Bremer BAMF-Affäre

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Ehemaliges Vulkan-Verwaltungs­gebäude in Bremen-Vegesack; seit November 2016 „Ankunftszentrum für Flüchtlinge“ im Land Bremen und unter anderem Sitz der Bremer Außenstelle des BAMF.

Die Bremer BAMF-Affäre steht seit Frühjahr 2018 im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dabei geht es um mögliche Straftaten im Zusammenhang mit Asylanträgen, die in der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entschieden wurden, die organisatorische, personelle und rechtliche Mängel auch in der Zentrale des BAMF deutlich machen.

Bremer Außenstelle des BAMF[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personell wurde die Außenstelle des BAMF im Bundesland Freie Hansestadt Bremen bis Mitte 2017 etwa 23 Jahre lang geleitet durch Ulrike Bremermann, zuletzt Regierungsdirektorin. Nach ihrer disziplinarischen Ablösung wurde Josefa Schmid im Januar 2018 kommissarisch mit der Leitung beauftragt. Ihre Rückversetzung nach Bayern wurde am 9. Mai 2018 bekannt, am 23. Mai 2018 ordnete Bundesinnenminister Seehofer an, dass in der Bremer Außenstelle bis auf weiteres keine Asylverfahren mehr entschieden werden dürfen.

Räumlich befand sich die Außenstelle des BAMF im Land Bremen früher über Jahrzehnte in einem vormaligen Bürogebäude in Bremen-Habenhausen, Steinsetzer Straße 12. An diesem Standort war bereits im selben Gebäude auch die Zentrale Aufnahmestelle (ZASt) des Landes Bremen untergebracht.[1]

Seit November 2016 befindet sich die Bremer Außenstelle des BAMF in Bremen-Nord, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der früheren Großwerft Bremer Vulkan (1893–1997) in Bremen-Vegesack, Lindenstraße 110. Das Vulkan-Verwaltungsgebäude wurde 1975 erbaut, stand nach der Insolvenz der Werft 1997 zeitweise leer und wurde von November 2015 bis Oktober 2016 saniert und teilweise umgebaut. Das Gebäude hat eine Netto-Grundrissfläche von 18.900 Quadratmeter. Seit November 2016 dient es als „Ankunftszentrum für Flüchtlinge“ im Land Bremen und ist seitdem Sitz von folgenden Institutionen:[1]

  • Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
  • Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) des Landes Bremen
  • Zentrale Aufnahmestelle (ZASt) des Landes Bremen
  • Gesundheitsamt (Außenstelle des Bremer Gesundheitsamtes)

Am neuen Standort waren in der BAMF-Außenstelle zunächst 60 Mitarbeiter beschäftigt.[1] Im Mai 2018 verfügte die Bremer Außenstelle des BAMF über rund 50 Mitarbeiter.[2]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Ulrike Bremermann waren bereits 2014 Beschwerden in Nürnberg eingegangen, weil sie unter anderem überraschend zwei abgelehnten Irakern zur Anerkennung als Flüchtlinge in Deutschland verholfen hatte. Im Sommer 2015 trug Ulrike Bremermann an einem Sonntag über das Computersystem weitere 25 Iraker ein, die eigentlich bereits in Österreich Asyl beantragt hatten, und erreichte so, dass sie in Deutschland bleiben konnten.[3]

Nach Recherchen der Nürnberger Nachrichten und Frontal 21 war der frühere BAMF-Leiter Frank-Jürgen Weise bereits im Sommer 2016 über die Missstände in Bremen informiert worden.[4] So sandte der niedersächsische Regionspräsident Hauke Jagau im Sommer 2016 eine Mail an Weise: Ein Abschiebeversuch sei durch die nicht zuständige Außenstelle in Bremen abgebrochen worden. Zwei Wochen später bekam Jagau eine Mail. Weise ließ darin einen Mitarbeiter den Eingang von Jagaus Schreibens bestätigen. Die Sachverhalte verlangten „tiefergehende Untersuchungen, die bereits eingeleitet wurden“. Wegen der „Bedeutung der Angelegenheit“ könne eine Untersuchung allerdings „etwas dauern“.[5]

Auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius habe, nachdem er im August/September 2016 von Unregelmäßigkeiten erfahren hatte, einen Brief an das BAMF geschrieben, der aber unbeantwortet geblieben sei. Pistorius sprach zugleich von Kommunikationsproblemen sowohl beim BAMF als auch im Bundesinnenministerium.[6] Hintergrund war ein Fall, bei der die Bremer Außenstelle einer Familie Asyl gewährt hatte, nachdem sie Niedersachsen hatte abschieben wollen.

