Biologisch-vegane Landwirtschaft

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Biologisch-vegane Landwirtschaft (auch Bio-vegane Landwirtschaft) verbindet die Prinzipien der Ökologischen Landwirtschaft mit den Idealen des Veganismus. Ziel ist eine Vermeidung des Einsatzes tierischer Produkte (etwa Gülle, Hornspäne oder Blutmehl als Dünger) sowie der Nutzung von Tieren (etwa Arbeitspferden) bei gleichzeitigem Einhalten ökologischer Maßstäbe wie zum Beispiel dem Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel und Pflanzenschutzmittel.[1]

Vegan lebende Menschen lehnen jegliche Nutzung von Tieren und tierischen Produkten insgesamt ab oder meiden zumindest alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs. Allerdings halten die meisten landwirtschaftlichen Betriebe Nutztiere oder verwenden Gülle und andere tierische Erzeugnisse zur Düngung. In Folge dessen sind also die wenigsten Produkte durchweg vegan produziert worden. Mit der biologisch-veganen Landwirtschaft wird eine völlige Entkopplung von tierischen Produkten aus der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung angestrebt.[2]

Laut dem Vegan Organic Network ist biologisch-vegan eine breite Bezeichnung für jedes Landwirtschaftssystem, welches künstliche Chemikalien, tierische Dünger, tierische Überreste von Schlachthöfen, genetisch modifizierte Stoffe und letztendlich jeden bewussten Eintrag aus tierischer Herkunft, wie etwa Fischmehl, ausschließt.[3]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung biologisch-vegan stammt vom englischen stockfree-organic, was mit nutztierlos und frei von (nutz)tierlichen Einträgen übersetzt werden kann. Im Deutschen lassen sich die Bezeichnungen bio-vegan, vegan-organisch oder auch pflanzlich-organisch synonym dazu verwenden.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Ansätze viehloser Landwirtschaft.[5] Mit der Gründung der gemeinnützigen Organisation Vegan-Organic Network (kurz VON) in England im Jahr 1996 entstand ein internationales Netzwerk zum Austausch über biologisch-vegane Landwirtschaft. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, biologisch-vegane Methoden der Landwirtschaft und des Gartenbaus zu erforschen und zu verbreiten.[3] Ende der 1990er-Jahre wurde das Bio-Vegane Netzwerk gegründet, um diese Entwicklung auch im deutschsprachigen Raum zu fördern.[6] Die Zahl der Betriebe, die derzeit nach den Prinzipien des bio-veganen Landbaus wirtschaften, ist nicht gesichert. Ein Teil dieser Betriebe wird durch die bio-vegane Höfeliste abgebildet, die der Vegetarierbund Deutschland e.V. führt.[7]

Unterscheidung bio-vegane bzw. viehlose Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als viehlos wird ein landwirtschaftlicher Betrieb bezeichnet, wenn keine beziehungsweise weniger als ca. 0,2 GV/ha (vieharm) Nutztiere gehalten werden und keine Kooperation mit nutztierhaltenden Betrieben zum Bezug tierischen Düngers besteht. Bei der veganen Landwirtschaft wird die bewusste Zufuhr tierischer Produkte in den Ackerbau abgelehnt und eine Bekämpfung tierischer Schädlinge vermieden. Viehloses Wirtschaften ist oft strukturell oder betrieblich begründet: Die Tierhaltung ist sehr arbeitsintensiv oder die Lage des Betriebs ist in einer reinen Ackerbauregion.[8] Die vegane Landwirtschaft hingegen ist zusätzlich durch ethische Bedenken hinsichtlich der Ausbeutung und Tötung von Tieren und die damit verbundene Kritik an der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung motiviert. Während es im Ökolandbau z. B. bei den Anbauverbänden Bioland und Naturland Betriebe gibt, die im Sinne einer Kreislaufwirtschaft weitestgehend viehlos wirtschaften, ist bei Demeter Tierhaltung fester Bestandteil der biologisch-dynamischen Anbaurichtlinien. So müssen, selbst wenn keine Tiere auf dem Hof gehalten werden, sogenannte Präparate aus tierischen Bestandteilen eingesetzt werden.[9] Der Verzicht auf tierische Düngemittel, vor allen Dingen der Dung von Wiederkäuern, kann nur in Ausnahmefällen durch die zuständige Kontrollstelle erfolgen.

