Bosco Verticale

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Bosco Verticale in Mailand (2015);
links davon die Torre Unicredit;
ganz rechts der Archivbau Casa della Memoria

Bosco Verticale (dt. Vertikaler oder Senkrechter Wald) werden die begrünten Zwillingstürme eines Hochhauskomplexes in Mailand genannt. Geplant wurden die Hochhaustürme von dem italienischen Architekten Stefano Boeri und seinen Partnern des Architekturbüros Boeri Studio, Gianandrea Barreca und Giovanni La Varra; Bauherr war Manfredi Catella. Die beiden Gebäude wurden von 2008 bis 2013 errichtet und im Oktober 2014 fertiggestellt. Die Hochhäuser sind 110 und 76 m hoch[1] und werden zu wohnwirtschaftlichen Zwecken verwendet.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte des Stadtteils Porta Nuova: Die beiden Türme sind mit einem roten Punkt Red pog.svg markiert.
Red pog.svg Torre E
Torre D Red pog.svg

Die Türme wurden im Stadtteil Porta Nuova im Norden von Mailands Zentrum errichtet. Daneben befindet sich Mailands zweitgrößter Bahnhof Milano Porta Garibaldi. Zuvor befand sich hier zuvor ein Arbeiterwohnviertel. Das Zentrum der Neubebauung beließ man als Grünfläche und Naherholungsgebiet. Das Hochhausprojekt besteht aus den beiden Türmen Torre E mit 110 m Höhe und 26 Etagen und Torre D mit 76 m Höhe und 18 Etagen.[2]

Einfluss auf die Planung hatte die Überlegung, urbanen Raum möglichst effektiv zu nutzen, ihn nicht weiter zu zersiedeln und gleichzeitig die Biodiversität in der Großstadt Mailand zu verbessern. Mit der Bepflanzung der Türme wurden neue Lebens- und Nahrungsräume für Insekten und Vögel geschaffen; so können die Wohntürme als Trittsteinbiotope zwischen den öffentlichen Parks, den Alleen und innerstädtischen Brachflächen fungieren. Die Türme sollen so einen Beitrag zu einem Biotopverbundsystem einer Stadt liefern. Durch die Bäume und Pflanzen an der Fassade soll das Mikroklima in den Wohnungen und auf den Balkonen verbessert werden; die Pflanzen sollen Lärm, Staub und Hitze mildern. Dadurch wird die Lebensqualität der Bewohner verbessert und der Bezug zur Natur in einer städtischen Umgebung hergestellt.[1]

Mit diesem Konzept gewann Stefano Boeri im Jahr 2014 den mit 50.000 Euro dotierten Internationalen Hochhauspreis.[3] Boeri hat die Idee, mit Bäumen zu leben, von Italo Calvinos Roman Il barone rampante (1957) (dt. Der Baron auf den Bäumen).[4]

Ökologische Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pflanzung eines Baumes
Detail der Fassade

Etwa 900 Bäume, jeder bei der Pflanzung bereits zwischen 3 und 9 m hoch, sowie mehr als 2000 weitere Pflanzen wurden auf den Terrassen und Balkonen an den Fassaden der Gebäude gepflanzt. Die Pflanzungen erfolgten in 1,3 m tiefen Betonwannen. Damit die Bäume Wind und Stürmen standhalten können, sind Gitter am Boden der Pflanzwannen angebracht, an denen die Pflanzenwurzeln zusätzlichen Halt finden.[5] Wären die Bäume eines der Hochhäuser in einer Ebene gepflanzt worden, hätte dies eine bepflanzte Waldfläche von 7000 m² ergeben; zudem entspricht die umbaute Wohnfläche einer mit Einfamilienhäusern bebauten Fläche von fast 7,5 ha.[1]

Die Botanikerin Laura Gatti wählte insgesamt 20 verschiedene Laub- und Nadelbaumarten und 80 zusätzliche Pflanzenarten für den Bewuchs der Fassade aus. Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe von Botanikern an der Universität Mailand ordnete sie die Bäume, Sträucher und Blühpflanzen wie dreidimensionale Bilder an. Bei der Anordnung legten sie Wert darauf, dass die Pflanzen im Laufe der Jahreszeiten immer neue farbige Akzente setzen.[6] Die Planungen für die Anordnungen der Pflanzen dauerten mehr als zwei Jahre. Die Bäume und Pflanzen wurden speziell für die Besonderheiten der Wachstumsbedingungen an einer Fassade gezüchtet, vor allem bei einem nur geringen Pflanzbett.[1] In einem Windkanal wurden die Häuser und Bäume auf ihre Reaktionen hin getestet, zunächst als reines Modell, dann mit echten Pflanzen.[4]

