Binärer Kampfstoff

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Ein Binärer Kampfstoff (auch Binäre Chemische Waffe, selten Binär-Waffe oder Zweikomponentenkampfstoff) ist eine spezielle Form chemischer Waffen. Hier werden zwei oder mehr im Vergleich zum Endstoff relativ ungefährliche Substanzen voneinander getrennt in einem Einsatzbehälter (wie einem Geschoss oder einer Granate) gelagert. Bei dieser Waffe entsteht der eigentliche Kampfstoff erst nach Verbringung in den Zielbereich meist durch einfaches Vermischen der Komponenten, teilweise unter Zuhilfenahme eines geeigneten Katalysators.[1] Im Gegensatz dazu sind die älteren unitären Kampfstoffe unmittelbar einsatzbereit.[2]

Der Vorteil dieser Art chemischer Waffen ist die relativ gefahrlose Lagerung und Handhabung der Einsatzbehälter, da die verwendeten Chemikalien in der Regel viel weniger giftig sowie besser lagerfähig als die Kampfstoffe selbst sind. Es tritt daher keine Zersetzung der Chemikalien oder Korrosion des Einsatzbehälters auf. Als Einsatz- und Transportbehälter eignen sich insbesondere Artilleriegeschosse und Granaten.

Erste Forschungen auf dem Gebiet der binären Kampfstoffe wurden in den USA seit 1954 vorgenommen. Nachdem die USA 1969 ein Moratorium in Bezug auf die Entwicklung chemischer Waffen beschlossen hatten, wurde die Entwicklung zunächst beendet. Als der Ostblock ein massives Übergewicht an chemischen Waffen aufgebaut hatte, wurden 1980 die Forschungen wieder aufgenommen und die binären Waffen in den Folgejahren zur Serienreife gebracht.[3]

Ende der 1980er Jahre erkannte das US-Militär, dass die bisherigen, lange gelagerten Chemiewaffen bis spätestens 1990 zum Großteil zersetzt und damit militärisch unbrauchbar sein werden. Präsident Ronald Reagan unterschrieb daher im Jahre 1987 ein Gesetz, um die alten chemischen Kampfstoffe zu zerstören und durch binäre Kampfstoffe zu ersetzen.[4]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele binärer Kampfstoffe sind die Nervenkampfstoffe Sarin (GB), Soman (GD), VX[1] und Nowitschok 5 und 7.

Sarin und Soman[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

3,3-Dimethyl-2-butanol

Beim Einsatz in Binärkampfstoff-Geschossen reagieren Methylphosphonsäuredifluorid und Isopropanol nach dem Abschuss der Granaten – unter Zuhilfenahme eines Katalysators – zu Sarin; dabei bildet sich nach zehn Sekunden mit 70 %iger Ausbeute das Endprodukt.[5]

Synthese Sarins Teil 2b

Wird statt Isopropanol 3,3-Dimethyl-2-butanol eingesetzt, entsteht statt Sarin das strukturell ähnliche Soman.

VX[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Einsatz von VX als Binärkampfstoff wurden spezielle „Bigeye-Bomben“ entwickelt. Darin ist ein Zylinder mit festem Schwefel enthalten, der von einem Behälter mit der flüssigen Organophosphorverbindung O-Ethyl-O-2-diisopropylaminoethylmethyl-phosphonit umgeben ist. Beide Komponenten sind getrennt; nach Abwurf der Bombe wird die Trennung gebrochen und ein Rührmotor durchmischt die beiden Bestandteile, die zum VX reagieren. Nach fünf Sekunden ist die Reaktion beendet.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Eintrag zu binäre Kampfstoffe. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. September 2013.
  2. Hermann Lampalzer: Das aktuelle ABC-Bedrohungsbild. In: Bundesheer. 2003, abgerufen am 9. Juli 2018.
  3. Wiener Blätter zur Friedensforschung: Ausgaben 38–45, 1984, Seite 34.
  4. Wolfgang Bartels: Altes und neues Giftgas in der Bundesrepublik. Wissenschaft und Frieden, 1989-4: Die 90er Jahre: Neue Horizonte.
  5. Eintrag zu Sarin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. September 2013.
  6. Eintrag zu VX. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. September 2013.