Octave 4′
19. Hohlflöte 4′
20. Dulciana 4′
21. Quinte 223
22. Superoctave 2′
23. Mixtur VI 223
24. Cymbel IV 1′
25. Cornett V 8′
26. Bombarde 16′
27. Trompete 8′
III Positiv C–a3
28. Principal 8′
29. Coppel 8′
30. Salicional 8′
31. Octave 4′
32. Gedacktflöte 4′
33. Nazard 223
34. Octave 2′
35. Flöte 2′
36. Terz 135
37. Mixtur IV 1′
38. Trompete 8′
Tremulant
IV Schwellwerk C–a3
39. Bourdon 16′
40. Principal 8′
41. Bourdon 8′
42. Flöte 8′
43. Salicional 8′
44. Voix celeste 8′
45. Octave 4′
46. Spitzflöte 4′
47. Nachthorn 4′
48. Quinte 223
49. Octave 2′
50. Flageolet 2′
51. Terz 135
52. Fourniture V 2′
53. Basson 16′
54. Trompette harm. 8′
55. Basson-Hautbois 8′
56. Voix humaine 8′
57. Clairon 4′
Tremulant
Pedal C–g1
58. Principalbass 32′
59. Principal 16′
60. Subbass 16′
61. Zartbass 16′
62. Octavbass 8′
63. Violoncello 8′
64. Octave 4′
65. Octave 2′
66. Mixtur V 4′
67. Kontraposaune 32′
68. Posaune 16′
69. Fagott 16′
70. Trompete 8′
71. Clairon 4′
  • Koppeln: I/II, III/II, IV/II, (auch als Suboktavkoppel) IV/III, I/P, II/P, III/P, IV/P
  • Spielhilfen: Setzeranlage mit 4× 256 Kombinationen

Schwalbennest-Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1982 wurde an der Südwand des Chors von Metzler Orgelbau eine neue Schwalbennestorgel eingebaut. An dieser Stelle hatte sich um das Jahr 1450 die erste Münsterorgel befunden; der Zugang ist im Mauerwerk noch sichtbar. Die heutige Schwalbennestorgel ist in Grösse, Gestalt und zahlreichen Einzelheiten der ersten Schwalbennestorgel nachempfunden. Das Instrument hat 14 Register auf zwei Manualwerken und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch. Das Instrument ist modifiziert mitteltönig gestimmt (Stimmtonhöhe 440 Hz)[17]

I Hauptwerk CD–d3
Praestant 8′
Hohlflöte 8′
Octave 4′
Quinte 223'
Superoctave 2′
Terz 135'
Mixtur IV–VI 123'
II Brustwerk CD–d3
Gedackt 8′
Rohrflöte 4′
Waldflöte 2′
Quinte 113'
Regal 8′
Pedal CD–d1
Subbass 16′
Trompete 8′
  • Koppeln: I/P, II/P
  • Spielhilfe: Tremulant

Turm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Turm wurde 1521 auf der Höhe des untern Achtecks (knapp 61 Meter) unterbrochen und erst von 1889 bis 1893 zur endgültigen Höhe von gut 100 Metern vollendet, was ihn zum höchsten Kirchturm der Schweiz macht. Dabei wurde nicht der Berner Sandstein, sondern der verwitterungsbeständigere Obernkirchener Sandstein aus Niedersachsen in Deutschland verwendet.

222 steinerne Stufen führen spiralförmig zur ersten Turmgalerie in 46 Meter Höhe und weitere 90 Stufen zur zweiten Galerie auf 64 Meter, die dem Publikum ebenfalls zugänglich ist. Es eröffnet sich eine prachtvolle Aussicht über die Altstadt, die Aareschlaufe, die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Südosten und die Juraketten im Nordwesten.

360° Panorama vom Berner Münster

Ein Turmwächter hatte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Aufgabe, Brände und bis im 18. Jahrhundert auch als Alarmzeichen benutzte „Chutzenfeuer“ zu melden. Ein Turmwart bzw. Wächter wohnte 1798 bis 2007 im Turm; die Wohnung auf 46 m Höhe besteht noch heute. Hier wohnt auch die bei Kindern beliebte Maus Jimmy Flitz. Die ehemalige Wohnung der Turmwartin und der Galerieraum wurden 2016 renoviert und werden für kulturelle Anlässe vermietet. (Stand 2017).[18]

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grosse Glocke ist die grösste Kirchenglocke der Schweiz.
Die Burgerglocke hing bereits im Vorgängerbau. Solistisch dient sie als profane Stadt- und Ratsglocke.

Die neun Münsterglocken sind über zwei Geschosse verteilt und stellen das tontiefste Geläut der Schweiz, nach dem der Stiftskirche St. Gallen, dar. Die drei Zeichenglöcklein hängen auf beide Glockenstühle verteilt, die beiden Feuerglocken sind in den Kellerräumen zwischengelagert. Die Glocken 2, 3, 4 und 5 haben neue Klöppel erhalten.

