Beziehungsanarchie

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Beziehungsanarchie (oft abgekürzt BA oder RA nach englisch „relationship anarchy“ bzw. schwedisch „relationsanarki“) ist die Praxis, zwischenmenschliche Beziehungen auf der Basis individueller Wünsche anstatt feststehender Normen und Regeln zu führen.

Sie unterscheidet sich von der Polyamorie dadurch, dass sie annimmt, man brauche keine formelle Unterscheidung zwischen verschiedenen Typen von Beziehungen. Beziehungsanarchisten betrachten jede Beziehung (Liebesbeziehungen und andere) individuell, im Gegensatz zu der üblichen Kategorisierung nach gesellschaftlichen Normen wie „nur Freunde“, „in einer Beziehung“, „in einer offenen Beziehung“ etc.

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Beziehungsanarchie wurde von der schwedischen Journalistin Andie Nordgren[1][2] geprägt und in mehreren Artikeln von ihr beschrieben.[3] Insbesondere die Broschüre schwedisch Relationsanarki i åtta punkter, die von Nordgren zusammen mit Interacting Arts herausgegeben wurde, verbreitete sich in kurzer Zeit über das Internet, und noch bevor Nordgren selbst eine englischsprachige Version veröffentlichte, wurde sie mehrfach von verschiedenen Personen in andere Sprachen übersetzt.

Die Grundideen, die der Beziehungsanarchie zu Grunde liegen, sind zeitgleich mit der Veröffentlichung von Nordgrens Text innerhalb der anarchistischen Literatur zu finden.[4] Beziehungsanarchie ist außerdem Thema mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten, wie z. B. der schwedischen Bachelorarbeiten von Jacob Strandell[5] und Ida Midnattssol.[6] Die Open-University-Dozenten und Buchautoren Meg-John Barker erwähnen Beziehungsanarchie in einer Präsentation zum Thema Beziehungsformen aus dem Jahr 2013.[7]

In Workshops auf dem OpenCon 2010[8] wurde über Beziehungsanarchie diskutiert.

Auf der IASSCS-Konferenz Sex and the market place – what’s love got to do with it? im August 2013 fand eine Comic-Ausstellung der schwedischen Künstlerin Maria Ellinor Persson statt, in der Beziehungsanarchie thematisiert wurde.[9][10][11]

In verschiedenen Medien, die sich mit dem Thema Polyamorie beschäftigen, wird immer wieder über Beziehungsanarchie berichtet und diskutiert – vor allem über die Frage, ob Beziehungsanarchisten als Untergruppierung innerhalb der Polyamoristen betrachten werden sollten, oder als eigenständige Bewegung/Subkultur, die sich von der Polyamorie abgrenzt.[12]

Werte und Prinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beziehungsanarchisten (RAs) ziehen es vor, zwischenmenschliche Beziehungen nicht danach zu unterscheiden, welche als Partnerschaft gelten und welche nicht, sondern haben stattdessen eine flexible Herangehensweise, innerhalb welcher zwischen zwei Menschen alles erlaubt ist, dem beide Beteiligten zustimmen.

Wichtige Werte sind für Beziehungsanarchisten vor allem Ehrlichkeit und Respekt. Die Denkweise der Beziehungsanarchie ist aus dem Ansatz abgeleitet, dass man Liebesbeziehungen auf dieselbe Art zu betrachten versucht, wie es üblicherweise in Freundschaften der Fall ist:[13][14]

  • Freundschaften sind nicht exklusiv, und Freunde freuen sich darüber, wenn man auch mit anderen Freunden etwas Schönes erlebt.
  • Man geht mit jedem Freund anders um, nicht nach einem vorgegebenen Standard.
  • Man muss nicht alles gemeinsam machen und Kompromisse eingehen, sondern teilt nur das miteinander, wo beide Interessen übereinstimmen. Freunde verbiegen sich nicht um der Beziehung willen.
  • Freundschaften können sich in ihrer Ausprägung fließend verändern, es gibt keine binäre „entweder zusammen oder getrennt“-Logik.
  • Man muss den Status einer Freundschaft nicht ständig durch ritualisierte Gesten oder Aufopferung bestätigen,[15] sondern kann davon ausgehen, dass die Freundschaft in Ordnung ist, solange es den Beteiligten dabei gut geht.
  • Aus der Freundschaft werden keine Verpflichtungen oder Ansprüche abgeleitet; alles, was man tut, ist freiwillig.

