Blicke windwärts

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Blicke windwärts (englischer Originaltitel: Look to Windward, erschienen 2000) ist der sechste veröffentlichte Science-Fiction-Roman aus dem Kultur-Zyklus von Iain M. Banks.

Inhalt[Bearbeiten]

800 Jahre sind vergangen, seit dem Krieg zwischen der Kultur und den Idiranern. Achthundert weitgehend friedliche Jahre, wenn man von einigen kleineren Zwischenfällen absieht. Einer dieser Zwischenfälle betrifft das Verhältnis der Kultur zu den Chelgrianern und ist, zumindest aus chelgrianischer Sicht, tragisch zu nennen.

Die Chel, eine Zivilisation der Stufe 4, pflegen seit über 6000 Jahren eine ausgeprägtes, äußerst rigides Kastenwesen. Nicht umsonst wurden sie von den älteren Zivilisationen, als nicht besonders interessante, leicht barbarische Spezies mit kaum durchschnittlichen Fähigkeiten und mäßigen Zukunftsaussichten, eingestuft. Diese Einschätzung schien jedoch falsch zu sein. Plötzlich, kurz nachdem die Chelgrianer die Fertigkeit entwickelt hatten, die eigene Persönlichkeit auf externe Medien zu übertragen, gingen 6% ihrer Bevölkerung mehr oder weniger spontan in die Erhabenheit ein. Nähere Informationen zum Thema Erhabenheit finden sich auf den Seiten zum Kultur-Zyklus. Dieser an sich schon überraschende Akt fand eine Steigerung darin, dass diese Erhabenen, sie nannten sich selbst Chelgri-Puen, noch immer engen Kontakt mit dem Rest der Spezies pflegten. Statt, wie von den anderen Zivilisationen befürchtet die Chel mit Superwaffen auszustatten beschränkte sich der Beitrag der Erhabenen darauf, für die restlichen Chelgrianer einen Himmel zu bauen. Einen Himmel mit Einlassbeschränkung, allerdings, woraus die Probleme resultieren, die in Blicke windwärts behandelt werden.

Das Chelgrianische Kastensystem widerspricht zu stark den eigenen panhumanistischen Idealen, als daß die Kultur es einfach so hinnehmen könnte. Nach einer missglückten politischen Intervention in dieser Angelegenheit kommt es in dieser Zivilisation zu einem Bürgerkrieg, in dessen Verlauf fünf Milliarden Chel sterben. Nachdem die Einmischung bekannt wird richteten die Chelgrianer ihren Zorn gegen die Kultur. Unter diskreter Mitwirkung der Kultur schliessen sie einen brüchigen Frieden miteinander, waren aber nie in der Lage Vergeltung zu üben. Rache und Ehre sind aber integrale Bestandteile des chelgrianischen Wesens und so nimmt es nicht Wunder, daß auch die Chelgri-Puen, die Hüter des Himmels davon geprägt sind. Irgendwann offenbaren diese Erhabenen, daß auf der Schwelle zum Himmel fünf Milliarden chelgrianische Seelen, die Opfer des Bürgerkriegs, auf Einlass warteten, der ihnen jedoch verwehrt würde, da sie nicht ehrenhaft gestorben sind. Erst, wenn die Kultur, den gleichen Blutzoll entrichtet hätte, wie die Chel, wäre die Seelenrettung möglich. Die Chel haben ein Problem. um dessen Lösung sich Blicke windwärts dreht.

Die Chelgrianer sind militärisch zu schwach, um die Kultur wirkungsvoll angreifen zu können. Gemäß den Prinzipien der asymmetrischen Kriegsführung beschließt eine einflussreiche Splittergruppe im Führungsstab der Chel, das Planziel - 5 Milliarden Kultur-Tote - mittels Terror zu erreichen. Da sie auf anonyme Unterstützung seitens einer älteren galaktischen Zivilisation zurückgreifen können, sind sich diese Planer ihres Erfolges gewiss.

Als Werkzeug für ihr Tun haben sie Major Quilan ausersehen, einen abgehalfterten Veteranen des Bürgerkrieges. Er hat den Verlust seiner Gefährtin nicht verkraftet und sucht deshalb, hochgradig suizidal, nach einer Möglichkeit seinem Leben möglichst ehrenvoll ein Ende zu bereiten. Nach eingehenden Tests und umfangreichem Training wird ihm ein Partner zur Seite gestellt, wobei „zur Seite gestellt“ irreführend formuliert ist. In Wirklichkeit wird der zweite Mann für diese Unternehmung direkt in ihn eingepflanzt. Quilans Seelenhort (engl. soulkeeper), der Ort wo sein persönliches Bewusstsein gespeichert ist, wird modifiziert und eine zweite Persönlichkeit zugefügt. Zu seiner eigenen Überraschung wird der, vor 86 Jahren verstorbene, Brigadegeneral Sholan Hadesh Hoyler, als vorgeblicher Kulturexperte, quasi Beifahrer in Quilans Kopf. In Wahrheit soll dieser extrem chauvinistische Militär dafür sorgen, daß Quilan seinen Auftrag auch wirklich durchführt.

