Berner Oberländisch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Berner Oberländisch

Gesprochen in

Schweiz (Berner Oberland)
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

gsw (Schweizerdeutsch)

ISO 639-3:

gsw (Schweizerdeutsch)

Berner Oberländisch (auch Oberländerberndeutsch) bezeichnet die schweizerdeutschen Dialekte, die im Berner Oberland gesprochen werden; dialektologisch gehört auch die Mundart des ehemaligen Amtsbezirks Schwarzenburg dazu. Sie zählen zum Höchstalemannischen. Das Berner Oberländische unterscheidet sich von Region zu Region, und es ist nicht unüblich, dass Eingesessene am Dialekt das Dorf erkennen können, aus dem ein Sprecher stammt.

Geographische Verbreitung[Bearbeiten]

Als Berner Oberländisch gelten insbesondere die Dialekte aus den Tälern der Lütschine, der Kander, der Simme und des Saanenlands. Die Dialekte aus dem Haslital und aus Brienz im östlichen Berner Oberland werden oft als eigene Dialektgruppe aufgefasst. In der Gegend um den Thunersee ist das Berndeutsche auf dem Vormarsch.

Merkmale[Bearbeiten]

Das Berner Oberländische bildet eine Dialektlandschaft, die nicht nur geographisch, sondern auch sprachwissenschaftlich zwischen derjenigen des Berner Mittellandes und des Wallis liegt.[1]

Typisch für die Dialektlandschaft sind etwa:

  • Die Diphthongierung von langem [] zu [eə̯] oder [iə̯], beispielsweise [z̥eə̯ z̥iə̯] ‹See›.
  • Die Pluralendung -i der schwachen femininen Substantive, beispielsweise [ˈtanːi] ‹Tannen› (Einzahl: [ˈtanːa]).
  • Die velare Aussprache von /x/, die von Sprechern anderer schweizerdeutscher Dialekte, wo die uvulare Aussprache [χ] vorherrscht, oft als «weich» empfunden wird.
  • Eine typische Prosodie, die von Sprechern von Mittellanddialekten oft als «Singsang» empfunden wird.

Wie die anderen höchstalemannischen Dialekte weist auch das Berner Oberländische keine Hiatdiphthongierung auf, beispielsweise [ˈʃniːə ˈb̥uːə] ‹schneien bauen›, und nicht [ˈʃneijə ˈb̥ouwə], und kennt es die Deklination prädikativer Adjektive, beispielsweise [ˌz̥i ɪʃ ˈʃœːni] ‹sie ist schön›, und nicht [ˌz̥i ɪʃ ʃœːn].

Offensichtliche Unterschiede zum Berndeutschen sind das Fehlen der typischen l-Vokalisierung und der nd-Velarisierung. Beispielsweise heisst es im Berner Oberländischen [ʋaɫd̥ xɪnd̥] ‹Wald Kind› und nicht [ʋawd̥ χɪŋː] wie im Berndeutschen.

Die östlichen Dialekte (Lütschinentäler, Brienz, Haslital) unterscheiden sich von den westlichen und zentralen Mundarten etwa dadurch, dass sie

Beispiele[Bearbeiten]

Nicht nur, aber auch berneroberländisch sind

  • Ätti (auch: Ättu) – Vater
  • dorffe – plaudern (von Dorf)
    • davon abgeleitet Dorffet – gemütliches Zusammensein, Fest
  • embruuf – hinauf (vgl. walliserdeutsch embrüff)
  • Loopa, pl. Loopeni – Kuh
  • lüw(w)e – ausruhen (vgl. Berner Mittelland löie, Freiburg lüüe, lüje, Wallis liiwe, liwwe)
  • musechnöuwhööi – mauskniehoch (von einer sehr dünnen Schneeschicht gesagt)
  • Schina – Holzsplitter in der Haut (ebenso walliserdeutsch)
  • Trötscha – Zopf (nur Westhälfte; vgl. walliserdeutsch Tretscha, italienisch treccia)
  • Ustig – Frühling (vgl. walliserdeutsch Üüstig)

Ganz oder fast ganz spezifisch berneroberländisch sind etwa[2]

  • blick(e)ne (Westhälfte), glitzme (Hasli) – blitzen
  • Flächti – Zöpfe (nur Osthälfte)
  • Gäbeli – Wäscheklammer
  • Glunta – Pfütze
  • Geisshirt – Weberknecht (besonders Osthälfte)
  • ggugg! – schau!
  • Grübschi, Gribschi – Kerngehäuse eines Apfels
  • hu(u)sele(n) – mit Spielzeug spielen (besonders Osthälfte)
  • Lood – Papiersack
  • lööter, leeter – zu wenig gesalzen, fade
  • Schwaarte – Brotrinde (nur Westhälfte)
  • stürfle, stirflen – stolpern
  • zwäärge – kneifen (nur Westhälfte)

„Chrigel, la d Gizeni uus, di Fremdä wii d Gemscheni gschouwä.“ – „Christian, lass die Ziegen hinaus, die Fremden wollen die Gemsen anschauen.“

Weiteres Beispiel des oben genannten Satzes mit dem Simmentalerdialekt: „Chrigu, la d Gissi usi, die Främdä wi d Gemsche aguggä.“

Literatur[Bearbeiten]

Grundlegendes[Bearbeiten]

  • Rudolf Hotzenköcherle: Die Sprachlandschaft Bern. In: Rudolf Hotzenköcherle: Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz. Hrsg. von Niklaus Bigler und Robert Schläpfer unter Mitarbeit von Rolf Börlin. Aarau/Frankfurt a. M./Salzburg 1984 (Reihe Sprachlandschaft 1), S. 193–225.

Wörterbücher[Bearbeiten]

  • Jakob Aellig, Christian Bärtschi: Adelbodetütsch. Adelboden 2002.
  • Armin Bratschi, Rudolf Trüb: Simmentaler Wortschatz. Wörterbuch der Mundart des Simmentals (Berner Oberland). Mit einer grammatischen Einleitung und mit Registern. Thun 1991 (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Darstellung XII) [enthält auch eine Übersicht über die Grammatik].
  • Otto Hopf: Hasli-Deutsch. Ein altes Wörterbuch, gesammelt von 1879–1894. Meiringen [1969].
  • Maria Lauber: Frutigdeutsche Wörter und Redensarten. Frutigen 1984.
  • Gustav Ritschard: Bödellitüütsch. Wörterbuch mit Bildern aus dem Volksleben. Volkssprache der Gemeinden Bönigen, Interlaken, Matten, Unterseen und Wilderswil. Unterseen 1983.
  • Helene Schild-Michel, Walter Boss: Brienzerdeutsches Wörterbuch. Mundartwörterbuch des Brienzerbezirks. Brienz [2006].

Wort und Sache[Bearbeiten]

  • Emanuel Friedli: Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums. Zweiter Band: Grindelwald. Bern 1908.
  • Emanuel Friedli: Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums. Dritter Band: Guggisberg. Bern 1911.
  • Emanuel Friedli: Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums. Siebenter Band: Saanen. Bern 1927.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe den Sprachatlas der deutschen Schweiz, begründet von Heinrich Baumgartner und Rudolf Hotzenköcherle, Bde. I–VIII Bern (Basel ab Bd. VII).
  2. Gemäss Sprachatlas der deutschen Schweiz.