Betriebswirtschaftliche Organisationslehre

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Die betriebswirtschaftliche Organisationslehre ist ein Teilbereich der Organisationstheorie innerhalb der Betriebswirtschaftslehre. Sie beschäftigt sich mit theoretischen Konzepten und deren konkreter Ausgestaltung in der betrieblichen Praxis.

Der Grundstein für ihre Entwicklung wurde nach dem Ersten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum gelegt, als sich ein verstärktes Interesse an der Erklärung, Steuerung und Gestaltung betrieblicher Systeme herausbildete. Ihren Höhepunkt erlebte sie zwischen 1930 und 1970. In dieser Zeit wurden die meisten Beiträge beigesteuert und machten sie zu einer gefestigten Lehre.

Die betriebswirtschaftliche Organisationslehre fokussiert vier Themenfelder:

  • die personellen, räumlichen und zeitlichen Organisationsstrukturen
  • wirtschaftliche Leistungserstellung
  • Entscheidungsfindung und -kommunikation
  • Schnittstellen entlang der Wertschöpfung

Vorläufer/Einflüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts existierten Gesamtbetrachtungen des Bereiches „Organisation“. In den 1920er Jahren gab es bereits eine Vielzahl praxisorientierter Untersuchungen, die häufig auf Erkenntnisse von Frederick Winslow Taylor und Henri Fayol Bezug nahmen. Diese zum Teil sehr heterogenen Ansätze forcierten den Wunsch nach einer einheitlichen wissenschaftlichen Disziplin, die sich alleine all diesen organisatorischen Fragen widmen sollte. Der erste umfassende Beitrag stammt von Walter Le Coutre aus dem Jahre 1928. Er betrachtet die Betriebsorganisation als eine biologisch-organismische Einheit, deren „Lebenszweck“ die Erreichung des vorgegebenen Wirtschaftsziels ist.

Hauptvertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptvertreter der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre sind:

Fritz Nordsieck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fritz Nordsieck (* 8. März 1906; † 23. Mai 1984) war Akademiedozent und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Philosophie und Zoologie (vor allem zum Tierstamm der Mollusken). Er arbeitete in den 1920er Jahren am Einzelhandelsinstitut der Universität zu Köln. Er war mit Hildegard Nordsieck-Schröer verheiratet.

Seine Hauptwerke waren „Die schaubildliche Erfassung und Untersuchung der Betriebsorganisation“ (Diss., 1932), seine 3-teilige Aufsatzserie Grundprobleme und Grundprinzipien der Organisation (DBW, 1931), die daran anschließende ebenfalls 3-teilige Aufsatzserie Die Organisation des Arbeitsablaufs (DBW, 1934), Grundlagen der Betriebsorganisation (1934) und sein Buch Betriebsorganisation, Lehre, Technik. Text- und Tafelband (1961). Er legte damit den Grundstein für die heutige betriebswirtschaftliche Organisationslehre. Seine Vorläufer waren vor allem der Jurist, Nationalökonom und Soziologe Max Weber, der Managementwissenschaftler Frederick Winslow Taylor, der Arbeitswissenschaftler Henri Fayol und der Nationalökonom und Soziologe Werner Sombart. Seine Darstellung der Betriebsorganisation hielt er sehr abstrakt und allgemein. Die betrieblichen Aufgaben (Ziele) sieht er als „sozial-objektiviertes Ziel, zu dessen Erreichung menschliche Arbeitsleistung notwendig ist“. Die zu erreichenden Ziele werden als der zentrale Punkt der Organisation angesehen und die Organisation als ein „System [aus] geltenden organisatorischern (betriebsgestaltender) Regelungen, deren Sinnzusammenhang durch die oberste Betriebsaufgabe gegeben ist.“ Die Personen werden als Funktions- bzw. Arbeitsträger angesehen, ihnen fällt die Rolle einer gedachten Person zu, der eine bestimmte Teilaufgabe zugeordnet ist. Nordsieck sieht die sozialen Gebilde nur dann als relevant an, wenn diese eine dauerhafte Funktion erfüllen. Kernelement seiner Betrachtungsweise ist die Trennung der gesamten Organisationslehre in eine Beziehungs- und eine Ablauflehre. Die Beziehungslehre beschäftigt sich mit den Beziehungen der Mitarbeiter zur Aufgabe und zueinander; die Ablauflehre behandelt die Abfolge der Arbeitsleistungen und ihr zeitliches Ineinandergreifen. Nordsiecks Trennung der Organisationsbetrachtung in Aufbau- und Ablauforganisation beeinflussten fast alle folgenden Studien der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre.

Erich Kosiol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erich Kosiol hat bereits zu Beginn der Entwicklung der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre ein sehr umfangreiches und in sich geschlossenes Werk vorgelegt, das im Zeitschriftenartikel „Organisation und Betriebswirtschaft“ (DBW, 1934) seinen Niederschlag fand. Die Organisation wird als „integrative Strukturierung von Ganzheiten“ angesehen und kann somit in jeder Situation angewendet werden. Die betrieblichen Aufgaben werden definiert als „Zielsetzungen für zweckbezogene menschliche Handlungen“. Zu seinen Vorläufern zählt man unter anderem Nordsieck, Ulrich, Schnutenhaus und Hennig. Die Aufgaben werden gekennzeichnet durch Bestimmungselemente, wie Verrichtung (wie?), Gegenstand (was?), sachliche Hilfsmittel (womit?), Raum (wo?) und Zeit (wann?). Die Voraussetzung für die organisatorische Tätigkeit ist die Aufgaben- und Arbeitsanalyse: Alle vorhandenen Aufgaben und Arbeitsvorgänge werden gesammelt und überblicksmäßig dargestellt, dadurch ergibt sich die Möglichkeit diese Einzelaufgaben neu zusammenzusetzen.