Seit Ende des Bürgerkriegs lebt Mahrai Ziller, ein berühmter chelgrianischer Komponist, im Exil auf dem Masaq-Orbital der Kultur. Er verabscheut seine eigene Spezies und das tief in ihr verwurzelte Kastensystem. Major Quilans offizieller Auftrag lautet, das Orbital zu besuchen und Ziller zur Rückkehr zu bewegen. Da Teile seines Gedächtnisses, bis zum Erreichen des Ziels, selektiv gelöscht wurden, glaubt Quilan das selbst. Tatsächlich soll er, mittels ebenfalls in seinem Seelenhort verborgener Technik, einen Anschlag auf die Nabe und damit das Gehirn des Orbitals verüben. Nach vorläufigen Hochrechnungen der Planungschefs werden dabei voraussichtlich 4-5 Milliarden Bewohner ihr Leben verlieren; – genug zur Genugtuung.

Auch auf Masaq ist Ziller ein gefeierter Komponist und Nabe beauftragt ihn, ein Musikstück zu komponieren, mit dem an ein besonders grausames Kapitel im Krieg zwischen der Kultur und den Idiranern erinnert werden soll. Das Gehirn war früher Teil des Kulturschiffs Bleibender Schaden (engl. GSV Lasting Damage) und als solches selbst beteiligt an diesem desaströsen Ereignis. Als Ziller von Quilans Besuch erfährt, gibt er sich große Mühe diesem nicht zu begegnen, was ihm auch gelingt, da der ja letztlich andere Interessen verfolgt.

Große Teile des Romans werden aus der Sicht Ziller/Huyler bzw. Quilan/Nabe geschildert. Daneben aber gibt es einen breiten Erzählstrang, der den Leser in eine galaktische Luftsphäre entführt, wo er zunächst dem Kultur-Gelehrten Uagen Zlepe beim studieren lenkbarer Behemothauren assistieren darf. Einzelheiten zu dieser Biosphäre wären an dieser Stelle zu viel. Jedenfalls entdeckt der Gelehrte zufällig einen schwer verletzten Behemothaurus auf dem er Reste chelgrianischer Technik, Leichen und einen sterbenden Agenten der Besonderen Umstände findet. Der Agent fleht ihn an das Masaq-Orbital vor einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag zu warnen, und Uagen Zlepe macht sich tatsächlich auf den Weg. Er geht dabei verloren, stirbt gewaltsam und als er einen großen galaktischen Zyklus (=sehr, sehr, sehr viel) später wieder lebend in einem Behemothaurus erwacht, fragt nicht nur er sich, was ihm da wohl widerfahren ist.

Obwohl Uagen Zlepes Mission scheitert, wird der Anschlag auf das Orbital vereitelt. Dabei stellt sich heraus, dass Nabe, das Gehirn von Masaq, ebenso todessehnsüchtig ist, wie Major Quilan. Auf dem Höhepunkt der Aufführung von Zillers Requiem begehen sie gemeinsam spektakulär Selbstmord.

Schlußendlich gibt es noch eine vierte Protagonistin, die an drei Stellen durch das Buch geistert und wahrhaft Angst und Schrecken verbreitet. Eine multiple Nanodrohne der Kultur, hergestellt aus sogenanntem A-Staub, materialisiert sich in Gestalt einer chelgrianischen Frau auf dem Heimatplaneten der Chel. Zunächst hat sie nur beobachtende Funktion. Nachdem jedoch die Verschwörung gegen das Masaq-Orbital aufgedeckt wurde, vollstreckt die Kultur mit dieser Drohne mehrere grausame Todesurteile gegen die Verantwortlichen in der chelgrianischen Führungsspitze. Eine Schurkenbande aus Kulturgehirnen die, möglicher Weise, die wahren Hintermänner des missglückten Anschlags waren, kommen dagegen ungeschoren davon.

Zusammenhang innerhalb des Kultur-Zyklus[Bearbeiten]

In bestimmter Hinsicht kann das Buch als lose Fortsetzung des zuerst erschienenen Romans Bedenke Phlebas aus dem Kultur-Zyklus gelesen werden. Während des Idiran-Kultur-Krieges war das Schiff Bleibender Schaden – jetzt das Masaq-Gehirn - in genau die Kampfhandlungen verwickelt, die den Ausgangspunkt für Bedenke Phlebas darstellen. Im Gedenken an diesen Krieg wird das von Ziller komponierte Werk genau zu dem Zeitpunkt aufgeführt, an dem das Real-Licht der bei dieser Schlacht ausgelösten Doppel-Supernova auf Masaq eintrifft.

Sowohl der Titel Bedenke Phlebas (engl. Consider Phlebas) als auch Blicke windwärts (engl. Look to Windward) sind dem Gedicht Das wüste Land von T.S. Eliot entlehnt und stehen diesem Buch als Epigraph voran:

“Gentile or Jew,
O you who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as you.”

In Blicke windwärts gewährt Ian Banks den bisher tiefsten Einblick ins Alltagsleben der Kultur. Meist aus der Perspektive des Komponisten Ziller begleitet der Leser die Orbitalbewohner bei ihren vielfältigen, manchmal durchaus kruden, sportlichen und kulturellen Obliegenheiten. Daneben behandelt das Buch tiefgründige Themen wie das Exil, der Umgang mit Verlusten oder die religiös-ethnische Rechtfertigung von Massenmord.

Das Ende des Romans bebildert schließlich die harte und rachsüchtige Seite der, sonst eher als weich und hedonistisch verschrienen, Kultur. Ein metaphysischer Epilog, einige hundert Millionen Jahre nach den geschilderten Ereignissen angesiedelt, deutet das langfristige Schicksal der Kultur als technologisch unbeschränktes anarchistisches Utopiaan.

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]