Brüder (2019)

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Brüder ist der zweite Roman der deutschen Schriftstellerin Jackie Thomae. Im Erscheinungsjahr 2019 stand er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Multiperspektivisch erzählt, geht er der Frage nach, „wie wir zu den Menschen werden, die wir in der Mitte unseres Lebens sind“,[1] und handelt von zwei afrodeutschen Halbbrüdern, die trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen völlig unterschiedliche Lebenswege beschreiten – der eine als Partygänger im „wilden“ ersten Jahrzehnt des wiedervereinigten Berlin, der andere als Stararchitekt und konservativer Familienvater mit Wohnsitz im multikulturellen London nach der Jahrtausendwende.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Michael und Gabriel, beide Jahrgang 1970, geboren in Ostberlin und Leipzig, haben denselben, ihnen unbekannten Vater, den Senegalesen Idris Cissé, der nach erfolgreichem Medizinstudium – begonnen in der DDR, abgeschlossen in Westberlin – in seine Heimat zurückgekehrt ist. Ohne voneinander zu wissen, wachsen die afrodeutschen Halbbrüder als Einzelkinder alleinerziehender Mütter auf. Ihre bis zur „Lebensmitte“ reichenden Vitae verlaufen nahezu gegensätzlich und werden so auch separat erzählt.

Michael („Mick“) Engelmann ist 15, als seine Mutter, nach bewilligtem Ausreiseantrag, mit ihm in den Westteil Berlins zieht und einen begüterten Immobilienkaufmann heiratet. Das ihm gänzlich unbekannte Fastfood macht aus Mick zwischenzeitlich einen pummeligen Teenager; das Leben in der Komfortzone seines Stiefvaters korrumpiert ihn nachhaltiger. Das zeigt sich, als seine emanzipierte Mutter sich nach einigen Jahren scheiden lässt. Mick – mittlerweile Anfang 20, fast zwei Meter groß, schlank und athletisch geworden durch Training und Disziplin, gutaussehend und charmant von Natur aus – hat seine Lehre als Zimmermann abgebrochen und ist in der Partyszene Berlins angekommen. Meist sieht man ihn zusammen mit dem knapp zehn Jahre älteren, schwulen Afroamerikaner Desmond, einem Modefotografen mit künstlerischen Ambitionen. Mick will auf ebenso großem Fuß leben wie er und bietet sich ihm als Assistent an, doch Desmond wehrt ab. Stattdessen beteiligt er ihn an einem Drogenschmuggel. Der freilich läuft ebenso aus dem Ruder wie das Geschäft, bei dem für Mick Arbeit und Vergnügen perfekt in eins zu fallen scheinen: ein Club, den er mit zwei anderen Freunden 1995 gründet und vier Jahre lang führt, unangemeldet – sodass das Finanzamt von ihnen nachträglich 500.000 D-Mark Steuern einfordert. Die Jahrtausendwende verbringt Mick in der Charité; ein Unfall beim Test einer gigantischen Soundbox hat sein Gehör bleibend geschädigt. Auch seine langjährige Beziehung geht in die Brüche. Delia, Tochter aus großbürgerlich-liberalem Hause, liebt das Liebenswerte an Mick und arrangiert sich mit seinen Schwächen, insbesondere seinen notorischen Seitensprüngen, zumeist One-Night-Stands. Aus der Fassung gerät sie erst, als sie – nicht einmal von ihm selbst – erfährt, dass er sich, vor Jahren schon, einer Vasektomie unterzogen hat. Mick seinerseits setzt sich nach Thailand ab, überwirft sich dort mit einem Freund, baut einen Pavillon mit auf und beginnt zu meditieren.

Gabriel Loth ist sieben Jahre alt, als seine Mutter tödlich verunglückt. Fortan wächst er in der Obhut ihrer Eltern auf; sein Großvater bleibt für ihn zeitlebens eine prägende Autorität. Wie seine Mutter will Gabriel Architekt werden; sein Masterstudium absolviert er in London und kürt die britische Metropole zu seiner Wahlheimat. In der Überzeugung, dass es ihm hier am besten gelingt, zu werden, was er selbst aus sich macht, stürzt er sich in die Arbeit und hat in der Tat Erfolg. Mit seinem Freund Mark macht er sich selbstständig und erhält, nicht zuletzt durch seine „Idee des billigen, würdigen Wohnens“, den Zuschlag für eine Reihe großer internationaler Bauprojekte, vorwiegend in China und der Ex-Sowjetunion. Auch die Gründung einer Familie geht Gabriel planvoll an. Als er meint, mit der Übersetzerin Fleur die Richtige gefunden zu haben, steuert er geradewegs in den Hafen der Ehe. Das macht ihn blind für ihr doppeltes Spiel (sie liebt einen Anderen), doch letztlich entscheidet sein hartnäckiges, ehrliches Werben zu seinen Gunsten – und die Tatsache, dass Fleur schwanger wird. Aus dem Wunschkind Albert wird ein problematischer Teenager; statt seine musischen Talente rückhaltlos zu fördern, versucht Gabriel auch ihn nach seinem Bild zu modeln. Mit Mitte 40 ist der auf ein perfektes Leben fixierte Stararchitekt ausgebrannt; gegen Fleurs Rat bürdet er sich sogar noch eine Universitätsdozentur auf. Medikamente sind wirkungslos, Ruhepausen zu kurz. In einem Moment, da er dennoch glaubt, alles wieder unter Kontrolle zu haben, versagt, „was er sich jahrzehntelang aufgebaut und antrainiert hatte“, gänzlich: Sein blindwütiger Ausraster trifft ausgerechnet eine seiner schwarzen Studentinnen und macht ihn zur Zielscheibe eines veritablen Shitstorms. Auf Marks Anraten nimmt er sich in einem brasilianischen Chalet, das er vor Jahren selbst entworfen hat, eine Auszeit.

