Boris Pahor

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Boris Pahor (2015)

Boris Pahor (* 26. August 1913 in Triest, Österreich-Ungarn; † 30. Mai 2022 ebenda) war ein der slowenischen Minderheit in Italien angehörender Schriftsteller[1][2] sowie KZ-Überlebender. Er galt als der international bekannteste Vertreter der kritischen slowenischen Gegenwartsliteratur.[1][2][3]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1913 im österreich-ungarischen Triest geborene und zur slowenischen Minderheit gehörende Pahor musste nach dem Anschluss Triests an Italien 1918 mit ansehen, wie die Faschisten 1920 das slowenische Kulturhaus (Narodni Dom) anzündeten.[4] Nach dem Besuch der slowenischen Grundschule war ihm unter Mussolini der Gebrauch der slowenischen Sprache verboten. Er besuchte das Gymnasium in Capodistria und das Priesterseminar in Görz, wo er zwei Jahre Theologie studierte. 1940 wurde er eingezogen und im Afrikafeldzug in Italienisch-Libyen eingesetzt. In Italien arbeitete er daraufhin als Dolmetscher für gefangene jugoslawische Offiziere in Bogliaco am Gardasee. Nach dem Sturz Mussolinis kehrte er 1943 nach Triest zurück und schloss sich nach dem Waffenstillstand von Cassibile der slowenischen Befreiungsbewegung an.[5] Am 21. Januar 1944 wurde er aber von der Domobrancen-Miliz verhaftet und kurz darauf in das KZ Dachau gebracht. Bis Kriegsende durchlebte er noch das KZ Natzweiler-Struthof, das KZ Mittelbau-Dora und das KZ Bergen-Belsen. Er verarbeitete die KZ-Traumata in Novellen, aus denen 1967 sein preisgekrönter Roman „Nekropolis“ entstand (Übersetzungen ins Deutsche, Italienische, Französische, Englische, Katalanische und Esperanto).[6]

Boris Pahor (2010)

Nach seiner Freilassung studierte er in Padua, wo er mit einer Arbeit über den slowenischen Dichter Edvard Kocbek promoviert wurde. Von 1953 bis 1975 unterrichtete er an einem Gymnasium in Triest. 1955 veröffentlichte er den Roman „Villa am See“ und „Die Stadt in der Bucht“ („Mesto v zalivu“), 1956 „Nomaden ohne Oase“ („Nomadi brez oaze“). 1975 publizierte er den Roman „In der Dunkelheit“ („Zatemnitev“), 1978 den autobiographischen Roman „Kampf mit dem Frühling“ („Spopad s pomladjo“); zuerst 1958 unter dem Titel „Jenseits der Hölle sind Menschen“ („Onkraj pekla so ljudje“, deutsch 1997), der sich mit den KZ-Erlebnissen auseinandersetzte, und 1984 „V labirintu“ („Im Labyrinth“) sowie die literaturhistorischen Studien „Srečko Kosovel“ (Pordenone 1993) und „Letteratura slovena del Litorale. Vademecum. Kosovel a Trieste e altri scritti“, Triest 2004. Über viele Jahre war er Herausgeber der Zeitschrift „Zaliv“ („Die Bucht“). 2004 begann der Kitab-Verlag in Klagenfurt mit der systematischen Herausgabe seines Werks in deutscher Übersetzung.

Novellen wurden auch ins Ungarische und Serbokroatische übersetzt. 1984 erschienen seine Briefe von 1940 bis 1980 an Edvard Kocbek. 2001 erhielt er den Preis der SWR-Bestenliste. Seine reflektierende Erzählweise wird mit Primo Levi, Jorge Semprún und Imre Kertész verglichen.

Leitmotive seiner Prosa waren sowohl die Existenz der Slowenen in der multikulturellen Hafenstadt Triest als auch der Überlebenskampf der Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern.[7]

Ab 2009 war Pahor ordentliches Mitglied der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Er lebte in dem zum Triestiner Stadtbezirk Altipiano Ovest gehörigen historischen Stadtviertel Prosecco (Prosek).[8]

Pahor starb am 30. Mai 2022 im Alter von 108 Jahren in Triest.[9]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orden für außerordentliche Verdienste um die Republik Slowenien (Red za izredne zasluge Slovenija)

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In deutscher Übersetzung erschienen:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Baum: Triestiner Wirklichkeiten. Über den Triestiner Schriftsteller Boris Pahor. In: Bücherschau 183, 2009, S. 12–16.[3]
  • Wilhelm Baum: Boris Pahor. Ein slowenischer Schriftsteller in Triest. In: Podium, Heft 155/156, 2010, S. 170–183.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Boris Pahor – Quellen und Volltexte (slowenisch)
Commons: Boris Pahor – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Italo-slowenischer Schriftsteller Boris Pahor gestorben. In: kleinezeitung.at. 30. Mai 2022, abgerufen am 30. Mai 2022.
  2. a b c Schriftsteller Boris Pahor 108-jährig gestorben. In: orf.at. 30. Mai 2022, abgerufen am 30. Mai 2022.
  3. a b Boris Pahor. In: kitab-verlag.com. 20. Oktober 2008, archiviert vom Original am 15. Oktober 2014; abgerufen am 30. Mai 2022.
  4. Andreas Platthaus: Das Gewissen der slowenischen Literatur. Er erzählte von den Erniedrigten und Beleidigten. Zum Tod von Boris Pahor. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2022, S. 12.
  5. Tatjana Rojc: Boris Pahor e la cultura slovena a Trieste. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom. Abgerufen am 30. Mai 2022. (italienisch)
  6. Die Stadt der Winde und die Helden des Widerstands. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2010, Seite 24.
  7. Carola Padtberg: Boris Pahor ist tot: Schriftsteller und KZ-Überlebender stirbt mit 108 Jahren. In: spiegel.de. 30. Mai 2022, abgerufen am 30. Mai 2022.
  8. Boris Pahor: Schreiben in Triest, also an der Bruchlinie: Ein Anwalt slowenischer Kultur und ein Aufklärer in politischen Dingen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. August 2013, Seite 32.
  9. Karl-Markus Gauß: Der Erzähler Boris Pahor: Lebenslanger Aufstand gegen das Schweigen In: standard.at, 3. Juni 2022, abgerufen am 8. Juni 2022.
  10. Petra Hafner: BM Claudia Schmied überreicht dem slowenischen Schriftsteller Boris Pahor das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. In: ots.at. 26. April 2010, abgerufen am 30. Mai 2022.
  11. Erich Schicker: Unermüdlicher Kämpfer für die Wahrheit. In: kleinezeitung.at. 25. Januar 2013, abgerufen am 30. Mai 2022.
  12. Pahor Prof. Boris. In: quirinale.it. 12. Juni 2020, abgerufen am 30. Mai 2022 (italienisch).
  13. Red za izredne zasluge: Leto 2020 Borut Pahor. In: up-rs.si. Abgerufen am 30. Mai 2022 (slowenisch).