Bewegung des 30. Mai

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Britische Polizeipatrouille während der 30. Mai-Bewegung, Shanghai 1925

Die Bewegung des 30. Mai (chinesisch 五卅運動, Pinyin Wǔsà Yùndòng), auch 30. Mai-Bewegung genannt, war eine Protestbewegung in der Republik China, die sich gegen die kolonialen Strukturen richtete, welche die Großmächte mittels der „Ungleichen Verträge“ in China geschaffen hatten. Sie begann am 30. Mai 1925, als britische Polizeikräfte bei einer antikolonialen Demonstration in Shanghai Schusswaffen einsetzten und mehrere chinesische Studenten töteten.

Das Ereignis, auch als Zwischenfall am 30. Mai und Massaker vom 30. Mai bezeichnet, führte zu einer Welle nationaler Empörung, landesweiten Demonstrationen, Streiks und Boykotten englischer Waren. Unterstützung fand die sich daraus entwickelnde Bewegung des 30. Mai in allen chinesischen Gesellschaftsschichten. Geplant und geleitet wurden die Protestaktionen von der Nationalen Volkspartei Chinas (Kuomintang) und im Rahmen der ersten Phase der Zusammenarbeit von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unterstützt.[1][2]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bewaffnete britische und französische Milizen während der 30. Mai-Bewegung, China 1925
Chinesisches Streikplakat in Hongkong, 1925

In den 1920er-Jahren zählte Shanghai zu den kosmopolitischsten und wirtschaftlich wachstumsstärksten Städten der Welt. Ermöglicht wurde dies durch koloniale Strukturen, welche die Großmächte ab Mitte des 19. Jahrhunderts in China geschaffen hatten. Eine enorm profitable Wertschöpfung erreichten die Kolonialmächte durch die rigorose Ausnutzung aller natürlichen und menschlichen Ressourcen. Insbesondere die britischen Kolonialisten reduzierten die Lohnkosten in China, wie in Indien, Singapur und anderen Teilen des ehemaligen Empire, durch Kinderarbeit. Die sieben bis zwölfjährigen Kinder, die mehr als 320 Tage im Jahr täglich zwölf und mehr Stunden unter brutalen und unwürdigsten Bedingungen arbeiten mussten, erhielten meist nur den Bruchteil des Lohnes eines erwachsenen Arbeiters. Bei Krankheit verloren sie ihre Arbeit, da sie sofort durch neue Arbeitskräfte ersetzbar waren. Weder Erwachsene, geschweige Kinder hatten Rechte.

Am 9. Februar 1925 fanden chinesische Arbeiter der japanisch-englischen Textilfabrik Nagai-Wate-Cotton-Korporation in Shanghai die Leiche eines mit einer Eisenstange totgeprügelten achtjährigen Kindes, woraufhin die chinesische Belegschaft für vier Wochen geschlossen ihre Arbeit niederlegte. Nach Beendigung des Streiks kam es zu weiteren brutalen Übergriffen der japanischen Vorarbeiter und erneuten Arbeitsniederlegungen. Am 15. Mai feuerten japanische Wachen mehrere Schüsse auf Streikende ab; ein Arbeiter wurde getötet. Damit weiteten sich die Proteste auf die ganze Stadt aus. Studenten der Fudan-Universität und der Shanghai-Universität organisierten Massendemonstrationen vor den englischen und japanischen Konzessionen. Am 23. und 24. Mai griffen britische Polizeikräfte ein und verhafteten sechs Studenten, gegen die am 30. Mai vor dem Mixed Court, einem Gericht der Kolonialmächte, Anklage erhoben werden sollte.

Am frühen Nachmittag des 30. Mai erreichten über 2.000 Demonstranten – mit Schildern, auf denen unter anderem „Shanghai den Shanghaiern“ stand – die Polizeiwache in der exterritorialen Zone der Kolonialmächte, wo die sechs Studenten eingesperrt waren. Der diensthabende Constable E. W. Everson forderte die Demonstranten auf, sich aus der Sonderzone zurückzuziehen. Zehn Sekunden später eröffneten seine Polizisten das Feuer; vier Menschen waren sofort tot, neun starben wenig später, 20 wurden schwer verletzt.

