Breitenlee

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Breitenlee
Wappen Karte
Das Wappen von Breitenlee
Donaustadt lage breitenlee.png

Breitenlee war bis 1938 eine eigenständige Gemeinde in Niederösterreich und ist heute ein Bezirksteil des 22. Wiener Gemeindebezirks (Donaustadt) sowie eine der 89 Wiener Katastralgemeinden.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Breitenlee (oben) und seine bereits nach Wien eingemeindeten Nachbarorte auf einem Stadtplan aus dem Jahr 1912

Breitenlee liegt im Marchfeld und grenzt im Norden an den Bezirksteil Süßenbrunn und die niederösterreichische Gemeinde Aderklaa, im Osten an den Bezirksteil Essling, im Süden an den Bezirksteil Aspern und im Westen an den Bezirksteil Hirschstetten. Die Katastralgemeinde erstreckt sich über ein Gebiet von 1007,47 ha.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Breitenlee wurde 1160 als „Preitenle“ erstmals urkundlich erwähnt. Durch einen Schirmbrief Herzog Leopolds VI., des Glorreichen, kam das Dorf im Jahre 1200 an das Schottenstift als Grundherrn. 1258 zählte Breitenlee 28 Bauernlehen, den Zehent teilten sich der Fürstbischof von Passau, das Schottenstift, das Chorherrenstift St. Dorothea und der Landesfürst. Die Kuruzen und Türken fügten dem Dorf starke Schäden zu. 1529 wurden im Zuge der ersten Wiener Türkenbelagerung alle Einwohner von Breitenlee getötet.

Breitenleer Pfarrkirche

Es dauerte 165 Jahre, bis das Schottenstift durch den Verkauf wenig ertragbringender Güter das Dorf wieder aufbauen konnte. Schottenabt Sebastian Faber erstellte 1694, nach der zweiten Wiener Türkenbelagerung, einen genauen Plan zum Wiederaufbau, wobei die Höfe im Stile der Barockzeit nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet wurden und der 1698 errichtete Gutshof des Schottenstiftes den Mittelpunkt bildete. Die Breitenleer Pfarrkirche, die der Heiligen Anna gewidmet wurde, errichtete man in den Jahren 1697–1699. Als einzige im Marchfeld erhielt die im ländlich-barocken Stil erbaute Kirche zehn Meter hohe Türme. 1696 wurde das Bestandswirtshaus der Schotten gegenüber der Kirche mit dem Namen Lindenhof gegründet.

Da die umliegenden Pfarren um ihre Rechte fürchteten, blieb Breitenlee lang der einige Kilometer weiter nördlich gelegenen Pfarre Gerasdorf zugeordnet. Auf dem 1807 errichteten Kirchenfriedhof wurden die Geistlichen des Schottenstiftes begraben. Im Jahre 1818 erhielt Breitenlee sein erstes Schulhaus, das 1898 ausgebaut und 1967/1968 neuerlich erweitert wurde.

1904/1905 wurden die Gemeinden Floridsdorf, Jedlesee, Großjedlersdorf, Donaufeld, Leopoldau, Kagran, Hirschstetten, Aspern, Stadlau und Teile von Breitenlee nach Wien eingemeindet und zum neuen 21. Bezirk, Floridsdorf, zusammengefasst. 1920 wurde Wien eigenes Bundesland und zählte seither nicht mehr zu Niederösterreich.

Als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, trennte das NSDAP-Regime mit Wirkung vom 15. Oktober 1938 Aspern, Hirschstetten und Stadlau vom 21. Bezirk ab und bildete gemeinsam mit dem schon 1904 eingemeindeten und dem bis 1938 noch selbstständigen Teil Breitenlees sowie mit Essling, Süßenbrunn und 15 weiteren Marchfeldgemeinden den riesigen 22. Bezirk, Groß-Enzersdorf, einen Teil des neuen nationalsozialistischen Groß-Wien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen 15 Marchfeldgemeinden 1954 wieder an Niederösterreich zurück, Breitenlee und einige andere Bezirksteile bildeten mit Kaisermühlen und Kagran den neuen 22. Bezirk, Donaustadt, mit gegenüber dem bisherigen 22. Bezirk stark veränderten Grenzen.

Breitenlee Verschiebebahnhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verkehrsstelle Breitenlee Verschiebebahnhof wurde zwischen der Laaer Ostbahn, der Nordbahn sowie dem Marchegger Ostbahn errichtet.

Der größte Verschiebebahnhof im Raum Wien war ohne Ausfahrgleise rund 4 km lang und bis zu 500 m breit.

