Bias blind spot

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Der bias blind spot (englisch für ‚Verzerrung blinder Fleck‘) bezeichnet eine kognitive Verzerrung (cognitive bias), die Tendenz, sich für unbeeinflusst zu halten.[1]

Das wesentliche Merkmal dieser Verzerrung ist das eigene Wahrnehmen der Objektivität aufseiten des Betroffenen, also zu glauben, dass man selbst völlig frei oder zumindest freier von Beeinflussungen ist und solche Phänomene nur auf andere zutreffen.

Der Begriff wurde von Emily Pronin geprägt, einem Sozialpsychologen am Department of Psychology der Universität Princeton, mit seinen Kollegen Daniel Lin und Lee Ross.[2] Die zugrunde liegende englische Bezeichnung bias blind spot weist analog zum optischen blinden Fleck des Auges auf diese Fehlannahme. Die meisten Menschen scheinen diese Tendenz zu zeigen. In einer Stichprobe von mehr als 600 Einwohnern der Vereinigten Staaten glaubten mehr als 85 %, dass sie weniger voreingenommen sind als der durchschnittliche US-Amerikaner. Nur ein Teilnehmer glaubte, mehr voreingenommen zu sein als der Durchschnitt. Die Menschen variierten im Hinblick auf das Ausmaß des bias blind spot. Es zeigten sich jedoch stabile individuelle Unterschiede, die messbar waren (eine Skala dazu gibt es bei Scopelliti u. a. 2015).[3]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bias blind spot kann durch eine Vielzahl von anderen kognitiven Verzerrungen und Selbsttäuschungen verursacht werden.[4]

Die eigene Betroffenheit entgeht der Entdeckung aufgrund einer verzerrten Wahrnehmung, wohl aber nicht im Hinblick auf andere Personen in vergleichbaren Situationen. Der damit zusammenhängende Vorgang wird als „introspektive Illusion“ bezeichnet.[5][6] Verschiedene deutsche Studien haben dieses Phänomen auch im medizinischen Bereich bestätigt.[7]

Während motivierte Kognition im Alltag sinnvolle Funktionen haben kann, wie z. B. den Erhalt oder die Förderung des Selbstwertgefühls, stellt sie in der Wissenschaft ein Hindernis für die Generierung und Verbreitung valider Erkenntnisse dar.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. E. Pronin, D. Y. Lin, L. Ross: The Bias Blind Spot: Perceptions of Bias in Self Versus Others. In: Personality and Social Psychology Bulletin. Band 28, Nr. 3, 2002, S. 369–381, doi:10.1177/0146167202286008.
  2. Emily Pronin, Center for Behavioral Decision Research (Memento vom 23. Juli 2011 im Internet Archive)
  3. Irene Scopelliti, Carey K. Morewedge, Erin McCormick, H. Lauren Min, Sophie Lebrecht, Karim S. Kassam: Bias Blind Spot: Structure, Measurement, and Consequences. In: Management Science. Band 61, Nr. 10, 2015, S. 2468–2486, doi:10.1287/mnsc.2014.2096 (englisch, en).
  4. Antony Page: Unconscious Bias and the Limits of Director Independence. In: University of Illinois Law Review. Band 2009, Nr. 1, 2009, ISSN 0276-9948, S. 237–294 (illinoislawreview.org – en).
  5. J. Ehrlinger, T. Gilovich, L. Ross: Peering into the bias blind spot: people’s assessments of bias in themselves and others. In: Personality & social psychology bulletin. Band 31, Nummer 5, Mai 2005, S. 680–692, doi:10.1177/0146167204271570, PMID 15802662.
  6. E. Pronin, M. B. Kugler: Valuing thoughts, ignoring behavior: The introspection illusion as a source of the bias blind spot. Journal of Experimental Social Psychology 43 (4), 2007, S. 565–78.
  7. K. Lieb, S. Brandtönies: Befragung niedergelassener Fachärzte zum Umgang mit Pharmavertretern. Ärzteblatt Int 107(22), 2010, S. 392–8.
  8. Emily Pronin: Perception and misperception of bias in human judgment. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 11, Nr. 1, 2007, S. 37–43, doi:10.1016/j.tics.2006.11.001, PMID 17129749 (en).