Bodo von Harbou

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Bodo von Harbou (* 12. Dezember 1880 in Stollhamm bei Nordenham; † 22. Dezember 1943 in Berlin)[1] war ein deutscher Offizier und gehörte zum Kreis des militärischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, aus welchem heraus am 20. Juli 1944 später das Attentat auf Hitler ausgeführt wurde. Mogens von Harbou war sein Sohn.

Kaiserreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Ersten Weltkriegs kam Harbou gleich zu Anfang zu einer gewissen Berühmtheit: Als Hauptmann tat er sich mit Max Bauer im August 1914 bei der erfolgreichen Eroberung von Lüttich hervor und erhielt dafür „das erste Eiserne Kreuz aus der Hand des Kaisers“, wie die Presse meldete.[2]

Von 1917 bis 1919 war Harbou Major in der Operationsabteilung des Chefs des Generalstabs des Heeres, 1918 zugleich Mitglied der Friedenskommission. Anfang September 1918 war er, inzwischen in der OHL als Wirtschaftssachverständiger tätig, beteiligt an Besprechungen zwischen Reichspräsidenten von Hindenburg, den Sozialdemokraten vertreten durch Friedrich Ebert, Oberst Max Bauer und anderen Vertretern der Reichswehr sowie mit Vertretern der Unternehmen Krupp, Stinnes und Ballin zur Frage eines Regierungswechsels unter Führung der Sozialdemokraten.[3] Ebenfalls eingebunden war er in die Gespräche und Verhandlungen im Großen Hauptquartier in Spa, die schließlich zur Entmachtung von Kaiser Wilhelm II. und zum Waffenstillstand führten.

In der Übergangszeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik wollte die Oberste Heeresleitung in der ersten Dezemberhälfte 1918 die revolutionären Unruhen in Berlin mit Gewalt durch das sogenannte Generalkommando Lequis beenden. Sie setzte dafür auf eine Zusammenarbeit mit den durch die Sozialdemokraten dominierten „Mehrheitssozialisten“. Als Mittelsmann des Chefs der Obersten Heeresleitung Wilhelm Groener suchte Harbou unter anderem Ebert, damals noch „Vorsitzender des Rats der Volksbeauftragten“, auf. Harbou erreichte, dass Ebert dem „Einzug“ der Reichswehr in Berlin zustimmte. Entsprechend Harbous Planung als Stabschef von Lequis marschierten Mitte Dezember 1918 neun Felddivisionen aus verschiedenen Himmelsrichtungen auf Berlin zu. Das Unternehmen scheiterte, weil Soldaten den Gehorsam verweigerten.[4] Auch einige Tage später während der Weihnachtskämpfe vermittelte Harbou zwischen OHL und Sozialdemokraten.

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg schied Harbou aus dem Militär aus und war unter anderem als Geschäftsführer im Deutschen Stickstoffsyndikat tätig.[5][6] Die Stickstoffsyndikat GmbH wurde 1919 gegründet und war ab 1925 eine der vier Verkaufsgemeinschaften der I.G. Farben. Ziel des Syndikats war die vom Ausland unabhängige Versorgung des Deutschen Reichs mit Vorprodukten für die Herstellung sowohl von Sprengstoff und als auch von mineralischem Dünger. Es hatte damit strategische Bedeutung für die Kriegsfähigkeit Deutschlands. Durch die Internationale Stickstoff-Konvention von 1930 wurden weitere Staaten in die Marktabsprachen einbezogen. Ab 1931 wurde das Syndikat zusammen mit anderen Interessenverbänden zunehmend Teil des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags.[7][8] Als die Regierung Franz von Papen nach ihrem Sturz am 12. September 1932 über die Finanzierung des kommenden Reichstagswahlkampfs beriet, wurde Harbou als Spendenorganisator empfohlen.[9][10]

NS-Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1939 als Major reaktiviert wurde Harbou Chef des Kommandostabes bei Alexander von Falkenhausen, dem Militärbefehlshaber für Belgien und Nordfrankreich, in Brüssel,[11][12][13] und dort dann zum Oberst i. G. befördert.