Diese Zusammensetzung geschieht auf zwei Ebenen:

  1. Aufgabensynthese: Die Vereinigung von Teilaufgaben zu Aufgaben und arbeitsteiligen Einheit im Rahmen der Aufbauorganisation. Die Verteilung von Aufgaben auf gedachte Aufgabenträger erfolgt durch die Bildung von Stellen. Die Stelle ist eine organisatorische Verteilungseinheit.
  2. Synthese des Arbeitsprozesses: Diese ist auf die Bildung von Arbeitsprozessen ausgerichtet und geschieht unter den drei Aspekten Arbeitsverteilung, Arbeitsvereinigung und Raumgestaltung.

Hans Ulrich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Ulrich war Nestor in St. Gallen und veröffentlichte über 150 Publikationen zu systemorientierter BWL, Managementlehre und Strategischer Führung. Sein Hauptwerk trägt den Titel „Betriebswirtschaftliche Organisationslehre“ (1949) und beschäftigt sich mit dieser als Teildisziplin der Betriebswirtschaftslehre. Ulrich baut auf den Theorien von Taylor, Fayol und Nordsieck auf. Die Organisation wird als „System von Regelungen, die die Ausrichtung mehrerer Aufgabenträger und ihrer Arbeitsleistungen auf eine zu lösende Hauptaufgabe bezwecken“ gesehen. Er leitet diese von der Betriebswirtschaftslehre und der allgemeinen Organisationslehre ab und stellt die Organisationsproblematik auch anhand einer Aufbau- und Ablauforganisation dar. Die Aufbauorganisation erfolgt anhand der Stellengliederung. Diese kann nach Aufgaben und Funktionen eingeteilt werden. Ulrich sieht „die Unternehmensaufgabe in der Erstellung wirtschaftlicher Leistung für Dritte auf wirtschaftliche Art und Weise.“ Des Weiteren werden auch die zwischen den Stellen - das sind Aufgaben- und Arbeitsträger - bestehenden Verkehrswege, wie z. B. Befehle, Vorschläge und Mitteilungen erfasst. Die Organisationsform (Linienorganisation, Stablinienorganisation und funktionale Organisation) hängt daher von der Art der Definition der Stellengliederung und der Verkehrswege ab. Die Ablauforganisation umfasst die Zuordnung der Arbeitsplätze – diese richten sich nach der Art der Arbeitsleistung und der zu leistenden Arbeitsfolge.

Erwin Grochla[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erwin Grochla bezieht sich in seinem Ansatz sehr stark auf die Erkenntnisse von Fritz Nordsieck. Die Organisation wird als System von Regeln gesehen, das sich nicht von selbst ergibt, sondern sie ist das Ergebnis von organisatorischen Gestaltungshandlungen die alle Aktivitäten umfassen, die die Schaffung und Einführung von organisatorischen Regeln zum Ziel haben. Sie bildet den formalen Rahmen innerhalb dessen sich die vielfältigen Aufgabenerfüllungsprozesse in der Unternehmung vollziehen. Wie auch die bereits erwähnten Vertreter der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre teilt er die Organisation in Aufbau- und Ablauforganisation.

Zur Bewältigung der strukturellen Gestaltungsprobleme sieht Grochla drei Möglichkeiten:

Zweck der Gestaltung der Organisationsstruktur ist es, ein System von Verhaltens- und Funktionsregeln zur Erfüllung von Daueraufgaben zu kreieren und aufrechtzuerhalten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Norbert Bach; Carsten Brehm; Wolfgang Buchholz; Thorsten Petry: Wertschöpfungsorientierte Organisation: Architekturen - Prozesse - Strukturen, Wiesbaden: SpringerGabler, 2012, ISBN 978-3-8349-3691-2.
  • Rolf Bühner: Betriebswirtschaftliche Organisationslehre, Oldenbourg, 10. Auflage, 2004, ISBN 3486275003
  • Erwin Grochla: Grundlagen der organisatorischen Gestaltung, Stuttgart: Poeschel, 1982, ISBN 3-7910-9118-2.
  • Erich Kosiol: Organisation der Unternehmung, 2., durchges. Auflage, Wiesbaden: Gabler, 1976, ISBN 3-409-88454-8.
  • Helmut Lehmann: Organisationslehre, betriebswirtschaftliche, in: HWO, 3. Auflage, Stuttgart: Poeschel, 1992, Sp. 1537-1554, ISBN 3-7910-8027-X.
  • Fritz Nordsieck: Betriebsorganisation: Betriebsaufbau und Betriebsablauf, 3. Auflage, Stuttgart: Poeschel, 1968.
  • Klaus Olfert: Organisation, 14. Auflage, Ludwigshafen am Rhein: Kiehl, 2006, ISBN 3-470-51374-0.
  • Arnold Picot: Organisation: eine ökonomische Perspektive, 3. überarb. und erw. Auflage, Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 2002, ISBN 3-7910-2094-3.
  • Georg Schreyögg: Organisation. Grundlagen moderner Organisationsgestaltung, Wiesbaden: Gabler, 2003.
  • Manfred Schulte-Zurhausen: Organisation. 5., überarb. und erw. Aufl., Vahlen, München 2010, ISBN 978-3-8006-3736-2.
  • Dietmar Vahs: Organisation. 8. Aufl., SchäfferPoeschel, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-791031743.