Bilfinger SE

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Bilfinger (Unternehmen))
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Bilfinger SE
Logo
Rechtsform Societas Europaea
ISIN DE0005909006
Gründung 1880
Sitz Mannheim, DeutschlandDeutschland Deutschland
Leitung
Mitarbeiterzahl 35.836[2]
Umsatz 4,219 Mrd. EUR[2]
Branche Dienstleistungen
Website www.bilfinger.com
Stand: 31. Dezember 2016

Die Bilfinger SE ist ein börsennotierter, international tätiger Industriedienstleister, der in den Bereichen Petrochemie, Chemie, Pharma sowie Öl und Gas tätig ist. Bis zum Herbst 2012 firmierte das Unternehmen als Bilfinger Berger.[3] Das Unternehmen bietet Beratung, Engineering, Fertigung und Montage sowie Dienstleistungen für Instandhaltung und Generalinspektionen.

Die historischen Wurzeln des Unternehmens liegen in der Bauwirtschaft. Infolge zahlreicher Akquisitionen und Verkäufe entwickelte sich das Unternehmen jedoch zum Anbieter von Dienstleistungen für Industrieanlagen, Kraftwerke und Immobilien, um sich zuletzt auf Industriedienstleistungen zu konzentrieren.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bilfinger entstand 1975 durch die Fusion mehrerer Baugesellschaften, deren historische Wurzeln bis ins Jahr 1880 zurück reichen. August Bernatz realisierte im damals deutschen Lothringen sein erstes größeres Projekt. 1883 ließ sich der Baumeister in Mannheim nieder. Aus seinem Unternehmen ging die Grün & Bilfinger AG hervor. Die anderen Vorläuferunternehmen von Bilfinger, die Julius Berger Tiefbau AG und die Berlinische Boden-Gesellschaft, wurden beide im Jahr 1890 gegründet.

Die Dresdner Bank war als Aktionär an allen drei Unternehmen beteiligt. Unter der Ägide von Jürgen Ponto, ihres späteren Vorstandssprechers, reifte in den 1960er Jahren der Plan, ein großes, international konkurrenzfähiges Bauunternehmen zu schaffen. Der erste Schritt war die 1969 vollzogene Fusion der Julius Berger AG mit der Bauboag, die aus der Berlinischen Boden-Gesellschaft hervorgegangen war. An diesem neuen Unternehmen erwarb die Grün & Bilfinger AG 1970 eine Mehrheitsbeteiligung. Im Jahr 1975 erfolgte schließlich die Fusion zur Bilfinger + Berger Bauaktiengesellschaft, die im Zuge der strategischen Neuausrichtung zu einem Dienstleistungsunternehmen ihre Firma im Jahr 2001 in Bilfinger Berger AG änderte.

Bilfinger erwarb am 6. Oktober 2009 alle Anteile an der MCE Beteiligungsverwaltungs GmbH, Linz, Österreich für 350 Mio. Euro. Die Gesellschaften der MCE-Gruppe, die 2008 bei etwa 900 Mio. Euro Umsatz einen Gewinn von rund 45 Mio. Euro oder 5 % Umsatzrendite nach EBIT erzielte, sind wie Bilfinger Industrial und Bilfinger Power auf Planung, Errichtung und Wartung von Anlagen der Prozessindustrie und der Energiewirtschaft ausgerichtet.[5] 2008 wurden die Sparten Hochbau und Ingenieurbau in die Tochtergesellschaften Bilfinger Berger Hochbau GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main und Bilfinger Berger Ingenieurbau GmbH mit Sitz in Wiesbaden ausgegliedert.[6]

Am 8. Oktober 2010 wechselte Bilfinger die Rechtsform zur Aktiengesellschaft europäischen Rechts (SE, Societas Europaea).[7] Im März 2011 verkaufte Bilfinger seine australische Beteiligungsgesellschaft Valemus Australia (ehemals Bilfinger Berger Australia) und reduzierte damit weiter den Anteil der Bauaktivitäten am Konzernumsatz.[8]

