Bornavirus

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Bornavirus
Bdv c.jpg

3D-Modell Bornavirus

Systematik
Reich: Viren
Ordnung: Mononegavirales
Familie: Bornaviridae
Gattung: Bornavirus
Taxonomische Merkmale
Genom: (-)ssRNA
Baltimore: Gruppe 5
Wissenschaftlicher Name
Bornavirus (engl.)
Taxon-Kurzbezeichnung
BDV
Links

Das Bornavirus (engl. Borna disease virus = BDV) ist ein behülltes Virus mit einer negativsträngigen, nichtsegmentierten RNA, ss(–)RNA, der Gattung Bornavirus und damit zur Familie Bornaviridae gehörig, deren einziger Vertreter es ist.

Merkmale[Bearbeiten]

Das Bornavirus hat keine bekannten näheren Verwandten und ist daher monotypisch in einer eigenen Familie angesiedelt.[1] Entfernter verwandt ist es mit den Erregern von Staupe, Tollwut und Masern.

In die Hülle des Virus ist das Glykoprotein (G) eingelagert. Dieses Protein vermittelt die Bindung des Virus an die Wirtszelle und bewerkstelligt auch den Verschmelzungsvorgang (Fusion) mit der Membran der Zielzelle. Auf der Innenseite der Hülle befindet sich das Matrixprotein (M). Ferner befindet sich im Virusinneren das RNA-Genom, das mit dem Phosphoprotein (P), dem Nukleoprotein (N), der viralen Polymerase (L) und einem kleinen Protein X (p10) verbunden (assoziiert) ist. Eine Besonderheit der Bornaviren ist, dass Transkription und Genomreplikation, anders als bei den übrigen Vertretern der Mononegavirales, im Zellkern ablaufen. Das Virus nutzt die dortige Spleißmaschinerie um durch Alternatives Spleißen aus einem Vorläufertranskript drei verschiedene mRNAs zur Synthese der Proteine M, L und G herzustellen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die hitzige Kopfkrankheit der Pferde, die durch das Bornavirus ausgelöst wird, wurde erstmals 1885 bei Kavalleriepferden in der sächsischen Stadt Borna beschrieben – die Pferde eines ganzen Regiments waren an einer bisher unbekannten Krankheit zugrunde gegangen.[1] Diese Stadt ist auch namensgebend für das Bornavirus. Der Gießener Virologe Wilhelm Zwick vermutete 1924 ein Virus als Ursache für die Bornasche Krankheit. Das Virus wurde in den 1970er Jahren identifiziert.[1]

Erkrankungen[Bearbeiten]

Die Borna-Krankheit befällt vor allem Pferde und Schafe. In jüngerer Zeit wurden auch Infektionen anderer Tierarten beschrieben, z. B. Spitzmäuse.[2] In Dreizehnstreifen-Hörnchen kommen Teile des Bornavirusgenoms im Genom vor, die vermutlich die Replikation von Bornaviren hemmen.[3]

Das Virus findet sich auch im menschlichen Genom, in Form von Einzelteilen, aber auch zweier Gene.[4] Es dürfte schon vor mindestens 40 Millionen Jahren aufgenommen worden sein, eine Auswirkung oder Funktion ist bisher unbekannt, und wurde in der Wissenschaft kontroversiell diskutiert.[1] Eine Beteiligung des Virus an psychiatrischen Erkrankungen des Menschen wurde von einigen Medizinern vermutet, vor allem im Zusammenhang mit der bipolaren Störung und der Schizophrenie.[5][6][7] Ein hinreichender Beweis dafür ist jedoch nicht erbracht.[8] Nach Einschätzung der Gesellschaft für Virologie, des Berufsverbandes der Virologen im deutschsprachigen Raum, „beruht die Behauptung, dass BDV ein humanpathogenes Agens ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer Fehleinschätzung von Daten und ist durch wissenschaftliche Experimente nicht belegt“. Entsprechende Behauptungen führten „zu Irritationen in der Öffentlichkeit und (bei) betroffenen Patienten und sollte(n) solange unterbleiben, bis gegebenenfalls verlässliche und validierte experimentelle Daten vorliegen.“[9][10] Es wurde von Arbeitsgruppen, bei denen ausschließlich ein Nachweis der BDV-spezifischen Antikörper mit den gleichen ELISA-Antikörpern erfolgt, auch nach 2007 noch eine humane Pathogenese behauptet,[11][12][13] diese Behauptung konnte jedoch mehrfach durch unabhängige Arbeitsgruppen unter Verwendung anderer Methoden widerlegt werden.[14][15][16]