Im Juni 2017 erreichte die Führungsebene des Bundesamts eine weitere Brandmail eines leitenden Beamten der Bremer Außenstelle. In dieser wies er auf Vorgänge mit „extremer Brisanz“ hin. Die E-Mail ging an Rudolf Knorr, Leiter operativer Bereich, Controlling und Statistik der Behörde. Die Behörde müsse dringend handeln, forderte der Bremer Beamte, Belege für das Treiben könnten bereits gelöscht worden sein.[7] Obwohl immer wieder auch bei der BAMF-Leitung Hinweise über die Bremermann eingingen, erstattete die Behörde erst im November 2017 Strafanzeige. [8]

Während der Bundeskanzlerin Angela Merkel die generelle Überforderung der Asyl-Behörde durch persönliche Gespräche mit dem von Beauftragten für Flüchtlingsmanagement Frank-Jürgen Weise im März und Mai 2017 bekannt waren,[9] hatten Bundesinnenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Bundesinnenminister Horst Seehofer wochenlang nicht über den Bremer Asylskandal informiert, obwohl sie interne Informationen darüber hatten. Die Präsidentin Jutta Cordt setzte ihren obersten Dienstherrn Seehofer offensichtlich nicht einmal während dessen Antrittsbesuchs beim BAMF am 6. April 2018 in Kenntnis. Denn Seehofer lobte das Bundesamt an diesem Tag ausdrücklich für seine „hervorragend geleistete Arbeit“.[10]

Der Verantwortliche für das Bundesamt im Innenministerium, der Leiter der Abteilung für Migration, Flüchtlinge und Rückkehrpolitik, Ministerialdirektor Norbert S. will erst am 19. April 2018 von dem Bremer Vorgang Kenntnis am selben Tag wie der überraschte Seehofer erlangt haben. Der Bericht der Innenrevision des Bamf war dem Ministerium zwar bereits vor Wochen übermittelt worden. Allerdings ging er nicht an die Abteilung für Migration, sondern an die Zentralabteilung des Ministeriums.[11]

In der BAMF-Außenstelle tauchte ein gefälschter Bescheid aus Bremen auf. Der stellvertretende Referatsleiter in Bremen verfasste im Oktober 2017 einen internen Bericht und sprach von einer „so perfekten Fälschung“, dass er fürchte, dass „der Täter aus den Reihen des BAMF“ stamme. Eine Strafanzeige wurde gestellt.[12]

Josefa Schmid, seit Januar 2018 Leiterin der Außenstelle, schickte im April 2018 einen Bericht ans Bundesinnenministerium, in dem sie von mindestens 3332 unzulässigerweise in Bremen bearbeiteten Asylanträgen schrieb.[13] Schmid gab der BAMF-Zentrale eine Mitverantwortung für die mutmaßlich illegalen Machenschaften ihrer Vorgängerin Bremermann und weiterer Personen. Sie äußerte den Verdacht, dass die Zentrale in den Fall verwickelt sein könnte, da über Jahre die Leitung des BAMF nicht auf Hinweise von Mitarbeitern reagierte.

Am 8. Mai 2018 wurde Schmid in die Außenstelle Deggendorf zurückversetzt. Da der Personalrat nicht beteiligt wurde, war die Versetzung formal rechtswidrig. Jedoch scheiterte Schmid am 9. Mai mit dem Antrag, die Versetzung durch das Verwaltungsgericht Bremen einstweilen untersagen zu lassen, weil ihr keine schweren und unzumutbaren Nachteile drohten. Sie legte beim Oberverwaltungsgericht Bremen Beschwerde ein.[14][15] BAMF-Insider sprachen von einer Strafversetzung wegen allzu deutlicher und kritischer Worte gegen die Leitung des BAMF. Am 27. Juni entschied das Bremer Oberverwaltungsgericht, dass die Versetzung weder auf sachwidrigen Gründen noch auf einer unzureichenden Abwägung der Belange Schmids beruhe.[16]

Beschuldigte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bremer Staatsanwaltschaft wirft Ulrike Bremermann, „der ehemaligen Leiterin der Bremer BAMF-Dienststelle vor, zusammen mit den auf Asylrecht spezialisierten Anwälten, einem Dolmetscher und einem weiteren Beschuldigten bandenmäßig Asylantragsteller nach Bremen gelotst und dort mit zu Unrecht erteilten Bleibegenehmigungen ausgestattet zu haben.“[17]

Die 2017 suspendierte Oberregierungsrätin Bremermann (57 Jahre alt) soll in rund 2000 Fällen von 2013 bis 2017 aussichtslose Asylverfahren an sich gezogen und zu einem für die Antragsteller positiven Abschluss gebracht haben.[18] Sie wird durch den Rechtsanwalt Johannes Eisenberg vertreten.