Im Juli 2011 wurde der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch Nachfolger des bisherigen Konzernchefs Herbert Bodner.[9] Im Herbst 2012 wurde der Unternehmensname in Bilfinger geändert.[10] 2012 wurde die Bilfinger Berger Ingenieurbau GmbH in Bilfinger Construction GmbH umfirmiert.[11]

2013 veräußerte Bilfinger seine Straßenbausparte mit 240 Beschäftigten an das neu gegründete Unternehmen Betam.[12]

Am 4. August 2014 kündigte Roland Koch seinen Rücktritt an und gab als Grund zwei gesunkene Gewinnprognosen für das laufende Jahr und unterschiedliche Ansichten mit dem Aufsichtsrat an.[13] Ab dem 8. August übernahm der ehemalige Vorstandsvorsitzende Herbert Bodner vorübergehend sein Amt, ihm folgte ab Juni 2015 der Norweger Per Utnegaard auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden.

2015 wurde die Bilfinger Construction GmbH mit dem Tiefbaugeschäft an das Schweizer Bau- und Baudienstleistungsunternehmen Implenia für etwa 230 Millionen Euro verkauft.[14]

Am 13. April 2016 wurde bekannt, dass Per Utnegaard nach weniger als einem Jahr den Posten als Vorsitzender des Vorstands zum 30. April 2016 niederlegt.[15]

Im Juni 2016 kündigte Bilfinger den Verkauf des Bau & Immobiliengeschäftes Building & Facility an den schwedischen Finanzinvestor EQT an. Der Kaufpreis für die Sparte beläuft sich auf 1,2 Mrd. Euro. Bilfinger fokussiert sich dadurch auf das Geschäft mit Industriedienstleistungen.[16] Der Verkauf wurde im September 2016 vollzogen; im Oktober 2016 wurde aus Bilfinger Building & Facility der Immobiliendienstleister Apleona.[17]

Im Februar 2017 hat Bilfinger seine neue Strategie Bilfinger 2020 vorgestellt. Das Unternehmen konzentriert sich auf zwei Segmente, vier Regionen und sechs Industrien [18]:

  • Zwei Geschäftsfelder: Engineering & Technologies (E&T) und Maintenance, Modifications & Operations (MMO).
  • Vier Regionen: Kontinentaleuropa, Nordwesteuropa, Nordamerika und Naher Osten.
  • Sechs Industrien: Chemie & Petrochemie, Energie & Versorgung, Öl & Gas, Pharma & Biopharma, Metallurgie und Zement.

Am 20. Februar 2018 beschloss der Aufsichtsrat Schadenersatz von allen zwischen 2006 und 2015 amtierenden Vorstandsmitgliedern zu verlangen.[19]

Geschäftsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konzernsitz in Mannheim

Mit dem Verkauf der Divisionen Building, Facility Services und Real Estate wurde Bilfinger zum reinen Dienstleister für die Industrie. Seit der Vorstellung der Strategie Bilfinger 2020 wurden die Leistungen in den beiden Segmenten Engineering & Technologies (E&T) und Maintenance, Modifications & Operations (MMO) gebündelt. E&T ist international aufgestellt und bietet Leistungen in allen Kernregionen an. MMO ist hingegen regional aufgestellt. Die Leistungen werden jeweils lokal angeboten und direkt beim Kunden erbracht. Das MMO-Geschäft wird in den vier definierten Kernregionen dezentral geführt. Die Einheiten, die nicht zum Kerngeschäft passen, wurden dem Geschäftsfeld Other Operations zugeordnet. Für diese Einheiten werden geeignetere Eigentümer gesucht. [18][20]

Organe der Gesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tom Blades, Vorstandsvorsitzender (seit 2016)[21]
  • Klaus Patzak, Mitglied des Vorstands und Finanzvorstand (seit 2016)
  • Michael Bernhardt, Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektor (seit 2015)

Aufsichtsrat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eckhard Cordes (Vorsitz)[22]
  • Stephan Brückner (stellvertretender Vorsitz seit 21. Mai 2008)
  • Dorothee Anna Deuring
  • Lone Fønss Schrøder
  • Ralph Heck
  • Marion Helmes
  • Thomas Kern
  • Rainer Knerler
  • Janna Köke
  • Emma Phillips
  • Jörg Sommer
  • Jens Tischendorf