Harbou war mit General Carl-Heinrich von Stülpnagel befreundet und kannte auch dessen Mitarbeiter Caesar von Hofacker gut, der im Rahmen des militärischen Widerstands gegen Hitler als Kontaktmann zu Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Paris fungierte. Harbou traf sich außerdem wiederholt mit Helmuth James Graf von Moltke, wodurch er zusätzlich mit dem Kreisauer Kreis verbunden war, und mit Ulrich von Hassell. Seinen Sohn Mogens informierte Bodo von Harbou zumindest anlässlich dessen Besuchs im August 1943 über Auffassungen und Pläne des Widerstands.[14]

1943 kam es zum „Fall Harbou“: Gegen Bodo von Harbou wie gegen seinen Vorgesetzten von Falkenhausen wurden auf Grund von Beschuldigungen durch Alfred Naujocks, damals Spitzel des Sicherheitsdienstes, Ermittlungen aufgenommen wegen des Verdachts der Unterschlagung, von Schwarzmarkt-Geschäften und Devisenvergehen.[15][16][17][18] Die Angelegenheit war vermutlich in Wirklichkeit Teil des langjährigen Machtkampfes zwischen von Falkenhausen als Vertreter des politisch eher neutralen und konservativen Militärs einerseits und andererseits Vertretern der neuen nationalsozialistischen Machteliten wie Ernst Kaltenbrunner und Heinrich Himmler, die für die besetzten Staaten politisch besser steuerbare Zivilverwaltungen bevorzugten. Einbezogen war eine Prinzessin Ruspoli di Poggio Suasa, geborene Gräfin Elisabeth van der Noot d’Assche, also Mitglied der belgischen Aristokratie, und nun Geliebte Falkenhausens. Wegen Falkenhausen hatte die Angelegenheit eine derartige Bedeutung, dass sie Wilhelm Keitel persönlich Hitler vortrug. Zwar konnte sich Falkenhausen in dieser Intrige knapp behaupten, da seine Ablösung als gegenwärtig zu destabilisierend angesehen wurde.[19] Aber unter dem Vorwurf der Wehrkraftzersetzung[20] erfolgte am 16. Dezember 1943 die Verhaftung Harbous durch den SD. Vom Kriegswehrmachtsgefängnis Brüssel aus wurde er, der Ruspoli auch noch rechtswidrig Ausweispapiere beschafft haben soll, wie Ruspoli nach Deutschland verbracht. In der Berliner Untersuchungshaft nahm Harbou sich wenige Tage später das Leben, vermutlich aus Angst, die politischen Pläne gegen Hitler sowie Mitwisser zu verraten.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zu Geburts- und Todesdatum finden sich widersprüchliche Angaben; hier verwendet sind die von seinem Enkel Knud von Harbou genannten Todesdatum sowie die Geburtsdatum und –Ort nach Peter Broucek (Hrsg.): Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Band 1: K.u.k. Generalstabsoffizier und Historiker. Böhlau, Wien 1980, ISBN 3-205-08740-2, S. 326, Matthias Graf von Schmettow, Ingrid Gräfin von Schmettow (Hrsg.): Gedenkbuch des deutschen Adels: Nachtrag. C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 1980, S. 18 und H. R. Hiort–Lorenzen und A. Thiset: Danmarks adels aarbog 1889, S. 187.
  2. Berliner Tageblatt. Nr. 426 vom 23. August 1914 [1] und nach Erich Koch-Weser: Kommunalpolitik im Ersten Weltkrieg.: Die Tagebücher Erich Koch-Wesers 1914 bis 1918. In: Schriftenreihe der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, Oldenbourg Verlag, 1999, ISBN 978-3-486-56394-8.
  3. Peter Wulf 19179: Hugo Stinnes. In: Band 28 von Kieler historische Studien, Klett-Cotta-Verlag, 1979, ISBN 978-3-12-912080-4.
