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Bolama (Guinea-Bissau)

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Bolama
Bolama (Guinea-Bissau)
Bolama (Guinea-Bissau)
Bolama
Koordinaten 11° 34′ N, 15° 31′ WKoordinaten: 11° 34′ N, 15° 31′ W
Basisdaten
Staat Guinea-Bissau
Provinz Sul
Region Bolama
Fläche 450,8 km²
Einwohner 10.206 (2009)
Dichte 22,6 Ew./km²
Ruinen des kolonialen Rathauses in Bolama
Ruinen des kolonialen Rathauses in Bolama
Ruinen des kolonialen Rathauses in Bolama

Bolama ist eine Stadt in Guinea-Bissau mit 4819 Einwohnern (Stand 2009).[1] Sie liegt auf der gleichnamigen Insel im Bissagos-Archipel und ist Hauptstadt der Landesregion Bolama.

Die Stadt ist zudem Sitz eines gleichnamigen Sektors mit einer Fläche von 451 km²[2] und 10.206 Einwohnern (Stand 2009).[1]

Teils verfallende, teils restaurierte Gebäude im Kolonialstil prägen den Ortskern der ehemaligen Hauptstadt Guinea-Bissaus. In der Nähe des Hafens liegt der ehemalige Gouverneurspalast.

Karte von Bolama, ca. 1920

Seit dem 4. April 1753 war die Insel eine portugiesische Kolonie, die von den Kapverden aus verwaltet wurde. Es gab darauf eine 1775 fertiggestellte portugiesische Festung. Um 1792 kauften Briten die unbesiedelte Insel vor der Küste des heutigen Guinea-Bissaus. Ihnen gelang jedoch keine Besitznahme.[3]

Auch die Portugiesen, die etwa ab 1830 erneut selbst Ansprüche auf die Insel erhoben, konnten sie nicht einnehmen. Großbritannien besetzte die Insel 1860 durch seinen Gouverneur in Sierra Leone und begründete den Anspruch mit dem Kauf von 1792. Antonio José de Ávila setzte sich auf der Konferenz von Madrid 1861 für den Verbleib der Insel bei Portugal ein.[3]

In einem Schiedsspruch durch US-Präsident Ulysses S. Grant[3] zu Gunsten Portugals 1870, musste Großbritannien seine Ansprüche aufgeben. Aus Prestigegründen investierte nun Portugal in die Infrastruktur. Bolama wurde Sitz eines Kreises (Concelho) und aus der Verwaltungshoheit der Kapverden herausgelöst. 1871 wurde mit der Igreja de São José eine erste Kirche errichtet und die Stadt stark ausgebaut. Die portugiesische Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Strafverbannten, sogenannten degredados. Viele Betroffene kamen wegen leichter Vergehen in die Verbannungshaft.[3]

1879 wurde Bolama Hauptstadt Portugiesisch-Guineas. Ein betonierter Hafen wurde gebaut, ab 1885 gab es ein Überseekabel nach Saint-Louis. Die Portugiesen wagten sich mit Ausnahme einiger Abenteurer, den lançados,[3] kaum auf das Festland, 1897 mussten sie dort sogar eine militärische Niederlage gegen die einheimische Bevölkerung einstecken. 1902 wurde eine Filiale der Banco Nacional Ultramarino errichtet, die fortan als Zentralbank der Kolonie fungierte. Ein landwirtschaftlicher Großbetrieb namens Nova Cintra[3] mit 400 Hektar Fläche produzierte Kautschuk und Kakao mit rund 95.000 Bäumen, davon 80.000 Kautschukbäume. Die Verschleppung von Strafverbannten erwies sich als unproduktiv, sie wurde 1880 eingestellt. 1899, nach dem Verbot der Sklaverei, wurde ein Arbeitsgesetz eingeführt, das in der Praxis verbreitete Zwangsarbeit zur Folge hatte. Das Gesetz wurde 1917 aufgehoben.[3]

1912 begann mit dem neu aus Portugal entsandten João Texeira Pinto[3] eine neue Phase der gewaltsamen Machtübernahme des Festlandes. Der portugiesische Offizier überzog das Festland mit Gewalt und Terror[3] und beendete jeden Widerstand der Bevölkerung. Bolama wurde 1913 zur Stadt (Cidade) erhoben. 1917 wurde ein Verwaltungssystem eingeführt, das die Merkmale einer Rassentrennung aufwies. In Bolama befand sich ab 1918 das dafür zuständige Büro für autochtone Angelegenheiten.[3] 1919 entstand das monumentale Rathaus, 1945 der Neubau des Gouverneurspalasts.

Der Kautschukboom in Südamerika brachte Bolama wirtschaftlich in Rückstand. 1930 war es nicht hier, sondern in der Stadt Bissau, wo erstmals in der Kolonie Elektrizitätsversorgung bestand. Beamte in Lissabon strebten ab 1932 die Verlegung der Verwaltungshauptstadt nach Bissau an, hatten zunächst aber mit dem Widerwillen der lokalen Beamten zu kämpfen, die das hiesige Klima bevorzugten.[3] Die 1926 eingeführte Diktatur des Estado Novo beendete aber rasch ihre Rücksichtsnahme gegenüber den lokalen Portugiesen. Auf der Insel gab es ein Flugfeld an der Straße nach Areia Branca. 1931 starben hier italienische Piloten bei einem Unfall,[3] als eine Gruppe italienischer Flugzeuge eine Atlantiküberquerung nach Brasilien versuchte. Italiens Diktator Mussolini ließ am Hafen ein Denkmal für sie errichten.

