Bernhard von Gudden

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Bernhard von Gudden um 1871
Bernhard von Gudden.jpg

Johann Bernhard Aloys Gudden, seit 1875 Ritter von Gudden (* 7. Juni 1824 in Kleve; † 13. Juni 1886 im Würmsee, dem heutigen Starnberger See bei Schloss Berg) war ein deutscher Mediziner.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Guts- und Brauereibesitzerssohn Bernhard Gudden studierte ab 1843 in Bonn zunächst für ein Semester Theologie und dann Medizin. Er wurde dort Mitglied der burschenschaftlichen Fridericia, trat aber am 11. Dezember 1845 aus und gründete mit elf Gleichgesinnten die Bonner Burschenschaft Frankonia, deren erster Sprecher er wurde. Sein Doktorexamen legte er 1848 in Halle ab. Dann vollendete er das Studium in Berlin. In Siegburg wurde er zum Psychiater ausgebildet. Geisteskranke Patienten wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eher verwahrt und gefangengehalten als behandelt. Rohe Gewalt, Zwangsmaßnahmen und entwürdigende Strafen waren das Mittel zur Ruhigstellung der Patienten. Zudem war das Personal der damaligen „Irrenanstalten“ nicht qualifiziert; eine krankenpflegerische Ausbildung für den Umgang mit geisteskranken Patienten fehlte. Die in den Irrenanstalten eingesetzten Wärter fielen überwiegend durch Rohheit und Brutalität auf.

Ab 1852 arbeitete er als Hilfsarzt in der badischen Irrenanstalt Illenau bei Achern. Von Anfang seiner beruflichen Tätigkeit an setzte sich Gudden mit Nachdruck für eine menschenwürdige Unterbringung und einen die Persönlichkeit der Patienten respektierenden Umgang der Ärzte und des Pflegepersonals unter Beachtung des aus der englischen Psychiatrie stammenden „no-restraint-Prinzips“ (zu dt. etwa: „Prinzip des Nichtfesselns“) ein. Im April 1855 wurde er zum Leiter der königlich Bayerischen Kreisirrenanstalt Werneck berufen, hier war die Einrichtung der neu eröffneten Anstalt im Schloss Werneck seine erste Aufgabe. Abweichend von der bisherigen Art der Personalgewinnung für Irrenanstalten stellte Gudden als Pflegepersonal vormals als Sanitätskräfte verwendete Soldaten ein. Diese, nicht den bisherigen „Behandlungstraditionen“ verhafteten Pfleger, beachteten die von Gudden eingeforderten neuen Unterbringungs- und Pflegegrundsätze von Anfang an.

1869 wechselte Gudden als erster Direktor der 1870 eröffneten psychiatrischen Klinik Burghölzli nach Zürich, wo er auch eine Professur der Psychiatrie erhielt. Ebenfalls seit 1869 war Gudden in Nachfolge von Wilhelm Griesinger zusammen mit Carl Westphal Herausgeber des Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. In dieser Zeit (1871) wurde er auch Mitglied der Zwanglosen Gesellschaft München, von 1885 bis zu seinem Tode war er Geschäftsführer der Gesellschaft.[1] 1873 wurde Gudden ordentlicher Professor der Universität München und Direktor der Oberbaÿerischen Kreisirrenanstalt München. Gudden war einer der prominenten Psychiater der Vor-Freud-Zeit. In den von ihm geleiteten Häusern gab es vergleichsweise viele Todesfälle, in München wegen einer Typhus-Epidemie, in Werneck wegen eines Sickergrubenunglücks.[2] Er führte Tierversuche durch, veröffentlichte aber nichts; „was von ihm publiziert ist, hat posthum sein Schwiegersohn veröffentlicht, der ihm auf den Posten nachfolgte, weil er das Gefälligkeitsgutachten (d. h. das Gutachten über König Ludwig II.) mitunterzeichnet hatte.“[2]

Er wurde 1875 mit dem Verdienstorden der Bayerischen Krone ausgezeichnet und aufgrund der Ordensstatuten in den persönlichen Adelsstand erhoben. Gudden war außerdem Königlicher Obermedizinalrat.

