Biontech

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BioNTech SE

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Rechtsform Europäische Gesellschaft (Societas Europaea, SE)
ISIN US09075V1026
Gründung 2008
Sitz Mainz, DeutschlandDeutschland Deutschland
Leitung
  • Ryan Richardson CSO
Mitarbeiterzahl 1323
Branche Biotechnologie
Website www.biontech.de
Stand: 31. Dezember 2019

An der Goldgrube 12, Mainz-Oberstadt; Hauptsitz der Biontech

BioNTech SE (Aussprache als biontech: [ˈbaɪɒnˌtek], für Biopharmaceutical New Technologies) ist ein börsennotiertes Biotechnologie-Unternehmen mit Sitz in Mainz, das sich auf die Entwicklung und Herstellung von aktiven Immuntherapien für einen patientenspezifischen Ansatz zur Behandlung von Krebs und anderen schweren Krankheiten fokussiert. Die Schwerpunkte von BioNTech liegen in der Erforschung von Medikamenten auf mRNA-Basis für den Einsatz als individualisierte Krebsimmuntherapien, als Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten und als Proteinersatztherapien bei seltenen Erkrankungen. Darüber hinaus ist das Unternehmen aktiv in der Erforschung von programmierbaren Zelltherapien (englisch Engineered Cell Therapy), neuartigen Antikörpern und niedermolekularen Immunmodulatoren (englisch Small Molecules) als Behandlungsoptionen im Kampf gegen Krebs.[1][2]

BioNTech war das erste Unternehmen, das ein mRNA-basiertes Humantherapeutikum zur intravenösen Verabreichung entwickelte, die individualisierte mRNA-basierte Krebsimmuntherapie in klinische Studien brachte und einen eigenen Herstellungsprozess für einen solchen Produktkandidaten etablierte.[2] Anfang November 2020 teilte das Unternehmen mit, dass ein zusammen mit dem Pharmakonzern Pfizer entwickelter Coronavirus-Impfstoff eine Impfstoffwirksamkeit von über 90 % zum Schutz vor der Krankheit COVID-19 bietet.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech wurde 2008 auf der Grundlage langjähriger Forschungsarbeiten von Uğur Şahin, Christoph Huber und Özlem Türeci gegründet. Der Schwerpunkt der Unternehmenstätigkeit liegt auf der Entwicklung und Herstellung von Technologien und Medikamenten für individualisierte Krebsimmuntherapien.[2] An der Gründung beteiligt waren Andreas und Thomas Strüngmann mit einem Startkapital von rund 180 Millionen US-Dollar sowie Michael Motschmann und Helmut Jeggle. Christoph Huber, Michael Motschmann und Helmut Jeggle sind seit der Unternehmensgründung im Jahr 2008 Mitglieder des Aufsichtsrats. Helmut Jeggle ist seither Vorsitzender des Aufsichtsrats. 2018 wurde der Aufsichtsrat um Ulrich Wandschneider erweitert.[4]

Börsengang und Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 2019 wurde BioNTech von einer Aktiengesellschaft („AG“) in eine europäische Aktiengesellschaft („Societas Europaea“ oder „SE“) umgewandelt.[5] Mit Stand August 2019 beschäftigte das Unternehmen mehr als 1100 Mitarbeiter. Bis August 2019 hatte BioNTech durch Privatplatzierung von Aktien und Kooperationen ein Kapital in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar eingeworben. Zu den Aktionären von BioNTech gehörten die Strüngmann-Familie (Mehrheitsaktionär), die Fidelity Management, die Invus Group, Janus Henderson Investors, die MIG Fonds, die Redmile Group, die Salvia und mehrere europäische Family Offices.[2]

Im Vorfeld eines geplanten Börsenganges unterzeichnete BioNTech im September 2019 eine Vereinbarung mit der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) zur Entwicklung von HIV- und Tuberkulose-Programmen. Ziel ist es, Impfstoff- und Immuntherapiekandidaten zur Vorbeugung von HIV- und Tuberkulose-Infektionen sowie zur dauerhaften antiretroviralen therapiefreien Remission von HIV-Erkrankungen zu identifizieren und präklinisch zu entwickeln.[6] Im Oktober 2019 erfolgte die Erstnotierung von BioNTech an der US-Technologiebörse Nasdaq (Kürzel „BNTX“).[7]

