Bewegung des vierten Mai

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Demonstrationen in Peking am 4. Mai 1919

Die Bewegung des vierten Mai (chinesisch 五四運動 / 五四运动, Pinyin wu-si yundong), auch Vierte-Mai-Bewegung genannt, war von 1919 bis 1924 in der Republik China eine kulturelle und nationale Bewegung, die sich unter anderem gegen konfuzianische Traditionen wandte sowie die Übernahme westlicher Ideen und westlicher Demokratie propagierte.

Ausgangspunkt waren Demonstrationen zwischen dem 4. Mai und 1. Juni 1919 in Peking und anderen chinesischen Städten. Die Protestaktionen richteten sich gegen den Versailler Vertrag, der die ehemaligen deutschen Territorien in China auf das Japanische Kaiserreich übertrug. Damit schwand die Hoffnung vieler Chinesen auf eine Überwindung der kolonialen Strukturen, welche die Großmächte mittels der „Ungleichen Verträge“ in China geschaffen hatten.

Die Vierte-Mai-Bewegung 1919 gilt in der Geschichtswissenschaft als grundlegender Wendepunkt der nationalen Erweckung und als Moment der Wiedergeburt Chinas als moderne Nation. Aus den Demonstrationen entwickelte sich eine antikoloniale Protestbewegung gegen jeglichen Einfluss fremder Mächte in China.[1][2][3]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinesische Provinzen und Grenzen während der Qing-Dynastie und die mittels der „Ungleichen Verträge“ verlorenen Gebiete (rot gestrichelt)

Die Republik China, die am Ende des Ersten Weltkriegs auf der Seite der Siegermächte stand, verband mit der Teilnahme an der Konferenz von Versailles die Hoffnung, das bisher unter deutscher Verwaltung stehende Kolonialgebiet in Shandong zurückzuerhalten und damit den Prozess der Dekolonialisierung Chinas einzuleiten. Bei den Verhandlungen stellte sich jedoch schnell heraus, dass die chinesische Delegation mit ihren diesbezüglichen Forderungen auf keinerlei Akzeptanz stieß. Die Provinz Shandong wurde nicht an China zurückgegeben, sondern dem Japanischen Kaiserreich übertragen. Auch alle sonstigen Hoffnungen auf eine Revision der „Ungleichen Verträge“ erfüllten sich in Versailles nicht. Zudem wollten die Großmächte keine einzige ihrer Konzessionen in China aufgeben.

Die Nachricht vom Verlauf der Konferenz erreichte China im April 1919. Dass ausgerechnet Japan Nutznießer sein sollte, wurde von vielen Chinesen als Demütigung empfunden. Japan hatte schon während des Krieges in einer am 7. Mai 1915 von der chinesischen Regierung angenommenen NoteEinundzwanzig Forderungen“ gestellt, womit die Übernahme ehemals deutscher Rechte eingefordert und eine weitgehende Privilegierung Japans im Vergleich zu den anderen Kolonialmächten erreicht werden sollte. Tatsächlich hatten Großbritannien und Frankreich bereits während des Krieges Japan in geheimen Abkommen die Erfüllung dieser Forderungen größtenteils zugesichert. Im Gegenzug verpflichtete sich Japan, Verbündeter der Triple Entente zu bleiben.

Gegen die Annahme der Forderungen demonstrierten seit 1915 jährlich an jedem 7. Mai Tausende Chinesen vor Botschaften und Konsulaten der Großmächte in verschiedenen chinesischen Städten. Angesichts der verheerenden Nachrichten aus Versailles sollten auch am 7. Mai 1919 Demonstrationen stattfinden. Wegen der noch laufenden Pariser Konferenzen versuchte die chinesische Regierung aus diplomatischen Gründen die Kundgebungen in diesem Jahr zu verhindern und verbot die Veranstaltungen für den 7. Mai. Die Organisatoren verlegten daraufhin den Termin kurzerhand auf den 4. Mai.

In Peking trafen an diesem Tag über 3.000 Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammen und zogen zum Sitz der Regierung. Auf dem Weg ließen die Demonstranten lautstark ihre Wut an dem chinesischen Verkehrsminister Duan Qirui aus, der als korrupt und Kollaborateur der japanischen Regierung galt. Rund 20 Studenten wurden festgenommen. Dadurch erhielt die Bewegung neuerlich Zündung, indem sie für die Freilassung der inhaftierten Studenten eintrat. Zugleich versuchten die Demonstranten, die sich nun bis zum 1. Juni täglich auf dem Platz des Himmlischen Friedens trafen, weitere Kreise der Bevölkerung und weitere Städte in den Protest einzubeziehen. Sie organisierten einen Boykott japanischer Waren, einen Streik chinesischer Händler und besetzten Universitäten.