Gudden spielte eine wesentliche Rolle bei der Absetzung König Ludwigs II. von Bayern. Er verfasste das Gutachten, welches die amtliche Begründung für die Entmündigung des Königs bildete, lediglich auf Grundlage der Auswertung der Behandlungsakten; eine persönliche Begutachtung des Patienten durch den Arzt erfolgte nicht. Er hatte den König zuvor nur ein einziges Mal gesehen, bei seiner Nobilitierung 14 Jahre zuvor.[2] Von Gudden fand etwa gleichzeitig und am gleichen Ort wie der König den Tod im Starnberger See, die näheren Umstände werden bis heute kontrovers diskutiert. Anhand von Verletzungen und Spuren an der Kleidung und im Seeboden wurde seinerzeit geschlossen, zwischen beiden Männern müsse ein Kampf stattgefunden haben. Guddens Grab ist bis heute (Stand 2011) auf dem Münchner Ostfriedhof erhalten (Grab Mauer links Nr. 5). Nach neuen Erkenntnissen war sein Gutachten unhaltbar: Professor Heinz Häfner von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Gründer und langjähriger Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, hat das „Geheime Hausarchiv“ der königlichen Familie Bayerns einsehen dürfen und auch Material aus bisher unveröffentlichten Quellen, Landtagsstenogrammen und Archiven zusammengetragen und damit „den Fall Ludwig“ noch einmal aufgerollt. Die Diagnose Guddens lautete auf Paranoia und Geistesschwäche. „Diese Schlußfolgerung ist heute nicht mehr zu halten“, so Häfner. Nach dem Quellenstudium sei zweifelsfrei zu belegen, daß bei Ludwig II. keine Zeichen von Geistesschwäche und einer paranoiden Psychose vorlagen, schreibt die Ärzte Zeitung.[3]

Bernhard von Gudden war seit 1855 verheiratet mit Clarissa Voigt (* 4. Oktober 1833 † 10. März 1894). Sie war die Enkelin des Psychiaters Maximilian Jacobi (1775–1858), dessen Assistenzarzt Gudden von 1848 bis 1851 in Siegburg war. Bernhards Schwiegermutter war Anna Frederike Petrina Claudius, eine Tochter des Dichters Mathias Claudius. Zu Guddens neun Kindern gehören der Student Ernst Gudden (1856–1875), der Kunstmaler Max Gudden (1859–1893), Nervenarzt Clemens Gudden (1861–1931), der Maler Rudolf Gudden (1863–1935), der Psychiater Hans Gudden (1866–1940), Emma Ritter geborene Gudden (1865–1931), die Frau des Malers Paul Ritter, sowie Anna Gudden, Ehefrau des Nürnberger Psychiaters und Universitätsprofessors Hubert von Grashey (1839–1914) und Mutter des Radiologen Rudolf Grashey (1876–1950).

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Zuerst also Anatomie und dann Physiologie, wenn aber zuerst Physiologie, dann nicht ohne Anatomie.“

Bernhard von Gudden: Gesammelte und hinterlassene Abhandlungen, Bd. XXXI, Ueber die Frage der Localisation der Functionen der Grosshirnrinde

Auszeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angela Steidele stellt in ihrem Briefroman Rosenstengel Gudden als eine Schlüsselfigur der Intrige um Ludwig II. dar.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bernhard von Gudden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zwanglose Gesellschaft: Hundertfünfzig Jahre Zwanglose Gesellschaft München 1837–1987. Universitätsdruckerei und Verlag Dr. C. Wolf und Sohn KG, München 1987, 159 Seiten
  2. a b c Angela Steidele im Interview mit Sabine Reithmaier: Ein Psychiater, zwei gespaltene Ichs. Ludwig II. im Wahn und eine Frau in Hosen trugen Angela Steidele den Bayerischen Buchpreis ein., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 279, 3. Dezember 2015, S. R22.
  3. Ärzte Zeitung: Bayerns König Ludwig II. war nicht geisteskrank. In: aerztezeitung.de. 28. Juni 2004, abgerufen am 26. Dezember 2015.