Die Grosse Glocke, in Bronze gegossen 1611 von Abraham Zender in Bern, ist die grösste Glocke der Schweiz. Mit einem Gewicht von 9,9 Tonnen ist sie auch die schwerste Glocke der Schweiz und die schwerste historische Glocke einer evangelischen Kirche weltweit. Sie ersetzte zwei gesprungene Vorgängerinnen der Jahre 1506 und 1516. Ihre Verzierung zeigt Motive der Renaissance – Wappen, tanzende Bären und Masken mit herausgestreckten Zungen. Die lateinische Inschrift zeugt von den Konflikten der Reformation in der Schweiz und lautet übersetzt:[19]

«Einst diente ich nichtigen Götterkulten, wie dies blinder Aberglaube bestimmte. Nun aber heissen mich wahrer Glaube, Frömmigkeit und Religion dienen, Christus, Deiner Ehre allein.»
Nr.
Name
Gussjahr
Giesser
Durch-
messer

(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
Glocken-
stuhl
1 Grosse Glocke 1611 Abraham Zender & Peter Füssli 2470 9940 e0 +3 unten, Mitte
2 Mittagsglocke 1583 Franz Sermund 2120 6395 gis0 ±0 oben, Mitte
3 Predigtglocke 1883 Gebr. Rüetschi 1682 3322 h0 +0,5 oben, Nord
4 Armesünderglocke 1734 Samuel Steimer, Emanuel Zender & Johannes Rihs 1510 2300 cis1 +4 unten, Süd
5 Betglocke 1883 Gebr. Rüetschi 1265 1428 e1 +3 oben, Südwest
6 Hugo- oder Silberglocke 14. Jh. unbekannt 1060 770 gis1 −2 oben, Südost
7 Burgerglocke 1403 Nikolaus & Johannes Kupferschmied 1725 3850 cis1 +7 unten, Nord
I östliche Feuerglocke 1503 (Hans Zender) 620 275 fis2 −5
II westliche Feuerglocke 13. Jh. unbekannt 666 286 g2 −10
III 1. Zeichenglöcklein 1821 Emanuel Meley 238 9 gis3 unten, Nord
IV 2. Zeichenglöcklein unbekannt unbekannt 192 um h3 oben, Nord
V 3. Zeichenglöcklein 1780 unbekannt 147 um dis4 oben, Süd

Hauptmaße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gesamtlänge: 86,72 m
  • Gesamtbreite: 37,55 m
  • Gewölbehöhe: 20,70 m
  • Turmhöhe Viereck: 46,00 m
  • Turmhöhe gesamt: 100,60 m

Trägerschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kein Gebäude im Kanton Bern erfährt dermassen viel Zuwendung wie das zwischen 1421 und 1590 gebaute Berner Münster. Allein 16 Fachleute der Münsterbauhütte stellen derzeit den Unterhalt der Sandsteinfassade sicher. Darin sind die Dächer von Mittel- und Seitenschiffen sowie Glasscheiben, Glocken und weitere Inneneinrichtungen nicht eingeschlossen. Seit 1881 werden die Arbeiten finanziell durch die Einwohnergemeinde Bern, die Burgergemeinde Bern und die reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern getragen, die sich zum Münsterbauverein, heute Berner Münster-Stiftung, zusammenfanden. Schon damals wurden die Zuständigkeiten vertraglich genau festgehalten: Während die Münster-Stiftung die Fassade unterhält, sorgt die Kirchgemeinde für die Instandstellung des Innern und der Glasmalereien. Die Stadt ihrerseits ist für den Unterhalt der Dächer zuständig. Die Stiftung erhält einen jährlichen Beitrag aus dem Lotteriefonds des Kantons Bern sowie Zuwendungen des Bundes.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Furrer, Brigitte Kurmann Schwarz, Christoph Schläppi, Luc Mojon: The cathedral of Berne. (Schweizerische Kunstführer, Nr. 538). Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 1993, ISBN 978-3-85782-538-5.
  • Hans von Greyerz: Studien zur Kulturgeschichte der Stadt Bern am Ende des Mittelalters; in: Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern, Band 35 (Bern 1940), S. 173-491, bes. Kapitel 8: Das Sankt Vinzenz Chorherrenstift, S. 365-430.
  • Tedy Hubschmid (Hrsg.): Die neue Orgel im Berner Münster. Münstergemeinde Bern 1999.
  • Manuel Kehrli: Die Abendmahlstische im Münster und in der Französischen Kirche. In: Berns mächtige Zeit. Das 16. und 17. Jahrhundert neu entdeckt. Hrsg. von André Holenstein u. a., Bern 2006, S. 171.
  • Brigitte Kurmann Schwarz: Die Glasmalereien des 15. bis 18. Jahrhunderts im Berner Münster; Benteli, Bern 1998; XII, 675 S., ill. (Corpus vitrearum medii aevi, Schweiz, Band 4); ISBN 3-7165-1061-0.
  • Christoph Schläppi, Bernhard Furrer u. a.: Das Berner Münster.(Schweizerische Kunstführer, Band 538/539). Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 1993, ISBN 3-85782-538-3.
  • Heinrich Türler: Die Altäre und Kaplaneien des Münsters in Bern vor der Reformation. In: Neues Berner Taschenbuch auf das Jahr 1896. S. 70–118. doi:10.5169/seals-126600
  • Kathrin Utz Tremp: Das Kollegiatstift St. Vinzenz in Bern, von der Gründung 1484/85 bis zur Aufhebung 1528; Bern 1985 (Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern ; 69); ISBN 3-85731-008-1.
  • Kathrin Utz Tremp, Fanny Abbott: Le chapitre de St-Vincent (1484-1528) et ses antiphonaires; in: Das Berner Münster = La collégiale de Berne …; Kunst und Architektur in der Schweiz, Jg. 68 Nr. 2, 2017, S. 46-54.
  • Roland Zoss: Jimmy Flitz die Schweizermaus. Kinderbuch zur Münstermaus, ; rikiverlag, Interlaken 2010, ISBN 978-3-907799-43-7; JimmyFlitz 1-6 Musikhörspiele, SoundService Gümligen 2007-2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Münster Bern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karsamstag, Pfingstsonnabend, Heilig Abend und Silvester
  2. a b 1. Advent, Weihnachten, Neujahr, Karfreitag, Ostern, Auffahrt, Pfingsten und Bettag
  3. Weihnachten, Neujahr, Karfreitag, Ostern, Auffahrt, Pfingsten und Bettag