Das Massaker sollte Auftakt zur größten Massenbewegung in China seit der Bewegung des vierten Mai sein. Einem Flächenbrand gleich breiteten die Proteste sich über das gesamte Land aus und gipfelten im 16 Monate währenden Kanton-Hongkong-Streik. Überall wurde Eigentum von Ausländern beschädigt und deren Waren boykottiert. In zahlreichen Orten attackierten Demonstranten britische, französische und japanische Kaufleute, Konsuln und Missionare. Die Kolonialmächte mussten sich aufgrund der eskalierenden Gewalt aus den exterritorialen Gebieten in Wuhan zurückziehen, antworteten mit Gegengewalt, erreichten aber nur, dass sich chinesische Studenten, Akademiker, Händler, Arbeiter, Bauern und Industrielle zusammenschlossen.

Geplant und geleitet wurde fortan die Protestbewegung von der Kuomintang, die im Rahmen der ersten Phase der Zusammenarbeit von der KPCh Unterstützung erhielt. Ebenso unterstützten die chinesische Handelskammer, Reeder, Bankiers und selbst Triaden die komplette Lähmung der ausländischen Aktivitäten in ganz China. Schon Mitte Juni herrschte in ausländischen Fabriken und vor allem im Hafen von Shanghai ein Generalstreik. In Shanghai reagierten die Kolonialmächte besonders scharf und stellten bewaffnete Verteidigungsmilizen auf. Zusätzlich wurden 2.000 britische Marineinfanteristen in der Stadt stationiert und 22 Kriegsschiffe im Hafen zusammengezogen. Damit stand China kurz vor einem Krieg mit den Kolonialmächten. Einer derartigen militärischen Konfrontation war die Republik China nicht gewachsen, zumal die Nationalrevolutionäre Armee gemeinsam mit der Kuomintang und der KPCh für den 9. Juni 1926 den Beginn des Nordfeldzugs gegen chinesische Warlords angesetzt hatte.

Am 7. Juni 1926 legte die Nationalregierung den Kolonialmächten ein Programm mit 17 Forderungen zur Beilegung der Auseinandersetzungen vor. Die Verhandlungen wurden von chinesischer Seite kurzzeitig abgebrochen, nachdem von britischen und französischen Milizen in Guangzhou am 23. Juni über 50 chinesische Demonstranten vor einer Fabrik erschossen worden waren. Im August nahm die chinesische Regierung die Verhandlungen wieder auf, ab Mitte September begann die Situation sich zu entschärfen, am 10. Oktober 1926 erklärte die Kuomintang die Bewegung des 30. Mai offiziell als beendet. Die Chinesen konnten als unmittelbare Erfolge die Abschaffung des Mixed Court, die Entlassung der verantwortlichen Polizeioffiziere einschließlich des britischen Polizeipräsidenten, die Zulassung chinesischer Händler und Unternehmen an der Börse Shanghai und die Abschaffung der 1853 an Großbritannien verlorenen Zollautonomie verbuchen.[3][4][5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bewegung des 30. Mai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937. Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte. In: Würzburger Sinologische Schriften. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Ed. Forum, Heidelberg, ISBN 3-927943-25-8 (uni-wuerzburg.de).
  • Richard W. Rigby: The May 30 Movement. Events and Themes. Australian National University Press, Canberra 1980, ISBN 0-7081-1758-9 (Review).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deng Zhongxia: Chinesische Geschichte. Kapitel XIII. (chin.) Shanghai, 1930, S. 867.
  2. Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder. Otto Harrassowitz Verlag, 2001, S. 529.
  3. Dennis Washburn: Translating Mount Fuji. Modern Japanese Fiction and the Ethics of Identity. Columbia University Press, 2006, S. 152.
  4. Oliver Fülling: Shanghai. Die Bewegung des 30. Mai. Mair Dumont DE, 2015, S. 80.
  5. Jürgen Osthammel: Shanghai, 30. Mai 1925. Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997, S. 6 f.