Als beschuldigte Anwälte werden Holger Sch. aus Bremen (55), ehemals Lebenspartner von Bremermann, der Jeside Irfan C. (39) aus Hildesheim und Cahit T. (41) aus Oldenburg genannt.[19]

Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchungen durch die Staatsanwaltschaft Bremen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Staatsanwaltschaft ermittelt (bis dato) gegen die frühere Leiterin, Ulrike Bremermann, ihren Stellvertreter, fünf weitere Mitarbeiter der Außenstelle, drei Rechtsanwälte, einen Dolmetscher und einen „Vermittler“.[20][21][22][23]

Das Smartphone von Ulrike Bremermann wurde abgehört.[24]

Am 20. April 2018 durchsuchten Ermittler die Privatwohnung der ehemaligen Leiterin der Bremer Außenstelle des Bundesamts Ulrike Bremermann wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit und bandenmäßige Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragsstellung in rund 2000 Fällen von 2013 bis 2017, da sie aussichtslose Asylverfahren an sich gezogen und zu einem für die Antragsteller positiven Abschluss gebracht haben soll.[18]

Innenrevision des BAMF[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwar machte ein Bericht der Innenrevision des BAMF vom 11. Mai 2018 geltend, dass die Bremer Außenstelle von 1371 untersuchten Asylverfahren aus den Jahren 2013 bis 2017 lediglich für 142 Fälle zuständig gewesen wäre. Auch sei es bei diesen Verfahren zu „schwerwiegenden Fehlern“ gekommen. In 54 Prozent der Bremer Entscheidungen habe kein zulässiger Antrag vorgelegen. Vorschriftswidrig sei rund 40 Prozent der Fälle die Identität der Asylbewerber nicht geklärt worden. Viele Verfahren seien „formell und materiell als fehlerhaft zu bewerten“. Man habe massiv gegen geltendes Recht, sicherheitsrechtliche Vorgaben und innerbetriebliche Anweisungen verstoßen und ohne ausreichende Grundlage Asyl gewährt. So habe die frühere Behördenleiterin „Akten aus diversen Ablagen geholt“, um die Anträge „im Sinne der beteiligten Rechtsanwälte zu bescheiden“. Insbesondere bei syrischen und irakischen Antragstellern sei die Identität nicht geprüft worden, obwohl es Hinweise gegeben habe, dass es sich um türkische Staatsangehörige beziehungsweise um „auffällig gewordene Clan-Mitglieder“ gehandelt habe.[25][26][27][28][29]

Kurz darauf mussten aber wesentliche Teile des Revisionsberichts zu Gunsten der Außenstelle Bremen korrigiert werden:[30] Das BAMF räumte ein, die Bremer Außenstelle sei „zeitweise für Antragstellende aus anderen Zuständigkeitsbereichen zuständig“ gewesen. Dies sei der internen Revision „zum Zeitpunkt der Prüfung nicht bekannt“ gewesen. Deutlich nach unten korrigiert wurde auch die Zahl und Art der Auffälligkeiten: In 975 der 1336 Fälle habe man lediglich „formelle Fehler“ gefunden, zweifle aber nicht das Ergebnis der Entscheidungen an. In 578 Fällen von 1336 untersuchten Bescheiden sei der Bescheid seinerzeit rechtmäßig gewesen, wegen inzwischen erfolgter Änderung der Sach- oder Rechtslage sei aber ein Widerruf geboten.

Falsch war auch die Angabe im Bericht der Innenrevision, weitere Mitarbeiter sowie der stellvertretende Referatsleiter würden von der Staatsanwaltschaft Bremen als "Beschuldigte" eingestuft. Die Staatsanwaltschaft korrigierte, bislang werde lediglich die ehemalige Amtsleiterin beschuldigt.