Im Dezember 2019 gaben die Europäische Investitionsbank und BioNTech bekannt, dass dem Unternehmen eine Finanzierung in Höhe von 50 Millionen Euro im Rahmen der Investmentoffensive für Europa gewährt wird.[8] Im Juni 2020 erhielt BioNTech durch eine Privatplatzierung von Stammaktien und Pflichtwandelanleihen bei Singapurs Staatsfond Temasek und anderen Investoren 222 Millionen Euro.

Wissenschaftlicher Beirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech wird seit seiner Gründung von einem wissenschaftlichen Beirat unter der Leitung von Rolf Zinkernagel und Hans Hengartner unterstützt. Rolf Zinkernagel ist emeritierter Professor an der Universität Zürich und ehemaliger Leiter des Instituts für Experimentelle Immunologie in Zürich. 1996 erhielt Zinkernagel den Nobelpreis für seine Entdeckung, wie das Immunsystem virusinfizierte Zellen erkennt. Hengartner ist Immunologe und emeritierter Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und der Universität Zürich.[2]

Kooperationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech hat sieben Kooperationsvereinbarungen mit biopharmazeutischen Partnern geschlossen, um seine Ressourcen in den Bereichen Wissenschaft und Entwicklung zu erweitern. Zu den biopharmazeutischen Partnern gehören: Genentech, Sanofi, Genmab, Genevant Sciences, Eli Lilly, Bayer und Pfizer.[2] Darüber hinaus unterhält BioNTech Forschungskooperationen mit der University of Pennsylvania („Penn“) und dem Forschungsinstitut TRON (Translationale Onkologie) an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.[2] BioNTech hat eine strategische Partnerschaft mit Siemens geschlossen, um eine automatisierte und papierlose Produktionsanlage für individualisierte mRNA-basierte Immuntherapien zu errichten.[2]

BioNTech Partnerprogramme:[2]

Biopharmazeutische Partner Kooperation
Genentech Forschung, Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von pharmazeutischen Produkten, die Neoepitop-mRNA enthalten; einschließlich Entwicklungskandidaten für die individualisierte Neoantigenspezifische Immuntherapie (iNeST).
Sanofi Entwicklung und Vermarktung von mRNA-basierten Therapeutika zur intratumoralen Applikation bei soliden Tumoren.
Genmab Forschung, Entwicklung und Vermarktung von bispezifischen Antikörpern auf Polypeptidbasis gegen bestimmte Zielkombinationen zur Behandlung von Krebs. Der erste Produktkandidat, DuoBody-PD-L1x4-1BB, ist im Juni 2019 in eine Phase-1/2a-Studie bei soliden Tumoren eingetreten.[9]
Genevant Sciences Entwicklung von mRNA-basierten Proteinersatztherapien für seltene Erkrankungen.
Eli Lilly Erforschung neuer Tumorzielstrukturen sowie dazugehöriger T-Zell-Rezeptoren (TCRs).
Bayer Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen und Therapeutika speziell für die Anwendung bei Tieren.
Pfizer Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen zur Influenza-Prävention. Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2.[10]
Andere Kooperation
University of Pennsylvania Entwicklung und Vermarktung von mRNA-basierten Immuntherapien zur Behandlung von Infektionskrankheiten.[11]
Translationale Onkologie (TRON) Entwicklung neuer Diagnostika und Arzneimittel für die Therapie von Krebs und anderen schweren Krankheiten.
Siemens Strategische Partnerschaft, um eine vollautomatisierte, papierlose und digitalisierte kommerzielle cGMP-Produktionsstätte für individualisierte Immuntherapien zu errichten.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Onkologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krebs wird durch Abnormalitäten verursacht, die als somatische Mutationen bezeichnet werden. Diese Mutationen können sich im Laufe der Zeit im Genom von Zellen ansammeln und zu einer malignen Transformation führen. Der Prozess der Karzinogenese beinhaltet das Versagen des Immunsystems, solche transformierten Zellen zu erkennen und auszurotten.[12][13]