Im Jahr 2017 nähern die Lebensbahnen der Halbbrüder einander an. Ihr Vater Idris hat beide über das Internet aufgespürt und nach Paris eingeladen, wo seine ältere Tochter und sein bester Freund wohnen. Mick, inzwischen geläutert und als Yogalehrer und Lifecoach tätig, reist in Begleitung Delias an, die, seit sie „nur“ noch seine Freundin, zur wichtigsten Frau in seinem Leben geworden ist. Gabriel, der erst am Anfang seiner Selbstfindung steht, bleibt in Brasilien, hat aber Idris’ Einladung an seinen Sohn weitergeleitet. Albert sympathisiert mit Mick und animiert ihn zu einer an Gabriel gerichteten, langen mündlichen Nachricht „unter Brüdern“.

Hauptfiguren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept des Romans – zwei fast konträre Charaktere gegenüberzustellen – ist offenkundig. Dass beiden ein ganz ähnliches Startkapital mitgegeben wird – genetisch (derselbe Vater) und soziologisch (als Einzelkinder alleinerziehender Mütter in der DDR) –, macht ihre Verschiedenartigkeit umso interessanter. Micks Lebensgeschichte trägt den Titel Der Mitreisende, die Gabriels Der Fremde. Der Klappentext spricht vom „Hedonisten“ einerseits und „Überperformer“ andererseits; ähnlich äußern sich auch die Rezensenten. Gabriel gilt als Karrierist und Workaholic, als strebsam, pünktlich, gewissenhaft und hyperkontrolliert, als „No-Bullshit-Typ“ und „deutscher Ingenieur“, der – „nahezu soziophob“ und „absoluter Smalltalk-Legastheniker“ – nur zielführende Gespräche sucht und nicht nur „überperformt“, sondern auch „überkompensiert“, indem er sich und sein Leben nach einem Bild modelliert, das die Stereotype, die ihm als „Schwarzem“ (vermeintlich) zugeschrieben werden, partout vermeiden will.[2][3][4] Mick hingegen erfüllt diese Klischees, seien sie berechtigt oder nicht, voll und ganz. Er ist sportlich, musikalisch, unbeschwert und unbedacht, ein Hallodri, Bruder Leichtfuß, Lebenskünstler und Frauentyp, ein „ewiges Kind“ und „Neunzigerjahre-Taugenichts“, ebenso egoistisch wie freigebig und sozial.[2][3][4]

Literarische Querverweise schärfen das Charakterbild der Protagonisten zusätzlich. Zadie Smiths Romanfiguren werden als mögliche Vorbilder für Mick ausgemacht, könnten doch beide, Smith wie Thomae, „überzeugend über halbstarke Bengel schreiben, die demnächst Ärger an den Hals bekommen“, und das ganz ohne „gouvernantenhaften Zeigefinger“, eher mit „leiser Belustigung“, die den Leser anstecke.[5] Für Gabriel wiederum habe möglicherweise Das deutsche Krokodil des mit Thomae befreundeten Ijoma Mangold Pate gestanden, worin der Autor erzählt, wie er sein Leben lang daran gearbeitet habe, „seinen Phänotyp durch Bildung und Habitus zu überschreiben“.[2] Beide Halbbrüder seien auch Prototypen für eine bestimmte Zeit, respektive das dafür kennzeichnende Lebensgefühl. So stehe Mick für die Ära der „großen, egalitären Party[s]“ im „billigen Berlin“ der 1990er Jahre samt ihrem ironischen Grundton. Gabriel dagegen sei „als ehrgeiziger, international erfolgreicher Mensch eher eine Figur der letzten beiden Jahrzehnte“.[6] Dass sie, bei aller Gegensätzlichkeit, auch mancherlei eint, bleibt ebenfalls nicht unerwähnt. Beiden sei eine „nerdige Fokussiertheit“ gemeinsam;[4] beide haben Bauberufe erlernt und üben sie aus, wie sporadisch auch immer (Mick); beide sind häufig unterwegs (Mick oft seinem spontanen Fluchtimpuls folgend, Gabriel stets planvoll); der eine bleibe Nomade (Flucht in Flow verwandelnd), der andere Monade.[3]

