Białowieża-Urwald

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Białowieża-Naturschutzgebiet
Wisent

Der Białowieża-Urwald (weißrussisch Белавежская пушча Belaweschskaja Puschtscha, polnisch Puszcza Białowieska), deutsch auch Belowescher, Bialowieser oder Bialowiezer Heide, ist ein Naturschutzgebiet auf beiden Seiten der polnisch-weißrussischen Grenze. Der Wald gilt als eines der letzten verbliebenen Urwaldgebiete in Europa.

Die polnische Regierung plante zwischen 2012 und 2023, 188.000 m³ Holz in dem Gebiet einzuschlagen. Nach europaweiten Protesten und Klagen verfügte der Europäische Gerichtshof am 20. Juli 2017 per einstweiliger Verfügung, die Fällarbeiten zu stoppen.[1] Die polnische Führung ignorierte dies und behauptete, die Fällungen dienten der Eindämmung des Borkenkäfers.[2]

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebiet liegt 150 bis 170 Meter über dem Meeresspiegel. Die Geländefläche beträgt über 1.500 Quadratkilometer, davon befinden sich 620 Quadratkilometer auf der polnischen Seite. Das als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannte Gebiet umfasst auf beiden Seiten der Grenze 876 Quadratkilometer. Der weißrussische Teil steht als Nationalpark (Nazyjanalny park Belaweschskaja puschtscha) vollständig unter Schutz, auf polnischer Seite sind es nur 15 Prozent des Waldes (Białowieski Park Narodowy).[2]

Der Nationalpark ist Lebensraum für über 12.000 Tierarten mit allein 9000 Insektenarten.[3] Viele der Tier- und Pflanzenarten sind endemisch, d. h. nur im Naturschutzgebiet Białowieża anzutreffen. Auch stehen dort mit die höchsten Laubbäume Europas: Es sind bis zu 50 Meter hohe Eichen und bis zu 40 Meter hohe Eschen.[4] Die Natur ist wegen der minimalen Eingriffe des Menschen sehr vielgestaltig: So bilden die nicht entfernten verrottenden Baumstämme und -reste besondere Lebensbedingungen, wie sie in konventionell bewirtschafteten Wäldern nicht anzutreffen sind. Die Ursprünge des Waldes reichen bis 8000 v. Chr. zurück.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte das Waldgebiet zu den bedeutenden Jagddomänen der russischen Zaren. Im Krieg wurde die Region im August 1915 von deutschen Truppen eingenommen (vgl.: Großer Rückzug) und eine militärische Forstverwaltung eingerichtet; ihr Leiter wurde Georg Escherich. Der Urwald wurde zur größten Produktionsstätte in den besetzten Gebieten zur Deckung des kriegsbedingten Holzbedarfes der Armee. In den drei Jahren der militärischen Verwaltung wurde Raubbau betrieben, Sägewerke wurden errichtet und ein Sechstel der Bäume gefällt, darunter zahlreiche Urwaldriesen. Außerdem wurde das Gebiet als exklusives Jagdrevier für Offiziere, hochgestellte Persönlichkeiten und Prominente genutzt und der Wildbestand stark dezimiert. Hohe Würdenträger wie Kaiser Wilhelm II. durften auch Wisente schießen. Nach dem Rückzug der deutschen Besatzungsmacht Ende 1918 erlegten polnische Wilderer im April 1919 die letzten der vormals etwa 700 Wisente.[5]

Nach dem Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1918 lag Białowieża ausschließlich auf polnischem Staatsgebiet. 1929 begann ein Wiederaufbau des Bestands der Wisente. Es wurden Tiere aus Tiergärten in Deutschland und Schweden sowie aus den Wäldern von Pszczyna (Pless) eingekauft. Bis 1939 wurden 16 Wisente gezüchtet; sie überstanden den Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende annektierte die Sowjetunion Ostpolen. Etwa 60 Prozent des Białowieża-Urwaldes kamen dadurch zur Sowjetunion. Im östlichen Teil unterhielt die Sowjetunion bei Wiskuli ein Jagdhaus für die Nomenklatura und für Staatsgäste. Dort trafen sich am 8. Dezember 1991 die Präsidenten der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, das heißt Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch.[6] Sie unterzeichneten die sogenannten Vereinbarungen von Beloweschskaja Puschtscha (auch Abkommen von Belowesch bzw. Vertrag von Minsk) zur offiziellen Auflösung der Sowjetunion, wobei gleichzeitig eine Gemeinschaft Slawischer Staaten gegründet wurde. Diese ging am 21. Dezember 1991 in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten auf.