  4. Waldemar Erfurth 1957: Die Geschichte des deutschen Generalstabes von 1918 bis 1945. In: Band 1 von Studien zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Musterschmidt-Verlag, 1957.
  5. Daten zu Bodo von Harbou in: Bundesarchiv, Akten der Reichskanzlei von 1919–1933. (darin als n.e. Todesdatum 29. Juli 1944).
  6. Daten zu Bodo von Harbou in: Deutsche Nationalbibliothek (darin Lebenszeit 1887–1944 und UuF(=Ursachen und Folgen) 1880–1943).
  7. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. In: Band 4 von Deutsche Gesellschaftsgeschichte, C.H.Beck, 2003, ISBN 978-3-406-32264-8.
  8. Karl Heinz Roth: Die Geschichte der IG Farbenindustrie AG von der Gründung bis zum Ende der Weimarer Republik (PDF; 333 kB).
  9. Akten der Reichskanzlei Nr. 141 Ministerbesprechung vom 14. September 1932, 11 Uhr.
  10. Karl Dietrich Erdmann, Karl-Heinz Minuth, Wolfgang Mommsen: Akten der Reichskanzlei: Weimarer Republik, September bis Dezember 1932. Hrsg.: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Bundesarchiv, Oldenbourg Verlag, 1989, ISBN 978-3-7646-1875-9.
  11. Jürgen Zarusky, Vasiliĭ Semenovich Grossman 2008: Besatzung, Kollaboration, Holocaust: neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. In: Johannes Hürter (Hrsg.): Band 97 von Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte München, Oldenbourg-Verlag, 2008, ISBN 978-3-486-58728-9.
  12. Peter Broucek (Hrsg.): Ein General im Zwielicht / Edmund Glaise von Horstenau. In: Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, K. u. K. Generalstabsoffizier und Historiker: Bd. 1, Böhlau Verlag Wien, 1980, ISBN 978-3-205-08740-3.
  13. Jörn Mazur 1997: Organisationsstrukturen der deutschen Besatzungsverwaltungen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden unter besonderer Berücksichtigung der Stellung des SS- und Polizeiapparates (Memento vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive). Diplomarbeit vorgelegt am 16. Januar 1997 in der Fakultät für Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz.
  14. a b Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, ISBN 978-3-86906-482-6
  15. Herwig Jacquemyns: België in de Tweede Wereldoorlog (Belgien im Zweiten Weltkrieg). Schilderung von Herrschaft und Leben von Falkenhausens und von Harbous im besetzten Belgien einschließlich der Devisen-Affaire (flämisch mit fehlerhafter deutscher Übersetzung).
  16. Florian Altenhöner 2010: Der Mann, der den 2. Weltkrieg begann: Alfred Naujocks: Fälscher, Mörder,Terrorist. Prospero-Verlag, 2010, ISBN 978-3-941688-10-0.
  17. Werner Warmbrunn 1993: The German occupation of Belgium 1940-1944. In: Band 122 von American university studies: History, Verlag P. Lang, 1993, ISBN 978-0-8204-1773-8.
  18. Ulrich von Hassell, Klaus Peter Reiss, Friedrich Hiller von Gaertringen: Die Hassell-Tagebücher 1938–1944: Aufzeichnungen vom Andern Deutschland. Band 12864 von Einsiedler Buch, Goldmann, 1194, ISBN 978-3-442-12864-8.
  19. Wilfried Wagner: Belgien in der deutschen Politik während des Zweiten Weltkrieges. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Band 18 von Wehrwissenschaftliche Forschungen, Verlag Boldt, 1974, ISBN 978-3-7646-1597-0.
  20. Beanstandungskartei Offiziere Heer (Geburtsdatum 1880), RW 59/2076: Bodo von Harbou. Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv (darin als Geburtsdatum 12. Dezember 1880), unter dem 24. Januar 1945 Eintrag: „von H. verstorben“.