Beziehungsanarchie wird außerdem als politisches Ausdrucksmittel verstanden – eine Politisierung des Privaten.[16] Man zeigt damit, dass man keine Herrschaft anerkennt und sich von der gesellschaftlichen Normativität kritisch distanzieren möchte, indem man dieses Prinzip auch auf sein eigenes Beziehungsleben anwendet. Das klassische Modell einer Liebesbeziehung wird dabei dem Kapitalismus zugerechnet, da typische Begriffe wie „ich gehöre dir“, „mein Freund“, „meine Frau“ etc. ein Besitzverhältnis zwischen den Partnern anzeigen.[17]

Ähnliche Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gleichbedeutend mit Beziehungsanarchie wird auch der Begriff „herrschaftsfrei lieben“ verwendet.[18] Die Norm, von der man sich damit distanzieren möchte, ist die romantische Zweierbeziehung, abgekürzt RZB.[19]

Beziehungsanarchie ist eng verwandt mit Polyamorie, und viele Beziehungsanarchisten haben mehrere sexuelle, liebevolle oder intime Beziehungen. Ein deutlicher Unterschied zwischen Polyamorie und Beziehungsanarchie ist die kategorische Unterscheidung zwischen Liebesbeziehungen und Freundschaften, die oft (aber nicht immer) von Polyamoristen gemacht wird. Im Allgemeinen erkennen Beziehungsanarchisten keine solche Kategorisierung an, genauso wenig wie eine Konvention darüber, wie man Beziehungen aufbaut und führt, oder Liebe zum Ausdruck bringt.[20] Viele Beziehungsanarchisten betrachten sich selbst aber dennoch als einen Teil der Polyamorie-Bewegung, da sich die beiden Konzepte sehr oft überschneiden.

