Bizepssehnenruptur

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Klassifikation nach ICD-10
S46.1 Verletzung des Muskels und der Sehne des Caput longum des M. biceps brachii
S46.2 Verletzung des Muskels und der Sehne an sonstigen Teilen des M. biceps brachii
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Bizepssehnenriss ist der Oberbegriff für den Riss (Ruptur) mindestens einer Sehne des zweiköpfigen Armbeugermuskels (Musculus biceps brachii). Es wird zwischen proximaler Bizepssehnenruptur (im Schulterbereich) und der distalen Ruptur (im Ellenbogenbereich) unterschieden.[1]

Anatomische Gegebenheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bicepssehnen

Der Musculus biceps brachii weist beim Menschen im Schulterbereich zwei Köpfe auf, daher der lateinische Name biceps (zweiköpfig):

  • Caput longum, dessen Sehne vom Tuberculum supraglenoidale – oberhalb des eigentlichen Schultergelenks – durch den Sulcus intertubercularis verläuft. Der lange Kopf ist der primäre Unterarm-Supinator.
  • Caput breve, dessen Sehne vom Processus coracoideus (Rabenschnabelfortsatz) des Schulterblatts ihren Ursprung hat. Der kurze Kopf wirkt in erster Linie als Ellenbogen-Beuger.

Beide Köpfe vereinigen sich zu einem Muskelbauch mit einer Sehne in der Ellenbeuge, die sich kurz danach wieder verzweigt und als kräftige Hauptsehne an der im Mittel 22 mm langen und 15 mm breiten Tuberositas radii ansetzt und als Nebensehne über den Lacertus fibrosus (Aponeurosis musculi bicipitis) in die Unterarmfaszie einstrahlt. Die distale Bizepssehne ist im Mittel 22 mm lang und 7 mm dick.

Die Funktion des Muskels ist im Ellenbogenbereich die Flexion und die Supination im Ellbogen. Ab einer Beugung von 90 ° stellt der M. biceps brachii den stärksten Supinator am Arm dar (Schraubendrehen). Des Weiteren wirkt die lange Bizepssehne auf das Schultergelenk leicht abduzierend und innenrotierend, der kurze Kopf kranialisierend und adduzierend. Beide zusammen führen eine Anteversion im Schultergelenk durch.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei 96 % aller Bizepssehnenrupturen ist die lange proximale Sehne im Schulterbereich betroffen, nur in 3 % der Fälle die distale Sehne im Ellenbogenbereich und noch seltener mit 1 % die kurze proximale Sehne. In etwa 80 % der Fälle handelt es sich um den dominanten Arm.[2]

Die proximale lange Sehne reißt bei älteren Menschen mit aktiven Schultern meist als Verschleißfolge. Besonders bei Wurfsportarten (Baseball), aber auch beim Kraftsport und beim Golfen, wird die lange Bizepssehne vermehrt durch Überlastung geschädigt. Eine Vorschädigung wird häufig auch bei einem plötzlichen Trauma, etwa durch einen schweren Sturz, als wesentliche Ursache für einen Riss der langen Bizepssehne verantwortlich gemacht, jedoch kann ebenso das Trauma die alleinige Ursache sein. Eine Abrissverletzung der langen Bizepssehne tritt gelegentlich auch in Kombination mit einer SLAP-Läsion auf.[3]

Die distale Sehne reißt durch plötzliches direktes oder indirektes Trauma. Beispielsweise kommt es beim Kraftsportler oder Handwerker durch akute Überbelastung zum Riss der Sehne. Auch kann ein direkter Schlag oder ein Schnitt in die Ellenbeuge die Sehnenzerreißung induzieren. Mitursächlich können Dopingmaßnahmen wie induzierter Muskelaufbau, hormonbedingte Schädigungen der Sehnensubstanz oder vorausgehende Cortison-Injektionen wirken. Bei Rauchern ist das Risiko eines Sehnenrisses um den Faktor 7,5 höher.[4]

Vorschädigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie bei jeder Sehnenruptur kann eine Vorschädigung des betroffenen Gewebes vorliegen, wodurch die ansonsten sehr stabile Struktur sich zwar im alltäglichen Gebrauch als intakt erweist, bei plötzlichen Kraftspitzen allerdings die geforderte Stabilität nicht mehr hat. Ursachen für eine solche Schwächung können sein:

Klinische Erscheinungen der distalen Bizepssehnenruptur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

dist. Bizepssehnenruptur abwandern nach cranial
  • Akuter Schmerz
  • Peitschenknallartiges Geräusch
  • Functio laesa (Funktionsverlust), Beugung und Supination im Ellbogengelenk nicht mehr durchführbar
  • Tastbare Delle im Rupturbereich des Sehnenverlaufs, in die sich Blut ergießt und ein Hämatom bildet
  • Muskelbauch verschiebt sich im Seitenvergleich in Richtung des intakten Muskels und wandert von Rupturbereich weg

Untersuchungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

MRT des Ellenbogens

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Postoperatives Röntgenbild nach Schlüssellochplastik bei Ruptur der langen Bizepssehne. Man erkennt gut den Defekt in der Kortikalis des Humerus in Form eines Schlüsselloches, in den die lange Bizepssehne mit einem Knoten eingehängt wird. Zusätzlich sind Drainagen abgebildet.

