Bildbetrachtung

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Unter Bildbetrachtung oder auch Bildanalyse versteht man eine systematische Untersuchung, bei der das zu untersuchende Objekt, das Bild bzw. der Bildinhalt durch die visuelle Wahrnehmung und kognitive Prozesse in einem Akt der Analyse in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird, um dann in der Folge, auf Grundlage von festgelegten Kriterien, erfasst zu werden. Der Vorgang lässt sich im weitesten Sinne auch als Bildinterpretation bezeichnen.

Dabei nimmt der Betrachter in den bildenden Künsten die Position ein, die ein Zuschauer bzw. Zuhörer für die darstellende Kunst, oder Literatur innehat; siehe auch Rezipient.

Dabei ist begrifflich die Perzeption, als das rein subjektive Ergebnis des visuellen Wahrnehmungsvorgangs (Perzept) und den ihn zugrundeliegenden neurophysiologischen Prozess der hier visuellen Sinneswahrnehmung von der Rezeption zu unterscheiden.

Aus Kommunikationstheoretischer Warte versteht man unter den Rezipient[1] den Empfänger (z. B. Betrachter, Leser, Zuhörer, Zuschauer, Besucher, User, Newsletter-Abonnent, Publikum) einer Botschaft in einem medialen Kommunikationsprozess. Für diese gibt es verschiedene Kommunikationsmodelle. Im Gegenstück ist der Sender (z. B. Maler, Zeichner, Sprecher, Autor) der als Kommunikator bezeichnet wird. Der Rezipient ist also diejenige Person, die sich informieren will oder/und informiert werden soll. Dabei spielt er bereits eine aktive Rolle, da er „aufnahmebereit“ ist. Die Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger nennt man feed back. Der Informationsaustausch, die visuelle Kommunikation gelingt in diesem Erklärungsmodell vermittels eingesetzter sichtbarer Zeichen. Solche Zeichen sind in der bildenden Kunst eingebunden an die entsprechenden Medien wie Gemälde, Fotografie, Film, Architektur usw., die jeweils ihre eigene, spezifische „Formsprache“ entwickeln (Mediologie).

Die Rezeptionsästhetik fragt nach der gedanklichen und emotionalen Wahrnehmung künstlerischer Werke und inwieweit sie bereits im Gegenstand angelegt ist bzw. erst im Prozess der Rezeption entsteht.[2][3]

Auch die Wahrnehmungspsychologie (etwa Figur-Grund-Wahrnehmung, visuelle Illusion, Monokulare Raumwahrnehmung) mit ihren Konzepten und Erkenntnissen kann für das Verständnis der Bildbetrachtung bedeutend sein.

Struktur der Bildbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Letztlich mündet die Bildbeschreibung in eine Verschriftlichung, einen Text ein, der den Aufbau von Einleitung, Hauptteil und Schluss folgt. Die drei Hauptgliederungspunkte weisen wiederum bestimmte Unterpunkte auf. Bei einer Bildbeschreibung bleibt das Deskriptive zunächst bestimmend, man ist angehalten zu beschreiben, was man sieht. Trotz vielfältiger Nuancierung der Analysemethoden ist ihr Ablauf identisch; denn zuerst erfolgt eine Beschreibung und erst hiernach eine Interpretation.

Vorgehensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem ersten Schritt der Bildanalyse ist es notwendig das Bild bzw. den Bildnhalt ausgiebig und intensiv zu betrachten bzw. auf sich wirken zu lassen. Ein Betrachten das eher ungezielt sein sollte, das heißt nicht in der Vorstellung auf die spätere Verschriftlichung hin. In einem zweiten Schritt kann man schon Notizen vermerken, etwa welche Fakten bei der Betrachtung auffielen, welche Aspekte hervorstachen. Zu bedenken ist dabei aber, dass man auch die unscheinbareren Begebenheiten notiert bzw. dokumentiert. Der dritte Schritt fasst die allgemeinen Angaben zum Künstler, der Entstehungszeit usw. zum Werk zusammen (Einleitung). In einem vierten Schritt gilt es die zu sammelnden Fakten zum Bild, wie etwa Farben und Materialien und Inhalt zu Sortieren (Syntaktische Ebene der Bildanalyse). Die gesammelten Auffälligkeiten sollte man aus arbeitstechnischen Gründen, in eine Übersicht eintragen. Diese kann auch tabellenförmig unterteilt werden um einen erleichterten Zugriff zu ermöglichen.

Einleitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Bestandsaufnahme ist folgendes niederzuschreiben, Angabe zum Sujet, handelt es sich etwa um eine Stillleben, ein Blumenstillleben, eine Landschaft, ein Modell. Ferner sollten in einer Einleitung nicht die wichtige Angaben zum Bild selbst und dessen Ersteller fehlen, also Name des Künstlers, Titel des Bildes, Entstehungszeit und -ort, Größe bzw. Angaben zum Format, Art (etwa Zeichnung, Radierung, Gemälde, Fotografie).

Als nächste Schritt folgt eine Beschreibung des Themas des Werkes, was also bildet das Werk hauptsächlich ab? Damit verknüpft ist, aus der Position des Betrachters, eine Beschreibung des gegenständlichen und formalen Bestandes des jeweiligen Bildes bzw. Bildinhaltes. Dies sollte in geordneter und bild-immanenter Reihenfolge geschehen, etwa in der Reihenfolge vom Bildvordergrund zum -hintergrund oder ausgehend von den zentralen Bildobjekten nach oben und unten bzw. nach links nach rechts. Für die Versprachlichung des Bildaufbaus kann also die Unterteilung des Bildes in einen:

Fotografie verschneite Gebirgslandschaft.
Im Vordergrund Zäune, Nadelbäume.
Im Mittelgrund schneebedeckte Hügel.
Im Hintergrund Gebirgssilhouette.
  • Vordergrund
  • Mittelgrund
  • Hintergrund

wichtig werden.

Hauptteil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die einzelnen Bildelemente werden der Abbildung werden im Hauptteil in Beziehung zueinander gesetzt. Hier ließe sich eine syntaktische (was, wurde, wie auf der Bildfläche kombiniert oder Zeichen und ihre formale Beziehung zu anderen Zeichen) von einer semantischen (was sieht man und wie deutet man das Gesehene zueinander oder die inhaltliche Bedeutung der Zeichen) Ebene der Bildanalyse unterscheiden.

Syntaktische Ebene der Bildanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hierbei gibt es verschiedene Vorgehensweisen. Entweder beschreibt man erst das Wesentliche und geht dann auf die Einzelheiten ein oder man beginnt mit den Details und arbeitet sich zum Wesentlicheren vor. Das Ziel bei allen diesen Vorgehensweisen aber bleibt das Auffinden und Versprachlichen der in einer dem Kunstwerk innewohnenden Struktur. Hierdurch werden Bedeutungs- und Beziehungszusammenhänge transparent und Sinnzusammenhänge nachvollziehbar. Wichtig, dass man genau angibt, wo sich das entsprechende „Syntagma“ auf dem Bild befindet. Syntaktik oder die strukturierte Beschreibung des Bildes mittels folgender Punkte:

  • Arrangement der Bildfläche:
    • Gibt es Achsen, Linien, Kurven, Teilflächen, die die Bildfläche gliedern?
      • Gibt es Umrisslinien mit den die dargestellten Personen, Objekte gezeichnet werden? Wobei die Umrisslinien den Gegenstand gegen die Umgebung (farbige Fläche) abgrenzen.
Paula Modersohn-Becker: Stillleben mit Zitrone, Apfelsine und Tomate. Um 1906/1907.
Aquarell mit den Objekten begleitenden Umrisslinien.
    • Welche Wirkungen gehen von diesem Arrangement der Bildfläche aus? Symmetrie, Ruhe, Aufgeräumtheit, Festigkeit, Balance, Unbewegtheit oder Statik, Bewegung, Streuung, Verdichtung, Unruhe, Spannung, Dramatik.
  • Arrangement des Bildraums:
    • Welche Lichtquellen (natürliche Sonne, Mond oder künstlicher Fackelschein, Lampen, Kerzen) sind auszumachen oder vorhanden? Licht- und Schattenwirkung (Plastizität) oder welche Bildelemente sind ins Licht bzw. Schatten gesetzt?;
Georges Seurat: Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte. 1884–1886.
Natürliches Licht mit Schattenwirkung.
    • Finden sich andere darstellende Mittel um eine räumlichen Tiefenwirkung zu simulieren?
      • Höhenunterschiede von Objekten; es ist ein altes und einfaches Mittel der Raumdarstellung. Objekte, die im Bild unten angeordnet sind, befinden sich vorne, solche, die sich weiter oben befinden, hinten.
      • Überdeckung von Objekten; Gegenstände mit teilweise verdeckten Formen scheinen sich weiter entfernt bzw. tiefer im Raum zu befinden als nicht verdeckte.
      • Staffelung von Objekten; es wird eine Überdeckung von Bildobjekten in einer bestimmten Richtung des Bildraumes, mit systematischen Abständen dargeboten.
      • Größenunterschiede von Objekten; wenn Bildobjekte, die in der Realität gleich groß sind, auf der Bildebene unterschiedlich groß dargestellt, künstlicher Größenunterschied, scheinen die kleineren Objekte weiter entfernt zu sein als die größeren. Ein umgekehrter Vorgang stellt die Verkleinerung der Bildelemente von unten nach oben auf der Bildebene statt, erreicht man eine Tiefenräumlichkeit.
  • Arrangement der Bildgegenstände:
    • Motiv, was wurde abgebildet;
      • Beschreibung der Personen, Objekte; anhand ihres Geschlecht, des Aussehens, Alter, Statur, Haltung, Mimik, Gestik, Kleidung, Funktion usw.
      • Beschreibung des Orts der Handlung, so die Beschaffenheit der Landschaft, welche Architektur; welche Zugänge und Wege durch das Bild werden dargeboten.
      • Beschreibung der Epoche soweit möglich.
      • Blickführung (Blickbewegungsregistrierung);
        • Obgleich in einem Bild die (möglichen) Bewegungen „eingefroren“ sind, wandern die Augen nach einem bestimmten Bewegungsmuster „in ihm umher“,[4] sogenannte Bildhauptlinien können die Bewegungsmuster lenken: Man kann vier Linienausrichtungen bestimmen: aufsteigend, abfallend, horizontal und vertikal.
      • Handlung, Szene eines Bildes zeigt sich gewissermaßen als "eingefroren". Aus der Handlung bzw. Szene lässt sich ein vorher und nachher ableiten, mutmaßen oder rekonstruieren.
        • „Elliptische Analyse“ wie verändert sich die Handlung, Szene eines Bildes durch das sukzessive Weglassen einzelner Bildelemente?
      • Also das Geschehen in der Zeit, kann ein Ziel vermutet werden; was ging voraus, was folgt, wer bezieht sich auf wen, wer tut was?
    • Komposition, allgemeine Gestaltungselemente, Dreieckskomposition, sodann die Komposition formaler Elemente, dann etwa die Verwendung des Goldenen Schnitts, Bewegungslinien;
Raffael: Madonna mit Jesuskind und Johannesknabe, 1507, Dreieckskomposition
    • Proportionalität der einzelnen Objekte und Menschen, wie ist ihr Verhältnis zueinander und zur Umgebung, zum Ganzen, zum Betrachter;
    • Finden sich vorherrschende Formen im Bild? Formsprache, etwa Fläche, geometrische Grundformen, Linie, Struktur, Kontur;
  • Arrangement der Farben:
Vincent van Gogh: Das Nachtcafé, 1888.
Künstliches Licht, Komplementärkontrast in Rot und Grün.

Farblichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Räumlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schaffende muss den ihm zur Verfügung stehenden Bildraum gemäß seiner kompositorischen Überlegungen hin aufgliedern, um so seiner visuellen Simulation von Raum in einer zweidimensionalen Abbildung durch die räumlichen Bezüge (Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund) und der Entscheidungen über die Mittel der Körper- und Raumdarstellungen auf der Bildfläche Ausdruck zu verleihen.

