Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland

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Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland war eine Archäologie-Ausstellung vom 21. September 2018 bis 6. Januar 2019 in Berlin, die aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahres 2018 stattfand. Sie zeigte im Martin-Gropius-Bau die bedeutendsten archäologischen Funde der letzten 20 Jahre in Deutschland, die von der Altsteinzeit vor 300.000 Jahren bis ins 20. Jahrhundert reichten.

Ausstellungsort Martin-Gropius-Bau in Berlin

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den Funden aus Deutschland hatte die Ausstellung eine nationale Perspektive, die sie auf Europa ausweitete.[1] Sie wollte anhand der Exponate aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte zeigen[2], dass das Gebiet des heutigen Deutschlands schon immer in ein gesamteuropäisches Netzwerk eingebunden war[3] und dass die Grundlagen für ein gemeinsames Europa schon vor mehreren tausend Jahren gelegt wurden.[4] Der Titel Bewegte Zeiten sollte deutlich machen, dass es zu allen Zeiten eine intensive Bewegung von Menschen und Dingen gab.[5]

Die Ausstellung war nicht chronologisch in Epochen geordnet, sondern in die Themenbereiche Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation gegliedert.[6] Laut dem Ausstellungskurator und Berliner Landesarchäologen Matthias Wemhoff[7] seien diese Themen das, „was den nervösen Kontinent Europa einst verbunden hat…“.[8] Beim Thema Mobilität ging es um Migration, bei der Menschen ihre Heimat aus verschiedensten Gründen verlassen haben und deren Wege durch Hinterlassenschaften archäologisch greifbar sind. Beleuchtet wurden unter anderem vier große Migrationsereignisse in der Jungsteinzeit, die den Genpool der Europäer geformt haben. Das Thema Konflikt zeigte auf, dass Europa bis in die Gegenwart hinein durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt ist und dies in organisierter Form erstmals in der Bronzezeit nachweisbar ist. Im Ausstellungsbereich zum Thema Austausch lag der Fokus auf dem Warenverkehr, der in Europa in komplexen Austauschsystemen und durch weitgespannte Netzwerke bereits in der Jungsteinzeit vonstatten ging. Anhand von Exponaten wurden Rohstoffgewinnung, Verteilung und Handel sowie die daraus resultierenden gesellschaftlichen und städtebaulichen Veränderungen beleuchtet. Das Thema Innovation zeigte die Auswirkungen des Fortschritts in technischer und auch geistiger Hinsicht auf den Alltag der Menschen sowie auf Produktion und Kriegsführung, da sich viele Innovationen archäologisch nachweisen lassen.[9]

Exponate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentraler Ausstellungsbereich mit der Hafenmauer aus dem römischen Köln und Funden aus dem Hafenbecken
Fiktives Baustellenschild zur Erbauung des Lübecker Gründungsviertels ab dem Jahr 1158

In der Ausstellung wurden rund 1000 Exponate aus 300 Fundkomplexen gezeigt, die aus 16 Bundesländern stammten.[10] Sie kamen bis auf wenige Ausnahmen, darunter Frankreich und Polen, von Fundstellen im heutigen Deutschland. Es handelte sich fast ausschließlich um Neufunde aus den letzten 20 Jahren; die wenigen Altfunde wurden vor dem Sinnhintergrund der Ausstellung neu bewertet. Die Exponate stellten 70 leihgebende Einrichtungen zur Verfügung, darunter das paläon[3], das Niedersächsische Landesmuseum Hannover, das Oldenburger Landesmuseum für Natur und Mensch[11], das Museum Erding[12], das Museum Quintana[13], das Archäologische Museum Hamburg[14] sowie das Federseemuseum.[15] Allein 379 Funde aus Schleswig-Holstein steuerte das Museum für Archäologie Schloss Gottorf bei.[16] Die Transporte der Exponate nach Berlin erfolgten zum Teil mit klimatisierten Speditionsfahrzeugen[17][3] sowie in speziell angefertigten Klimakisten.[18]

