Beschwichtigungssignal (Hund)

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Ein Beispiel für das Beschwichtigungssignal „Züngeln“

Das Beschwichtigungssignal oder englisch Calming Signal ist ein umstrittenes Konzept aus der Hundeerziehung, das auf die norwegische Hundetrainerin Turid Rugaas zurückgeht. Beschwichtigungssignale sind nach Rugaas Bestandteile der Kommunikation unter Hunden, die gezielt zum Vorbeugen von Konflikten eingesetzt werden. Sie geht davon aus, dass die Signale Bedrohungen und Probleme vermeiden sollen, aber auch von den Hunden zur eigenen Beruhigung eingesetzt werden.[1] Sie vertritt die Auffassung, dass die Bezugsperson des Hundes ihre Kommunikation mit dem Hund verbessern kann, indem sie diese Signale beobachtet[2], ihn für beschwichtigende Signale lobt, sie beachtet, aber auch, indem sie sie selbst einsetzt.[3] Das führe zu einem gestärkten Vertrauensverhältnis. Sie plädiert dafür, Welpen gegenüber keine Führer-, sondern eine Elternposition einzunehmen.[4]

Ausgangspunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erforschung des Verhaltens von Wölfen hatte ergeben, dass Wölfe im Verlauf ihrer Stammesgeschichte diverse Verhaltensweisen entwickelt haben, um Konflikte untereinander zu lösen und Spannungen im Rudel abzubauen. Körperliche Auseinandersetzungen können auf diese Weise vermieden werden, was besonders wichtig für das Fortbestehen eines Rudels in freier Natur ist. In der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung wurden solche Signale auch als „Demutsgebärden“ bezeichnet.

Rugaas vertritt die Meinung, dass Autoren irren, die cut off signals bei Wölfen beschreiben, aber davon ausgehen, dass Hunde nicht über gleichartige Fähigkeiten zur Aggressionshemmung verfügen. Explizit bezieht sie sich mit ihrem Widerspruch auf Michael Fox: Behavior of Wolves, Dogs and related Canids. Hunde hätten dieselben sozialen Fähigkeiten wie Wölfe, Konflikte abzuwehren.[5]

Calming Signals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Auffassung von Rugaas senden Hunde Beschwichtigungssignale aus, wenn sie über irgendetwas irritiert oder beunruhigt sind oder als Antwort auf ein Beschwichtigungssignal eines anderen Hundes. Ziel ist es, Stress oder Spannung abzubauen sowie die Eskalation eines Konfliktes zu verhindern.

Die Fähigkeit, Konflikte mit Beschwichtigungssignalen abzubauen, ist genetisch festgelegt und wird nicht erlernt. Alle Hunderassen sind befähigt diese anzuwenden und zu verstehen. Je nach Hund gibt es jedoch Signale, die nach Möglichkeiten des Hundes bevorzugt oder vermieden werden. Ein Hund zum Beispiel, dessen Augen durch lange Haare verdeckt sind, wird das Beschwichtigungssignal „Augen zusammenkneifen“ nicht erfolgreich nutzen können.

Augen zusammenkneifen

Einige Beispiele für Beschwichtigungssignale sind:[6]

  • Gähnen
  • den Kopf abwenden
  • sich abwenden (ganzer Körper)
  • Züngeln, also sich über die Nase lecken
  • auf dem Boden schnüffeln (ohne erkennbaren Grund)
  • Pfote heben
  • im Bogen gehen
  • Augenlider leicht senken (kein starrer Blick)
  • erstarren/ einfrieren
  • langsame Bewegungen
  • Vorderkörper tiefstellen (sich strecken)
  • sich hinsetzen oder hinlegen

Alle diese Signale sind nicht nur Beschwichtigungssignale, schließlich gähnen Hunde auch aus Müdigkeit, lecken sich die Nase nach der Nahrungsaufnahme oder kratzen sich bei Juckreiz. Es handelt sich hier um sogenannte doppelt belegte Signale, die situationsabhängig unterschiedliche Bedeutungen haben können.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Zahlreiche Wissenschaftler und Hundeexperten weisen darauf hin, dass die Interpretation der beschriebenen Verhaltensweisen als Beschwichtigungssignale nicht immer richtig ist und gefährliche Konsequenzen haben kann. Weidt/Berlowitz deuten viele dieser Verhaltensweisen als Signale innerer Konflikte und bezeichnen sie als Konfliktreaktionen.[7][8] Sie weisen darauf hin, dass es sich um unwillkürliche Reaktionen handelt, die keine zielgerichteten Kommunikationssignale sind.[9] In einer Diplomarbeit im Rahmen der Untersuchung frei lebender Haushunde in Italien wurde nachgewiesen, dass die als Beschwichtigungssignale bezeichneten Verhaltensweisen nicht den Charakter gezielter kommunikativer Gesten haben. An der Arbeit beteiligte Wissenschaftler bezeichnen den Umgang mit dem Konzept der Beschwichtigungssignale in Deutschland als „Beschwichtigungswahn“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rugaas: Calming Signals. 2001, S. 18.
  2. Rugaas: Calming Signals. 2001, S. 67 ff.
  3. Rugaas: Calming Signals. 2001, S. 93.
  4. Rugaas: Calming Signals. 2001, S. 73.
  5. Rugaas: Calming Signals. 2001, S. 17.
  6. Rugaas: Calming Signals. 2001.
  7. Heinz Weidt, Dina Berlowitz: Das Wesen des Hundes. Verhaltenskunde für eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Hund. Lizenzausgabe. Naturbuch Verlag, Augsburg 1998, ISBN 3-89440-294-6.
  8. Dina Berlowitz, Heinz Weidt: Hunde verstehen – Signale rechtzeitig sehen. Leitplanken für die Verhaltensentwicklung vom Welpen zum Hund (= Schweizer Hunde Magazin. Sonderdruck Nr. 2). 5. durchgesehene Auflage. Roro-Press-Verlag, Dietlikon 2007, (Digitalisat (PDF; 907,62 KB)).
  9. Dina Berlowitz, Heinz Weidt: Spielend vom Welpen zum Hund. Eine Starthilfe zur harmonischen Partnerschaft (= Schweizer Hunde Magazin. Sonderdruck Nr. 1). 3. aktualisierte Auflage. Roro-Press-Verlag, Dietlikon 2010, S. 28, (Digitalisat (PDF; 3,3 MB)).