Ehemalige Manager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roland Koch (ab März 2011 Vorstandsmitglied und vom 1. Juli 2011 bis zum 8. August 2014 Vorstandsvorsitzender) [23][24]
  • Herbert Bodner (Vorstand seit 1997, Vorsitzender 1999–2011 und 2014)
  • Christian Roth (Vorstandsvorsitz von 1984 bis 1998, seit 1973 im Vorstand)
  • Jürgen Hambrecht (Aufsichtsrat bis 21. Mai 2008)
  • Jürgen M. Schneider (Vorstand von 1990 bis zum 31. Juli 2009)
  • Axel Salzmann (Vorstand von 2015 bis 2016)
  • Jochen Keysberg (Vorstand 2012 - 2016)

Aktie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aktie des Unternehmens notiert im Aktienindex SDAX.

Aktionärsstruktur[25]
Anteil Anteilseigner
74,6 % Institutionelle Anleger
25,4 % Privatanleger
29,5 % Cevian Capital
10,4 % Institutionelle Anleger Deutschland
11,8 % Institutionelle Anleger Großbritannien
9,6 % Institutionelle Anleger Schweiz
6 % Institutionelle Anleger Vereinigte Staaten
4 Institutionelle Anleger Skandinavien
0,8 % Institutionelle Anleger Benelux
0,9 % Institutionelle Anleger Frankreich
1,5 % sonstige institutionelle Anleger

Stand: 12. April 2017

Großprojekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europastraße 18 in Norwegen
Schiffshebewerk Niederfinow Nord

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 2010 wurde der Verdacht auf Betrug durch Mitarbeiter von Bilfinger beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in Köln laut. Dabei ging es um den Vorwurf von gefälschten Messprotokollen bei der Erstellung der Schlitzwände an der Baugrube sowie um nicht eingebaute Teile der Stahlbewehrung in den Schlitzwänden.[31][32] Der Vorwurf wurde von Bilfinger am 24. Februar 2010 als zutreffend erklärt.[33][34]

Ende Februar 2010 folgte ein Verdacht auf gefälschte Protokolle beim Bau der ICE-Trasse Nürnberg–München[35] sowie beim U-Bahn-Bau in Düsseldorf.

Aufgrund von Korruptionsvorwürfen in den USA verordnete das Justizministerium 2013 dem Konzern einen externen Aufpasser, einen sogenannten Monitor.[36]