Die vier Ausstellungsthemen Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation wurden im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Bau auf einer Fläche von 1600 m² präsentiert. Zentraler Bereich der Ausstellung war der rund 800 m² große Lichthof, um den sich die Räume zu den einzelnen Themenbereichen gruppierten. Den Mittelpunkt der Ausstellung bildeten im Lichthof Funde aus dem Hafenbereich des römischen Kölns (Colonia Claudia Ara Agrippinensium).[19] Zentrales Exponat war dabei ein fast 2000 Jahre alter Abschnitt der Hafenmauer als 12 Meter lange und 3,5 Meter hohe Spundwand aus 22 Eichenbohlen.[20] Das spektakulärste Exponat war die Himmelsscheibe von Nebra, die als Höhepunkt in einem abgedunkelten Raum mit drei bronzezeitlichen Goldhüten präsentiert wurde.[21] Die Himmelsscheibe wird normalerweise nicht ausgeliehen und verließ erstmals seit über zehn Jahren das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle.[22] Sie soll mit 100 Millionen Euro versichert gewesen sein.[23] Rund 200 Exponate aus dem Lübecker Gründungsviertel repräsentierten den mittelalterlichen Handel. Hierzu gab es in der Ausstellung einen eigenen Raum, der auf zwei Seiten einem im Jahr 2009 entdeckten mittelalterlichen Keller aus normierten Holzteilen nachgebildet war.[24] In einem weiteren Raum bearbeiteten Angehörige der Jugendbauhütte Lübeck Eichenstämme, um vor den Museumsbesuchern einen Nachbau des Holzkellers herzustellen.[25]

Besondere Exponate und Fundkomplexe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Archäologen Michael Rind und Matthias Wemhoff als Ausstellungsveranstalter bei der Pressekonferenz zur Eröffnung
Die Kuratoren der Ausstellung Susanne Kuprella und Benjamin Wehry[32]

Veranstalter der Ausstellung waren der Verband der Landesarchäologen und das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, dessen Leiter Matthias Wemhoff sie federführend mitkonzipiert hatte.[33] Die Schau wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Kuratorium Preußischer Kulturbesitz als Unterstützer der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gefördert.

Die offizielle Eröffnung am 20. September 2018 im Berliner Abgeordnetenhaus nahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Beisein des Bundesratsvorsitzenden Michael Müller vor.[34] Der Bundespräsident, der auch Schirmherr der Ausstellung war[35], eröffnete seine Rede mit den Worten „Sous les pavés, la plage“ („Unter dem Pflaster liegt der Strand“).[36] Mit dem Zitat als einem der Slogans der Situationistischen Internationale sprach er die verborgenen Geheimnisse unter der Erdoberfläche an.[37]

Die Schau war nach 1975 in Köln mit Das neue Bild der alten Welt[38] und nach 2003 in Bonn und Berlin mit Menschen – Zeiten – Räume. Archäologie in Deutschland[39] die dritte deutschlandweite Archäologie-Ausstellung[40] und die zweite, an der alle Landesarchäologen mitwirken.[41]