Bei einem Riss der langen Bizepssehne (Caput longum) ist die Auswirkung weniger dramatisch, da die Kraft weiterhin fast komplett über das Caput breve gewährleistet werden kann. Es tritt nur ein Kraftverlust von ca. 15 % auf. Ein Anzeichen für eine Ruptur dieser Sehne ist die Verschiebung des Muskelbauches in Richtung Ellenbogen. Die Sehne verrutscht aus dem Gelenk in den Sulcus intertubercularis nach unten und verwächst dort. Eine Refixierung der Sehne am Oberrand der Schulterpfanne ist nicht sinnvoll, da die Sehne aufgrund von Gelenkveränderungen degenerativ geschädigt ist. Daher wird die Sehnenruptur entweder gar nicht behandelt oder operativ die Sehne außerhalb des Schultergelenks am Oberarmschaft fixiert, was entweder mit einem Schraubanker und Sehnennaht oder mit einer sogenannten Schlüsselloch-Technik erfolgen kann. Die Entscheidung über eine operative Maßnahme oder über die Nichtbehandlung muss entscheidend mit dem Patienten getroffen werden: Es besteht auch bei Nichtversorgung kein wesentlicher Kraftverlust, hingegen ist das kosmetische Ergebnis mit unschönem Popeye-Muskel auch für ältere Männer eher störend. Auf diese kosmetische Problematik muss im Einverständnisgespräch dringend hingewiesen werden.

Die Beugungsfunktion des M. biceps brachii im Ellenbogenbereich ist verglichen mit seiner Supinationswirkung, also Auswärtsdrehung des Unterarmes, eher untergeordnet. Die Flexion wird über den M. brachialis und M. brachioradialis ausreichend erreicht. Es geht aber durch die distale Sehnenruptur die Supinationswirkung des Muskels verloren, und es muss eine Sehnennaht durchgeführt werden. Die distale (körperferne) Sehnenruptur erfolgt immer am distalen knöchernen Sehnenansatz, sodass die Sehnennaht einerseits die Sehne fasst, andererseits übungsstabil am Knochen fixiert werden muss. Diese Fixierung am Radius kann so erfolgen, dass der Knochen angebohrt wird und die Sehnennaht mit Durchzug der Nähte oder mit Hilfe eines Nahtankers fixiert wird (vgl. die Fixationtechniken Achillessehnenruptur, Schulterluxation).

Nach der Operation ist Physiotherapie unabdingbar, um Funktion, falls möglich, wiederherzustellen und Kraft wieder adäquat aufzubauen. Nach einer anfänglichen Ruhepause, in der das Gewebe sich neu formieren soll, wird zunächst mit leichten Widerständen mit steigender Intensität gearbeitet, um die Neuformierung des Gewebes so funktionsgerecht wie möglich zu initiieren und eine Kontraktur der gelenkumgebenden Gewebe zu vermeiden.

Vorbeugung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Vermeidung von Vorschädigungen tragen bei:

  • Vor dem Sport aufwärmen
  • Minimierung oder komplettes Einstellen des Rauchens (Rauchen kann Ischämie verursachen und vermindert die Wundheilung)
  • Verletzungen und Entzündungen ausheilen lassen
  • Rasanz aus Bewegungen nehmen, kontinuierlicher Spannungsaufbau

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Schünke u. a.: Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. (= Prometheus). Thieme Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-13-139521-4.
  • Klaus Buckup: Klinische Tests an Knochen und Gelenken. 3., erw. und akt. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-13-100993-4.
  • Antje Hüter-Becker, Mechthild Dölken (Hrsg.): Physiotherapie in der Orthopädie. Thieme Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-13-129493-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. F. Mehrhoff u. a.: Unfallbegutachtung. Walter de Gruyter, 2005, ISBN 3-11-017982-2, S. 231. (online)
  2. Peter Müller: Retrospektive Studie über die Behandlung der distalen Bizepssehnenruptur mit der Refixation an der Tuberositas radii mittels Fadenanker über einen ventralen Zugang. Dissertation. München 2009, S. 1, online.
  3. S. S. Burkhart, D. L. Fox: SLAP lesions in association with complete tears of the long head of the biceps tendon: a report of two cases. In: Arthroscopy. 8 (1), 1992, S. 31–35.
  4. Lucas S. McDonald, Christopher B. Dewing, Paul G. Shupe, Matthew T. Provencher: Disorders of the proximal and distal aspects of the biceps muscle. In: The Journal of Bone & Joint Surgery. 2013, Band 95-AM, Ausgabe 13 vom 3. Juli 2013, S. 1235–1245. doi:10.2106/JBJS.L.00221.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]