Von 2011 bis 2013 sind drei Züchter von Bunthörnchen aus Sachsen-Anhalt an einer Enzephalitis in Folge einer Bornavirusinfektion verstorben. Der dort gefundene Stamm des Bornavirus, bezeichnet als VSBV-1 für variegated squirrel 1 bornavirus, besitzt eine Homologie von nur 75 % zu den bisher bekannten Bornaviren. Der Infektionsweg konnte bisher noch nicht ermittelt werden. Eine Übertragung dieser Viren auf den Menschen konnte zuvor nicht nachgewiesen werden.[17][17][18][19]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Masayuki Horie, Tomoyuki Honda, Yoshiyuki Suzuki, Yuki Kobayashi, Takuji Daito, Tatsuo Oshida, Kazuyoshi Ikuta, Patric Jern, Takashi Gojobori, John M. Coffin, Keizo Tomonaga: Endogenous non-retroviral RNA virus elements in mammalian genomes. In: Nature. Nr. 463, 7. Januar 2010, S. 84–87, doi:10.1038/nature08695 (Rec. 2. September 2009; Acc. 17. November 2009; Department of Virology, Osaka University, Access. In: nature.com. Abgerufen am 22. Februar 2010.).
  • S. Mordrow, D. Falke, U. Truyen: Molekulare Virologie. 2. Auflage. Heidelberg/ Berlin 2003, ISBN 3-8274-1086-X.
  • Katrin Breitenborn: Bornavirus - Kontroverse um Humanpathogenität. In: Deutsches Ärzteblatt. 104 (2007), S. 1365–1368 online (PDF-Dokument; 187 kB).
  • Arbeitskreis Großtierpraxis – Gesellschaft für tierärztliche Fortbildung: BDV-Erkrankungen – nicht nur beim Pferd. (PDF-Datei; 1,71 MB)
  • Roland Dieckhöfer: Zusammenfassung der Epidemiologische Untersuchungen zur equinen BDV-Infektion, der Bornaschen Krankheit beim Pferd, der Therapie und die dazugehörige aktuelle Gesetzessituation in Deutschland. Dissertation. FU Berlin, 2006, urn:nbn:de:kobv:188-fudissthesis000000002517-7 (Abstract; Volltext, ZIP-file)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d AFP, zit. n.  Virus schlich sich in die menschliche DNA. In: Salzburger Nachrichten. 22. Februar 2010, Wissen/Gesundheit, S. 19 (Artikelarchiv).
  2. R. Dürrwald, J. Kolodziejek, H. Weissenböck, N. Nowotny: The bicolored white-toothed shrew Crocidura leucodon (HERMANN 1780) is an indigenous host of mammalian Borna disease virus. In: PloS one. Band 9, Nummer 4, 2014, ISSN 1932-6203, S. e93659, doi:10.1371/journal.pone.0093659, PMID 24699636, PMC 3974811 (freier Volltext).
  3. K. Fujino, M. Horie, T. Honda, D. K. Merriman, K. Tomonaga: Inhibition of Borna disease virus replication by an endogenous bornavirus-like element in the ground squirrel genome. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 111, Nummer 36, September 2014, ISSN 1091-6490, S. 13175–13180, doi:10.1073/pnas.1407046111, PMID 25157155, PMC 4246967 (freier Volltext).
  4.  Cédric Feschotte: Bornavirus enters the genome. Virology. In: Nature. Nr. 463, 7. Januar 2010, S. 39–40, doi:10.1038/463039a (Access. In: nature.com. 6. Januar 2010, abgerufen am 22. Februar 2010.).