Das heutige Ende der Bahnstrecke an der Oleandergasse. Oben: 1985, unten: 2017

Seine nordwestliche Ausfahrt bildeten eine Schleife zur Nordbahn Richtung Floridsdorf und eine zweite zur Ostbahn (dort Verkehrsstelle Breitenlee Nordabzweigung) Richtung Laa an der Thaya sowie zur Nordbahn Richtung Gänserndorf. Seine südöstliche Ausfahrt bildeten eine Schleife zum Marchegger Ast Richtung Stadlau und eine zweigleisige Schleife zum Marchegger Ast Richtung Marchegg (Grenze zur Slowakei). Im Gleisdreieck befand sich die Verkehrsstelle Breitenlee Südabzweigung.[1]

Die Zulaufstrecken vom Bahnhof Leopoldau (Nordbahn), Bahnhof Süßenbrunn-Entseuchung (Laaer Ostbahn) sowie der zweigleisigen Südabzweigung von der Marchegger Ostbahn (Welt-Icon) bestanden offiziell vom 1. Dezember 1916 (Eröffnung) bis 15. Mai 1926 (Betriebseinstellung).[2] Die eingleisige Südabzweigung von der Marchegger Ostbahn Richtung Bahnhof Stadlau (Welt-Icon) wurde am 7. November 1917 eröffnet und am 15. Mai 1926 stillgelegt.[3]

Breitenlee Verschiebebahnhof wurde 1912–1914 von den k.k. österreichischen Staatsbahnen (k.k.StB.) geplant. Der Bau konnte allerdings erst einige Zeit nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnen, nachdem spürbare Kapazitätsengpässe der Bahnanlagen im Wiener Raum im Zuge der Transportbewegungen bei Kriegsbeginn das k.u.k. Militär von der Notwendigkeit der Unterstützung des Projekts überzeugt hatten. Als Ersatz für die fehlenden zivilen Arbeitskräfte erhielten die von den Staatsbahnen beauftragten Bauunternehmen bis 1918 serbische, russische und italienische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter zugeteilt. Ab 1916 erfolgte die Inbetriebnahme einzelner Bauabschnitte. Im Ersten Weltkrieg hatte der Bahnhof große Bedeutung für Truppen- und Materialtransporte.

Nach 1918 liefen die Bauarbeiten mit zivilen Kräften fast nahtlos weiter, wurden aber 1922 im Zuge der staatlichen Budgetkonsolidierung zur Bekämpfung der Inflation aus Geldmangel eingestellt, als das Projekt zu etwa zwei Dritteln realisiert war. Einige Jahre später wurde der Bahnhof als Verschiebebahnhof stillgelegt, da er wegen der unvollendeten Gleis-, Heizhaus-, Werkstätten- und Stellwerksanlagen und der reduzierten Verkehrsströme Richtung Norden und Osten nach damalig – kurzsichtigem – Ermessen nicht wirtschaftlich betrieben werden konnte. Vor 1930, mit Beginn der Weltwirtschaftskrise, wurde die Demontage der vorhandenen Gleisanlagen zur Gewinnung von Schienen- und Baumaterial vorangetrieben. 1928 waren im Bereich des ehemaligen Hauptdienstgebäudes 38 obdachlose Familien von Dienstnehmern der Bahnverwaltung untergebracht.[4] Nach 1945 dienten die immer kleineren Gleisanlagen praktisch nur mehr zum Abstellen überzähliger Schienenfahrzeuge und als Anschlussgleise für einige inzwischen auf dem Areal angesiedelten Betriebe. Heute (2017) bestehen durchgehend bis auf Höhe der Oleandergasse Gleisreste, ausschließlich befahrbar von der Laaer Ostbahn aus.

Das ehemalige Bahnhofsareal (90,31 Hektar)[5] stellt heute das wichtigste Naturbiotop (1999: Stadtwildnisfläche)[5], einen zusammenhängenden Komplex aus Trockenrasen, Gehölzen und naturnahen Teichen, in Wien zwischen Bisamberg und Lobau dar.[6] Hier wachsen in Österreich gefährdete und teilweise vom Aussterben bedrohte Arten wie der Spät-Bitterling (Blackstonia acuminata), die Spatzenzunge (Thymelaea passerina), die hier ihr in Wien größtes Vorkommen hat, der Acker-Schwarzkümmel (Nigella arvensis), das Salz-Tausendguldenkraut (Centaurium littorale), das Ästig-Leinblatt (Thesium ramosum) und das Haar-Pfriemengras (Stipa capillata). Der Ost-Sesel (Seseli campestre), der in Österreich überhaupt nur hier und im Marchfeld auftritt, ist ein Neubürger aus Osteuropa. Auch der Hanf-Eibisch (Althaea cannabina) ist ein sehr selten auftretender Neophyt. Während der Errichtung des Verschiebebahnhofs wurde der sogenannte Kellerberg, eine mächtige Sanddüne, abgetragen. Reste des Kellerbergs sind noch östlich der Oleandergasse als Bodenformen erkennbar. Die xerophile Flora des ehemaligen Kellerbergs dürften für die heutige bemerkenswerte Trockenvegetation hauptverantwortlich sein.[7][8]