Prüfung des Bundesamtes für Verfassungsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einer Prüfung des Bundesamtes für Verfassungsschutz stellte sich heraus, dass von der Außenstelle Bremen seit dem Jahr 2000 von insgesamt 18000 positiven Asylbescheiden mindestens 115 nachrichtendienstlich relevanten Personen Asylstatus gewährt wurde. Diese Personen werden nachrichtendienstlich überwacht. Eine von ihnen wird derzeit als Gefährder eingestuft, und eine weitere Person gehört zum islamistischen Spektrum. Die genauen Gründe der Überwachung der anderen Personen sind nicht im einzelnen bekannt. Es ist möglich, dass einige der Personen nicht selbst des Extremismus verdächtigt werden, sondern mit verdächtigen Personen in Kontakt stehen. Es ist weiterhin nicht bekannt, in wie vielen der Fälle die Überwachung oder der Grund der Überwachung zur Zeit des Asylbescheides bereits bestand.[31]

Bundespolizei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Mai 2018 nahm die Bundespolizei in der Asylaffäre Ermittlungen im Rahmen einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe auf, der auch die Zentrale Antikorruptionsstelle (ZAKS) und das Landeskriminalamt Bremen angehören.[32]

Überprüfung von weiteren Außenstellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Folge zog die Affäre um unrechtmässige Aufenthaltsbescheide für Flüchtlinge weitere Kreise. Nach der Bremer Außenstelle des BAMF sollen nun Entscheidungen von zehn weiteren Außenstellen der Behörde durchleuchtet werden. Es sind dies Bonn, Dortmund, die inzwischen aufgelöste Stelle in Bad Berleburg, Diez, Bingen, Schweinfurt, Rendsburg, Zirndorf, Neustadt (Hessen) und Eisenhüttenstadt.

Auffällig war bei den zu untersuchenden Standorten die vom Bundesschnitt abweichende sogenannte Schutzquote, die über dem Durchschnitt, der sogenannten Referenzschutzquote lag.[33][34][35]

Sondersitzungen des Innenausschusses des Bundestags[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der ersten Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestages am 29. Mai 2018 wurden BM des Innern, für Bau und Heimat Horst Seehofer und die derzeitige BAMF-Leiterin Jutta Cordt zu den Vorgängen in Bremen befragt. In einer zweiten Sondersitzung des Innenausschusses am 8. Juni 2018 wurden der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats des BAMF, Rudolf Scheinost, BAMF-Chefin Jutta Cordt und ihre beiden Vorgänger Frank-Jürgen Weise und Manfred Schmidt gehört. Die Sitzungen des Innenausschusses fanden hinter verschlossenen Türen statt, so dass nur spärliche, dennoch sehr kennzeichnende Informationen an die Öffentlichkeit drangen.

Während etwa Frank-Jürgen Weise durchgängig an seiner Version eines kriminellen Einzelfalls festhielt, soll Rudolf Scheinost der Bild-Zeitung zufolge vor dem Ausschuss erklärt haben, die Zustände in der Bremer Außenstelle hätten innerhalb des BAMF keineswegs einen Einzelfall dargestellt: „Bremen ist in jeder Außenstelle“. Scheinost unterstrich die „strukturellen Mängel“ beim BAMF und legte dar, wie überfordert die Behörde durch den überhasteten Ausbau bei gleichzeitig unrealistischen Vorgaben für die Beschleunigung der Bearbeitung von Asylanträgen in der Hochphase der Flüchtlingskrise 2015/16 gewesen sei. Weise habe, laut Scheinost, die BAMF-Entscheider dazu angehalten, „Schnelligkeit über Sorgfalt und Qualität“ zu stellen.

Für die Mitarbeiter wären Zustände wie in Bremen eher der Normalfall, und es gebe in anderen Außenstellen des BAMF genau solche Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen wie in der umstrittenen Bremer Dienststelle.[36][37][38][39][40][41]