Ziel der Immuntherapie in der Onkologie ist es, das Immunsystem zu nutzen, um bösartige Zellen als "fremd" zu erkennen und Mechanismen zu überwinden, mit denen sich die Krebszellen der Immunabwehr entziehen. Das Immunsystem soll derart aktiviert werden, dass es in der Lage ist, das Tumorwachstum zu begrenzen und bösartige Zellen zu zerstören. Aufgrund ihrer zufälligen Natur führen krebserzeugende genetische Veränderungen zu einer Gesamtheit von Mutationen (dem „Mutanom“), das für den Tumor jedes einzelnen Patienten einzigartig ist.[14][15] Die Forschung nutzt das patientenspezifische Mutanom, um Medikamente für eine individualisierte Krebsimmuntherapie zu entwickeln. Hierbei wird die Behandlung für den einzelnen Patienten maßgeschneidert.[16] Die Entwicklung von Krebsimmuntherapien, die auf jeden Patienten individuell zugeschnitten sind, steht im Mittelpunkt der Forschungsaktivitäten von BioNTech.[2]

mRNA-Therapeutika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech erforscht Wirkstoffe auf Basis des Botenmoleküls Messenger-RNA (mRNA) als potenzielle neue Medikamentenklasse. mRNA bringt genetische Information zu den Ribosomen, dem Ort in der Zelle, wo Proteine gebildet werden. In den Ribosomen wird die genetische Information der mRNA in entsprechende Proteine übersetzt. Erste mRNA-basierte Produktkandidaten sind als Krebsimmuntherapeutika und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten bereits in die klinische Entwicklung eingetreten.[17][16][18] Als Medikament liefert die hergestellte mRNA Anweisungen an eine Zielzelle, um ein gewünschtes therapeutisches Protein herzustellen. Bei der Behandlung von Krebs richtet sich das hergestellte Protein gegen Zielstrukturen, die direkt von den Mutationen der Krebszellen abstammen. Auf diese Weise soll der Krebs bekämpft werden.[17]

BioNTech hat mehrere Formate und Formulierungen von mRNA entwickelt, um genetische Informationen an Zellen zu liefern, wo sie zur körpereigenen Herstellung von Proteinen für therapeutische Zwecke verwendet werden.[2][17][19] BioNTech erforscht mehrere mRNA-basierte Therapieplattformen für die Krebsimmuntherapie, insbesondere für die individualisierte Krebsimmuntherapie. Zu den am Menschen getesteten Plattformen gehören FixVac, iNeST und mRNA-basierte intratumorale Immuntherapien. Darüber hinaus entwickelt das Unternehmen zwei Plattformen, auf denen mRNA verwendet wird, um entweder RiboMabs (eine neue Klasse von mRNA-kodierten Antikörpern) oder RiboCytokines (eine neue Klasse von mRNA-kodierten Zytokinen) direkt im Patienten zu exprimieren.[2]

  • FixVac-Produktkandidaten (Fixed Vaccine Combination) sind Krebsimmuntherapien für eine bestimmte Krebsart. Sie richten sich gegen Antigene, die bei Patienten mit der betreffenden Krebsart häufig gefunden werden (serienmäßig produzierte Antigen-Immuntherapie). Diese Produktkandidaten enthalten ausgewählte Kombinationen von mRNA, die bekannte, krebsspezifische Antigene kodieren.[2]
  • iNeST-Produktkandidaten sind individualisierte neoantigenspezifische Immuntherapien. BioNTech hat erstmals ein On-Demand-Herstellungsverfahren entwickelt, um Patienten auf der Grundlage des spezifischen Mutationsprofils (dem „Mutanom“) ihres Tumors individuell behandeln zu können. Das Unternehmen untersucht diesen Behandlungsansatz bei metastasierten Melanomen und bei mehreren soliden Tumoren in Zusammenarbeit mit Genentech.[2]