Fälschlicherweise wird Beziehungsanarchie oft gleichgesetzt mit dem Konzept „Freie Liebe“, welches von Hippies zur Zeit der sexuellen Revolution entworfen wurde. Die Freie Liebe betont jedoch mehr die Möglichkeit, schnell wechselnde Sexualpartner ohne emotionale Bindungen zu haben, während Beziehungsanarchie auch die Möglichkeit beinhaltet, langanhaltende Beziehungen zu führen, und auch Beziehungen, die nicht auf Sexualität basieren, auf die gleiche Ebene stellt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sophie Saint Thomas: Are You Radical Enough to Be a Relationship Anarchist? Polyamory is so 2017. In: gq.com. 9. Mai 2018. Abgerufen am 19. Juni 2021.
  2. Deborah M. Anapol: Polyamory in the 21st Century: Love and Intimacy with Multiple Partners (Rowman & Littlefield Publishers, 2010), S. 207. „For Andie, the polyamory community has ‚too many outdated values about gender, sexuality, power, and love and is too focused on definitions and rules and making new mental institutions for managing love relationships with several people instead of just one. Since I was interested in escaping the idea that love needed rules and institutions to survive, I never felt much at home‘, she says.“
    Andie summarizes her position as follows: „I felt a need to put another piece on the table, so that the scale of possible relationship choices didn't just go between monogamous to polyamorous but had a third, outer point - relationship anarchy. This is how I see the scale these days. Monogamy says love is only for two people; everyone knows the drill. Polyamory says love relationships can be between several people in various configurations, but there is still a difference between those who are 'partners' in various ways and those who are not. Relationship anarchy says the gray scale between love and friendship is so gray that we cannot draw a line, and thus we shouldn't institutionalize a difference between partners and nonpartners.“
    She realizes that from a monogamous worldview, polyamory looks no different from relationship anarchy, but to a relationship anarchist, the question „how many partners do you have?“ makes no sense and is actually offensive. „The term is meant to put a useful label on an attitude that I feel is different enough from the mainstream polyamory that deals with a lot of defining things like primary partners, jealousy and time management, and so on to deserve its own term,“ she concludes.
  3. Andie Nordgren: Relationsanarki. In: http://www.andie.se. 2004. Archiviert vom Original am 6. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  4. A Green Anarchist Project on Freedom and Love. Abgerufen am 23. Juni 2021 (englisch).
  5. Det fria subjektets diskurs: en analys av de diskurser som möjliggör relationsanarkins diskurs och praktik.. In: http://www.lunduniversity.lu.se. 2011. Archiviert vom Original am 6. Dezember 2013. Abgerufen am 14. Juli 2013. Dort auch als .pdf.
  6. Ett relationsanarkistiskt ställningstagande – en undersökning av subjektspositionering inom relationsanarki. In: http://umu.diva-portal.org. 19. März 2013. Abgerufen am 14. Juli 2013.
  7. Meg Barker: Rewriting the Rules: Non/monogamies. 23. Januar 2013. Abgerufen am 5. Juli 2013.
  8. So what’s OpenCon all about, then?. In: http://polytical.org. 5. Oktober 2011. Abgerufen am 5. Juli 2013.
  9. Programme - IASSCS 2013 Conference. In: http://iasscs.org. Archiviert vom Original am 22. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  10. Exhibitions and Screenings. In: http://iasscs.org. Archiviert vom Original am 22. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  11. Relationship Anarchy as unruly political economy?. In: http://unruly-ra.com/. Abgerufen am 6. Februar 2014.@1@2Vorlage:Toter Link/unruly-ra.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  12. From Monogamish to Relationship Anarchy: a Widening Poly Spectrum. In: http://polyinthemedia.blogspot.de. 18. Mai 2012. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  13. Andie Nordgren: Relationsanarki. In: http://www.andie.se. 2004. Archiviert vom Original am 6. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  14. Amelie Liebe: Beziehungsanarchie - Lieben nach dem Freundschaftsprinzip. In: http://mehrplatzfuerdieliebe.blogspot.de. 6. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  15. Andie Nordgren: Love made me do it. In: http://www.andie.se. 2004. Archiviert vom Original am 30. Oktober 2013. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  16. Melissa Fabello: 2020 Broke All the Relationship Rules — Relationship Anarchy Could Mend It Back. In: greatist.com. 13. Dezember 2020. Abgerufen am 19. Juni 2021: „Rejecting cultural norms, particularly in service of stronger connections amongst marginalized people, makes relationship anarchy inherently political. While it’s been watered down in mainstream media to suggest “Marriage is fine! Just also remember to meet your girlfriends for brunch!” the actual purpose of relationship anarchy is to acknowledge that the way we build relationships is governed. And it seeks to break free of the ways in which oppressive systems infiltrate our intimacy.“
  17. Liebe im Kapitalismus. In: http://herrschaftsfreilieben.blogger.de. 6. Februar 2012. Abgerufen am 6. Februar 2014. (online, aber nicht frei zugänglich)
  18. WARUM? - Herrschaftsfrei lieben. In: http://schnattereule.wordpress.com. 26. September 2013. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  19. Die Romantische Zweierbeziehung. In: http://herrschaftsfreilieben.blogger.de. 29. Dezember 2011. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  20. Andie Nordgren: Poly - bara en bieffekt. In: http://www.andie.se. 2004. Archiviert vom Original am 22. Februar 2014. Abgerufen am 6. Februar 2014.