Zum Begleitprogramm der Ausstellung Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland gehörten Veranstaltungen im Martin-Gropius-Bau[42] und Führungen im historischen Berlin und archäologische Workshops durch die Bodendenkmalpflege des Landesdenkmalamtes Berlin.[43]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausstellung wollte nach den Aussagen der Veranstalter keine reine Leistungsschau der deutschen Archäologie sein[6], wurde aber von den Medien beständig als solche charakterisiert.[44] Laut der Wochenzeitung Die Zeit sei sie wegen der hochrangigen Exponate eine „Archäologie-Schau der Superlative“.[45][46] Die Süddeutsche Zeitung bewertete die Ausstellung als „eine im Großen und Ganzen überwältigende Schau“.[47] Laut dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel gehöre sie zu den bisher „spektakulärsten Sonderausstellungen“ in Deutschland.[48] In den ersten fünf Wochen hatte sie 42.000 Besucher[49][50] und nach etwa 10 Wochen im Dezember 2018 waren es nach Veranstalterangaben 85.000 Besucher.[51] Insgesamt wurden rund 100.000 Besucher gezählt.[52]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der Ausstellung sahen einzelne Kritiker Lücken in der Neuzeitarchäologie des 20. Jahrhunderts, da Funde aus gründlich untersuchten NS-Zwangsarbeiterlagern oder Speziallagern in der Sowjetischen Besatzungszone fehlten.[53] Vereinzelte Kritik richtete sich gegen die fehlende intellektuelle Auswertung der Funde; die Schau bot nur viel fürs Auge.[54] Der Besucher erführe über die zahlreichen Ausstellungsobjekte gerne mehr, was dem sehr gut gemachten Katalog überlassen wurde.[44] Obwohl es in der Ausstellung um Archäologie in Deutschland gehe, wozu auch die national ausgerichtete Archäologie bis in die 1960er Jahre zählt, fehlte eine Selbstreflexion des Fachs und eine Kontextualisierung der archäologischen Funde zu verschiedenen Zeiten.[54]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uta Baier: Himmelsscheibe zieht nach Berlin in Volksstimme vom 14. September 2018
  2. Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland bei sharingheritage.de
  3. a b c Ein Schöninger Speer wird zum Star von Berlin in Helmstedter Nachrichten vom 14. September 2018
  4. Sachsens Archäologie-Schätze werden in Berliner Ausstellung gezeigt bei sachsen.de vom 20. September 2018
  5. Migration ist Anfang aller Entwicklung bei tagesschau.de vom 26. September 2018
  6. a b Berlin plant Archäologie-Schau der Superlative bei Focus Online vom 22. März 2018
  7. Ausstellung „Bewegte Zeiten“ - „Archäologie hat keine nationale Leitkultur“ bei ZDF heute vom 22. September 2018
  8. Stars aus dem Untergrund bei Welt online vom 8. Januar 2018
  9. a b c d Herausragende Funde aus Westfalen reisen zu Berliner Archäologie-Ausstellung bei Focus Online vom 9. August 2018
  10. Ticketverkauf für Archäologie-Schau startet in Tagesspiegel vom 23. März 2018
  11. Landesmuseum schickt Räder auf die Reise in Nordwest Zeitung vom 29. August 2018
  12. Erdinger Archäologie-Schätze treten Berlin-Reise an in Münchner Wochenanzeiger vom 1. September 2018
  13. Künzinger Funde werden in Berlin ausgestellt in Wochenblatt vom 17. August 2018
  14. Vera Fengler: Ausstellung: Wie man Archäologie entstaubt in Hamburger Abendblatt vom 27. September 2018
  15. Geheimnisvolle Maske aus dem Moor geht auf Reisen in Schwäbische vom 13. September 2018
  16. Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ 21. September 2018 bis 6. Januar 2019, Medieninformation auf Landesportal Schleswig-Holstein
  17. Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland bei Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
  18. Archäologische Funde aus Freising in Berlin in Süddeutsche Zeitung vom 28. August 2018
  19. Christoph Mohr: Kölner Scherben in Berlin – Die große Archäologie-Ausstellung „Bewegte Zeiten“ zeigt Funde aus dem U-Bahn-Bau in report-K vom 6. Dezember 2018
  20. Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland bei Staatliche Museen zu Berlin
  21. Rolf Brockschmidt: Die Menschen saßen nie still in Tagesspiegel vom 22. September 2018