Ein gerichtliches Nachspiel hatte 2017 die Entlassung der internen Chefermittlerin für Compliance-Vorwürfe, die u. a. Korruptionsvorfälle im Oman untersuchte. Wenige Tage nachdem sie die Firma verlassen hatte, wurde der Abschluß eines neuen 200-Millionen-Dollar-Auftrages in jenem Land bekanntgegeben.[37]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Stier und Martin Krauß: Drei Wurzeln – ein Unternehmen. 125 Jahre Bilfinger Berger AG. verlag regionalkultur, ISBN 978-3-89735-411-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bilfinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Vorstand der Bilfinger SE (auf bilfinger.com)
  2. a b Bilfinger Geschäftsbericht 2016
  3. Aktionäre beschließen Namensänderung von Bilfinger Berger, Welt online 10. Mai 2012
  4. Bilfinger konzentriert sich auf Industriedienstleistungen - Bilfinger SE. In: www.bilfinger.com. Abgerufen am 16. August 2016.
  5. DGAP-Adhoc: Bilfinger Berger AG übernimmt MCE-Gruppe und beschließt Bezugsrechtskapitalerhöhung im Verhältnis 4:1 zu einem Bezugspreis von EUR 30,60. In: FinanzNachrichten.de. (finanznachrichten.de [abgerufen am 29. Mai 2017]).
  6. Jahresabschluss und Lagebericht der Bilfinger Berger AG zum 31. Dezember 2008
  7. Bilfinger: Industriedienstleister für die Prozessindustrie - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  8. Dow Jones Deutschland, Bilfinger Berger schließt Verkauf von Valemus Australia ab@1@2Vorlage:Toter Link/www.dowjones.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (10. März 2011), zuletzt abgerufen am 25. August 2011.
  9. Bilfinger Berger SE:Roland Koch wird neuer Vorstandsvorsitzender von Bilfinger Berger, 29. Oktober 2010.
  10. Aktionäre beschließen Namensänderung von Bilfinger Berger: Meldung - WELT. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  11. Jahresabschluss und Lagebericht der Bilfinger Berger AG zum 31. Dezember 2008
  12. Wirtschaftswoche: Betam Infrastructure ist insolvent, abgerufen am 13. Juli 2015
  13. Roland Koch verlässt Bilfinger - Spektakulär gescheitert, FAZ, 4. August 2014.
  14. Bilfinger trennt sich von seinen Wurzeln, www.faz.net, 22. Dezember 2014
  15. Paukenschlag von Per Utnegaard: Bilfinger-Chef geht überraschend. In: Handelsblatt. 13. April 2016, abgerufen am 13. April 2016.
  16. Bilfinger Pressemitteilungen Download - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  17. Aus Bilfinger Building und Facility wird Apleona. In: Der Facility Manager (online), 5. Oktober 2016, abgerufen am 4. Juli 2017.
  18. a b Bilfinger 2020: Zurück zu profitablem Wachstum - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  19. manager-magazin
  20. Bilfinger Geschäftsbericht 2016. 15. März 2017, S. 7, abgerufen am 29. Mai 2017 (deutsch).
  21. Der Vorstand von Bilfinger - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  22. Der Aufsichtsrat von Bilfinger - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  23. Roland Koch wird neuer Vorstandsvorsitzender von Bilfinger, Meldung des Unternehmens vom 29. Oktober 2010, 13:50
  24. FAZ.net: Bilfinger-Boss Roland Koch wird abgelöst
  25. Bilfinger SE: Aktionärsstruktur
  26. Bilfinger: Industriedienstleister für die Prozessindustrie - Bilfinger SE. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  27. Schrott-Autobahn A1: Dem Pfusch auf der Spur. NDR Magazin Markt, 22. März 2010, archiviert vom Original am 25. März 2010; abgerufen am 22. März 2010.
  28. a b Roland Kirbach: Privatisierte Autobahnen: Deutschlands gefährlichste Straße. In: Die Zeit. 8. September 2013, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 29. Mai 2017]).
  29. Enge Fahrspuren führen zu vielen Unfällen. NDR Magazin Markt, 9. November 2009, archiviert vom Original am 2. März 2010; abgerufen am 9. November 2009.
  30. Berliner Morgenpost - Berlin: Bilfinger Berger baut U-Bahn "Unter den Linden". Abgerufen am 29. Mai 2017.
  31. Andreas Damm und Detlef Schmalenberg Da ist mit System gefälscht worden, Kölner Stadt-Anzeiger vom 16. Februar 2010, letzter Zugriff 04. Dezember 2017.
  32. Nikolaus Hammerschmidt und Michael Gassmann: , Financial Times Deutschland vom 8. März 2010, zuletzt abgerufen am 17. Juni 2010; Pfusch am Bau: Bilfinger setzt Experten ein@1@2Vorlage:Toter Link/www.heute.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., heute.de magazin vom 8. März 2010, letzter Zugriff am 17. Juni 2010.
  33. Weitere Prüfungen nach Bau-Pfusch. Westdeutscher Rundfunk, 24. Februar 2010, archiviert vom Original am 26. Februar 2010; abgerufen am 27. Februar 2010.
  34. Lars Hering: Das Kölner U-Bahn-Desaster. Westdeutscher Rundfunk, 26. Februar 2010, archiviert vom Original am 1. März 2010; abgerufen am 27. Februar 2010.
  35. siehe auch Süddeutsche Zeitung Durchsuchung wegen U-Bahn-Bau und ICE-Trasse und Focus Pfusch an ICE-Trasse München-Nürnberg?
  36. Wirtschaftswoche: Es wird gemacht, was der Monitor sagt, vom 03.05.2017, geladen am 18.06.2018
  37. Handelsblatt: Die Aufarbeitung fragwürdiger Praktiken bei Bilfinger entwickelt sich zum Krimi, vom 17.06.2018, geladen am 18.06.2018