In der dritten – wieder nicht öffentlichen - Sondersitzung des Innenausschusses am 15. Juni 2018 wurden die ehemaligen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Thomas de Maizière (CDU) und der frühere Kanzleramtsminister und Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier (CDU) gehört. In die Amtszeit de Maizières (2013 bis 2018) fiel die Zeit der drastisch steigenden Flüchtlingszahlen. Maizière erklärte, er sei mit den Missständen bei der Bremer Außenstelle des BAMF nicht befasst gewesen. „Selbstverständlich trage ich als Innenminister für alle Vorgänge, die während meiner Amtszeit in meinem Geschäftsbereich stattgefunden haben, die volle politische Verantwortung.“ Und: "Alle wussten, wie schwer das ist beim BAMF, und alle wollten schnelle, schnelle, schnelle Entscheidungen. Dass das Probleme macht, war auch damals allen klar. Das sollte heute nicht vergessen werden."[42][43][44]

Der ehemalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), (Innenminister von 2011 bis 2013) erwiderte auf Kritik hinsichtlich personeller und struktureller Mängel, mangelnder Vorbereitung auf die große Anzahl an zu bearbeitenden Fällen des BAMF schon im Vorfeld der Flüchtlingsflut 2015/16: „Es war 2013 und während meiner Amtszeit völlig außerhalb jeder Vorstellungskraft, dass es tatsächlich einmal eine Bundesregierung geben könnte, die unter Rückweisung von Dublin-Abkommen und Ausserachtlassung aller deutschen und europäischen Gesetze das Land mit hunderttausenden von Flüchtlingen fluten würde. Und das war 2013 am Ende meiner Amtszeit nicht absehbar.“[45] „Es war damals nicht absehbar, dass 2015 tatsächlich eine solche politische Fehlleistung mit so verheerenden Auswirkungen getroffen würde ... Und die Folgen sind heute noch spürbar. Wir leiden immer noch darunter.“ [46]

Ermittlungen (auch) gegen Flüchtlinge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Juni 2018 wurden die Ermittlungen der Polizei auch auf Flüchtlinge ausgeweitet. Vom Landeskriminalamt Bremen soll eine etwa fünfzig Beamte umfassende Ermittlungsgruppe „Antrag“ aufgebaut werden, der auch Bundespolizisten angehören sollen.

Die Gruppe soll nicht allein gegen die frühere Leiterin der BAMF-Außenstelle Bremen Bremermann, mehrerer andere Mitarbeiter, Anwälte und Dolmetscher ermitteln, sondern auch gegen Flüchtlinge. Es geht um strafrechtlich relevante Fälle, in denen die Antragsteller falsche Angaben zu ihren Personalien gemacht haben, oder Zweifel an deren Richtigkeit bestehen, oder aber gefälschte Papiere vorgelegt wurden.

Laut (dem oben schon erwähnten) Bericht der Innenrevision des BAMF wurden bei 553 von 1371 untersuchten Bremer Fällen die Staats- und Volkszugehörigkeit der Asylbewerber nicht geklärt, in 439 Fällen wurden Fingerabdrücke gar nicht oder erst verspätet abgenommen.

Anstehende Ermittlungsverfahren sollen an die Bundesländer abgegeben werden, in denen die jeweiligen Flüchtlinge wohnen.[47][48][49]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reaktion des Bundesinnenministers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 23. Mai 2018 verbot Bundesinnenminister Horst Seehofer der Bremer Außenstelle, Asylentscheidungen zu treffen. Das Verbot gilt bis zum vollständigen Abschluss des Ermittlungsverfahrens und der laufenden Überprüfungen.[50]

Am 29. Mai 2018 entschuldigte sich Bundesinnenminister Horst Seehofer „namens der Bundesregierung“ bei der Bevölkerung für die Vorgänge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bremen. Es handele sich um einen „handfesten, schlimmen Skandal“, sagte Seehofer nach über fünfstündigen Beratungen des Bundestags-Innenausschusses. [51]

Am 15. Juni 2018 entließ der Bundesinnenminister Horst Seehofer Präsidentin Cordt aufgrund der BAMF-Affäre aus ihrem Amt.[52]

Weitere Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Lindner, Bundestagsfraktion FDP, erklärte Anfang Juni 2018 gegenüber der BILD: „Die Summe der Ungereimtheiten macht einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss immer nötiger.“[53] Die Fraktion reichte einen entsprechenden Antrag ein.[54]

Die Meinung artikulierte auch Otto Schily (SPD); Sigmar Gabriel (SPD) ist wiederum dagegen.[55]

64 Prozent der Deutschen befürworten die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der Vorgänge laut einer Umfrage des ZDF-Politbarometers Anfang Juni 2018.[56]