  22. Himmelsscheibe von Nebra in Berlin in Die Zeit vom 23. Dezember 2017
  23. Geraldine Oetken: „Bewegte Zeiten“: Ausstellung zeigt in Berlin die spektakulärsten Funde der Archäologie in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 26. September 2018
  24. Lübeck schickt Schätze aus Gründungsviertel nach Berlin in Lübecker Nachrichten vom 13. März 2018
  25. Astrid Wulf Neuer alter Lübecker Holzkeller zieht nach Berlin bei ndr.de vom 27. August 2018
  26. a b Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. 21.09.2018 bis 06.01.2019. Gropius Bau
  27. Goldhort von Gessel ab heute komplett in der Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ bei Staatliche Museen zu Berlin vom 11. Dezember 2018
  28. Meldung vom 30.08.2018 bei Focus Online vom 30. August 2018
  29. Marieluise Denecke: Steinberger Kupferbeil in Berlin zu sehen in Schaumburger Zeitung vom 14. November 2018
  30. Archäologisches Museum Krefeld mit Exponaten in Berliner Ausstellung – Fränkisches Fürstenschwert und Rekonstruktion sind ausgeliehen bei Focus Online vom 19. September 2018
  31. Klaus Krämer: Spektakulärer frühkeltischer Fund reist nach Berlin bei Deutsche Welle vom 17. September 2018
  32. Benjamin Wehry/Susanne Kuprella: Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland Veranstaltungsankündigung bei Hannover historisch
  33. Karolin Korthase: Wer waren wir und wenn ja, wie viele? Bewegte Zeiten in der Archäologie im Blog der Staatlichen Museen zu Berlin
  34. Eröffnung der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ bei bundespräsident.de vom 20. September 2018
  35. Lübscher Holzkeller reist nach Berlin in Lübecker Nachrichten vom 28. August 2018
  36. Bundesratspräsident bei Eröffnung der Ausstellung „Bewegte Zeiten“
  37. Holzkeller aus 12. Jahrhundert unter den Highlights der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ in focus online vom 28. September 2018
  38. Einsicht aus Abfall in Der Spiegel vom 7. Juli 1975
  39. Menschen - Zeiten - Räume. Archäologie in Deutschland. 06.12.2002 bis 31.03.2003
  40. Himmelsscheibe von Nebra in Berlin in Westfälische Nachrichten vom 23. Dezember 2017
  41. Klaus Krämer: Archäologische Schätze aus deutscher Erde – Ausstellung zeigt spektakuläre Funde bei Deutsche Welle vom 21. September 2018
  42. Gropius Bau. Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Begleitprogramm
  43. Begleitprogramm zur Ausstellung „Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland“ bei sharingheritage.de
  44. a b Wulf Rüskamp: Archäologie in Deutschland: Eine Berliner Ausstellung zieht Bilanz in Badische Zeitung vom 30. Oktober 2018
  45. Venus und Himmelsscheibe: Archäologie-Schau der Superlative in Die Zeit vom 20. September 2018
  46. Cosima Lutz: Archäologie-Schau der Superlative in Berlin in Berliner Morgenpost vom 21. September 2018
  47. Von wegen „gute alte Zeit“ in Süddeutsche Zeitung vom 26. Oktober 2018
  48. Krieg im Blut in: Der Spiegel Nr. 39 vom 21. September 2018, S. 102, Online: Guido Kleinhubbert: Homo brutalis, der erste Deutsche vom 21. September 2018 (Bezahlschranke)
  49. Himmelscheibe nur noch eine Woche im Original zu sehen, Pferdekopf von Waldgirmes ab 7. November 2018 und über 40.000 Besucher bei „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“
  50. Klaus Teßmann: Mehr als 42 000 Besucher sahen bisher die Ausstellung "Bewegte Zeiten" in Tagesspiegel vom 3. November 2018
  51. Pferdekopf aus Waldgirmes in Berlin zu sehen in Gießener Zeitung vom 14. Dezember 2018
  52. Berlin: 300 archäologische Exponate aus MV bei großer Schau in Berliner Zeitung vom 2. Januar 2019
  53. Nikolaus Bernau: Archäologie-Ausstellung Der Mensch wurzelt nicht, er bewegt sich in Berliner Zeitung vom 20. September 2018
  54. a b Carsten Probst: Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland - Ausstellung im Gropius Bau Berlin im Deutschlandfunk vom 20. September 2018 (mp 3 on demand)
  55. Uta Luise Zimmermann-Krause: Buchtipp: „Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland“

Koordinaten: 52° 30′ 25,4″ N, 13° 22′ 54,5″ O