Nachdem die Bewegung auf Shanghai übergriff, lenkte die Regierung ein: Die verhafteten Studenten wurden in die Freiheit entlassen; drei „Kollaborateure“ erhielten ihre Entlassung aus der Regierung; der Premierminister trat zurück; und die chinesische Delegation in Versailles erhielt die Anweisung, die Unterschrift unter den Vertrag zu verweigern. Damit hatte die Vierte-Mai-Bewegung den Erfolg erzielt, dass neben den USA auch China den Versailler Vertrag nicht unterschrieb und stattdessen im Mai 1921 mit Deutschland einen eigenen Friedensvertrag abschloss.[4][5]

Einflüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewegung des 4. Mai 1919 hatte Unterstützung aus allen chinesischen Gesellschaftsschichten. Selbst Regierungskreise, linke und monarchistische Kräfte befürworteten einen „anti-imperialistischen Kampf“ sowie ein selbstbewussteres Auftreten Chinas gegenüber fremden Mächten. Die Impulse dafür gingen von den Pekinger Studenten aus. Gefordert wurde nunmehr die Überwindung der als Fessel für eine Erstarkung Chinas empfundenen Tradition. Der Konfuzianismus als Regelwerk der zwischenmenschlichen Beziehungen sollte durchbrochen, die Freiheit des Individuums verwirklicht und ein dem entsprechendes politisches System errichtet werden. Frauen forderten ihr Recht, an Universitäten studieren und sich frei in der Gesellschaft bewegen zu können, die Unterordnung der Söhne unter die Väter sollte aufgehoben werden. Zugleich sollte die Literatur zu einem Medium werden, das diese Ideen auf breiter Basis in der Gesellschaft zu verankern vermochte.

Damit entwickelte sich die Vierte-Mai-Bewegung zum Synonym für die chinesische Moderne. Eine Moderne, die sich weitgehend an westlichen Werten orientierte und die von der Rationalität wissenschaftlicher Erkenntnis ebenso geleitet sein sollte wie von dem Streben nach Individualität, Freiheit und Partizipation. Der Sog, den die Bewegung des vierten Mai ausgelöst hatte, vereinigte auf der Grundlage der Neuen Kulturbewegung große Teile des chinesischen Volkes. Nicht wenige Historiker in China betrachten diese Bewegung als den Beginn der modernen chinesischen Geschichte, gleichwohl durch sie kein Systemwechsel im politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Sinne ausgelöst wurde.

Sowohl die Nationale Volkspartei Chinas (Kuomintang) als auch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) stilisierten später die Vierte-Mai-Bewegung als ihren Wegbereiter einer modernen chinesischen Gesellschaft. Für die Nationalchinesen bildete sie den Ausgangspunkt für den erfolgreichen „Nordfeldzug“, durch den die Kuomintang am 29. Dezember 1928 die Chinesische Wiedervereinigung vermelden konnte. Hingegen nutzten die chinesischen Kommunisten die Wirkung der Bewegung des 4. Mai dazu, die Gründung der KPCh im Jahr 1921 als logische Folge eines natürlichen Prozesses der gesellschaftlichen Entwicklung darzustellen und sich gegen den Vorwurf zu verwahren, dass die Partei von außen, von der Kommunistischen Internationale, gegründet worden sei.[6]

Führer aus verschiedenen Gesellschaftsschichten der Bewegung waren unteren anderem Cai Yuanpei, Hu Shi und Chen Duxiu.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Franke: Chinas kulturelle Revolution. Die Bewegung des 4. Mai 1919. Oldenbourg Verlag, 1957.
  • Chow Tse-tsung: The May Fourth movement. Intellectual revolution in modern China 1915-1924. Cambridge Press, 1963.
  • Yü-sheng Lin: The crisis of Chinese consciousness. Radical anti-traditionalism in the May Fourth era. Madison, 1973.
  • Vera Schwarcz: The Chinese Enlightenment. Intellectuals and the Legacy of the May Fourth Movement of 1919. Berkeley University, 1986.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Vorlesung. Einführung in die chinesische Geschichte des 20.Jahrhunderts. Universität Wien, 2016, S. 1-4.
  2. Maria Melanie Heinicke: 4.-Mai-Bewegung und kulturelle Erneuerung 1915-1921 in China. GRIN Verlag, 2006. S. 11 f.
  3. Klaus Mühlhahn: Die Chinesische Vierte Mai Bewegung 1919 im globalen Kontext. Deutsche Forschungsgemeinschaft, Projektnummer 476119492016, Beschreibung S. 1.
  4. Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Vorlesung. Einführung in die chinesische Geschichte des 20.Jahrhunderts. Universität Wien, 2016, S. 1–4.
  5. Wolfgang Franke: Chinas kulturelle Revolution. Die Bewegung des 4.Mai 1919. Oldenbourg Verlag, 1957. S. 18 f.
  6. ebenda