Mit dem Produktkandidaten BNT121 liegen erste Daten aus einer Phase-1-Studie bei 13 Patienten mit metastasiertem Melanom vor. Bei neun Patienten wurde ein stabiles progressionsfreies Überleben von bis zu 41 Monaten beobachtet.[2]
Zudem verringerte sich die kumulative Rezidivrate signifikant im Vergleich zum Zeitraum vor der Behandlung.[16] Die ersten Produktkandidaten für individualisierte Krebstherapien hatte BioNTech mithilfe einer eigenen mRNA-Technologieplattform entwickelt. Seit 2016 wird die Plattform gemeinsam mit Genentech als individualisierte neoantigenspezifische Therapie (iNeST) entwickelt.[2]

  • Intratumorale Immuntherapie: Die intratumoralen Immuntherapie-Produktkandidaten werden als Zytokin-kodierende mRNA direkt in einen Tumor injiziert. Ziel ist es, die Tumor-Mikroumgebung zu verändern und die T-Zell-Aktivität zu fördern. Die Injektion der mRNA direkt in den Tumor erfolgt, um Toxizitäten außerhalb der Zielstrukturen zu vermeiden. BioNTech entwickelt in Zusammenarbeit mit Sanofi eine mRNA-basierte intratumorale Therapieplattform.[2]
  • RiboMabs (mRNA-kodierte monoklonale Antikörper) sind eine neuartige Klasse von mRNA-basierten Therapeutika. Sie zielen darauf ab, mithilfe der entsprechenden mRNA die gewünschten Antikörpern direkt im Körper des Patienten herzustellen.[2]
  • RiboCytokines (mRNA-kodierte Zytokine) bilden eine weitere neuartige Klasse von mRNA-basierten Therapeutika. Hier ist das Ziel, dass mithilfe entsprechender mRNA die gewünschten Zytokine direkt im Körper des Patienten hergestellt werden. Zytokine spielen eine zentrale Rolle bei der Kontrolle der Immunantwort auf Krankheitserreger und auf bösartige Zellen.[2]

Programmierbare Zelltherapien (Engineered Cell Therapies)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech entwickelt eine Reihe neuer Zelltherapien, um die T-Zellen des Patienten so zu verändern, dass sie sich gezielt gegen krebsspezifische Antigene richten.[20][21] Dazu gehören zwei Plattformen zur Behandlung von soliden Tumoren: Eine Plattform für T-Zellen mit chimärem Antigenrezeptor (CAR-T-Zellen) und eine Plattform für T-Zellrezeptor (TCR)-Programme. BioNTech untersucht unter anderem einen CAR-T-Produktkandidaten, BNT211, der sich gegen Claudin-6 (CLDN6) richtet. Das Antigen CLDN6 ist spezifisch für solide Tumoren.[2][22]

Antikörper der nächsten Generation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech entwickelt Antikörper der nächsten Generation (Checkpoint-Immunmodulatoren und zielgerichtete Krebsantikörper), um die Immunantwort des Patienten auf Krebs zu modulieren.[2][23][22][24][25][26][27]

In Zusammenarbeit mit Genmab erforscht BioNTech bispezifische Antikörper, die als duale Immunmodulatoren fungieren. Hierfür wendet das Unternehmen die von Genmab entwickelte DuoBody-Technologie an.[2][23][22] Im Jahr 2019 erwarb BioNTech von MabVax einen Antikörper (MVT-5873 bzw. BNT321) mit einer neuartigen Wirkweise. Bei BNT321 handelt es sich um einen vollständig humanen monoklonalen IgG1-Antikörper, der sich gegen Sialyl Lewis A (sLea) richtet. sLEA ist ein neues identifiziertes Epitop, das spezifisch in Bauchspeicheldrüsenkrebs und anderen soliden Tumoren exprimiert wird.[28]

Small Molecule-Immunmodulatoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech erforscht niedermolekulare Wirkstoffe (Small Molecules) zur spezifischen Immunmodulation. Ziel ist es, die Aktivität anderer Wirkstoffe durch die Immunmodulation zu steigern.[29] In diesem Zusammenhang entwickelt das Unternehmen einen niedermolekularen Toll-like-Rezeptor-7 (TLR7) basierten Immunmodulator für die Behandlung solider Tumoren. TLR7 spielt eine wichtige Rolle bei der Aktivierung der angeborenen Immunantwort. Bei vielen Krebsarten werden Tumore durch eine entzündungshemmende Umgebung geschützt. Dadurch wird die Fähigkeit des Immunsystems, Krebszellen anzugreifen, verringert. TLR7-Agonisten können hier eine direkte zelluläre Immunantwort auslösen.[2]

Infektionskrankheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem Bereich Onkologie hat BioNTech auch mRNA-Plattformen für die Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen gegen Erreger von Infektionskrankheiten implementiert. Es bestehen Kooperationen mit Pfizer und der University of Pennsylvania („Penn“).[2] Im August 2019 schloss BioNTech mit der Bill & Melinda Gates Foundation ein Investitionsabkommen, um die Entwicklung von Immuntherapien zur Vorbeugung und/oder Behandlung von HIV, Tuberkulose und bis zu drei weiteren Infektionskrankheiten voranzutreiben.[6]

Am 17. März 2020 gaben Pfizer und BioNTech eine Vereinbarung zur gemeinsamen Entwicklung und Verteilung eines potenziellen mRNA-basierten Coronavirus-Impfstoffs zur Verhinderung einer COVID-19-Infektion bekannt.[30] Hierzu hat das Paul-Ehrlich-Institut am 22. April 2020 eine klinische Studie Phase 1/2 für das Impfstoffprogramm BNT162 genehmigt.[31] Bis Ende April erhielt eine erste Gruppe von zwölf Probanden die erste Impfung.[32] Am 9. November 2020 wurden die Zwischenergebnisse der Zulassungsstudie des Coronavirus-Impfstoffes veröffentlicht. Die gemeldete Wirksamkeit liegt demnach bei 90 Prozent; die Grundlage dafür waren Tests an 22.000 Probanden.[33] Das Risiko für Studienteilnehmer an Covid-19 zu erkranken ist um mehr als 90 Prozent geringer gewesen, als ohne Impfung. Schwere Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten. Die Zulassung soll demnach noch im November in den USA erfolgen.[34]

Seltene Erkrankungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Bereich der seltenen Erkrankungen hat BioNTech Plattformen für die Entwicklung von mRNA-basierten Proteinersatztherapien implementiert. Ziel ist es, die benötigten Proteine mithilfe der mRNA direkt im Körper des Patienten zu kodieren und herzustellen. BioNTech teilt sich die Kosten und Gewinne mit Genevant Sciences.[2]

Technologien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formulierungen für mRNA-Therapeutika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BioNTech verwendet für die mRNA-Wirkstoffkandidaten mehrere Formulierungen.[2]

  • Lipoplex (LPX) Formulierung: BioNTech hat eine RNA-Lipoplex-Formulierung auf Liposomenbasis entwickelt, RNA-LPX. Diese Formulierung ermöglicht die intravenöse Verabreichung von mRNA-Krebsimmuntherapien. RNA-LPX wird für die FixVac- und iNeST-Plattformen verwendet.[2]

Die LPX-Formulierung bettet die mRNA zwischen einer Lipiddoppelschicht ein und sorgt dafür, dass die notwendige mRNA für Tumorantigene in lymphoiden Kompartimenten wie der Milz in dendritische Zellen geschleust wird. Die dendritischen Zellen präsentieren die Tumorantigene und lösen so eine Immunantwort aus.[2][35]

  • Lipid-Nanopartikel (LNP): Für andere Anwendungen verkapselt BioNTech die mRNA in Lipidnanopartikeln. Diese Formulierungen werden für die RiboMabs- und RiboCytokines-Plattformen sowie für die Proteinersatz-Plattformen für seltene Erkrankungen verwendet.[2]
  • Polyplexe: Das Portfolio von BioNTech umfasst auch Polyplexe, die in bestimmten Entwicklungsprogrammen verwendet werden. Hierbei wird die mRNA an ein Polymer gebunden und bildet dann Nanopartikel.[2]

