Bibliomanie

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Büchernarr, Holzschnitt aus S. Brant: Narrenschiff, 1494

Der Ausdruck Bibliomanie (griechisch biblion = Buch + mania = Wahn) bezeichnet eine übersteigerte Leidenschaft für Bücher, die Kennzeichen einer Sucht aufweist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der oder die Bibliomane sammelt Bücher, doch anders als der Bibliophile kann er sie aufgrund der Masse der in seinem Besitz befindlichen Werke nicht alle lesen. Das Sammeln ist bis etwa 1700 ein Vanitas-Motiv, also etwas eher Verwerfliches. Sebastian Brants Narrenschiff wird vom Büchernarren angeführt. Die Bildunterschrift bei Brant lautet: „Im Narrentanz voran ich gehe, da ich viele Bücher um mich sehe, die ich nicht lese und verstehe.“ – Verständnislosigkeit und Wahllosigkeit werden als negative Eigenschaften der Büchersucht angeführt.

Das Sammeln wird erst im 18. Jahrhundert aufgewertet. Seither gibt es die Bibliophilie, die im Gegenteil als Tugend dargestellt wird, weil sie nicht wahl- und verständnislos sei. Seit dieser Zeit wird die Bibliomanie ähnlich wie die Lesesucht nicht mehr als Laster, sondern als Krankheit beschrieben, und findet sich auch in der medizinischen Fachliteratur.[1]

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Varianten der Bibliomanie gibt es folgende Bezeichnungen:

  • Biblioklast (von griech. klastein = zerbrechen): jemand, der von dem Wunsch besessen ist, Bücher zu zerstören.
  • Bibliokleptoman (von griech. kléptein = stehlen): zwanghaftes und impulsives Stehlen von Büchern ohne materielles Interesse.
  • Bibliopath (von griech. pathos = Leiden): jemand, den Bücher krank machen.
  • Bibliophag (von altgriech. φαγεῖν zu lat. phagein = essen): jemand, der Bücher „frisst“ bzw. buchstäblich verschlingt.
  • Bibliophob (von griech. phobos = Angst): jemand, der Angst vor Büchern hat.
  • Biblioskop (von griech. skopein = betrachten): jemand, der Bücher durchblättert, ohne zu lesen.
  • Bibliotaph (von griech. taphos = Grab): jemand, der zwanghaft seine Bücher versteckt und vor der Welt verbirgt („wie in einem Grab“).
  • Bibliovers (von lat. versus = gegen): jemand, der Bücher zweckentfremdend nutzt.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reale Bibliomanen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fingierte oder wahre Berichte über kriminelle (Bücher-)Sammler sind zahlreich. Ihr Gegenstand waren im 18./19. Jahrhundert oft Angehörige des Klerus oder des Adels. Der erste bekannte Fall eines kriminellen Bibliomanen in Deutschland war der Pfarrer Johann Georg Tinius. Er veruntreute Kirchengelder und verübte mehrere Raubmordversuche, um seine Sammelleidenschaft zu finanzieren. Hierfür wurde er 1823 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ein Beispiel für einen Bibliotaphen ist der Comte de Lignerolles (1816–1893), der sich angeblich ab 1848 (dem Jahr der Februarrevolution) völlig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog und sich nur noch dem Ausbau und der Pflege seiner Büchersammlung widmete, die er in einer eigens dafür bestimmten Wohnung in Paris aufbewahrte. Er gab seine Kenntnisse nicht an andere weiter und leugnete sogar, bestimmte Bücher zu besitzen. Der Umfang und Wert seiner Sammlung zeigten sich erst, als die Bücher nach seinem Tode versteigert wurden.

Bibliomanen in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Übertragen von H. A. Junghans. Durchgesehen und mit Anmerkungen sowie einem Nachwort neu herausgegeben von Hans-Joachim Mähl. Nachdruck der bibliografisch ergänzten Ausgabe 1998. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 3-15-000899-9 (Reclams Universal-Bibliothek 899).
  • Alexander Košenina: Der gelehrte Narr. Gelehrtensatire seit der Aufklärung. Wallstein, Göttingen 2003, ISBN 3-89244-531-1, siehe insbesondere S. 133 ff.
  • Wulf D. von Lucius: Bücherlust – Vom Sammeln. DuMont Buchverlag, Köln 2000, ISBN 3-7701-4724-3.
  • Otto Mühlbrecht: Die Bücherliebhaberei in ihrer Entwicklung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. 2. verb. u. verm. Aufl. Bielefeld u. Leipzig 1898. (Darin S. 219–225: Die Bücherliebhaberei als Leidenschaft.)
  • Georg Ruppelt: Buchmenschen in Büchern. Von Antiquaren und Buchhändlern, Verlegern und Buchbindern, Buchdruckern und Setzern, Bücherschändern und Bücherdieben, vom letzten Buchautor und von der Zukunft des Buches. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, ISBN 3-447-03922-1 (Sammlung Harrassowitz).
  • Leon H. Vincent: The Bibliotaph and Other People. Houghton, Mifflin and Company u. a., Boston MA u. a. 1898, siehe [1].
  • Klaus Walther: Bücher sammeln. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004, ISBN 3-423-34142-4 (Kleine Philosophie der Passionendtv 34142).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Bibliomanie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volker Faust: Über den krankhaften und heilsamen Umgang mit Büchern
  2. a b Artikel Bibliomanie in Märkische Oderzeitung vom 13./14. Februar 2021, Journal S. 5