Bewegungsmangel

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Bewegungsmangel führt oft zu Übergewicht

Als Bewegungsmangel wird ein Zivilisationsphänomen bezeichnet, das durch die Veränderungen im Berufs- und Arbeitsleben mit dem Trend zu überwiegend sitzenden Tätigkeiten in der modernen Industriegesellschaft hervorgerufen wird. Diese Tätigkeiten entsprechen nicht den in früheren Zeiten vorhandenen Bewegungsnotwendigkeiten, die erforderlich waren, um die Ernährung zu sichern wie z. B. Jagd und Ackerbau.

Folgen von Bewegungsmangel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Folgen des zunehmenden Bewegungsmangels sind gravierend: Ein großer Teil der Bevölkerung leidet an chronischen Rückenschmerzen. Neben Fehlernährung und Rauchen ist der Bewegungsmangel eine der häufigsten Ursachen für Zivilisationskrankheiten wie z. B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit und Allergien. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten, der durch Bewegungsmangel verursachten bzw. begünstigten Krankheiten sind sehr hoch. Eine Bevölkerungsstudie identifizierte Bewegungsmangel zudem als entscheidenden Risikofaktor für das Auftreten der Alzheimer-Krankheit.[1]

Jedes Jahr sterben nach WHO-Angaben ungefähr 600.000 Menschen in Europa an Bewegungsmangel. Durch Übergewicht und Adipositas sterben weitere 1.000.000. In Deutschland bewegen sich Kinder zu wenig: Nur etwa 24 % der elfjährigen Mädchen bewegen sich eine Stunde oder mehr pro Tag. Dies treffe auch für etwa jeden dritten Jungen von elf Jahren zu. Fachleute sprechen heute bereits von einer „Generation Chips“, benannt nach dem Buch des Klinikmanagers Edmund Fröhlich und Susanne Finsterer mit dem Untertitel „Computer und Fastfood – was unsere Kinder in die Fettsucht treibt“.[2]

Das Sterberisiko steigt innerhalb von 20 Jahren um 56 %, wenn man sich wenig bewegt, um 52 % durch Rauchen, um 31 % durch schlechte Ernährung und um 26 % durch viel Alkohol.[3]

Doch sind alle Altersgruppen betroffen. Durch vermehrtes Sitzen im Kindergartenalter wird bereits die Grundlage für späteren Bewegungsmangel gelegt. Das „dicke Kind“ wird sich auch später nicht genug bewegen.[4] Allgemein ist davon auszugehen, dass unter normalen Lebensbedingungen bei gesunden Erwachsenen die Skelettmuskulatur bereits nach dem 2. bis 3. Lebensjahrzehnt an Leistungsfähigkeit einbüßt. Der Masseverlust ist die auffälligste Veränderung am Skelettmuskel. Er beginnt etwa Mitte zwanzig. Bis zum 80. Lebensjahr ist etwa die Hälfte der Muskelmasse geschwunden. Damit verbunden ist ein deutlicher Kraftverlust, der erhebliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Gesundheit haben kann. Bis zum 45. Lebensjahr beträgt der Kraftabfall ca. 5 % pro Lebensjahrzehnt. Danach tritt ein beschleunigter Verlust um ca. 10 % pro Lebensdekade ein. Es kommt zu einer schrittweisen Abnahme der Muskelkraft und Kraftausdauer, zudem verringert sich die Arbeitsökonomie der Muskulatur. Besonders für ältere und alte Menschen betonen Untersuchungen[5] deshalb zunehmend den Stellenwert der Muskelkraft: Sie ist zentral, um tägliche Aktivitäten wie Laufen, Heben und Treppensteigen selbstständig und langfristig durchführen zu können. Ein Krafttraining trägt damit wesentlich zur Steigerung der Leistungsfähigkeit und der Lebensqualität im Alter bei.

Von regelmäßigem Training profitieren selbst chronisch Kranke. Wurde Patienten über lange Zeit Ruhe verordnet, lässt man heutzutage sogar Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz regelmäßig, aber moderat, Sport treiben. Neben einer verbesserten Belastbarkeit hellt sich bei den meisten Betroffenen auch das Gemüt spürbar auf.[6]

Präventivmaßnahmen gegen Bewegungsmangel in der Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Sportvereine, verstärkten Schulsport, durch Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und durch Appelle an die Bevölkerung, in der Freizeit mehr Sport zu treiben oder ein bewegtes Leben zu führen, wird versucht, auf ein besseres Bewegungsverhalten der Bevölkerung hinzuwirken. Gegenwärtig sind bei den Krankenkassen so genannte Bonusprogramme im Gespräch: Sie wollen z. B. durch Beitragsreduzierungen erreichen, dass Versicherte in Sportvereinen aktiv mitwirken und dadurch etwas für ihre Gesundheit tun und dazu beitragen, dass die Versichertengemeinschaft Geld spart.