Antikörper-Entdeckungsplattformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kaninchen-basierte Plattform zur Identifizierung neuer Antikörper: Mit der Übernahme der Antikörperproduktionseinheit der MAB Discovery GmbH im Jahr 2019 integrierte BioNTech eine Kaninchen-basierte Antikörper-Entdeckungsplattform, mit der funktionelle monoklonale Antikörper (mAbs) erzeugt und entwickelt werden können.[36]
  • Human-basierte Plattform zur Identifizierung neuer Antikörper: BioNTech erwarb im Jahr 2019 von MabVax Therapeutics die Plattform HuMab zur Selektion neuer Antikörper für Humantherapeutika. Die Identifizierungstechnologie von HuMab fokussiert auf abnormale Kohlenhydrat-Targets, die bei soliden Tumoren hochreguliert sind.[2]

Standorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hauptsitz von BioNTech befindet sich in Mainz. Das Unternehmen betreibt in Deutschland drei GMP-zertifizierte Produktionsstätten zur Herstellung von mRNA-Therapeutika und programmierbaren Zelltherapien („Engineered Cell Therapies“). Die Standorte sind Idar-Oberstein (Biontech Innovative Manufacturing Services GmbH), Martinsried (BioNTech Small Molecules GmbH), Neuried (BioNTech SE) und eine vierte Einrichtung in Berlin, die peptidbasierte Dienstleistungen und Produkte für verschiedene Bereiche der biomedizinischen Forschung anbietet (JPT Peptide Technologies GmbH).[2] Im Jahr 2019 wurden die Standorte um eine Tochtergesellschaft in San Diego, USA, erweitert (BioNTech Research & Development, Inc.).[2]

Im September 2020 verkaufte Novartis Vaccines and Diagnostics ein Werk in Marburg an BioNTech. In dem Werk, in dem rund 300 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist eine Jahresproduktion von 750 Millionen Impfstoffdosen geplant.[37]

Produktkandidaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu BioNTechs Produktkandidaten gehören mRNA-basierte Wirkstoffe, programmierbare Zelltherapien (engineered cell therapies), Checkpoint-Immunmodulatoren, zielgerichtete Krebsantikörper und niedermolekulare (small molecules) Immunmodulatoren. Die Indikationsbereiche, für die Produktkandidaten entwickelt werden, umfassen Krebserkrankungen, Infektionskrankheiten und seltene Erkrankungen. Im September 2019 befanden sich mehr als 20 Produktkandidaten in der Erforschung, von denen einige in klinische Studien eingetreten sind.[2]

Entwicklungen von BioNTech, aktuell in der klinischen Studienphase (Stand: November 2020):[38][2]

Produkt Substanzklasse Indikationen Phase Kooperation / Rechte ClinicalTrials.gov / Publikation
BNT111 RNA-Wirkstoff Fortgeschrittenes Melanom 1 BioNTech hält alle Rechte Lipo-MERIT
BNT112 RNA-Wirkstoff Prostatakrebs 1 BioNTech hält alle Rechte
BNT113 RNA-Wirkstoff HPV-positiver Kopf- und Halskrebs 1, wegen COVID-19 aufgeschoben BioNTech hält alle Rechte HARE-40
BNT114 RNA-Wirkstoff Dreifach rezeptornegativer Brustkrebs 1 BioNTech hält alle Rechte TNBC-MERIT
BNT115 RNA-Wirkstoff Ovarialkarzinom 1 BioNTech hält alle Rechte
BNT122 RNA-Wirkstoff Metastasiertes Melanom / Solide Tumoren 2 / 1 Genentech Sahin et al. Nature 2017
BNT131 RNA-Wirkstoff Solide Tumoren 1 Sanofi
BNT162 RNA-Wirkstoff COVID-19 3 BioNTech/Pfizer (überall außer China), Fosun Pharma (China),
BNT311 RNA-Wirkstoff Multiple solide Tumoren 1 Genmab
BNT312 RNA-Wirkstoff Multiple solide Tumoren 1 Genmab
BNT321 RNA-Wirkstoff Bauchspeicheldrüsenkrebs 1 BioNTech hält alle Rechte
BNT411 RNA-Wirkstoff Solide Tumoren 1 BioNTech hält alle Rechte