„Ich wollte unbedingt Männer haben“, kommentiert Thomae ihre Wahl der Protagonisten. Männliche Charaktere zu beschreiben habe ihr schon bei ihrem Debütroman, Momente der Klarheit, Vergnügen bereitet, und gerade das Feedback männlicher Leser habe ihr gezeigt, dass ihr das auch gelungen sei.[1] Für gelungen befindet die Literaturkritik aber auch die weiblichen Hauptfiguren in Brüder, aus deren Sicht ja ein beträchtlicher Teil der Handlung erzählt wird – seien es Delia, Fleur oder Monika (Micks Mutter), allesamt „eigensinnige, kluge Frauen“.[6] Eben diese Qualitäten bewahrt sich auch Gabriels und Fleurs Sohn Albert durch all seine Metamorphosen hindurch, die ihn zu einem „Meister der Mimikry und Jongleur der Vielfalt“ werden lassen;[3] ihm, dem alleinigen Vertreter der Kindergeneration der Protagonisten, Einzelkind wie sein Vater und sein Onkel, gehört nicht von ungefähr das Schlusskapitel des Romans, scheint er doch prädestiniert, die unvollendet bleibende Brüderschaft zwischen den Beiden vermitteln zu können.

Fiktionalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brüder [ist] eine fiktionale Geschichte“, stellt Thomae klar, „deren Protagonisten aber meine Brüder sein könnten.“[1] Das zielt auf den autobiografischen Kern ihres Romans. Auch Thomae ist eine Afrodeutsche, aufgewachsen als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter in der DDR, in Abwesenheit ihres aus Guinea stammenden Vaters, der 2014 „völlig überraschend“ in ihr Leben zurückgekommen sei. Sie habe kurz erwogen, ihren Roman an sein Leben anzulehnen, dies aber verworfen – um der „fiktionalen Freiheit“ willen.[1] Dass sie davon mit Gewinn Gebrauch gemacht hat, bestätigt ihr die Literaturkritik unisono: „vielfältige Episoden“, die ein „Höchstmaß an narrativer Kompetenz“ beweisen;[3] „eine Erzählung von einer solchen Spannweite, dass hinter der […] Gattungsbezeichnung Roman nicht das kleinste Fragezeichen steht“;[6] „beide, [Zadie] Smith wie Thomae, haben sich für das Prinzip des Erzählens entschieden und füllen ihre Bücher mit überbordenden, fiktionalen Biografien“.[5] – „Wer wirklich Geschichten erzählen will“, meint Thomae selbstbewusst, „braucht seine Biografie dafür gar nicht.“[1]

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman ist klar gegliedert. Die erste Hälfte gehört Mick und den 15 Jahren bis zum Millenniumswechsel, die zweite Gabriel und den gut 15 Jahren danach. Eindeutig untergeordnet sind zwei sehr viel kürzere, ergänzende Teile: ein zwischengeschaltetes Intermezzo, in dem ihr Vater Idris anlässlich einer Deutschland-Reise anno 2000 zu Wort kommt, und der abschließende Epilog, der Bezug nimmt auf Idris' Versuch, die „Familie“ 2017 in Paris zusammenzuführen. Beim Vergleich der beiden fiktionalen Biografien fallen drei formale Unterschiede ins Auge. Micks Lebensgeschichte wird auktorial erzählt, die andere abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Gabriel und Fleur; Micks Historie bewegt sich auf die Katastrophe zu, wogegen die von Gabriel mit ihr beginnt; folgerichtig wird die erste Biografie (wie auch die vier Teile insgesamt) im Wesentlichen chronologisch erzählt, während die zweite zahlreiche Rückblenden enthält.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Beiträge

Rezensionen

Gespräche

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Interview mit Jackie Thomae: Ich habe Erfahrung mit lästigen Fragen. In: Der Tagesspiegel, 2. September 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  2. a b c Tobias Becker: Steckt Deutschsein in den Genen oder im Kopf? In: Der Spiegel, 16. August 2019, abgerufen am 12. Januar 2020.
  3. a b c d e Anne Amend-Söchting: Flucht und Flow vs. Kampf und Kompensation. In: literaturkritik.de, Oktober 2019, abgerufen am 12. Januar 2020.
  4. a b c Marie Schmidt: Eine große deutsche Neuigkeit. In: Süddeutsche Zeitung, 14. Oktober 2019, abgerufen am 12. Januar 2020.
  5. a b Andrea Diener: Keine Trommeln zu mögen reicht nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 2019, abgerufen am 12. Januar 2020.
  6. a b c Juliane Liebert: Das Glück lauert an der Ecke. In: Die Zeit, 25. September 2019, abgerufen am 12. Januar 2020.