Letztendlich könnte die Körper- und Raumdarstellung auf der Bildfläche (durch Bildmittel und -träger) prinzipiell mathematisch exakt durch die Darstellende Geometrie, sie ist ein Teilbereich der Geometrie, belegt werden. Ist sie doch das geometrisch-konstruktive Verfahren, dass sich mit den Projektionen dreidimensionaler Objekte auf eine zweidimensionale Darstellungsebene befasst. In der bildenden Kunst werden mit dem Begriff der verschiedenen Arten der perspektivischen Darstellungen die Möglichkeiten zusammengefasst, eben die dreidimensionalen Objekte auf einer zweidimensionalen Fläche so abzubilden, so dass dennoch ein räumlicher Eindruck entsteht.

  • Wie wird der vorhandene Bildraum aufgeteilt, wie wird er vom Künstler genutzt?
  • Wir der Raum naturalistisch oder verdreht, verzerrt oder disharmonisch dargestellt?

Schluss der Bildbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zusammenfassung des Beschriebenen, wird als zusätzlicher Aspekt die pragmatische Bildbeschreibung bemüht; wozu verleitet einen das Dargestellte auf dem Bild.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Régis Debray: Jenseits der Bilder. Eine Geschichte der Bildbetrachtung im Abendland. Rodenbach 1999 (bzw. 2. Aufl. 2007, Avinus Verlag), Originaltitel Vie et mort de l’image. Une histoire du regard en Occident, erschienen 1992 in Paris bei Gallimard.
  • Werner Faulstich (Hrsg.): Bildanalysen: Gemälde, Fotos, Werbebilder. Wissenschaftler-Verlag, Bardowick 2010, ISBN 978-3-89153-035-1. (opus.uni-lueneburg.de)
  • Gotthard Jedlicka: Anblick und Erlebnis. Bildbetrachtungen. Suhrkamp (Bibliothek Suhrkamp 29), Frankfurt am Main 1955
  • Konrad Lischka: Ikonographie und Ikonologie als Methoden kommunikationswissenschaftlicher Bildanalyse. Grin Verlag, München/ Ravensburg 2013, ISBN 978-3-640-32680-8.
  • Michael R. Müller, Jürgen Raab, Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Grenzen der Bildinterpretation (Wissen, Kommunikation und Gesellschaft). Springer, Berlin/ Heidelberg/ New York 2014, ISBN 978-3-658-03996-7.
  • Johannes Steinmüller: Bildanalyse: Von der Bildverarbeitung zur räumlichen Interpretation von Bildern. Springer, Berlin/ Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-79742-5.
  • R. Suckale, M. Wundram, I. F. Walther: Malerei der Welt. Eine Kunstgeschichte in 900 Bildanalysen. Band I: Von der Gotik zum Klassizismus. Köln 1995
  • Theodor Volbehr: Bildbetrachtung. Eine Einführung in alle Stufen des Schulunterrichts. 1922

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bildanalyse. Kunstunterricht.ch – Lehrmittel für Schweizer Kunstunterricht/ Bildnerisches Gestalten. Hrsg.: Thomas Schatz.kunstunterricht.ch
  • Fachvokabular und Hilfen zur Bildanalyse. Abiturwissen Kunst, Stark Verlag 2012, S. 1–4 kunstimunterricht.de

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rezipient zu lateinisch recipere 'aufnehmen, empfangen'
  2. Barbara Pfeuffer: Abitur-Wissen – Kunst Analyse und Interpretation: Analyse und Interpretation – Leistungskurs. Stark Verlag, Freising 2011, ISBN 978-3-89449-207-6, S. 129 f.
  3. Bildanalyse, artwebs.de artwebs.de
  4. Genauer finden sich anhand der Aufzeichnungen des „Eye-Trackings “ hauptsächlich folgende Augenbewegungen; bestehend aus Fixationen (Punkte, die man genau betrachtet), Sakkaden (schnellen Augenbewegungen) und Regressionen bestehenden Blickbewegungen einer Person.