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Armin Mahler: Jedem sein eigenes Medikament. In: Der Spiegel. Nr. 28, 2017, S. 80 f. (online).
  • Elisabeth Dostert: Bekannt durch Corona. Was hinter der Firma Biontech aus Mainz steht. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 95, 24. April 2020, S. 20 (sueddeutsche.de [abgerufen am 25. April 2020]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Offizielle Website Biontech: Biontech. Abgerufen am 13. Oktober 2019.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae af ag ah ai Biontech SE SEC report: Form F-1 Biontech SE. Veröffentlicht: 2019-09-09. Abgerufen am 23. September 2019.
  3. ORF at/Agenturen red: CoV-Impfstoffstudie: Hersteller versprechen hohe Wirksamkeit. 9. November 2020, abgerufen am 9. November 2020.
  4. Biontech SE SEC report: Form F-1 Biontech SE. 9. Oktober 2019, abgerufen am 20. Dezember 2019 (englisch).
  5. Biontech Announces Corporate Form Transition from AG to SE. 04. Januar 2019. Abgerufen am 16. Oktober 2019. 
  6. a b The Gates Foundation sees Biontech potential to ‘dramatically reduce global HIV and tuberculosis’. 05. September 2019. Abgerufen 20. September 2019. 
  7. Biontech Announces Pricing of Initial Public Offering. 10. Oktober 2019. Abgerufen am 11. Oktober 2019. 
  8. SEC 6-K Report. 17. Dezember 2019, abgerufen am 20. Dezember 2019 (englisch).
  9. Biontech and Genmab Initiate First-In-Human Phase I/IIa Trial of Bispecific Antibody DuoBody®-PD-L1x4-1BB in Solid Tumors. 17. Juni 2019. Abgerufen am 20. September 2019. 
  10. mdr.de: Zwei große Studien für Corona-Impfstoff starten | MDR.DE. Abgerufen am 28. Juli 2020.
  11. Biontech and the University of Pennsylvania Enter into Strategic Research Collaboration to Develop mRNA Vaccine Candidates Against Various Infectious Diseases. 05. November 2018. Abgerufen am 18. September 2019. 
  12. M Vormehr, M Diken, S Boegel, S Kreiter, Ö Türeci, U Sahin: Mutanome directed cancer immunotherapy. In: Curr Opin Immunol. Band 39, 2016, S. 14–22. doi:10.1016/j.coi.2015.12.001. PMID 26716729.
  13. MR Stratton, PJ Campbell, PA Futreal: The cancer genome. In: Nature. Band 458, Nr. 7239, 2009, S. 719–724. doi:10.1038/nature07943. PMID 19360079.
  14. MR Stratton: Exploring the genomes of cancer cells: progress and promise. In: Science. Band 331, Nr. 6024, 2011, S. 1553–1558. doi:10.1126/science.1204040. PMID 21436442.
  15. S Kreiter, JC Castle, Ö Türeci, U Sahin: Targeting the tumor mutanome for personalized vaccination therapy. In: Oncoimmunology. Band 1, Nr. 5, 2012, S. 768–769. doi:10.4161/onci.19727. PMID 22934277.
  16. a b c U Sahin, E Derhovanessian, M Miller, BP Kloke, P Simon, M Löwer, V Bukur, AD Tadmor, U Luxemburger, B Schrörs, T Omokoko, M Vormehr, C Albrecht, A Paruzynski, AN Kuhn, J Buck, S Heesch, KH Schreeb, F Müller, I Ortseifer, I Vogler, E Godehardt, S Attig, R Rae, A Breitkreuz, C Tolliver, M Suchan, G Martic, A Hohberger, P Sorn, et al.: Personalized RNA mutanome vaccines mobilize poly-specific therapeutic immunity against cancer. In: Nature. Band 547, Nr. 7662, 2017, S. 222–226. doi:10.1038/nature23003. PMID 28678784.