Die Bepflanzung der Fassade mithilfe von Kränen dauerte fast ein Jahr. Die Pflanzen gehören nicht zum Privateigentum der einzelnen Bewohner, sondern bilden Gemeinschaftseigentum. Für die Pflege der Pflanzen gibt es ein Managementsystem.[6] Auf dem Dach wurde ein Kran für pflegerische Maßnahmen an den Pflanzungen installiert, von dem sich drei angestellte Gärtner abseilen. Sie kümmern sich von außen um die Pflege[5] und beschneiden vier Mal im Jahr die Pflanzen.[4] Die Bewässerung erfolgt über ein Bewässerungssystem, das durch ein Schlauchsystem Wasser von einem Becken im Keller auf die Terrassen befördert. In dem Wasserbecken wird das Brauchwasser der Häuser gesammelt.[7]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Lausanne entsteht ein weiterer Bosco Verticale von Stefano Boeri. Das Hochhaus wird nach dem Vorbild in Mailand gebaut und soll als Wohn- und Geschäftsgebäude genutzt werden. Das Hochhaus soll Tour des Cèdres (dt. Turm der Zedern) heißen und ab 2017 gebaut werden.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Faszination Wolkenkratzer. Mailand: Bosco Verticale. Dokumentarfilm, Deutschland, 2015, 26 Min., Buch und Regie: Sabine Pollmeier und Joachim Haupt, Produktion: Parnass Film, Radio Bremen, arte, Reihe: Faszination Wolkenkratzer, Erstsendung: 20. November 2016 bei arte, Inhaltsangabe von ARD.
  • In der Welt zuhause. Italien, Mailand: Der vertikale Wald. (OT: Habiter le monde. Milan, la forêt verticale.) Dokumentarfilm, Frankreich, 2015, 25:51 Min., Buch und Regie: David Perrier, Moderation: Philippe Simay, Produktion: arte France, Cinétévé, Reihe: In der Welt zuhause, (OT: Habiter le monde), Erstsendung: 1. November 2016 bei arte, Inhaltsangabe von arte .

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bosco Verticale – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Stefano Boeri Architetti | Vertical Forest. In: stefanoboeriarchitetti.net. Abgerufen am 18. Juli 2016 (englisch).
  2. Armando Stella: Grattacieli, un «parco» con 2 mila alberi. Bosco verticale, via alle vendite degli alloggi. Boeri: meno consumo di suolo e più verde. In: Corriere della Sera. 18. Juni 2009, abgerufen am 3. November 2016.
  3. »Bosco Verticale« in Mailand gewinnt den Internationalen Hochhaus Preis 2014. In: Internationaler Hochhauspreis. 2014, abgerufen am 3. November 2016.
  4. a b c Dokumentarfilm: Faszination Wolkenkratzer. Mailand: Bosco Verticale. In: ARD / arte, 20. November 2016.
  5. a b Britta Nagel: Dieses Hochhaus ist ein kleiner Wald. In: Welt Online. 19. November 2014, abgerufen am 21. Juli 2016.
  6. a b Norman Kietzmann: Grüne Alternative – Bosco Verticale. In: Baumeister. 19. November 2014, abgerufen am 21. Juli 2016.
  7. BauNetz Media GmbH: Bosco Verticale – Bewaldete Hochhäuser in Mailand. In: BauNetz. 1. Februar 2012, abgerufen am 21. Juli 2016.
  8. Die Gewinner des Emporis Skyscraper Awards 2014. In: Emporis, (deutsch), abgerufen am 26. Juli 2016.
  9. JayRB: Bosco Verticale in der Schweiz: Vertikaler Wald für Lausanne. In: nachhaltigleben.ch. Abgerufen am 21. Juli 2016.

Koordinaten: 45° 29′ 9″ N, 9° 11′ 25″ O