Auseinandersetzung um Holzeinschlag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2016 gab das polnische Umweltministerium unter Leitung von Jan Szyszko (PiS) Pläne bekannt, 188.000 m³ Holz zwischen 2012 und 2023 zu fällen. Zuvor war im gleichen Zeitraum eine Menge von 63.400 m³ vorgesehen.[7] Die Entscheidung rief Protest bei polnischen und internationalen Umweltschutzverbänden hervor. Auch Vertreter der EU äußerten ihre Besorgnis. Das Ministerium begründet die Forstmaßnahmen mit der Ausbreitung von Borkenkäfern. Der gehört allerdings aus Sicht der Umweltverbände schon immer zum Ökosystem vor Ort. Szyszko stellte gleichzeitig fest, dass in der Umgebung ein Mangel an Brennholz herrsche, „während aus Weißrussland dreckige Kohle importiert werden muss.“

Die EU-Kommission ordnete im August 2016 eine Untersuchung über die Holznutzungspläne an.[8][9] Am 27. April 2017 übermittelte die EU-Kommission ein offizielles Mahnschreiben an Polen.[10] Am 13. Juli 2017 gab die EU-Kommission bekannt, dass sie Polen wegen des Holzeinschlags vor dem Gerichtshof der Europäischen Union verklagt und eine einstweilige Anordnung zur Einstellung des Holzeinschlags beantragt.[11] Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs „kam extrem schnell, und sie hatte Seltenheitswert“, schrieb der Spiegel. Am 20. Juli 2017 verfügte der EuGH den sofortigen Stopp der Abholzung im Białowieża-Urwald. Die Richter befürchteten laut Medien, dass dem Unesco-Weltnaturerbe noch vor dem endgültigen Urteil ein irreparabler Schaden zugefügt werde.[1]

Die Richter des Europäischen Gerichtshofs bestätigten im November 2017 ihr Urteil: Polen muss die aktive Bewirtschaftung des Waldes von Białowieża sofort einstellen. Es wurde eine Konventionalstrafe für die Republik Polen in Höhe von 100.000 Euro pro Tag angedroht, an dem weiter eingeschlagen wird. Es war das erste Mal, dass der EuGH bereits im Eilverfahren mit Zwangsgeldern drohte.[12] Im April 2018 bestätigte der EuGH die Position der EU-Kommission, dass die Rodungen illegal seien.[13] Der seit Januar amtierende polnische Umweltminister Henryk Kowalczyk erklärte, Polen werde das EuGH-Urteil respektieren.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas M. Bohn, Aliaksandr Dalhouski, Markus Krzoska: Wisent-Wildnis und Welterbe. Geschichte des polnisch-weißrussischen Nationalparks von Białowieża. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50943-9.
  • Janusz Korbel: Puszcza Białowieska – czarno na białym. Białowieża 2009, ISBN 978-83-925199-4-2.
  • Hans von Auer (Hrsg. Lothar Tschirpke): Unter Wisenten im Urwaldrevier. Bialowice um 1900. Landbuch Verlag, Hannover 1998, ISBN 3-7842-0560-7.
  • Christian Kempf: Bialowieza: Primeval Forest of Europe. Setec-Tour, Białystok 1997, ISBN 83-906890-1-4.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Białowieża – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b SPIEGEL ONLINE: Streit um Urwald-Abholzung: Polen sägt an Europas Rechtssystem – SPIEGEL ONLINE – Politik. Abgerufen am 3. August 2017.
  2. a b Der Kampf um einen der letzten Urwälder Europas
  3. C. Kempf: Bialowieza, Foret Vierge d’Europe, Setec-Tour: Białystok, 144 S.
  4. Artikel in The Guardian: Poland starts logging primeval Białowieża forest despite protests (englisch); abgerufen am 6. September 2016.
  5. Christian Westerhoff: Großwildjagd im Osten. FAZ 14. Februar 2014 (S. 39) (der Verfasser ist Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek).
  6. Ivo Mijnssen: Der verdrängte Akt der Befreiung. Das Abkommen von Belowesch versetzt der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert den Todesstoss. In einem Jagdsitz im Urwald einigten sich die drei ostslawischen Länder auf eine friedliche Trennung. In: Neue Zürcher Zeitung vom 8. Dezember 2016, S. 4.
  7. UNESCO przyjrzy się planom MŚ dot. ratowania Puszczy Białowieskiej. In: Polskie Radio. 3. Juni 2016, abgerufen am 14. Juni 2016 (polnisch).
  8. Arthur Neslen und Agence France-Presse: Poland starts logging primeval Białowieża forest despite protests. In: theguardian.com. 25. Mai 2016, abgerufen am 30. Mai 2016 (englisch).
  9. Aleksandra Eriksson: Poland seeks support for logging in ancient forest. In: EUobserver. 1. September 2016, abgerufen am 8. September 2016 (englisch).
  10. EU droht Polen wegen Urwaldrodung. In: Österreichischer Rundfunk. 27. April 2017, abgerufen am 8. Juli 2017.
  11. Kommission fordert sofortige Einstellung des Holzeinschlags im Białowieża-Wald in Polen. Pressemitteilung. Europäische Kommission, 13. Juli 2017, abgerufen am 16. Juli 2017.
  12. tagesschau.de: Polen droht hohe Strafe wegen Urwald-Abholzung. Abgerufen am 20. November 2017.
  13. tagesschau.de: EuGH bestätigt: Rodungen sind illegal. Abgerufen am 17. April 2018.
  14. Der polnische Urwald bleibt stehen, taz.de, 17. April 2018

Koordinaten: 52° 42′ 57,6″ N, 23° 50′ 38,4″ O