  5. Liv Bode: Borna Disease Virus - natürliche Infektion und Krankheit bei Tier und Mensch - Wissensstand und Neubewertung von Diagnostik, Pathogenese und Epidemiologie unter Einbeziehung eigener Studien. Habilitation, Robert-Koch-Institut, Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, 1999 (http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002517)
  6. Liv Bode: Dankesrede anlässlich der Verleihung des Whistleblower-Preises, 13. April 2007, online (PDF-Dokument; 1,14 MB)
  7. Hanns Ludwig: Ein offener Brief. Antwort und Anfrage zur Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie zum Thema Ist das Borna Disease Virus (BDV) ein humanpathogenes Agens? - abgerufen am 29. September 2009.
  8. Peter Staeheli, Klaus Lieb: Bornavirus and psychiatric disorders - fact or fiction? In: J Med Microbiol. 50 (2001), S. 579–581 online (PDF-Dokument, 50 kB)
  9. Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie zum Thema Ist das Borna Disease Virus (BDV) ein humanpathogenes Agens? - abgerufen am 29. September 2009.
  10. Stellungnahme des Robert-Koch-Instituts zur Einstellung der Bornavirus-Forschung im Robert-Koch-Institut, 2007.
  11. S. Rackova, L. Janu, H. Kabickova: Borna disease virus (BDV) circulating immunocomplex positivity in addicted patients in the Czech Republic: a prospective cohort analysis. In: BMC Psychiatry. (2010) 10, S. 70. PMID 20825673; PMC 2944235 (freier Volltext).
  12. A. Heinrich, M. Adamaszek: Anti-Borna disease virus antibody responses in psychiatric patients: long-term follow up. In: Psychiatry Clin Neurosci. Juni 2010; 64 (3), S. 255–261. Epub 2010 Apr 8. PMID 20408992.
  13. D. Brnic, V. Stevanovic, M. Cochet, C. Agier, J. Richardson, C. N. Montero-Menei, O. Milhavet, M. Eloit, M. Coulpier: Borna disease virus infects human neural progenitor cells and impairs neurogenesis. In: J Virol. 2012 Mar;86(5), S. 2512–2522. Epub 2011 Dec 21. PMID 22190725.
  14. W. I. Lipkin, T. Briese, M. Hornig: Borna disease virus - fact and fantasy. In: Virus Res. Dezember 2011; 162 (1–2), S. 162–172. Epub 2011 Oct 1. PMID 21968299.
  15. M. Hornig, T. Briese, J. Licinio, R. F. Khabbaz, L. L. Altshuler, S. G. Potkin, M. Schwemmle, U. Siemetzki, J. Mintz, K. Honkavuori, H. C. Kraemer, M. F. Egan, P. C. Whybrow, W. E. Bunney, W. I. Lipkin: Absence of evidence for bornavirus infection in schizophrenia, bipolar disorder and major depressive disorder. In: Mol Psychiatry. (2012) doi:10.1038/mp.2011.179. [Epub ahead of print] PMID 22290118.
  16. K. S. Na, S. H. Tae, J. W. Song, Y. K. Kim: Failure to detect borna disease virus antibody and RNA from peripheral blood mononuclear cells of psychiatric patients. In: Psychiatry Investig. Dezember 2009; 6 (4), S. 306–312. Epub, November 2009, S. 5. PMID 20140130; PMC 2808801 (freier Volltext).
  17. a b Christina Hucklenbroich: Das unbekannte Bornavirus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 24. Februar 2015.
  18. Bernd Hoffmann et al.: A Variegated Squirrel Bornavirus Associated with Fatal Human Encephalitis. The New England Journal of Medicine 373, 2015; S. 154-162 doi:10.1056/NEJMoa1415627
  19. Bornavirus tötet Bunthörnchen-Züchter