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Baugeschichte des Münster im Band IV der Reihe „Kunstdenkmäler des Kantons Bern“, Seite 17 ff
  2. Baugeschichte des Berner Münsters auf bernermuenster.ch
  3. Hans Christoph von Tavel: Niklaus Manuel und das Berner Münster; in: Das Berner Münster = La collégiale de Berne …; Kunst und Architektur in der Schweiz, Jg. 68 Nr. 2, 2017, S. 74-81.
  4. Stefan Gasser: Die Gewölbeschlusssteine des Berner Münsterchors; in: Das Berner Münster = La collégiale de Berne …; Kunst und Architektur in der Schweiz, Jg. 68 Nr. 2, 2017, S. 16-24.
  5. Hans von Greyerz: Studien zur Kulturgeschichte der Stadt Bern am Ende des Mittelalters; in: Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern, Band 35 (Bern 1940), S. 173-491, bes. Kapitel 8: Das Sankt Vinzenz Chorherrenstift, S. 365-430.
  6. Kathrin Utz Tremp: Das Kollegiatstift St. Vinzenz in Bern, von der Gründung 1484/85 bis zur Aufhebung 1528; Bern 1985 (Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern ; 69); ISBN 3-85731-008-1.
  7. Plakat zu den Kapellen im Berner Münster (PDF-Datei; 618 kB)
  8. Albert Jörger: Der Miniaturist des Breviers des Jost von Silenen: ein anonymer Buchmaler um 1500 und seine Werke in Freiburg, Bern, Sitten, Ivrea und Aosta; ed. Staatsarchiv Wallis, Vallesia, Sitten 2001; 659 S., ill.; ISBN 2-940145-45-8
  9. Kathrin Utz Tremp, Fanny Abbott: Le chapitre de St-Vincent (1484-1528) et ses antiphonaires, du Moyen âge à nos jours ...; in: Kunst und Architektur in der Schweiz, Jg. 68 Nr. 2, 2017, S. 46-54.
  10. Joseph Leisibach: Die Antiphonare des Berner Münsters St. Vinzenz, eine nicht erhoffte Neuentdeckung; in: Revue d'histoire ecclésiastique suisse, Jg. 83, 1989, S. 177-204.
  11. Joseph Leisibach: Konrad Blochinger, ein Walliser Kalligraph und Illuminist an der Wende des Mittelalters; in: Vallesia Bd. 44, 1989, S. 211-221.
  12. vgl. auch die Informationen auf der Website des Berner Münsters
  13. Informationen zu den Forschungsorgeln
  14. Informationen zu den Orgeln des Berner Münsters
  15. Urs Fischer, Monika Henking: Der Orgelbauer Friedrich Haas (1811–1886). Fotorotar, 2002, S. 49ff.
  16. Genaue Beschreibung der Orgel auf der Website der Orgelbaufirma Kuhn
  17. Informationen zur und Disposition der Schwalbennestorgel
  18. Angaben zum Münsterturm, Website der Berner Münsterkirchgemeinde. Abgerufen am 11. August 2014.
  19. Walter Däpp: Tonnenschwere Geburtstagsglocke, Der Bund. 10. September 2011. Abgerufen am 11. September 2011. 
  20. Sonntageinläuten (Videoaufnahme vom 2. Januar 2010)