Besonderheiten biologisch-veganer Landwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökologische wie bio-vegane Landwirtschaft sind systembasierte Ansätze, deren Merkmal es ist, ein Verständnis für die vielfältigen Interaktionsnetzwerke eines Ökosystems zu entwickeln. Dies stellt die Betriebe vor besondere Herausforderungen.[8]

Fruchtfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fruchtfolge muss aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten zur Stickstoffversorgung so gestaltet werden, dass die Stickstoffverluste minimiert werden. Wie im ökologischen Landbau üblich hat im bio-veganen Landbau die solide Fruchtfolgeplanung einen hohen Stellenwert. Ziel ist es, die Anbaukultur optimal und ihren Bedürfnissen entsprechend mit Nährstoffen zu versorgen sowie nachteilige Fruchtfolge-Effekte zu minimieren. Ersteres geschieht durch die Bilanzierung von eingetragenen und ausgetragenen Nährstoffen vor und nach der Aussaat bzw. der Ernte. Im ökologischen Landbau allgemein hat daher der Leguminosen-Anbau eine große Bedeutung in der Fruchtfolgeplanung. Leguminosen können den in der Luft vorhandenen Stickstoff organisch binden und diesen über im Boden verbleibende Pflanzenreste teilweise für die nachfolgende Kultur zur Verfügung stellen. Die auf dem Feld verbleibenden Erntereste anderer Pflanzenarten liefern vorrangig aus der Luft assimilierten Kohlenstoff für die Bildung von Humus. Dies geschieht im bio-veganen Landbau nicht anders, nur dass auf tierische Düngemittel (Gülle, Mist und Schlachtabfälle) konsequent verzichtet wird. Ein weiterer Aspekt der Fruchtfolgeplanung ist die sinnvolle und vielfältige Auswahl von Anbaukulturen und dort, wo es sich betrieblich einrichten lässt, der Anbau in Mischkulturen. Dadurch kann Krankheiten, Bodenmüdigkeit und negativen, allelopathischen Fruchtfolgeeffekten vorgebeugt und z. B. durch die Kombination von Tief- und Flachwurzlern der Nährstoffaufschluss verbessert werden. Durch Mischkulturanbau kann zu einer Diversifizierung der Agrarbiozönose beigetragen werden.[10]

Stilllegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Flächenstilllegung dient meist als Basis der Fruchtfolge, etwa hinsichtlich Stickstoffversorgung, Humushaushalt und Regulierung von Unkraut. Dies bringt allerdings Herausforderungen mit sich, etwa geringere positive Effekte bezogen auf Unkraut, Humus und Bodenstruktur als bei mehrjährigem Feldfutterbau. Eine geeignete Maßnahme ist zum Beispiel die Optimierung des Anbaus von Hülsenfrüchtlern in Zwischenfrüchten beziehungsweise Untersaaten zur Verminderung des Anteils der Stilllegung.

Unkrautmanagement und Schädlingsbekämpfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine ausreichende präventive Unkrautunterdrückung, etwa durch Fruchtfolge und Bodenbearbeitung, ist essentiell. Auf die jeweiligen Standorte angepasste Fruchtfolgesequenzen bieten sich dazu an. Daneben kann auch eine intensive mechanische Unkrautregulierung angebracht sein. Im bio-veganen Anbau wird ein starkes Auftreten von Schadinsekten als Zeichen eines Ungleichgewichts zwischen Schädlingen und ihren Gegenspielern gesehen. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, z. B. in der Fruchtfolge oder in der Nährstoffversorgung zu suchen sein, aber auch an der Witterung und anderen externen Faktoren liegen. Der Ansatz der bio-veganen Landwirtschaft setzt auf ökosystemische Selbstregulationsdynamiken. Schädlinge oder übermäßig wachsende Beikräuter werden in diesem Sinne nicht mit Pestiziden oder Ähnlichem reguliert. Stattdessen soll durch die Anlage und Pflege von Blühstreifen und Hecken, naturbelassenen Feldrändern und kleinräumigeren Flurstücken sowie durch die Umsetzung von Maßnahmen zur Ansiedelung von Insekten-, Amphibien-, Vögeln - und Beutegreifern die Artenvielfalt gestärkt werden und die Selbstregulation unterstützt werden.[11]

Düngung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Nährstoffversorgung der Anbaukultur werden vor allem vier Komponenten eingesetzt: Stickstoffdüngung (durch Leguminosenanbau, Stickstoffnachlieferung der Vorkultur, ggf. Pflanzenjauchen und schnell mineralisierenden pflanzlichen NPK-Streudünger, pflanzliche Gärsubstrate aus Biogasanlagen), Kohlenstoffdüngung (z. B. durch Kompost, Mulch/Gründüngung) [12], Phosphatdüngung (ggf. mineralisch, entsprechend dem Entzug nach Bedarf) [13], aktive Nährstoffmobilisierung durch Mykorrhiza und langfristigen Humusaufbau.[14] Ziel ist dabei ein stabiles, aktives Bodenleben (Bakterien, Käfer, Pilze, Regenwürmer, Wirbeltiere etc. im Boden) zu schaffen. Dies hilft der Pflanzengesundheit, vermindert nachteilige Bodeneffekte (z. B. Bodenverdichtung, Nährstoffauswaschung, und Verlust von Bodenstruktur) und beugt damit Bodenerosion vor (z. B. Wassererosion durch höhere und schnellere Wasseraufnahme des Bodens, „Schwammeffekt“ und eine bessere Bodenstruktur) und ist Grundlage für nachhaltigen Ackerbau.[11]