Mit steigendem Gewicht kann auch der Blutdruck ansteigen. Es gibt kaum noch Zweifel an einem direkten Nutzen körperlichen Trainings für Herz und Kreislauf. Allerdings treiben 45 % der deutschen Erwachsenen keinen Sport und nur jeder achte erreicht die derzeitigen Empfehlungen für ausreichende körperliche Aktivität.[7]

Neuere Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zumeist wird in Bewegungsmangel die Ursache für Übergewicht bei Kindern und Erwachsenen gesehen. Der britischen Studie EarlyBird45 zufolge, die den Zusammenhang von Übergewicht und Bewegung bei Kindern untersucht, verwechselt diese Annahme allerdings Ursache und Wirkung: Nicht der Bewegungsmangel verursache das Übergewicht, vielmehr führe das Übergewicht zur Bewegungsunlust.[8]

In Deutschland untersucht eine Langzeitstudie des Robert-Koch-InstitutsKiGGS – die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, dabei auch die Ursachen und Folgen von Übergewicht und Bewegungsmangel.

Ebenfalls Gegenstand aktueller Untersuchungen sind positive Auswirkungen von regelmäßigen Ausdauer-, Kraft- und Koordinationsübungen bei Krebserkrankten.

Bewegungsmangel am Arbeitsplatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die stete Abnahme der physischen Arbeitslast und die steigende Anzahl an Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen sind immer mehr Beschäftigte von Bewegungsmangel am Arbeitsplatz betroffen. Fachleute empfehlen häufig Sport in der Freizeit, um den Mangel an körperlicher Aktivität bei der Arbeit auszugleichen. Vielen Menschen gelingt es jedoch nicht, Zeit für Sport in ihren Alltag einzubauen. Außerdem können die negativen Auswirkungen langen Sitzens nicht durch gelegentliche sportliche Aktivitäten gemindert werden, ebenso wird die Stoffwechselquote nicht erhöht.[9] Daher erscheint eine Erhöhung des Aktivitätslevels am Arbeitsplatz sinnvoll.

Eine Lösung könnten dynamische Arbeitsstationen sein: Sie ersetzen oder ergänzen den Bürostuhl durch Bewegungselemente wie Laufbänder, Fahrradergometer oder Stepper (Sportgerät). Erste derartige Produkte sind in den USA bereits erhältlich.

Eine Untersuchung des IFA hat zwei dynamische Arbeitsplatzvarianten mit einem klassischen Sitz- und einem konventionellen Steharbeitsplatz verglichen. Körperliche Aktivität, Herzfrequenz und Energieumsatz sind an den dynamischen Arbeitsstationen deutlich erhöht. Je nach Art und Intensität der Bewegung erhöht sich der Energieumsatz um bis zu 100 Prozent. Gleichzeitig bleibt das Arbeitsergebnis von den aktivierenden Maßnahmen weitestgehend unberührt. Allerdings äußerten die Versuchspersonen Vorbehalte gegenüber dieser Form von Arbeitsplatz: Unergonomische Gestaltung und Ablenkung sind hierfür wesentliche Gründe. Prinzipiell können dynamische Arbeitsstationen einen Beitrag zur Gesundheitsförderung der Beschäftigten leisten, müssen aber noch verbessert werden.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Bewegungsmangel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sam Norton, Fiona E Matthews, Deborah E Barnes, Kristine Yaffe, Carol Brayne: Potential for primary prevention of Alzheimer’s disease: an analysis of population-based data. In: The Lancet Neurology. Band 13, Nr. 8, 2014, S. 788–794, doi:10.1016/S1474-4422(14)70136-X.
  2. Zitiert nach Bewegungsmangel killt jährlich 600.000 Europäer. In: Ärztliche Praxis, 28. November 2006, S. 5.
  3. Arch Intern Med 170, 2010, 711, zitiert nach Ärzte Zeitung, 28. April 2010, S. 2
  4. Arnd Krüger: Wann sollen Kinder mit Sport beginnen?
    Peter Lösche (Hrsg.): Göttinger Sozialwissenschaften heute. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1990, S. 278–308.
  5. Andreas Wagner: Starke Senioren: Krafttraining für ältere und alte Menschen. trainingsworld.com, 6. Dezember 2011
  6. Ansgar Mertin: Warum Sport so gesund ist. Spiegel Online, 6. Juni 2012.
    Anne Brüning: Gesundheit: Sport macht glücklich. Interview mit Jürgen Steinacker in der Frankfurter Rundschau, 3. Oktober 2012
  7. Zitiert nach S. Schwarz, M. Halle: Laufen, bis der Blutdruck sinkt! MMW-Fortschr. Med., Nr. 148/47 (2006), ISSN 1438-3276, S. 29 ff.
  8. B. S. Metcalf, J. Hosking, A. N. Jeffery, L. D. Voss, W. Henley, T. J. Wilkin: EarlyBird45 – Fatness leads to inactivity, but inactivity does not lead to fatness: A longitudinal study in children. In: Archives of Disease in Childhood. Band 96, Nr. 10, 2011, S. 942, doi:10.1136/adc.2009.175927, PMID 20573741.
  9. mdr.de: Studien zeigen: Hohes Krankheitsrisiko durch langes Sitzen | Das Erste. (mdr.de [abgerufen am 14. Februar 2017]).
  10. Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V.: Untersuchung von dynamischen Büroarbeitsplätzen (IFA Report 4/2014). Abgerufen am 14. Februar 2017 (deutsch).