Die Stadt blieb Hauptstadt bis 1941,[3] als Bissau 1942 zur neuen Hauptstadt ernannt wurde. Bolama hatte Schwierigkeiten mit der Süßwasserversorgung.[3] Es setzte ein langsamer Niedergang der Stadt ein, als bis 1949 immer mehr Verwaltungs- und Handelseinrichtungen nach Bissau umzogen.[4] Im Unabhängigkeitskampf unter Amílcar Cabral war zeitweise Madina do Boé Hauptstadt, seit 1974 ist Guinea-Bissau unabhängig.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

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Auftritt der Grupo Cultural Bolama Nobo am Hafen von Bolama, November 2017

Das Stadtbild ist durch – in vielen Fällen verfallende – Kolonialbauten und die breiten, wenig belebten Wege aus der Zeit als Hauptstadt gekennzeichnet. Dem vergleichsweise wenig bewohnten historischen Stadtzentrum schließen sich weiter oben dichter besiedelte Viertel an.

Das portugiesische Kulturinstitut Instituto Camões (IC) ist hier mit einem kleinen Stützpunkt vertreten.

Bolama ist für seinen Karneval landesweit bekannt. Bedeutendster Akteur ist der Kulturverein Grupo Cultural Bolama Nobo, der traditionelle Tänze und Musik pflegt und dazu regelmäßig im ehemaligen Kino aus Kolonialzeiten probt. Weitere Gruppen sind Grupo Deus Tem, Tira bu boca lá, Irmãos Unidos de Bolama und Nó Pensa Bolama.

Im Jahr 2013 spendete Bolamas portugiesische Partnerstadt Cascais 50.000 Bücher und sorgte für die Restaurierung und Ausstattung des Bibliotheksgebäudes, inklusive einer Solaranlage zur Stromversorgung. Seither ist die Stadt Bolama im Besitz der größten Bibliothek des Landes.[5]

Die Personenfähre von Bolama nach Bissau

Die Insel Bolama ist durch einen regelmäßigen Fährbetrieb zwischen dem kleinen Anlegehafen der Stadt Bolama und der Hauptstadt Bissau mit dem nahen Festland verbunden. Vom Hafen Bolama aus werden auch andere Bissagos-Inseln angefahren.

Die Stadt verfügt über einen Flugplatz mit dem ICAO-Code GGBO.

Eckpfeiler der lokalen Wirtschaft ist der Fischfang und die Landwirtschaft, insbesondere Erdnüsse, Kartoffeln, Mais, Maniok und Cashew.[6] Zudem spielen öffentliche Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen und der Handel eine Rolle in der Regionalhauptstadt.

Nichtregierungsorganisationen wie die portugiesische Assistência Médica Internacional (AMI) unterhalten hier einige Projekte wie Wasserbrunnen, Gebäuderestaurierungen und vor allem Gesundheitsprojekte. Als besonders erfolgreiches Projekt der AMI in Bolama zählt außerdem das in Kooperation mit einem lokalen Bürgerverein durchgeführte Projekt eines Lokalradios, dem Rádio Comunitária de Bolama.[7]

Der zukünftig erwartete Tourismus im Bissagos-Archipel soll Impulse auch für die geschichtsträchtige Bissagos-Hauptstadt Bolama geben.

Städtepartnerschaften

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Carlos Gomes Júnior

Söhne und Töchter der Stadt

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Commons: Bolama – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b Einwohner per Region, Sektor und Ortschaft nach Geschlecht, Volkszählung 2009 (Memento des Originals vom 31. März 2020 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.stat-guinebissau.com (S. 56), PDF-Abruf beim Nationalen Statistikamt INE vom 15. Dezember 2017
  2. Statistischer Jahresbericht Guinea-Bissau 2015 (Memento des Originals vom 22. Juni 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.stat-guinebissau.com (S. 10), PDF-Abruf beim Nationalen Statistikamt INE vom 15. Dezember 2017
  3. a b c d e f g h i j k l m n Frank Tétart, Pierre-Alexandre Mounier, cartes de Gaëlle Sutton: Atlas historique des capitales déplacées : 70 capitales qui ont déménagé au fil des siècles. Éditions Autrement (Flammarion), Paris 2025, ISBN 978-2-08-047289-2, S. 54–57.
  4. Joana Benzinho, Marta Rosa: À Descoberta da Guiné-Bissau., Afectos com Letras/EU, Pombal 2015, ISBN 978-989-20-6252-5, S. 105ff
  5. a b Artikel zur Spende einer Bibliothek an Bolama durch die 2010 verschwisterte Stadt Cascais (Memento des Originals vom 22. Dezember 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bolama.net (portugiesisch), Artikel vom 14. März 2013 auf www.bolama.net, abgerufen am 17. Dezember 2017
  6. Joana Benzinho, Marta Rosa: À Descoberta da Guiné-Bissau. Afectos com Letras/EU, Pombal 2015, ISBN 978-989-20-6252-5, S. 105
  7. Rádio Comunitária de Bolama (Memento des Originals vom 10. Mai 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/ami.org.pt, Website der AMI (portugiesisch), abgerufen am 17. Dezember 2017
  8. Übersicht über die Städtefreundschaften Faros (Memento des Originals vom 24. Dezember 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.anmp.pt beim Verband der portugiesischen Kreisverwaltungen (ANMP), abgerufen am 16. Dezember 2017