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Breitenlee ist heute ein Stadtteil mit beträchtlichen Flächen für den Siedlungsbau kommender Jahrzehnte. Zudem ist Breitenlee die größte „Bauerngemeinde“ Wiens, in der auch viele aus Kagran abgesiedelte Gärtner neue Anbauflächen gefunden haben.

Die Breitenleer Straße führt westwärts zur gleichnamigen Abfahrt der Nordrand-Schnellstraße S2, die mit der Nordautobahn A5 und der Wiener Südosttangente A23 verbunden ist, und zur gleichnamigen Haltestelle der Laaer Ostbahn, die derzeit von Personenzügen nicht bedient wird. Südlich des Ortes, durch die Hausfeldstraße verbunden, befindet sich die nach der Straße benannte Haltestelle der Marchegger Ostbahn, wo Richtung Stadtzentrum Regional- und Regionalexpresszüge (je einer pro Stunde) über Simmering (U3) nach Wien Hauptbahnhof und Richtung Osten Regional- und Regionalexpresszüge (je einer pro Stunde) nach Marchegg halten; die stündlichen Regionalexpresszüge fahren bis Bratislava weiter.

Breitenlee besitzt wie das nördlich angrenzende Süßenbrunn nach wie vor eine Freiwillige Feuerwehr; sie wurde 1880 gegründet. (Alle anderen früheren Freiwilligen Feuerwehren im Gebiet der Stadt Wien haben sich längst aufgelöst bzw. sind in der Berufsfeuerwehr Wien aufgegangen.)

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Emil Kuntner (1902–1999), Hauptschuldirektor und Politiker

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hellmuth Fröhlich: Vergessene Schienen. In: Eisenbahn. Fachbeilage „Die Modelleisenbahn“. 21. Jahrgang, Minirex, Luzern 1968, ISSN 1421-2900, ISSN 0013-2756, OBV:
    • 27. Jedlersdorf–Leopoldau–Breitenlee Vbf., S. 162,
    • C. Gleisschleifen und Verbindungsgleise, S. 179 f.
  • Sepp Snizek, ARGE Vegetationsökologie: Sicherung des Verschiebebahnhofes Breitenlee als Geschützter Landschaftsteil. Bericht. MA 22 Referat 3, Wien 1999. – Volltext online (PDF; 1,6 MB).
  • Birgit Trinker, Michael Strand: Wiener Bezirkshandbücher. 22. Bezirk – Donaustadt. Pichler Verlag, Wien 2001, ISBN 3-85431-231-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Breitenlee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eisenbahn- und Schiffahrtskarte der Republik Österreich, Hrsg. Kartographisches, früher Militärgeographisches Institut, Wien 1922
  2. Fröhlich: Vergessene Schienen, S. 162 sowie S. 179.
  3. Fröhlich: Vergessene Schienen, S. 180.
  4. Ruinen vor der Großstadt. Wie die Eisenbahner von Breitenlee wohnen müssen. In: Das Kleine Blatt, Nr. 207/1928 (II. Jahrgang), 27. Juli 1928, S. 6. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/dkb.
  5. a b Snizek: Sicherung des Verschiebebahnhofes Breitenlee, S. 1.
  6. Information der Stadt Wien (PDF-Datei; 4,69 MB)
  7. a b c d e f M.A. Fischer, K. Oswald, W. Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. Dritte Auflage, Land Oberösterreich, Biologiezentrum der OÖ Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9
  8. wien.gv.at – Studie über die Schutzwürdigkeit des Areals (PDF-Datei, 218 kB) (Memento vom 11. November 2013 im Internet Archive)
  9. Wolfgang Adler, Alexander Ch. Mrkvicka (Hrsg.): Die Flora Wiens - gestern und heute. Die wildwachsenden Farn- und Blütenpflanzen in der Stadt Wien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende, Wien 2003, S. 16ff, ISBN 978-3900275969

Koordinaten: 48° 15′ N, 16° 30′ O