  17. a b c U Sahin, K Karikó, Ö Türeci: mRNA-based therapeutics – developing a new class of drugs. In: Nat Rev Drug Discov. Band 13, Nr. 10, 2014, S. 759–780. doi:10.1038/nrd4278. PMID 25233993.
  18. U Sahin, Ö Türeci: Personalized vaccines for cancer immunotherapy. In: Science. Band 359, Nr. 6382, 2018, S. 1355–1360. doi:10.1126/science.aar7112. PMID 29567706.
  19. S Kreiter, A Selmi, M Diken, M Koslowski, CM Britten, C Huber, Ö Türeci, U Sahin: Intranodal vaccination with naked antigen-encoding RNA elicits potent prophylactic and therapeutic antitumoral immunity. In: Cancer Res. Band 70, Nr. 22, 2010, S. 9031–9040. doi:10.1158/0008-5472.CAN-10-0699. PMID 21045153.
  20. P Simon, TA Omokoko, A Breitkreuz, L Hebich, S Kreiter, S Attig, A Konur, CM Britten, C Paret, K Dhaene, Ö Türeci, U Sahin: Functional TCR retrieval from single antigen-specific human T cells reveals multiple novel epitopes. In: Cancer Immunol Res. Band 2, Nr. 12, 2014, S. 1230–1244. doi:10.1158/2326-6066.CIR-14-0108. PMID 25245536.
  21. T Omokoko, P Simon, Ö Türeci, U Sahin: Retrieval of functional TCRs from single antigen-specific T cells: Toward individualized TCR-engineered therapies. In: Oncoimmunology. Band 4, Nr. 7, 2015, S. e1005523. doi:10.1080/2162402X.2015.1005523. PMID 26140230.
  22. a b c CR Stadler, H Bähr-Mahmud, LM Plum, K Schmoldt, AC Kölsch, Ö Türeci, U Sahin: Characterization of the first-in-class T-cell-engaging bispecific single-chain antibody for targeted immunotherapy of solid tumors expressing the oncofetal protein claudin 6. In: Oncoimmunology. Band 5, Nr. 3, 2015, S. e1091555. doi:10.1080/2162402X.2015.1091555. PMID 27141353.
  23. a b CR Stadler, H Bähr-Mahmud, L Celik, B Hebich, AS Roth, RP Roth, K Karikó, Ö Türeci, U Sahin: Elimination of large tumors in mice by mRNA-encoded bispecific antibodies. In: Nat Med. Band 23, Nr. 7, 2017, S. 815–817. doi:10.1038/nm.4356. PMID 28604701.
  24. CP Sommerhoff, O Avrutina, HU Schmoldt, D Gabrijelcic-Geiger, U Diederichsen, H Kolmar: Engineered cystine knot miniproteins as potent inhibitors of human mast cell tryptase beta. In: J Mol Biol. Band 395, Nr. 1, 2010, S. 167–175. doi:10.1016/j.jmb.2009.10.028. PMID 19852971.
  25. O Avrutina, HU Schmoldt, D Gabrijelcic-Geiger, A Wentzel, H Frauendorf, CP Sommerhoff, U Diederichsen, H Kolmar: Head-to-tail cyclized cystine-knot peptides by a combined recombinant and chemical route of synthesis. In: Chembiochem. Band 9, Nr. 1, 2008, S. 33–37. doi:10.1002/cbic.200700452. PMID 18058774.
  26. S Krause, HU Schmoldt, A Wentzel, M Ballmaier, K Friedrich, H Kolmar: Grafting of thrombopoietin-mimetic peptides into cystine knot miniproteins yields high-affinity thrombopoietin antagonists and agonists. In: FEBS J. Band 274, Nr. 1, 2007, S. 86–95. doi:10.1111/j.1742-4658.2006.05567.x. PMID 17147697.
  27. T Klamp, J Schumacher, G Huber, C Kuhne, U Meissner, A Selmi, T Hiller, S Kreiter, J Markl, Ö Türeci, U Sahin: Highly specific auto-antibodies against claudin-18 isoform 2 induced by a chimeric HBcAg virus-like particle vaccine kill tumor cells and inhibit the growth of lung metastases. In: Cancer Res. Band 71, Nr. 2, 2011, S. 516–527. doi:10.1158/0008-5472.CAN-10-2292. PMID 21224362.
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