Die taz schrieb im Mai 2018 über die Affäre: „Ulrike B. verdient Auszeichnungen“.[57]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Die Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport: Ehemaliges Vulkan-Verwaltungsgebäude wird zum Ankunftszentrum für Flüchtlinge. In: senatspressestelle.bremen.de. 4. November 2016, abgerufen am 13. Juni 2018 (Pressemitteilung).
  2. felt/dpa/KNA: Nach Seehofer-Erlass: 50 Bremer Bamf-Mitarbeiter drehen Däumchen. In: rp-online.de. 24. Mai 2018, abgerufen am 13. Juni 2018.
  3. Hubert Gude, Wolf Wiedmann-Schmidt: Beamter alarmierte Bamf schon vor vier Jahren. In: Spiegel Online, 11. Mai 2018
  4. Ex-BAMF-Chef Weise schon 2016 informiert. In: zdf.de, 22. Mai 2018
  5. „Gehen Sie geräuschlos vor“: Die pikante BAMF-Ansage. Zentrale in Nürnberg wurde immer wieder auf den Bremer Skandal hingewiesen. In: Nürnberger Nachrichten, 21. Mai 2018
  6. Asyl-Affäre Pistorius: BAMF muss rasch auf Vordermann gebracht werden. In: Deutschlandfunk, 23. Mai 2018
  7. Hubert Gude, Wolf Wiedmann-Schmidt: BAMF-Spitze bekam Brandmail aus Bremen. In: Spiegel Online, 10. Mai 2018
  8. Untersuchungsausschuss zum BAMF-Skandal. Die zaudernde Opposition. In: Spiegel Online, 26. Mai 2018
  9. Ex-Bamf-Chef wies Merkel 2017 auf Überforderung der Asyl-Behörde hin Focus vom 03.06.2018
  10. Seehofer lief beim Bamf-Skandal ins Messer FAZ 23. Mai 2018
  11. Aufklärung der Bamf-Affäre : Vielleicht verantwortlich 15.Juni 2018.
  12. Gefälschter Asylbescheid kam offenbar aus BAMF. In: NDR, 15. Juni 2018
  13. Andrea Dernbach: Flucht und Ausflucht in der Bremer Außenstelle. In: Tagesspiegel, 11. Mai 2018
  14. Nach Deggendorf versetzt. In: Süddeutsche.de, 10. Mai 2018
  15. Josefa Schmid kämpft weiter vor Gericht gegen Versetzung im BAMF. In: pnp.de, 14. Mai 2018
  16. Versetzung rechtmäßig - Ex-Bremer Bamf-Chefin Josefa Schmid scheitert vor Gericht. Focus Online, 29. Juni 2018, abgerufen am 29. Juni 2018.
  17. Wie der Bamf-Skandal ins Rollen kam. In: Süddeutsche Zeitung, 8. Juni 2018
  18. a b Staatsanwaltschaft Bremen: Pressemitteilung Nr. 3/2018. 20. April 2018
  19. Ermittlungen gegen 2000 Antragsteller Skandal um Asyl-Betrug weitet sich aus. In: BILD, 22. April 2018
  20. Bamf-Affäre. Bundesamt ermittelt auch gegen Vizechef in Bremen. In: Spiegel-Online, 29. Mai 2018
  21. Affäre um Asylbescheide. BAMF-Skandal weitet sich aus. In: WiWo, 29. Mai 2018
  22. Affäre um manipulierte Asylbescheide: Motive der Mitarbeiter unklar. In: Rheinische Post, 29. Mai 2018
  23. Dolmetscher bestreitet Vorwürfe in Bremer Asyl-Affäre. In: Spiegel-Online, 1. Juni 2018
  24. Bremer Flüchtlingsbehörde. Die verräterischen Nachrichten auf dem Handy der Ulrike B. In: Spiegel, 22. Juni 2018
  25. Bamf-Affäre. Bundesamt ermittelt auch gegen Vizechef in Bremen. In: Spiegel-Online, 29. Mai 2018
  26. Affäre um manipulierte Asylbescheide: Motive der Mitarbeiter unklar. In: Rheinische Post, 29. Mai 2018
  27. Verdacht auf weitreichenden Skandal im Bamf. In: Süddeutsche.de. 20. April 2018, abgerufen am 20. April 2018.
  28. Bericht: Ex-Bremer BAMF-Leiterin schuldig. In: Deutsche Welle, 7. Juni 2018