Standort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standortcharakteristika wie Boden und Klima können bei biologisch-veganen Betrieben einen größeren Einfluss haben als bei Mischbetrieben. Beispielsweise ist das Potential der Bodenbearbeitung zur Unkrautregulierung auf feuchten Standorten mit schweren Böden eingeschränkt. Bei leichten Standorten dagegen können große Stickstoffmengen nur schlecht gespeichert werden, was hohe Auswaschungsverluste begünstigt.

Zertifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Vegan Organic Network hat mit den Stockfree-Organic Standards (SOS) Richtlinien erlassen. Für kommerzielle Betriebe ist es möglich, sich kontrollieren zu lassen, um eine Zertifizierung zu erreichen und damit auch zur Nutzung des Stockfree-Organic Symbols berechtigt zu sein.[4] In den Richtlinien finden sich neben verpflichtenden Standard-Voraussetzungen noch Standard-Prinzipien, deren Erfüllung angestrebt werden sollte, sowie empfohlene Tätigkeiten, die durch die Standards bevorzugt werden. Darüber hinaus werden zulässige (jedoch nicht ideale) Tätigkeiten, eingeschränkte Tätigkeiten sowie verbotene Tätigkeiten geführt. Ergänzende Ausnahmen lassen eine teilweise oder vorübergehende Aussetzung eines Standards zu.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Was bedeutet „bio-vegan“? biovegan.org - Das Biologisch-Vegane Netzwerk für Landwirtschaft und Gartenbau, abgerufen am 8. Februar 2015.
  2. "Vieh"-lose Betriebe und bio-vegane Betriebe. Vegetarierbund Deutschland e. V., abgerufen am 3. Februar 2015.
  3. a b Vegan Organic Network Website. Vegan Organic Network, abgerufen am 3. Februar 2015.
  4. a b Die Biologisch-Veganen Standards. biovegan.org - Das Biologisch-Vegane Netzwerk für Landwirtschaft und Gartenbau, abgerufen am 8. Februar 2015.
  5. Dr. Gunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus. Stiftung Ökologie & Landbau, Bad Dürkheim, 2000, abgerufen am 3. Februar 2015.
  6. Wir über uns. biovegan.org - Das Biologisch-Vegane Netzwerk für Landwirtschaft und Gartenbau, abgerufen am 8. Februar 2015.
  7. „Vieh“-lose Betriebe und bio-vegane Betriebe. Vegetarierbund Deutschland e.V., abgerufen am 21. Februar 2015.
  8. a b Viehloser Ackerbau im ökologischen Landbau-Evaluierung des derzeitigen Erkenntnisstandes anhand von Betriebsbeispielen und Expertenbefragungen. Justus-Liebig-Universität Giessen Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung II, 2003, abgerufen am 21. Februar 2015.
  9. Aber es gibt doch auch „viehlose“ Bio-Landwirtschaft. Warum ist die nicht vegan? biovegan.org, abgerufen am 21. Februar 2015.
  10. Wie soll ein geschlossener Betriebskreislauf im bio-veganen Land- und Gartenbau / ohne „Nutz“tiere denn aussehen? biovegan.org, abgerufen am 21. Februar 2015.
  11. a b 4. Welche Vorteile hat eine bio-vegane Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen? biovegan.org, abgerufen am 21. Februar 2015.
  12. Nährstoffe und Bodenhilfsstoffe. biovegan.org, abgerufen am 21. Februar 2015.
  13. Phosphat-Mobilisierung durch Haupt- und Zwischenfrüchte nach Düngung von weicherdigem Rohphosphat im ökologischen Landbau. Steffens, Diedrich; Stamm, Roland; Leithold, Günter; Schubert, Sven, abgerufen am 21. Februar 2015.
  14. Mykorrhiza – faszinierende Lebensgemeinschaft im Boden. Werner Vogt-Kaute, abgerufen am 21. Februar 2015.
  15. The Stockfree Organic Standards. The Vegan-Organic Network, abgerufen am 19. Februar 2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]