  29. Interne Revision des Bamf hält Ulrike B. für schuldig. In: Weser Kurier, 7. Juni 2018
  30. Falsche Vorwürfe gegen das Bremer BAMF. In: Tagesschau, 12. Juni 2018
  31. BAMF soll mutmaßlichen Gefährdern Schutzstatus zugesprochen haben. In: Die Welt, 3. Juni 2018
  32. Bundespolizei schaltet sich in Ermittlungen zu Asylaffäre ein In: Zeit online, 25. Mai 2018.
  33. Bundesamt für Durchwinken. In: Der Spiegel (Print), Nr. 22, 26. Mai 2018, S. 26–31
  34. Nach Unregelmäßigkeiten bei Asyl-Vergabe in Bremen: Auch drei Bamf-Außenstellen in NRW werden überprüft. In: Rheinische Post, 23. Mai 2018
  35. Fragwürdige Asylvergaben Bamf-Außenstelle im hessischen Neustadt wird geprüft. In: Hessenschau 23. Mai 2018
  36. Bamf-Affäre im Innenausschuss. Ringen um Aufklärung In: taz, 7. Juni 2018
  37. BAMF-Skandal „Bremen war in jeder Außenstelle“. In: Welt 8. Juni 2018
  38. Bamf-Skandal: Details aus Ausschuss sind erschreckend - und Polizei ermittelt jetzt auch gegen Flüchtlinge. In: Merkur, 8. Juni 2018
  39. BAMF-Mitarbeiter: „Sind doch keine Chaos- und Durchwink-Truppe“. In: ZDF, 8. Juni 2018
  40. Bamf-Affäre: Innenausschuss sieht gravierende Mängel im Bamf. In: Die Zeit, 8. Juni 2018
  41. Innenausschuss und Bamf-Affäre. In: Bayerischer Rundfunk (BR 24), 8. Juni 2018
  42. Spiegel-Online 15. Juni 2018: Bamf-Skandal. De Maizière übernimmt politische Verantwortung
  43. Buten un Binnen 15. Juni 2018: Bundesinnenministerium entlässt BAMF-Chefin Jutta Cordt
  44. Westdeutsche Zeitung 15. Juni 2016: De Maizière zur Bamf-Affäre: «Trage die Verantwortung»
  45. YouTube / Phoenix vor Ort 15. Juni 2018: Bamf-Affäre: Statements zu dritter Innenausschuss-Sitzung am 15.06.2018: Statements u.a. von Thomas de Maizière (CDU), Hans-Peter Friedrich (CSU), Andrea Lindholz (CSU), Konstantin von Notz (Grüne) und Ulla Jelpke (Die Linke)
  46. Westdeutsche Zeitung 15. Juni 2016: De Maizière zur Bamf-Affäre: «Trage die Verantwortung»
  47. Bamf-Affäre. Flüchtlinge im Fokus. In: Der Spiegel (Print), Nr. 24, 9. Juni 2018, S. 22
  48. Bamf-Affäre. Ermittlungen werden auf Flüchtlinge ausgeweitet. In: Spiegel-Online, 8. Juni 2018
  49. Bremer Bamf-Affäre. Polizei weitet Ermittlungen aus. In: Stuttgarter Zeitung, 8. Juni 2018
  50. Seehofer verbietet Bremer BAMF-Außenstelle Asylentscheidungen. In: Die Welt, 23. Mai 2018
  51. Seehofer entschuldigt sich für Bremer Asylaffäre. In: Der Stern, 29. Mai 2018
  52. WELT: Asylbehörde: Seehofer entlässt BAMF-Chefin Cordt. In: DIE WELT. 15. Juni 2018 (welt.de [abgerufen am 15. Juni 2018]).
  53. Dabei war er Merkels Flüchtlingskoordinator Bamf-Skandal: Alle sind schuld, nur nicht Altmaier. In: BILD, 3. Juni 2018
  54. Bundestag: Antrag der FDP auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses (BAMF) ca. 7. Juni 2018
  55. Schily für BAMF-Untersuchungsausschuss - Gabriel dagegen. In: Welt, 10. Juni 2018
  56. Mehrheit der Deutschen für Bamf-Untersuchungsausschuss. In: Weser Kurier, 8. Juni 2018
  57. Streit um Bremer Bamf-Außenstelle. Ulrike B. verdient Auszeichnungen. In: taz, 24. Mai 2018

Koordinaten: 53° 10′ 40″ N, 8° 35′ 40″ O